Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr, Symbolbild (Quelle: dpa/Marcel Kusch)
Audio: Radioeins | 22.07.2018 | Interview mit Jan Jungehülsing | Bild: dpa

Interview | Neurologie-Chefarzt Jan Jungehülsing - Jeder dritte Schlaganfall wird durch Luft-Schadstoffe verursacht

Zu den häufigsten Todesursachen zählen Schlaganfälle. Und fast ein Drittel der weltweiten Schlaganfälle lässt sich auf Luftverschmutzung zurückführen. Warum das so ist, erklärt der Berliner Chefarzt Jan Jungehülsig im rbb-Interview.

Frauke Oppenberg, radioeins: Die Studie Global "Burden of Disease" hat ergeben, dass Schlaganfälle fast zu einem Drittel auf Schadstoffbelastungen in der Luft zurückzuführen sind. Warum ist das so – die Luft geht doch eigentlich in die Lunge?

Jan Jungehülsing: Die Luft geht eigentlich in die Lunge, aber die Schadstoffe, die in der Luft sind, gehen eben auch über Atemwege in den Darm. Sie können auch in die Blutgefäße und darüber gehen sie in das Gehirn. Zusätzlich führen die Schadstoffe in der Luft auch zu bestimmten Entzündungsreaktionen. Das alles trägt dazu bei, Schlaganfälle zu verursachen.

Und was machen diese Schadstoffe dann in unserem Gehirn?

Da gibt es unterschiedliche Überlegungen. Zum einen sind solche Entzündungsreaktionen eine ganz wichtige Ursache für Gefäßverkalkungen. Solch eine Kalkablagerung in einem Gefäß sieht fast so aus wie eine Eiterbeule. Und wenn die sich entzündet, können sich Gerinnsel lösen, und die können dann Schlaganfälle verursachen. Zum zweiten kann es durch Stoffe in der Luft zu Beeinträchtigungen der Blut-Hirn-Schranke oder Zellen im Gehirn kommen.

Welche Belastungen sind besonders schädlich?

Da muss man unterscheiden: Das eine ist die Schadstoffbelastung in Innenräumen: also Heizung, Kochen am offenen Feuer mit Holz. Das sind Schadstoffbelastungen, die vor allem relevant sind in Entwicklungsländern. Und dann gibt es die Schadstoffbelastung der Außenluft, das sind Industrie- und Autoabgase, Abfallverbrennung und Staubbelastung.

Wir ahnten immer, dass es einen Effekt hat. Diese Schadstoffe können nicht nur Schlaganfälle verursachen, sie haben auch einen Effekt für die Entwicklung des Kindes, Autismus und Aufmerksamkeitsstörungen. Ziemlich wahrscheinlich gilt das auch für Parkinson und Demenz. Mit den Daten der umfangreichen "Burden of Disease"-Studie können wir das nun direkt nachweisen. Und der Effekt ist viel größer, als wir erwartet haben. 30 Prozent Anteil an den Risikofaktoren für Schlaganfall, das ist schon sehr deutlich.

Leben Menschen in einer Großstadt in Berlin gefährlicher als in Brandenburg?

Das kann man so nicht sagen, denn Schadstoffbelastung in der Luft gibt es auch auf dem Land, wenn auch nicht in dem Maße. Bemerkenswert ist tatsächlich: 90 Prozent der Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind vermeidbar. Bluthochdruck und Diabetes mellitus, also Zuckerkrankheit, werden im Wesentlichen durch falsche Ernährung verursacht. Als drittgrößter Risikofaktor kommt dann schon die Luftverschmutzung. Auch Risikofaktoren wie das Rauchen sind vermeidbar.

Das heißt: Es ist gar nicht notwendig, dass so viele Menschen einen Schlaganfall haben. In Deutschland sind es jedes Jahr allein 300.000 Menschen.

Aber wenn ich in einer Großstadt lebe und nicht unbedingt am offenen Feuer koche, kann ich der Schadstoffbelastung ja schwer aus dem Weg gehen. Was kann ich denn tun, um das zu vermeiden?

Wenn Sie im Innenstadtbereich und direkt an der Straße wohnen, können sie tatsächlich relativ wenig tun. Wir müssen gemeinsam etwas tun. Wir müssen dafür sorgen, dass die Luftverschmutzung in den Ballungsräumen und vor allem den Großstädten weniger wird.

Vielen Dank für das Interview!

Kommentar

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18 Kommentare

  1. 18.

    Ja, lagern wir den Flughafen doch aus, dann trifft die Verschmutzung die anderen und Berliner können friedlich weiterfliegen. Das ist die Lösung. Für die Städter. Gleiches gilt für die Industrie und Müllverbrennungsanlage etc. Wen interessiert schon die Bevölkerung draußen. Städter finden ja auch zu Hauf den Wolf klasse, weil sie mit dem auch nichts zu tun haben. Nach dem Motto, was mich nicht betrifft.....
    Eine Großstadt war noch nie ein Luftkurort,wird es auch nie sein. Man kann nicht alles haben. Zentrales Leben und tolle Bergluft in einem auf Kosten der anderen.

  2. 17.

    Also gut, ich denke über meine Lebensweise gern. Dafür rauche ich nicht, Raucherbereiche vermeide soweit möglich, esse ziemlich gut, bewege mich regelmässig, mit dem Rad nach Arbeit komme. Jetzt kommt aber die Luftverschmutzung, der drittgrößte Risikofaktor. Wie soll ich laut Ihnen dann verantwortlich meine Lebensweise ändern, um Abgase und Feinstaub von Autos zu vermeiden? Job kündigen, sodass ich nicht auf die Straße muss?

  3. 16.

    Ach Kati, was soll ich dazu sagen? Jetzt soll Ihnen ein Mediziner erklären, warum NOx-Werte am Arbeitsplatz niedriger sind. Fragen Sie auch einen Ingenieur, wenn es um die Senkung Ihres Blutdruckes geht oder Ihren Friseur, wie man einen Dachstuhl baut?

    Zeigt der Herr denn auf andere, wenn er sagt: "Wir müssen gemeinsam etwas tun"?

    NOx als Alleinverursacher? Haben Sie den Artikel auch gelesen? Da werden unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und Luftverschmutzung genannt.

    PS: Der Mediziner spricht von Luftverschmutzung - die Dieselthematik erwähnt er gar nicht!!!! Luftverschmutzung ist bedingt durch Industrie- und Autoabgase, Abfallverbrennung und Staubbelastung.

    … es wäre hilfreich, wenn selbsternannte Leser die Artikel auch lesen würden.

  4. 15.

    Endlich wieder jemand, der in das „Dieselfahrer sind ganz schlimme Luftverschmutzer“-Horn tutet. Warum erklärt z.B. nie einer dieser selbsternannten Experten, aus welchem Grund die Stickoxid-Grenzwerte auf der Straße niedriger sind als am Arbeitsplatz? Vielleicht erleiden ja auch so viele Menschen Schlaganfälle, weil sie am Arbeitsplatz den Drucker direkt auf dem Tisch haben und der Stickoxide und andere giftige Substanzen „ausspuckt“? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Menschen lieber mit dem Finger auf andere zeigen, anstatt ihre eigene Lebensweise zu überdenken? Auf Dieselfahrzeuge wird geschimpft, aber die eigene Zigarette entspannt natürlich total. Dass man damit seiner Gesundheit einen Bärendienst erweist, sollte wohl jedem klar sein. Wer so einseitig angebliche Alleinverursacher ausgemacht haben will, sollte mal darlegen, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage das beruht.

  5. 14.

    "Schlaganfälle fast zu einem Drittel auf Schadstoffbelastungen in der Luft zurückzuführen"
    Das alte Problem ist immer, den Kausalzusammenhang tatsächlich zu beweisen. Die o. a. Studie ist nicht "peer-reviewed" und ihre Schätzungen für 2010 z. B. wurden von der WHO nicht anerkannt.
    Viel hilfreicher als die im obigen Artikel enthaltenen Angaben halte ich die Resultate von prospektiven Studien zum Zusammenhang von Ernährung und Krankheitsrisiko wie z. B. "Dietary magnesium intake and the risk of cardiovascular disease, type 2 diabetes, and all-cause mortality" (> 1 Million Teilnehmer), die beispielsweise einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Magnesiumzufuhr und Schlafanfallsrisiko aufzeigen, und mithin einfache Möglichkeiten für jedermann, sein Risiko wirksam zu senken.

  6. 13.

    Wolfgang das ist doch Quatsch, klar sind Kriege Scheisse, aber die moderne Medizin kommt aus der Wissenschaft und die braucht Statistik ohne die wären Du und ich vielleicht schon tot.

  7. 12.

    Keinerlei Daten, viele Hypothesen, nichts bewiesenes.
    Nur, weil ein Dr. med es uns vermitteln will?
    Gab es nicht gerade Veröffentlichungen von Verlagen mit zweifelhaften Ruf, die unter anderen medizinische Arbeiten veröffentlichen?

  8. 11.

    Wie kommen Sie denn zu dieser steilen These? Von welchen Zeiten sprechen wir denn?

    Zeiten, in denen noch kohlebetriebene Lokomotiven die Luft verpestet haben? Zeiten in denen Fabriken ungefiltert Abgase ausgestoßen haben und die Kinder an Rachitis erkrankt sind, weil sie im Sommer zu wenig Sonnenlicht gesehen haben? Zeiten in denen Ihre Großmutter die kümmerliche Wohnung mit Erdwärme beheizt und das Essen auf einem Induktionsherd zubereitet hat (oder war es doch der Holz- und Kohleofen)? Schlaganfälle hat es natürlich auch schon zu Zeiten Ihrer Großeltern gegeben und natürlich waren es weniger (prozentual gesehen), weil das Alter ebenfalls eine Rolle spielt! Zu Zeiten Ihrer Großeltern sind vielleicht noch 30% alle Menschen vor dem Erreichen des 5. Lebensjahrs an Infektionskrankheiten gestorben... Welch einseitig blödsinniger Kommentar.

  9. 10.

    Wo ist das Problem? Die Studie haben andere Wissenschaftler durchgeführt - die Ausführungen dieses netten Herren dienen lediglich dem besseren Verständnis. Wenn Sie ihren Kollegen Artikel aus der Bild-Zeitung erklären, sind Sie doch auch nicht für die Nachrichten verantwortlich.

  10. 8.

    Natürlich wohnen alle pro-Diesel Kommentierende innerhalb des Ringes an Hauptverkehrsachsen?

    Freie Luft für freie Bürger... äh warte...

  11. 7.

    meiner Meinung nach sterben die meisten Menschen in : KRIEGen
    alles andere kann man drehen und wenden, wie man will --Statisken !

  12. 6.

    Guter Beitrag! Eine enorme Luftverschmutzung resultiert für zehntausende Berliner vor allem auch aus den 600 Flugzeugen, die täglich im Minutentakt über dicht besiedeltes Gebiet fliegen und den maroden Flughafen Tegel ansteuern!
    Parteien, die das so belassen wollen, ist die Gesundheit dieser Menschen einfach nur egal!

  13. 5.

    Leben gefährdet Ihre Gesundheit und endet tödlich!
    Alles Experten

  14. 4.

    "Für [gemeint war Gegen] Schadstoffbelastungen in Innenräumen können wir etwas tun indem wir einfach weniger rauchen." Schade, das dieser schöne letzte Satz im Text fehlt. Der "Diesel" im Wohnzimmer oder der Küche oder an manch einem Arbeitsplatz sind die Rauchenden ;)
    @rbb Danke für diesen gesundheitsorientierten Beitrag.

  15. 3.

    Und das vom leiter der Neurologie im Jüdischen Krankenhaus , die nicht mal Meningitis als isolationspflichtig betrachten . Der Beitrag ist ein Witz.

  16. 2.

    So ist es. Die Luft war noch nie so sauber wie heute. Nie gab es in der industriellen Zeit niedrigere Werte an NOx, Schwefeldioxid, Blei und Staub. Trotzdem soll es angeblich immer mehr Tote wegen schlechter Luft und auch immer mehr Asthmatiker deswegen geben? Diese Hysterie ist nicht mehr nachvollziehbar.

  17. 1.

    Demnach hätte es ja zur Zeit meines Großvaters in den Städten hat keinen Schlaganfall geben können.Was für einseitiger Blödsinn .

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