Auszüge aus den Hassmails an Yorai Feinberg (Quelle: Feinberg/Collage: Jule Kaden)
radioBerlin 88,8 | 12.07.2018 | 11:10 Uhr | Bild: Feinberg/Collage: Jule Kaden

Interview | Israelischer Gastronom über Hassbotschaften - "Es gab schon konkrete Morddrohungen"

Im Dezember wurde Yorai Feinberg vor seinem Restaurant in Schöneberg minutenlang antisemitisch bepöbelt. Weil er seitdem immer mehr Hass-Mails erhält, hat er diese veröffentlicht. Im Interview erzählt er, was ihn motiviert, nicht aufzugeben.

rbb: Herr Feinberg, bei unserem letzten Gespräch gab es noch sehr viele Solidaritätsbekundungen, jetzt gibt es immer mehr Mails mit Hass: "Die Arabs wissen eher als die Deutschen, dass es nie Vergasungen gegeben hat", "Die Polizei hasst dich auch. Alle hassen euch, Judensau". Ist das normal?

Yorai Feinberg: Bis zu zehn Mal am Tag. Ich habe gerade eben noch zwei Emails erhalten. Es sind noch ein paar Leute dazugekommen.

Sind das an sich ganz viele oder immer derselbe Schreiber?

"Ludwig Fischer" [Anmerkung der Redaktion: Ludwig Fischer war Gourverneur von Warschau, Kriegsverbrecher und SA-Mann. Der Absender der Mails verwendet diesen Namen] ist ganz präsent in meinen Emails. Aber auch andere Menschen sagen ihre Meinung, auf Google-Reviews oder andere Art und Weise.

Der jüdische Restaurantbesitzer Yorai Feinberg steht in seinem Restaurant in Berlin-Schöneberg (Quelle: dpa/ Jörg Carstensen)
Der 37-Jährige Gastronom in seinem koscheren Resaturant in Schöneberg. | Bild: dpa/ Jörg Carstensen

Gegen Meinung ist ja nichts zu sagen, aber da schreibt jemand: "Volksverhetzung ist in Wirklichkeit Wahrheitsverbreitung", "Jammern, Lügen, Morden – das macht ihr Juden seit tausenden von Jahren". Lassen sich diese Menschen nicht ermitteln, die Ihnen das schicken?

Man weiß schon ganz genau, wer der Mann ist, hat man mir beim Landeskriminalamt gesagt, deshalb habe ich das auch bei Facebook gepostet. Der Mann ist auffindbar. Es gab wohl keine wirklichen Konsequenzen für die E-Mails.

Haben Sie Strafanzeige erstellt?

Ich habe mehrere Strafanzeigen gestellt. Gegen "Ludwig Fischer" ist es schon die zweite. Die erste wurde eingestellt. Nach Aussage der Staatsanwaltschaft war das nur ein unsachlicher und unhöflicher Kommentar und keine Straftat.

Hat sich daran etwas geändert? Allein das, was ich vorgelesen habe, "Die Arabs wissen eher als die Deutschen, dass es keine Vergasungen gegeben hat", ist ja schon eindeutig ein Straftatbestand.

Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft das auch sehen wird. Es gab schon konkrete Morddrohungen und Exekutionsvideos. Ich denke, das ist schon ein Grund für eine Strafverfolgung.

Exekutionsvideo - heißt das, jemand schickt Ihnen ein Video, in dem andere ermordet werden, um Ihnen Angst zu machen? Wie fühlen Sie sich insgesamt damit?

Es ist nicht besonders angenehm, so etwas jedenTag zu bekommen. Ich weiß, dass es das überall gibt. Mich ärgert nicht, was der Mann schreibt oder andere Leute dieser Kategorie. Was mich mehr ärgert, ist die Reaktion beziehungsweise, dass es keine Reaktion von den Behörden gibt und auch nicht von Facebook, wenn ich etwas melde. Ich finde, das ist eine Katastrophe.

Sie bekommen aber auch positive Reaktionen?

Auf jeden Fall. Es gibt so viele Menschen, die ihre Solidarität zeigen. Das bringt alles in die richtige Perspektive. Die Leute, die für diese Hass-Mails und Morddrohungen verantwortlich sind, sind außerhalb der Gesellschaft, nur eine kleine Promille der Gesellschaft. Man merkt ganz genau, dass sie von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Das tut wirklich gut, das zu merken, dass der normale Mensch extrem gegen ihr Handeln ist.

"Juden und ihr Opferfetisch. Ihr werdet nicht mal rot beim Lügen", "Gaskammerfantasy erfinden, um Milliarden abzusaugen.", "Ihr widerlichen Ratten, euch muss man echt erschlagen". Sie wollen trotzdem nicht gehen, Sie bleiben mit Ihrem Restaurant in Schöneberg?

Ich mache mir immer wieder Gedanken. Es wird auch immer schlimmer. Aber auf der anderen Seite ist das eine Mini-Promille der Menschen - und es wäre ein falsches Signal an diese Leute, zu kapitulieren und ihnen für ihr Verhalten quasi einen Preis zu geben. Wegen dieser Sachen Deutschland zu verlassen, kommt für mich nicht in Frage.

Dann wünsche ich Ihnen ganz viel Kraft und positive Unterstützung.

Das Interview führte Ingo Hoppe.

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 13.

    "Berlin ist tolerant und das ist gut so ..."
    Küsschen, Küsschen, da laufen Sie bei mir offene Türen ein.
    Aber, ist das in Brielow auch so?

  2. 12.

    Offenbar haben Sie keine Ahnung vom konkret vorliegenden Fall. Nutzen aber die Gelegenheiten in den Raum zu stellen irgendein "arabischer Clan" habe seine Geschäftsinteressen durchsetzen wollen. Möglicherweise und vielleicht. Das ist reinster Antisemitismus. Strukturell und wissenschaftlich gut beschrieben. Es fusst auf tief in der europäischen Entwicklungsgeschichte verwurzelte und befeuerte Zuschreibungen, in denen der Jude der Geschäftemacher ist, der von anderen Geschäftemachern bekämpft wird. Im vorliegenden Fall hat - wie das Video des Vorfalls beweist - ein Deutscher mittelprächtige Bildungsstandes mal eben seine komplette Sammlung antisemitischer Klischees vom Stapel gelassen. Anzunehmen ist - ähnlich niederträchtigen und beleidigenden Dreck hat er auf Lager - steht ihm jemand gegenüber den er ganz einfach des Aussehens, der Religion, der Herkunft nach für einen Angehörigen eines "arabischer Clans" hält.

  3. 11.

    Mehrere der Nachrichten, die Herr Feinberg bekommen hat, erfüllen ganz klar den Tatbestand der Volksverhetzung, dazu noch Leugnung des Holocaust, die Reaktion der Staatsanwaltschaft ist darauf bezogen nicht nachvollziehbar. Ich hoffe die mediale Aufmerksamkeit hilft der Staatsanwaltschaft etwas auf die Sprünge...

  4. 10.

    Es geht immer nur um eins
    MACHT
    Egal wen es trift
    der Betroffene ist meist ein gut gewähltes Opfer mit wenig Durchsetzungsvermögen oder Anhang.
    An den Machtstrukturen will in diesem Lande niemand ernsthaft etwas ändern, somit wird nicht gegen Mobbing vorgegangen. Mobbing ist ein probates Mittel Macht zu demonstrieren.
    Dem "Mächtigen" ist es egal ob das Opfer religiös anders pigmentiert oder Adipositas vorliegen hat.
    Im vorliegenden Fall könnte der Jud den Arabs das Geschäftsmodell
    "Unserem Clan gehört diese Straße"
    zerstört haben.

  5. 9.

    Es ist einfach erschreckend und nicht mehr hinnehmbar, daß besonders in Berlin so viel antisemitische Angriffe passieren, sei es in Schulen oder auch gegen Sie und Ihr Lokal.
    Aber bitte geben Sie nicht auf Herr Feinberg. Und sollte ich mal wieder nach Berlin kommen, werde ich in Ihr Restaurant zum Essen kommen.

  6. 8.

    Bitte, bitte nicht unterkriegen lassen. Wir haben mal einen toten Vogel in einer Tüte an die Tür gehängt bekommen, eine Lappalie dagegen, es war trotzdem sehr unangenehm. Vielleicht kann ein Anwalt bei den Ermittlungen nachhelfen oder ein Verein-

  7. 7.

    Herr Feinberg, bitte geben Sie nicht auf und seien Sie sich gewiss, dass auf jeden bösartigen und dummen Menschen dieser Art hunderte andere Berliner kommen, die entsetzt und empört über solch geistigen Dünnpfiff sind.
    Dass die Staatsawaltschaft keinen bis wenig Handlungsbedarf sieht, ist schlimm.
    Aber leider geht es auch vielen Stalking- und Mobbingopfern, genauso wie bedrohten, geschlagenen und beleidigten Frauen so.
    Es muss erst dramatisch werden, ehe irgendetwas passiert.
    Wir fühlen mit Ihnen und sind fassungslos, wie böse und verblendet immer noch viele Menschen sind.

  8. 6.

    Wie ist das, wenn ich als (protestantischer) Deutscher von Muslimen auf die gleiche Weise attackiert werde, muss das dann auch ebenso konsequent verfolgt werden, oder ist das was Anderes, weil ich ja kein Jude bin?

    Wenn mein guter Freund Murat von Katholiken auf die gleiche Weise angegriffen wird, muss das dann auch genauso konsequent verfolgt werden, oder ist das weniger schlimm, weil er kein Jude, sondern nur Moslem ist?

    Asoziales Verhalten an der Religion einer Person festzumachen, ist allein schon albern, dabei dann aber Unterschiede zu machen, also was die Konsequenzen betrifft, ist nicht minder asozial.

  9. 5.

    Es gibt Methoden, die kein Geheimdienst der Welt umgehen kann und die es zu 99,99 Prozent sicher machen, nicht entdeckt zu werden bzw. Nachrichten nicht zurückverfolgen zu können.

    Die einzige Möglichkeit, die dann noch bleibt, ist so genanntes "Social Engeneering" und das benötigt enorm viel Zeit, ist also extrem kostenintensiv und dazu ist solch eine Sache, so ekelhaft es auch sein mag, nicht wichtig genug.

    Würde man diesen Aufwand in diesem Fall betreiben, müsste man das auch in JEDEM Fall tun, in dem Katholiken oder Protestanten von Muslimen auf die gleiche Weise bedroht und beleidigt werden, oder umgekehrt.

    Bei antjudaistischen Vorfällen wird leider immer wieder überdramatisiert und teilweise hysterisch reagiert, aber genau genommen ist das nur ein Fall unter vielen Fällen von asozialem und fremdenfeindlichem Verhalten.

  10. 4.

    Und was soll der Aufwand bringen, es wurde ein junger Jude in Berlin am Tage mit einen Gürtel brutal geschlagen, der Täter ein junger Syrer hatte es aus Hass auf Juden getan, Urteil 4 Wochen Arrest, soll das abschreckend sein ?? der Syrer lacht sich immer noch einen.Wenn der Täter ein junger Deutscher gewesen wäre so wäre das Urteil weit aus härter ausgefallen & das ist es was unsere Demokratie schädigt, es sind mal wieder nicht alle gleich vor dem Gesetz.Berlin ist tolerant und das ist gut so, ich wünsche dem Wirt viel Kundschaft & Unterstützer gegen solche Anti Demokraten !!

  11. 3.

    Bleiben Sie bitte standhaft ! Es ist eine absolute Schande das solche widerlichen Äußerungen angeblich nicht zu verfolgen sind. Es gibt doch eine Menge an technischen Möglichkeiten. Hier müssen auch die Geheimdienste mal ran, egal ob aus Deutschland oder Israel, wenn das LKA oder BKA es nicht schaffen. So kann und darf es aber nicht weitergehen, da es auch andere Menschen treffen kann.

  12. 2.

    Besonders beschämend finde ich, liest man die Aussage der Staatsanwaltschaft „ es war nur ein unsachlicher und unhöflicher Kommentar“. Dagegen muß konsequent vorgegangen werden. Alles andere ist pure Heuchelei. Was Fakebook betrifft, darüber muß ich wohl nichts mehr anfügen.

  13. 1.

    Komme gerne auch mal in dieses Restaurant, noch dazu, wo mich die Küche interessiert. Leider lockt diese umfangreiche Berichterstattung auch die Ratten aus den Löchern, welche den Wirt mit unerträglichem Vokabular verunglimpfen , was oft auch mit Meinungsfreiheit nichts mehr zu tun hat und strafbar ist.

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