Großaufnahme eines Kornkäfers auf Weizen (Quelle: C. Adler, JKI)
Audio: Antenne Brandenburg | 27.06.2018 | Susanne Hakenjos | Bild: C. Adler, JKI

Biologische Schädlingsbekämpfung - Lauschangriff auf den gemeinen Kornkäfer

Im Kampf gegen den gefürchteten Kornkäfer kommt an einem Landwirtschaftsbetrieb in Brandenburg jetzt akkustisches Gerät zum Einsatz. Die Silos werden abgehört. Fressen sich Kornkäfer durchs Getreide, werden ihre Gegenspieler freigelassen. Von Susanne Hakenjos

Das schabende Geräusch ihrer Mundwerkzeuge verrät die Larve beim Fressen im Korn. Tausendfach verstärkt ist das Knabbern erstmals im Getreidelager des Fläminger Landwirtschaftsbetriebs Gut Schmerwitz zu hören. Betriebsleiterin Rita Neumann ist beindruckt: "Was für ein Appetit!"

Das schnelle, leicht knirschende Geräusch, das hier live aus den kleinen Lautsprechern des Computers von Dr. Cornelia Müller-Blenkle dringt, hat ein hochsensibles Mikrofon aufgenommen. Das steckt in einer kleinen Röhre in einem Behälter mit Getreidekörnern und übermittelt die Aufnahme direkt an das Beetle-Sound-Tube-System. Selbst leisestes Geknirpse offenbart sich: "Man hört auch wenn sich die Beine auf dem Korn bewegen", sagt Müller-Blenkle.

Dr. Müller-Blenkle beim Abspielen der Käfer-Aufnahmen (Isabell Szallies/agrathaer GmbH)
Dr. Müller-Blenkle beim Abspielen der Käfer-Aufnahmen. | Bild: Isabell Szallies/agrathaer GmbH

Die Wissenschaftlerin hat das System zusammen mit anderen Forschern vom Julius-Kühn Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) entwickelt. Die Akustik soll helfen, die Larven des Kornkäfers (lat. Sitophilus granarius) frühzeitig zu identifizieren.

Das Getreidekorn wird von innen aufgefressen

Denn der winzige Kornkäfer ist in den Lagerhallen gefürchtet. Ihn tief unten im Lagergut rechtzeitig zu entdecken, ist bislang schwierig. Schließlich legt er seine Eier direkt ins Innere eines Getreidekorns. Von außen ist dann zunächst lange nichts zu sehen.

Unbemerkt fressen sich die Larven durch das große Futterangebot hindurch, zurück bleiben hohle Körner. Wenn der nur Millimeter große Rüsselkäfer bereits sichtbar herumwuselt, ist es zu spät. Dann hat er sich bereits rasant vermehrt. Dabei produzieren sie Wärme und Feuchtigkeit, giftige Schimmelpilze breiten sich aus. "Dieses Getreide ist dann nur noch für die Biogas-Anlage zugelassen", erklärt Betriebsleiterin Neumann.

Die Beetle Sound Tubes hängen als Röhren im noch leeren Getreide-Silo (Quelle: Isabell Szallies)
Die Beetle Sound Tubes hängen als Röhren im noch leeren Getreide-Silo. | Bild: Isabell Szallies

Drei Meter lange Röhren im Korn

Noch fressen die Larven in einem Vorführ-Behälter, der das Beetle-Sound-Tube-System im Kleinformat demonstriert. Damit am Gut Schmerwitz die Larven auch in ihren 80-Tonnen-Silos aufspüren können, wurden jetzt in einen dieser acht Riesenbehälter von oben drei längliche Röhren eingehängt. Frank Kräupel und sein Team von der Firma Agrar Technik Barnim haben die Gerüstkonstruktion samt Aufhängung gebaut.

Die schmalen, drei Meter langen Röhren bestehen aus durchlöchertem Metall und wurden am JKI entwickelt. Im Inneren stecken hochsensible Mikrofone sowie Sensoren, die Feuchtigkeit und Temperatur messen. Datenlogger speichern die Messdaten. Wenn jetzt zur Erntezeit die Wintergerste ins Silo eingefüllt wird, ragen die Röhren also bis tief unten ins Lagergut hinein. Alle Geräusche werden zum Mikrofon weitergeleitet, die Daten an einen PC übermittelt. Im Notfall schlägt das System Alarm. "Dann gibt es eine Meldung, Achtung hier passiert jetzt was. Und der Landwirt kann dann schnell reagieren", erklärt Müller-Blenkle das Beetle-Sound-Tube-System weiter.

Viele Insektizide dürfen nicht mehr eingesetzt werden

Fegen, sprühen, reinigen – so wurde bisher versucht, den schlimmsten Schädlingen wie Kornkäfer, Getreideplattkäfer oder Motten in den Lagern vorzubeugen oder darauf zu reagieren. Auch mit Kohlendioxid wird begast. Zunehmend gibt es aber auch Resistenzen gegen Insektizide.

Die Suche nach Alternativen ist wichtig, erklärt Projektleiter Dr. Cornel Adler vom Institut für ökologische Chemie, Pflanzenanalytik und Vorratsschutz am JKI: "Viele Vorratsschutzmittel sind inzwischen nicht mehr zulässig, vor allem Mittel, die der Landwirt selbst anwenden konnte. Das waren früher Phosphorsäureester wie zum Beispiel Pirimiphosmethyl – Actellic."

Im Ökolandbau sind solche Mittel sowieso nicht zulässig. Aber auch im konventionellen Bereich werden umweltverträgliche Methoden für den Vorratsschutz immer wichtiger.

Kornkäfer in Getreide-Proben unter Glas – in der mehlig aussehenden Probe sind die Larven noch unsichtbar im Korn, das sie von innen aushöhlen und leerfressen (Quelle:Isabell Szallies/agrathaer GmbH)
Kornkäfer in Getreide-Proben unter Glas. | Bild: Isabell Szallies/agrathaer GmbH

Biologische Gegenspieler machen den Job billiger

Um die knabbernden Käfer an ihrem Zerstörungswerk zu hindern, ist in den Röhren auch ein sogenannter Ausbring-Behälter mit eingebaut. Wie mit einem kleinen Aufzug wird damit der biologische Gegenspieler zum Einsatzort tief runter ins Silo gebracht.

"Das können verschiedene Arten von Schlupf-Wespen sein – gegen den Kornkäfer wird zum Beispiel die Lagererzwespe eingesetzt", erklärt Müller-Blenkle.

Der Landwirt kann solche Nutz-Insekten direkt beim Händler bestellen. Tief unten im Silo spüren sie über ihren Geruchssinn die Kornkäferlarven auf und legen ihre Eier in die Larve oder Puppe. Schlüpft der Wespennachwuchs, frisst er seinen Wirt von Innen auf. Gibt es keine Nahrung mehr für die Nützlinge, sterben sie ab und können später bei der Reinigung aus dem Getreide als tote Biomasse herausgepustet werden.

Nützlinge rechtzeitig einsetzen, lohnt sich

"Der rechtzeitige Einsatz solcher Nützlinge rechnet sich, sagt JKI-Projektleiter Adler. "Bei Tausend Tonnen zahle ich etwa 20.000 Euro für eine Begasung. Wenn ich frühzeitig eine biologische Behandlung mache, ist das sehr viel günstiger."

Um den richtigen spezialisierten Nützling zu rekrutieren, müssen die Forscher herausfinden, wer da knabbert. Kornkäfer lassen sich akustisch von Plattrüsselkäfern unterscheiden, sagt Müller-Blenkle. Was im Versuch bereits klappt, wird in den kommenden fünf Jahren der Großversuch im echten Getreidelager zeigen. Dann soll das Beetle-Sound-Tubes-System zur Praxisreife geführt werden.

Rita Neumann vom Gut Schmerwitz freut sich darüber, dass ihr Betrieb der Erste ist, der am Forschungsversuch des Julius Kühn-Instituts teilnimmt: "Wir waren lange Jahre kornkäferfrei, aber durch die zu warmen Winter schaukelt sich da etwas hoch."

Die Betriebsleiterin von Gut Schmerwitz, Rita Neumann zeigt die gefürchteten Getreideschädlinge – im Hintergrund das (noch leere) Gersten-Silo, in das die Röhren eingebracht wurden (Quelle: Isabell Szallies/agrathaer GmbH)
Die Betriebsleiterin von Gut Schmerwitz, Rita Neumann. | Bild: Isabell Szallies/agrathaer GmbH

Fünf Jahre lang wird getestet

Das Beetle-Sound-Tube-System wird für mindestens vier Lagerperioden – also fünf Jahre -  in vier Praxisbetrieben erprobt und angepasst. Neben dem Gut Schmerwitz werden drei weitere Betriebe in Brandenburg teilnehmen: die BKF Belziger Kraftfutter, der Biohof Steinreich in Lüsse bei Bad Belzig und die GayWa AG Luckau mit ihrem Standort in Hohenseefeld bei Jüterbog. Sie werden ab 2019 ausgestattet. Dabei wird die Technik in verschiedenen Lagerformen getestet, etwa in sogenannten BigBags sowie in einem Großsilo.

Koordiniert wird die Erprobung durch die agrathaer GmbH, die wissenschaftliche Leitung obliegt dem JKI. Das Projekt wird im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft "Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit" mit einer Million Euro gefördert.

Beitrag von Susanne Hakenjos

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1 Kommentar

  1. 1.

    Da sieh an, es geht ohne Chemie.
    Wunderbar.
    Die Förderung wird sich bezahlt machen.

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