Ein Toilettenhäuschen im Tiergarten, welches als Treffpunkt für Freier und männliche Prostituierte fungiert (Bild: dpa/Maurizio Gambarini)
Audio: Kulturradio | 27.07.2018 | Carmen Gräf | Bild: dpa/Maurizio Gambarini

Stricher im Berliner Tiergarten - Minderjährig, verschleppt, prostituiert

Minderjährige Jungen, manche gerade einmal acht Jahre alt, werden im Berliner Tiergarten zur Prostitution gezwungen. Die Polizei kann wenig ausrichten: Die Kinder und Jugendlichen machen sich nämlich nicht strafbar - und die Freier sind schwer zu greifen. Von Carmen Gräf

Noch vor zwei Jahren kamen die jungen Stricher im Berliner Tiergarten überwiegend aus Iran, Irak, Afghanistan und Pakistan. Inzwischen stammen die meisten aus Rumänien und Bulgarien. "Es gibt einfach sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Menschen Sex gegen Geld anbieten", sagt Ralf Rötten, der die Hilfsorganisation "Subway" leitet. "Sehr deutlich muss man nochmal unterscheiden zwischen Menschenhandels-Ausbeutungsstrukturen, die zum Tragen kommen, wenn es sich zum Beispiel um Kinder handelt. Jetzt, seit ungefähr 14 Tagen, sind auch wieder vermehrt Kinder im Tiergarten anzutreffen, die der Prostitution nachgehen – ansonsten, wenn es junge Erwachsene sind, ist es ihre freie Entscheidung."

Röttens Hilfsorganisation "Subway" betreut die Kinder, Jugendlichen und jungen Männer bis zum Alter von 27 und macht ihnen Hilfsangebote. Bei "Subway bekommen sie etwas zu essen, können duschen, ihre Kleidung wechseln und erfahren, wie sie sich aus ihrem Umfeld befreien könnten. Die jungen Sexarbeiter leben in der Regel auf der Straße oder in Abbruchhäusern.

"Die meisten Jungen sagen uns nichts über die Strukturen, wie sie hierhin kommen", sagt Rötten. "Wir haben Eindrücke, Impressionen – und letzten Sommer war es auffällig, dass schlagartig eine nennenswerte Anzahl von Jungen hier war, die aus Rumänien stammten, und dass sie im Herbst auch wieder weg waren. Teilweise sind jetzt dieselben Jungen wieder da."

Von Schleppern nach Berlin gebracht

Unter ihnen sind auch achtjährige Kinder. Sowohl die Polizei als auch "Subway" gehen davon aus, dass sie von Schleppern nach Berlin gebracht wurden – möglicherweise sogar mit dem Einverständnis ihrer Eltern. "Unser Eindruck – aber wirklich nur ein Eindruck, wir haben dafür keine Beweise – war, dass es sich im letzten Jahr bei diesen Kindern um Kinder handelte, die nicht eigenständig und freiwillig nach Berlin gekommen sind", sagt Rötten.

Strafbar machen sich die Kinder und Jugendlichen nicht. Die Rumänen und Bulgaren dürfen sich als EU-Bürger in Deutschland aufhalten. Auch die Prostitution selbst ist keine Straftat, wie Thomas Neuendorf von der Berliner Polizei erklärt.  "Wir müssen also auf andere Punkte gucken. Für uns ist also ganz besonders wichtig: Haben wir hier Zuhälterei? Werden Personen gezwungen, dieser Prostitution nachzugehen oder haben wir Minderjährige, die dort missbraucht werden", sagt Neuendorf. Einige solche Fälle gebe es, es gebe aber keinen "Massenanfall derartiger Delikte". Allerdings sei es auch "sehr schwer, hier zu ermitteln."

Im vergangenen Jahr sei nur ein einziger Fall von Missbrauch von Minderjährigen durch einen Freier aktenkundig geworden, führt Neuendorf weiter aus. Zwar sei die Polizei dort immer wieder mit Streifen unterwegs, die Täter bekomme sie aber selten zu fassen. "Man müsste den Täter, also den Freier, der einen Minderjährigen missbraucht, also in flagranti erwischen – und das ist eine ganz schwere Sache", sagt Neuendorf. "Weil sich Freier und derjenige, der sich prostituiert, ja letztlich einig sind in ihrem Geschäft, kommt das eben doch nicht bei der Polizei zur Anzeige. Deswegen sind es eben trotz unserer Kontrollen so wenige Fälle."

Polizei: Wir haben die Täter im Visier

Selbst wenn mal ein Täter aufgegriffen wird, ist es schwer, die Jungen zu einer Aussage gegen die Freier zu bewegen. Ralf Rötten von "Subway" vermutet, dass sie unter großem Druck stehen, Geld zu verdienen. "Ein sehr großer Teil der Jungen, die wir da zum Beispiel im vergangenen Sommer kennengelernt haben, stammt aus wirtschaftlich sehr schwachen Regionen", sagt Rötten. "Es gibt da einfach eine sehr große Not der Familien, die dann auch dazu führt, dass jedes einzelne Familienmitglied zum Familieneinkommen beizutragen hat."

Die erwachsenen Männer, die die Not der Kinder und Jugendlichen ausnutzen, wiegen sich offenbar in Sicherheit. Die Polizei habe sie jedoch im Visier, sagt Thomas Neuendorf. "Bei uns läuft ein komplexes Großverfahren zu genau diesem Deliktsbereich. Wegen der laufenden Ermittlungen kann ich dazu aber keine Details benennen. Es geht jedenfalls um den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen."

Sendung: Kulturradio, 28.07.2018, 19:04 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

Kommentar

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15 Kommentare

  1. 15.

    Herausragend schlechte Recherche. Laut ProstSchG ist Prostitution von Minderjährigen natürlich verboten und strafrechtlich relevant. Zudem unterliegt dieser öffentliche Raum der Sperrgebietsverordnung. Prostitution in diesen Bereichen ist nicht gestattet.
    Hinzu kommt natürlich Kindeswohlgefährdung, deren Verhinderung auch für EU-Bürger*innen gilt.
    Also sehr viel Möglichkeiten zum Handeln für Polizei und Ordnungsamt.

  2. 14.

    was müssen wir in diesem land mittlerweile alles lesen ? unfassbar !

  3. 13.

    "doch viel gravierender ist der familiäre Missbrauch und dafür ist in erster Linie der Kindernotdienst da."
    So ein Unsinn. Sexueller Missbrauch ist sexueller Missbrauch und wenn Kinder von den eigenen Familien für die Prostitution eingesetzt werden, fällt das selbstverständlich genauso unter sexuellen Missbrauch und die Kinder müssen grundsätzl. vom Jugendamt untergebracht werden.
    Deswegen ist ein dt. Paar gerade zu hohen Strafen verurteilt worden: Alle wurden angeklagt. Zehn Jahre Haft für den Lebensgefährten der Mutter, u. a. wg. schwerer Vergewaltigung, gefährl. Körperverletzung, schwerer Zwangsprostitution.
    Es wurden Fehler bei den Behörden deutlich, wobei Jugendamt und Polizei eher einschreiten wollten als das Gericht: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/freiburg-missbrauchsfall-tragischerweise-hat-man-der-mutter-geglaubt-a-1187916.html
    https://www.welt.de/vermischtes/article172441738/Freiburg-Jugendamt-betreute-zum-Missbrauch-verkauften-Jungen-seit-Jahren.html

  4. 11.

    Gibt es keinen strafrechtlichen Schutz gegen die Verbreitung übertragbarer Krankheiten? Und, für den Sex unter denen im Artikel beschrieben Umständen, scheint mir der folgende Begriff zutreffend zu sein: https://de.wikipedia.org/wiki/Perversion

  5. 10.

    Von der Sache her vollkommen richtig. Als diese Institution gegründet wurde, war Kinderprostitution in diesem Ausmaß nicht gegeben. Nur ist das meist die erste Anlaufstelle der Polizei, wenn es um Kinder geht, die allein aufgegriffen werden. Nur ihre Meinung, dass die Kinder eine Mitschuld tragen, teilte ich in kleinster weise. Sie sind klar Opfer und das schwächste Glied in der Kette. Oder glauben sie, dass auch nur eins dieser Kinder sich freiwillig prostituiert? Eltern, Schlepper, Zuhälter und Freier sind die Täter. Denn selbst wenn sie mit den Behörden zusammenarbeiten, wer schützt sie danach, wenn sie wieder genau an die Personen übergeben werden, die sie zur Prostitution gezwungen haben?

  6. 9.

    Die Protitution mit Minderjährigen findet immer wieder einen Weg die Behörden zu umgehen. Dabei helfen sogar die Opfer selber mit. Was Sie beschreiben stimmt zwar, doch viel gravierender ist der familiäre Missbrauch und dafür ist in erster Linie der Kindernotdienst da. Nicht um Kinder vor Banden zu schützen, welche aus anderen Ländern zu solch wiederwärtigen Handlungen gezwungen werden. Deshalb hat ja auch die Polizei ein Problem damit.

  7. 7.

    ""Unser Eindruck – aber wirklich nur ein Eindruck, wir haben dafür keine Beweise – war, dass es sich im letzten Jahr bei diesen Kindern um Kinder handelte, die nicht eigenständig und freiwillig nach Berlin gekommen sind", sagt Rötten."
    ???????? Man kann hier keine organisierte Kinderprostitution bekämpfen?
    Diese Kinder gehören unter den Schutz des Jugendamtes und nicht auf den Strich.
    Warum wird das Kinderschutzgesetz einfach nicht angewandt?

  8. 6.

    Die Frage ist berechtigt, die Antwort eher traurig. Aufgegriffene Minderjährige müssten dem Kindernotdienst übersteht werden. Diese Institution ist aber schon seit Jahrzehnten unter normalen Umständen überlastet. Die beschriebene Problematik wird wohl gar nicht zu stemmen sein. Zu wenig Personal und Räume. Zum zweiten müssen die Kinder dann nach Ermittlung den Eltern oder den Behörden des Herkunftslandes uberstellt werden, um im Zweifelsfall nach Tagen wieder aufzutauchen. Geht man verstärkt auf die Konsumenten/Freier, wird wohl das Geschehen in Wohnungen verlagert. Wo der Zugriff noch schwieriger ist. Hier ist eins von vielen Problemen zu sehen, das nur mit einer drastischen Verstärkung der Behörden zu lösen ist. Aber um diese umzusetzen bedarf es Zeit, Geld und viel neues Personal. Zuviel ist in diesem Bereich von ALLEN Senatskonstelationen schöngeredet und verschlafen worden. Jetzt beginnt man zwar aufzuwachen, aber zu spät. Berlin brennt an vielen Ecken.

  9. 5.

    Ich kann nicht verstehen wieso die Kinder von den Behörden mit Hilfe von verdeckten Ermittlern in Gewahrsam genommenen werden .

  10. 4.
    Antwort auf [Ost-Berliner] vom 28.07.2018 um 23:41

    Angebot und Nachfrage. War im übrigen schon bei den alten Griechen so üblich. Das Thema ist nicht neu. Neu ist die Bandenstruktur dahinter und mit welch Skrupel das Geld eingetrieben wird. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Kinder in Wohnungen genau um diese Zeit missbraucht werden in der eigenen Familie. Traurig aber wahr. Christiane F. läßt grüßen.

  11. 3.

    Man muss doch bitte auch mal diejenigen hinterfragen, die für Geld mit einem 8-jährigen Sex haben wollen und das dann auch machen. Wir alle sind für unsere Taten verantwortlich. Nicht allein der Staat ist für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben verantwortlich! Dieses Verantwortungsgefühl für das eigene Handeln scheint mir doch stark abhanden gekommen zu sein!

  12. 2.

    8 Jährige gehen auf den Strich und der Polizei sind die Hände gebunden weil sie sich nicht strafbar machen - ist das die Quintessenz des Beitrags? Dieser Staat verliert nach und nach den Boden unter den Füßen.

  13. 1.

    Traurige Geschichte, die nachdenklich macht, doch dann spüren wir nur Hilflosigkeit und Abscheu.

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