Symbolbild: Durch Langzeitbelichtung entstandene Lichtstreifen von Autos (Quelle: dpa/Kremming)
Audio: Inforadio, 12.06.2018, Ulf Morling | Bild: dpa/Kremming

Mit mehr als 105 km/h durch Kreuzberg - 19-Jähriger wegen illegalem Autorennen vor Gericht

Seit im Herbst das Gesetz gegen illegale Autorennen in Kraft trat, wird verstärkt gegen Temposünder ermittelt. Am Amtsgericht Tiergarten begann nun gegen einen 19-jährigen Neuköllner der erste Berliner Prozess wegen der Teilnahme an solch einem "Rennen“. Von Ulf Morling

Ein weißer Mercedes AMG und ein roter flacher Sportwagen sollen sich an einem Montagabend im November 2017 ein Rennen in Kreuzberg geliefert haben. Bis zu 105 km/h sollen die Autos gegen 19.30 Uhr den Mehringdamm hinuntergerast und dann in die Yorckstraße abgebogen sein. Eine Zivilstreife hatte die Autos etwa anderthalb Kilometer verfolgt und an einer roten Ampel stoppen können: einer der Fahrer war Orhan U.* (19). Ihm wird die Teilnahme an einem "verbotenen Autorennen" von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt.

Doch am ersten Prozesstag schweigt der Angeklagte, die Beweisführung der Raserei mitten durch die Stadt gelingt nicht zweifelsfrei – u.a. auch wegen eines groben Ermittlungsfehlers der Staatsanwaltschaft.

Polizei-Opel von Rasern fast abgehängt

Der weiße Mercedes des Angeklagten war den Zivilbeamten am Platz der Luftbrücke wegen seiner schnellen Fahrweise aufgefallen. Mit ihrem Dienst-Opel hatten die Beamten versucht, dem Auto bergab Richtung Hallesches Tor zu folgen. "Der Auspuff des AMG knallte und er beschleunigte stark. Um dranzubleiben, mussten wir auf 80 beschleunigen", so ein 31-jähriger Zivilfahnder als Zeuge im Prozess.

An einer Blitzampel habe der Raser dann abgebremst, um dann am Mehringdamm nach links abzubiegen. Die Beamten hätten bemerkt, dass noch ein roter flacher Mercedes-Sportwagen vor dem observierten Auto zu sehen gewesen sei. Beide Wagen seien in die Yorckstraße abgebogen und hätten dermaßen beschleunigt, dass sie nicht mehr zu erreichen gewesen seien. "Wir mussten auf über 100 km/h beschleunigen und hätten sie trotzdem niemals erreicht, wenn sie nicht an der nächsten roten Ampel mit aufheulenden Motoren gehalten hätten." Dort wurden die beiden Autos dann von den Zivilpolizisten kontrolliert.

Kind laut Anklage nicht angeschnallt auf dem Weg zur Hochzeit

Orhan U. soll am Steuer gesessen haben, neben sich seine Mutter, auf der Rückbank vier Personen, darunter ein elfjähriges Kind, das auf dem Schoß eines Mitfahrers gesessen und nicht angeschnallt gewesen sein soll.  Den roten Mercedes-Sportwagen soll der 21-jährige Cousin des Angeklagten gefahren haben. Alle waren festlich gekleidet.

Die Beamten eröffneten U. und seinem Cousin den Verdacht, dass sie an einem illegalen Autorennen teilgenommen hätten. "Wir haben unseren Autokonvoi verloren und wollten nur zu ihm aufschließen", soll U. spontan erklärt haben. Sinngemäß fügte er hinzu, dass sie auf dem Weg zu einer Hochzeit seien. Wie die Polizisten auf die Idee gekommen wären, dass mit den beiden Autos ein Autorennen veranstaltet worden sei, wo die PS-starken Autos doch hintereinander gefahren seien und sich nie überholt hätten, wird der Polizeizeuge gefragt. "Auch in der Formel 1 gibt es Start-Ziel-Siege ohne zu überholen“, antwortet der Beamte.

Amtsgericht Tiergarten: Der Angeklagte (19) wird nach der Verhandlung von Wachtmeistern zum Ausgang begleitet (Quelle: Ulf Mohrling/rbb)
| Bild: Ulf Mohrling/rbb

Richterin verbietet Fotos

Da Orhan U. vor Gericht schweigen möchte, referiert Jugendrichterin Corinna Sassenroth seine Lebensgeschichte: U. wohne mit seinen drei Schwestern bei den Eltern in Neukölln, er habe 2015 seinen Mittleren Schulabschluss bestanden und stehe derzeit im 2. Lehrjahr als Kfz-Mechatroniker. Seit Januar vergangenen Jahres habe er seinen Führerschein auf Probe, der ihm nach der Tat entzogen worden sei.

Nach dem Protest des Verteidigers verbietet die Richterin Fotos im Gerichtssaal: Es ginge ja nicht um Mord und Totschlag, der Fall sei nicht so von Bedeutung, dass das Persönlichkeitsrecht des Angeklagten auf sein (gepixeltes) Bild eingeschränkt werden müsse. Auf die Intervention der Pressesprecherin des Gerichts, dass das Bundesverfassungsgericht anders entschieden habe und es der 1. Fall sei, bei dem der neue Paragraph 315d des Strafgesetzbuches (Verbotene Kraftfahrzeugrennen) angeklagt sei, geht die Richterin nicht ein.  Nach der Verhandlung versteckt sich U. 40 Minuten auf der Toilette, um nicht geknipst zu werden. Sein Verteidiger ist bereits gegangen. Wachtmeister kümmern sich schließlich um den Angeklagten und führen ihn aus dem Gericht.

Grober Fehler der Staatsanwaltschaft im Verfahren

Polizei und Staatsanwaltschaft obliegt es, im Strafprozess Beweismittel für Straftaten vorzulegen. Im ersten Berliner Fall um den neuen Tatbestand des verbotenen Kraftfahrzeugrennens waren die Ermittler aber offenbar schlecht vorbereitet (das Gesetz ist seit Oktober bereits in Kraft). So kann der Vertreter der Anklage nicht nachweisen, dass der Tacho des verfolgenden Zivilfahrzeugs der Polizei geeicht war und somit auch nicht die Geschwindigkeit der beiden Raser annähernd zuverlässig festgestellt werden kann.

Noch viel gravierender ist es, dass der ursprünglich als Tatwerkzeug beschlagnahmte weiße Mercedes später von der Staatsanwaltschaft an den Halter herausgegeben wurde, ohne dass die gefahrene Geschwindigkeit ausgelesen wurde. Dass die Geschwindigkeit im Auto gespeichert wird, wussten offenbar weder die ermittlenden Polizisten noch die Staatsanwaltschaft. "Wir hatten Herrn Zetsche (Dieter Zetsche= Vorstandsvorsitzender der Daimler AG) angeschrieben, ob man die Geschwindigkeitsdaten des Tatfahrzeugs nicht auslesen könne“, so der Staatsanwalt im Prozess. Die Daimler AG habe geantwortet, dass diese Daten u.a. in den Airbags gespeichert seien. "Aber da hatte die Staatsanwaltschaft das Auto schon wieder dem Halter herausgegeben“, so der Anklagevertreter weiter. Solche groben Fehler, die der Vernichtung von Beweismitteln gleichkommen, erschweren die Beweisführung.

Knappes Dutzende weitere Prozesse erwartet

Seit dem Inkrafttreten des §315d des Strafgesetzbuches - "Verbotene Kraftfahrzeugrennen" - am 13. Oktober 2017 ist die Berliner Polizei verstärkt unterwegs, um illegale Rennen zu vereiteln und anzuzeigen. Eine der Anklagen, die noch verhandelt werden müssen, nennt als Tatzeitpunkt den 30. Oktober und zeigt: Die neue Gesetzgebung war gerade zwei Wochen alt und schon wurde nach dem neuen Regelwerk ermittelt. 

Monatlich werden durchschnittlich mehrere Autorennen von der Polizei registriert, bei denen Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h gefahren worden sein sollen. Der jüngste Fall des Verdachts eines illegalen Autorennens wurde am 7. Juni von einem Berliner Ermittlungsrichter mit einem Haftbefehl bestätigt: Der 27-jährige Fahrer, der mit zwei mutmaßlichen Komplizen auf der Flucht eine 22-jährige Frau in der Kantstraße totfuhr, soll auch wegen eines "Verbotenen Autorennens mit Todesfolge" belangt werden, so die Staatsanwaltschaft.

Der Prozess gegen Orhan U. wird nun am 25. Juni im Amtsgericht Tiergarten mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt.  Ob der Angeklagte dann am Ende wegen eines "verbotenen Kraftfahrzeugrennens" als erster vom Amtsgericht Tiergarten verurteilt wird, ist aber ungewiss.

Infos

Die Rechtslage - § 315d - Verbotene Kraftfahrzeugrennen

(1) Wer im Straßenverkehr
    1. ein nicht erlaubtes Kraftfahrzeugrennen ausrichtet oder durchführt,
    2. als Kraftfahrzeugführer an einem nicht erlaubten Kraftfahrzeugrennen teilnimmt oder
    3. sich als Kraftfahrzeugführer mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Wer in den Fällen des Absatzes 1 Nummer 2 oder 3 Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(3) Der Versuch ist in den Fällen des Absatzes 1 Nummer 1 strafbar.
(4)
Wer in den Fällen des Absatzes 2 die Gefahr fahrlässig verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(5) Verursacht der Täter in den Fällen des Absatzes 2 durch die Tat den Tod oder eine schwere Gesundheitsschädigung eines anderen Menschen oder eine Gesundheitsschädigung einer großen Zahl von Menschen, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Sendung:Inforadio, 12.06.2018, 17 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

4 Kommentare

  1. 4.

    Beim lesen des Artikels hab ich angefangen zu weinen. Er ist so rührend. Hoffentlich kam der Herr anschließend noch pünktlich zur Hochzeit.
    Viel Kraft wünsch ich der Staatsanwaltschaft, die von Autos scheinbar kein großes Fachwissen besitzt. Die dem Angeklagten dadurch sicherlich zu einem milden Urteil verholfen hat.

  2. 3.

    Wer mit 19 einen Mercedes AMG in der Probezeit fährt, ist aber sowas von erwachsen..... Vielleicht nicht im Kopf, aber auf jeden Fall im Gasfuß!!!!

  3. 2.

    Wieso Jugendgericht??? Der Knabe ist 19 und somit volljährig.
    Führerschein auf Lebenszeit los und nie mehr ein Auto besitzen dürfen.

  4. 1.

    Er hatte doch nur den Anschluss an die Hochzeitskarawane verloren. Traurig, deswegen mit über 100 Sachen durch die Stadt zu rasen. Aber: Wer vertraut denn eigentlich einem 19 jährigen Fahranfänger mit Führerschein auf Probe einen AMG-Rennwagen an? Der Jungspund hats aber echt unterstrichen, dass man das einfach besser nicht machen sollte.

Das könnte Sie auch interessieren

Straßenansicht Manfred-von-Richthofen-Straße
radioeins/Mücke

Unterwegs in der Manfred-von-Richthofen-Straße - Im Sturzflug durch die Geschichte

Herrschaftliche Gründerzeit-Paläste neben kleinen Reihenhäusern: Die Manfred-von-Richthofen-Straße in Berlin-Tempelhof wirkt recht uneinheitlich. Um die Ecke ist das hippe Kreuzberg, aber das interessiert hier längst nicht alle. Von Annekatrin Mücke

radioeins sendet ab 13 Uhr live aus der Manfred-von-Richthofen-Straße