Ein maskierter Polizist steht vor einer Berliner Grundschule (Bild: dpa/Zinken)
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Amoklage sei "naheliegend" gewesen - Polizei rechtfertigt sich für Einsatz an Berliner Grundschule

Hunderte Polizisten vor dem Schulgebäude, Eltern in Sorge um ihre Kinder, Sprachprobleme: Nach Kritik an ihrem Einsatz in einer Grundschule hat die Berliner Polizei um Verständnis gebeten. Rückendeckung bekommt sie von Gewerkschaftsseite.

Nach Kritik von Eltern an der Informationslage bei dem Polizeieinsatz an der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Gesundbrunnen am Dienstag hat sich nun die Berliner Polizei geäußert. Bei dem Einsatz habe es sich um eine "ernste, gefahrenabwehrende Sofortlage" gehandelt, hieß es am Mittwoch in einem Tweet der Polizei. Man könne die Sorgen der betroffenen Eltern nachvollziehen. Der ungestörte Ablauf des Einsatzes, bei dem "eine Gefahr für Leib und Leben angenommen werden musste", habe aber Vorrang "vor einem mehrsprachigen Informationsbedürfnis besorgter Eltern" gehabt.

Die Lage bei dem Polizeieinsatz an der Wilhelm-Hauff-Grundschule am Dienstag war zeitweise sehr unübersichtlich. Wegen des Verdachts einer Gefahrenlage wurden Lehrer und Schüler der Wilhelm-Hauff-Grundschule aus dem Gebäude geführt. Ausgelöst worden war der Einsatz, weil ein Anrufer von verdächtigen Personen an der Schule berichtete. Die Polizei durchsuchte die Schule mit etwa 100 Einsatzkräften, darunter Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK).

Während die Kinder und Lehrer sich in einem abgesperrten Bereich aufhielten, versammelten sich unweit der Schule mehr und mehr besorgte Eltern, die zu ihren Kindern wollten. Erst ab dem Mittag ließ die Polizei Eltern durch, um ihre Kinder abzuholen. In Durchsagen der Lautsprechertrupps wurden Eltern immer wieder um Besonnenheit gebeten: "Bitte vertrauen sie uns. Ihre Kinder sind in Sicherheit, wir haben Psychologen vor Ort, Ihre Kinder sind nicht alleine. Wir werden wieder beginnen, langsam Eltern reinzulassen, aber nicht alle", war eine Beamtin des Lautsprechertrupps zu hören.

Polizei: "Stop! Polizei" muss erst mal reichen

Die vor Ort anwesende rbb-Reporterin Miriam Keuter berichtete von teilweise dramatischen Szenen: Einige Mütter hätten versucht, die Absperrungen zu durchbrechen. Sie wurden zurückgewiesen. Mit den Lautsprecherdurchsagen auf Deutsch, Arabisch und Türkisch habe die Polizei versucht, gegen aufkommende Panik anzugehen und zu beruhigen. Dass Durchsagen auf Deutsch, Türkisch und Arabisch gemacht wurden, bestätigte Polizeisprecher Michael Gassen rbb|24 am Mittwoch auch noch einmal.

Offenbar richtet sich die Kritik besorgter Eltern aber genau gegen die Informationslage vor Ort. Der Vorsitzende des Berliner Landesbezirks der Gewerkschaft der Polizei, Norbert Cioma verteidigte seine Kollegen ebenfalls in einer Pressemitteilung: "Ich kann verstehen, dass sich Eltern in so einer Situation um ihre Kinder sorgen, aber unsere Kollegen haben in einer unübersichtlichen Lage alles versucht, um schnellstmöglich alle Personen in Sicherheit zu bringen und Entwarnung geben zu können." Der Polizei vorzuwerfen, bei einer Gefährdungslage an einer Schule nicht auf Türkisch oder Arabisch zu kommunizieren, sei eine "bodenlose Frechheit". Gleichzeitig verwies er darauf, dass ihm Rahmen einer Krisenintervention auch Schulverwaltung und Bezirke Übersetzer oder andere Unterstützung, die er nicht näher benannte, an den Ort bringen könnten.

Eltern warten an der Absperrung an der Grundschule am 05.06.2018 (Quelle: rbb)

In ihrem Statement betont die Polizei, es wäre "schön gewesen, auch Informationen in weiteren Sprachen zur Verfügung stellen zu können", bei einem "Soforteinsatz" müsse ein international verständliches "Stop! Polizei!" erst einmal ausreichen.

Gegen Mittag waren Eltern nach und nach zu ihren Kindern durchgelassen worden, um diese abzuholen, dabei wurden die Erwachsenen auch auf Waffen kontrolliert.

Polizei: Amoklage "naheliegend"

Insgesamt war der Einsatz umfassend und personalintensiv. 250 Einsatzkräfte waren vor Ort, darunter Streifenpolizisten, Hundertschaften, Hundeführer, Lautsprechertrupps, SEK und Seelsorger. Nach der ersten Meldung einer Gefahrenlage gegen 10:40 Uhr, war kurz später mit der Evakuierung begonnen worden. Kurz nach 13 Uhr erklärte Polizeisprecher Neuendorf die Suche für beendet. In der Schule war nichts und niemand Verdächtiges gefunden worden.

Man sei davon ausgegangen, dass der Anrufer, der von zwei bewaffneten Männern, die in die Schule gelaufen seien berichtete, die Wahrheit sagte, sagte Polizeisprecher Martin Halweg rbb|24 am Mittwoch. Eine Amoklage sei in dem Fall naheliegend gewesen. Das Einsatzkonzept sei dementsprechend gewesen, auch angelehnt an Erfahrungen aus anderen Bundesländern mit solchen Situationen.

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Gegen welchen Punkt des Paragraph 15 SG soll "Stabsgefreiter" verstoßen haben und warum soll sich ein Staatsanwalt damit beschäftigen?
    Begründen Sie doch bitte Ihre Aussage!

  2. 13.

    @"Stabsgefreiter", sie machen hier private politische Äußerungen unter einer militärischen Rangbezeichnung, vielleicht sollte man mal durch die Staatsanwaltschaft überprüfen lassen, ob hier ein Verstoß gegen §15 Soldatengesetz vorliegt...

  3. 12.

    Ist das nicht schön: ich habe heute für alle Verständnis. Verständnis für die Polizei, die Dolmetscher hat, die aber nicht sofort & überall sein können; Verständnis für die Eltern, die natürlich in Aufregung geraten wenn sie in so einer Situation länger nicht nach ihren Kindern sehen dürfen. Und sogar für die, die schon wieder jemanden "nach Hause in ihre Heimatländer" schicken wollen (wie bei jedem Anlass), habe ich Verständnis: manche Menschen sind durch unglückliche Umstände im Leben halt emotional verroht, in ihrer moralischen Entwicklung retardiert, und politisch unzurechnungsfähig. Da kann man nichts machen, und auch mit solchen Belastungen muss eine demokratische Gesellschaft umgehen können.

  4. 11.

    Ich bezweifle, dass in anderen Ländern, in solch einer Situation, mehr als die jeweilige Amtssprache, vielleicht noch Englisch gesprochen wird.

  5. 10.

    Genau das wurde getan, lieber A. Es folgten Lautsprecherdurchsagen, die die nötigsten und die zu den entsprechenden Zeitpunkten verifizierten Infos weiter gaben. Die Unübersichtlichkeit der Lage ist nicht nur ein Problem der Eltern. Auch die Polizei hält keine Glaskugel in der Hand. Sicher ist mein Wissensdurst erst gelöscht, wenn ich als Vater mein Kind wohlbehalten in den Armen halte. Und genau das hat die Polizei mit professionellem Einsatz geschafft.

  6. 9.

    Mit dem Argument "Amtssprache ist Deutsch, basta!" darf die Polizei erst gar nicht kommen.
    Solch ein Argument würde heute schon als Diskriminierung gewertet werden können.
    Art. 3 GG: "Niemand darf wegen ... seiner Sprache ... benachteiligt oder bevorzugt werden..."
    Deshalb steht auch nicht im Grundgesetz, dass die Amtssprache deutsch ist.

  7. 8.

    Es sei hier der Hinweis gestattet, dass nach Paragraph 23 Abs. 1 Verwaltungsverfahrensgesetz, die Amtssprache Deutsch ist.
    Insofern wurde seitens der Polizei Berlin, rein rechtlich betrachtet, richtig gehandelt. Zusätzlich wurde im weiteren Verlauf sogar noch mehr getan, indem weitere Sprachen genutzt wurden.
    Hier scheint es eher ein Problem auf Seiten der Adressaten der polizeilichen Maßnahmen zu geben, die - nach zum Teil jahrelangem Verweilen in Berlin - offensichtlich nicht über geringste Grundkenntnisse der deutschen Sprache verfügen. Es zeigt sich gerade in solchen Situationen, dass es wenig hilfreich ist, wenn man in dieser unserer Stadt alle Geschäftsangelegenheiten, von der Wiege bis zur Bahre, ohne auch nur ein Wort Deutsch beherrschend, erledigen kann. Integration kann nur funktionieren, wenn sie von beiden Seiten betrieben wird. Parallelgesellschaften zeigen hier in besonderem Maße ihren inhumanen Charackter.
    Anmerkung: natürlich ist es denkbar, dass all die betroffenen Eltern erst letzte Woche erstmals deutschen Boden betreten haben und daher noch nicht über an sich erforderliche Sprachkenntnisse vergügen, aber ...

  8. 7.

    Es ist nachvollziehbar, daß sich die Eltern Sorgen um ihre Kinder machen.
    Nicht nachvollziehbar sind die Vorwürfe, die jetzt der Polizei gemacht werden. Obwohl Lautsprecherdurchsagen auf deutsch, türkisch und arabisch gemacht wurden, gibt es Beschwerden, daß zuwenig Polizei mit Türkisch - und Arabischkenntnissen vor Ort waren.
    Das im Wedding der Anteil Türkisch- und Arabischstämmiger sehr groß ist, ist nun wahrlich kein Geheimnis, doch könnte man verlangen, daß zumindest ein Mindestmaß an Deutschkenntnissen vorhanden sein müßte. Der nichtvorhandene Respekt gegenüber der Polizei fördert in solchen Situationen das Chaos.

  9. 6.

    Da zeigen sich die Grenzen der Integration: lange hier lebende ausländische Mitbürger*innen können kein deutsch.
    Ja, dafür muss sich die Polizei "rechtfertigen".

  10. 5.

    Diese Leute sollten besser in ihre Heimatländer zurückgehen, wenn sie als 30 jährige Eltern nach zehn Jahren Aufenthalt in Deutschland nicht in der Lage respektive willens sind, die deutsche Sprache soweit zu beherrschen, daß sie in der Lage sind, einfachste Anweisungen der Polizei zu verstehen.

    Die Amtssprache in Deutschland ist immer noch deutsch.

    Denn dann funktioniert es auch nicht mit der Integration.

  11. 4.

    Es habe zu wenig arabisch oder türkisch sprechende Polizisten vor Ort gegeben!
    Ja, das kann gut sein, denn sie lebt in Deutschland nicht in der Türkei. In arabischen Ländern würde eine deutsche Mutter nicht mal bei den offiziellen Ansagen via Polizeilautsprecher in ihrer Landessprache informiert werden. Vermutlich hätte die Polizei generell sich vorher mit einem der unzähligen Integrationsbeiräte beraten und ihn den Einsatz koordinieren lassen sollen.

  12. 3.

    Ich weiß jetzt nicht, warum sich die Berliner Polizei für ihr vorgehen "rechtfertigen" muss. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot und einer Spezialeinheit (insgesamt rund 250 Mann) an, um die rund 400 Kinder in Sicherheit zu bringen und zur Not mit Waffengewalt deren Leben zu verteidigen. Das fünfstöckige Schulgebäude wurde evakuiert, abgesperrt und durchsucht. Im Umkreis der Schule patrouillierten schwer bewaffnete Sicherheitskräfte, auch Hundeführer und Krankenwagen waren im Einsatz. Via Lautsprecher – auf Deutsch, Arabisch und Türkisch (!) – wurden die Menschen auf der Straße informiert. Nach zwei Stunden etwa war der Spuk vorbei – offenbar Fehlalarm.
    Warum also das "Rechtfertigen"?Hier kam das SEK und nicht, wie verlangt im Berliner Dom, nur zwei Polizisten, die die Situation schnell im Griff hatten.

  13. 2.

    Bei allem Verständnis für die Besorgnis der Eltern: Wie viele Sprachen soll ein Polizist denn sprechen, damit ihn jeder versteht?
    Sorry Leute, aber wir sind doch in Deutschland und es kann nicht sein, dass man 10 Sprachen sprechen soll, damit jeder einen versteht - Deutsch ist unsere Sprache und es kann erwartet werden, dass diese Sprache als Teil der Integration gelernt wird.

  14. 1.

    Ich denke, dass es nicht das Sprachproblem war, sondern allgemein die emotional überfordernde Situation. Wenn das SEK die Schule meines Kindes stürmt, will ich als Elternteil wissen, was los ist, weil ich die schlimmsten Ängste durchstehe.
    Vielleicht kann man diese Situation, die zum Glück harmlos ausgegangen ist, nutzen, um daraus zu lernen. Nämlich, dass man einer Gruppe von Eltern, die in panischer Sorge, um ihre Kinder ist, in so einer Situation auch gerecht werden muss, weil man sich nicht darauf verlassen kann, dass sie in dem Moment rational handeln und voller Vertrauen abwarten.
    Vielleicht auf die Checkliste für Einsätze dieser Art, die hoffentlich gar nicht erst vorkommen, zusätzlich Beamte für die Kommunikation setzen.

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