Eine arabische Großfamilie nimmt an einer Beerdigung teil (Bild: Kontraste)
Kontraste
Video: Kontraste | 02.08.2018 | Olaf Sundermeyer | Bild: Kontraste

Doku "Die Clans" im Ersten - "Wir sind als Großfamilie unter uns"

Drogen, Prostitution, Schutzgeld - die sogenannten arabischen Clans werden mit jeder Form von Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Team des ARD-Politik-Magazins Kontraste vom rbb und der Berliner Morgenpost ist tief in die Familienstrukturen eingetaucht. Von Torsten Mandalka

Es sind Parallelwelten in Deutschland: Die Herrschaftsysteme einiger arabischer Großfamilien. Systeme, an denen zum Beispiel Berliner Ordnungsamtsmitarbeiter und Polizisten rigoros scheitern. Einer der Mitarbeiter berichtet anonym von Bedrohungen auch gegenüber Polizisten, die nicht im Dienst sind.

"Das hinterlässt natürlich auch Spuren", sagt er. "Die Kollegen waren dann so mutig weiterzumachen. Sie haben sich davon nicht einschüchtern lassen. Aber wenn man plötzlich merkt, dass vor der Schule, an der die eigenen Kinder unterrichtet werden, immer wieder dasselbe schwarze Auto steht und deutliche Botschaften sendet, könnte ich schon verstehen, dass man dann den Druck ein bisschen rausnimmt."

Mit diesem Problem haben die Strafverfolger nicht nur in Berlin zu kämpfen. Auch in Bremen und im Ruhrgebiet sind die Clans präsent. "Die libanesischen, arabischen Großfamilien sind zur Zeit die Familienstruktur, die uns am meisten auf den Nägeln brennt" sagt Thomas Jungbluth, leitender Kriminaldirektor des LKA in Nordrhein Westfalen. "Die ganze Situation ist sehr abgeschottet, auch von der Polizei – man regelt seine Konflikte untereinander".

Friedensrichter regelt, was "der Staat nicht regeln kann"

Konflikte untereinander zu regeln heißt auch, dass sogenannte Friedensrichter wie Jamal al-Zein eingreifen. "Wir können die Angelegenheiten regeln, die der Staat nicht regeln kann", sagt al-Zein. "Wenn ein, zwei Leichen auf den Boden fallen, klären wir das innerhalb von zwei bis vier Wochen. Wir sind doch eine Sippe, wir sind als Großfamilien unter uns."

Ohne die Friedensrichter - sagt der Mann noch - hätte es im Ruhrgebiet längst 50 Tote gegeben. Nicht, weil die Clan-Täter bei ihren Straftaten so besonders brutal vorgehen, sondern weil die Gewalt untereinander eskaliert - wenn es zum Beispiel um Einflussgebiete geht.

"Sie leben nicht nach gängigen Umgangsformen"

Die Abschottung nach außen hat auch für Filmautor Olaf Sundermeyer die Recherchen so schwierig gemacht. "Das sind Menschen, die nicht nach den gängigen gesellschaftlichen Umgangsformen leben, in Bezug auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Sie haben ein starkes, überzogenes Ehrgefühl. Da braucht man einfach starke Nerven und sehr viel Zeit und muss sich nach ihren Vorstellungen richten, was Treffpunkte angeht, auch was Uhrzeiten angeht und  Verabredungs- und Kommunikationsarten. Man muss nach ihren Regeln agieren, sich darauf einlassen, weil sie sonst überhaupt nicht als Ansprechpartner in Frage kommen."

Ihre Regeln - das heißt auch, dass die Clan-internen Sanktionen bei Fehlverhalten einzelner Mitglieder sehr viel härter ausfallen können als Urteile rechtsstaatlicher Gerichte. Clan-Mitglied Khalid Miri sieht das so: "Wenn der Richter der Meinung ist, und Hasan P. oder Hasan M. dann wegen Drogenhandels zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt wird […], … dann habe ich einen guten Anwalt gehabt! Für seine Dummheit müssen wir nicht leiden." Milde Strafen interpretieren die Clans also als Dummheit.

"Resozialisierung kann nicht funktionieren"

Polizei und Justiz scheitern, beobachtet Autor Olaf Sundermeyer. "Der Rechtsstaat, der auf demokratischen Prinzipien fußt, passt überhaupt nicht auf diese Leute, weil sie sich nicht als Teil der demokratischen Gesellschaft sehen. Bewährungsstrafen empfinden sie zum Beispiel als Witz, weil man nicht ins Gefängnis kommt. Auch der offene Vollzug, der in Berlin sehr häufig praktiziert wird, ist für diese Leute keine Strafe, weil sie im Alltag draußen ihre kriminellen Geschäfte weitermachen können", sagt Sundermeyer.

Das Thema Resozialisierung, also Wiedereingliederung in eine Gesellschaft, spiele für sie keine Rolle. "Welche Gesellschaft? Sie sehen sich nicht als Teil unserer Gesellschaft, insofern kann auch eine Resozialisierung nicht funktionieren. […] Der kulturelle Kodex, das Regelwerk, nach dem diese Familien seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten leben, geht mit unserem demokratischen Rechtsstaat möglicherweise überhaupt nicht zusammen."

Halit Miri in einer Neuköllner Bar (Bild: Kontraste)
Khalid Miri in einer Neuköllner Bar | Bild: Kontraste

Setzen also nicht mehr Rechtsstaat und Mehrheitsgesellschaft die Maßstäbe? Produzieren nicht stattdessen Fernseh-Serien wie "4Blocks" und die Rap-Musik so etwas wie eine Romantisierung der Kriminalität und prägen die Jugendkultur in den Großstädten? Jedenfalls mischen die Clans bereits intensiv im Kultur-Betrieb mit - nämlich im Musik-Geschäft. Viele Rapper kommen selbst aus den Clans - und sie werden von den Clans geschützt. Das bestätigt auch Khalid Miri: "Ausnahmslos jeder Rapper in Deutschland hat einen Background […], der ihn schützt vor Äußerlichkeiten, vor anderen Menschen, die sich an ihm bereichern wollen", sagt Miri. "Die sorgen für seine Sicherheit – und das ist nötig in Deutschland, denn sonst kommen die Haie. Das ist ein Haifischbecken."

Doch wer sind die Haie, wer die kleinen Fische? Klar ist: Ein kleiner Fisch möchte niemand sein. Das habe Auswirkungen, sagt Olaf Sundermeyer. "Insgesamt sehen wir in Deutschland eine Stilisierung auch der Kleinkriminalität zu etwas Begehrenswertem für junge Leute. Sie gilt als cool. Alle, mit denen wir zu tun hatten, egal ob bei Polizeirazzien oder bei persönlichen Begegnungen, haben über kurz oder lang ein Messer gezeigt, das sie am Mann haben. Dieser Messer-Virus kommt zwar nicht nur von den arabischen Clans in Deutschland, er wird aber durch diese Kultur weiter verstärkt."

"Anerkennung ist das oberste Ziel"

Verstärkt wird auch die internationale Clan-Kooperation. In der türkischen Mardin-Region - dem Stammland der Mhallami, aus deren Volksgruppe sich die Familien gebildet haben - leben ganze Dörfer von den Überweisungen aus Deutschland. Auf der einen Ebene geht es also ums Geschäft, um den Ertrag. Auf der anderen Ebene spielt aber auch noch etwas anderes herein: "Es geht immer um Anerkennung, das ist das oberste Ziel", sagt Sundermeyer. "Anerkennung möchte man erreichen durch spektakuläre Straftaten, durch Gewalt gegen andere, gegen Schwächere oder Rivalen. Auch über die Rap-Musik möchte man Anerkennung erreichen, weil man der Meinung ist, dass man nach den hiesigen gesellschaftlichen Standards keine Anerkennung erreichen kann."

Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte also sein: Gebt den Familienmitgliedern Anerkennung für Dinge, die nichts mit Kriminalität zu tun haben! Doch Sundermeyer gibt zu bedenken: "Ich stelle nur die Frage: Wie soll man das erreichen?"

Fest steht jedenfalls: Aussteigen aus der Familie bedeutet für jedes Clan-Mitglied komplette soziale Isolation in seiner Community. Der Schritt hinaus aus der Familie ist also - subjektiv gesehen - ein Schritt in den Abgrund.

Sendung: Das Erste, Kontraste, 02.08.2017, 21:45 Uhr

Kommentar

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55 Kommentare

  1. 53.

    mich verwundert ja immer noch, wie es der nette Herr Bushido geschafft hat, kurz bevor es brenzlich wurde, seine Freundschaft zum Clan offiziell aufzukündigen... da ist der doch nicht von alleine drauf gekommen! Erst jahrelang dicke mit denen sein, für nen euro das alte Seemannsheim zusammen kaufen, und dann - zack - keene Freunde mehr? Und das, ohne dass ihm was passiert??? Letzteres ist glaube ich das, was mich am meisten wundert...

  2. 52.

    Zitat "Aber auch nicht von allen Musikfans."
    Ich kenne so einige Menschen und kein einziger von denen hört 'nur einen' Musikstil.

    Von daher laß Dich überraschen, wer von Deinen Bekannten alles ein den 'Lobgesang auf den Unterschied zu einem KZ-Insassen' beinhaltendes Album in der Sammlung hat.

  3. 50.

    ....so eine gehypte Doku die leider gar nichts neues zu Tage bringt. Arabische Großfamilien kontrollieren den Drogenhandel in Großstädten, sie regeln ihre Angelegenheiten unter sich und erkennen das deutsche Recht nicht an. Wow....was ganz neues!

  4. 49.

    Aber auch nicht von allen Musikfans. Der Musikstil und das damit verdiente Geld ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

  5. 48.

    Jetzt mal ehrlich - die Clan-Jungs haben sich echte, "tugendhafte" Ur-Deutsche aus der Industrie zum Vorbild genommen. Wir anderen sind dafür nur zu ehrlich... noch!

    Ich möchte mal aus dem SPIEGELonline zitieren - weil es so schön tiefschwarzer Humor ist - und zum Weiterlesen anregen ( http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-im-sommer-2018-fast-schon-normal-kolumne-von-thomas-fricke-a-1221420.html )

    "Wir haben in Deutschland mittlerweile Manager, die es so gut verstehen, mit Regeln nicht mehr so schnöde umzugehen wie früher, etwa zum, sagen wir, Abgasverbrauch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis selbst berufserfahrene Mafiosi erwägen, in Deutschland Fortbildung zu beantragen. Zumal die Betreffenden bei uns ja ganz gut wegzukommen scheinen. Da kann jede Bananen-Republik gleich einpacken."

    Lasse ich mal weitestgehend unkommentiert stehen :-)

  6. 47.

    Es gibt keine angebliche "Konjunktur" über die Alimentierung von Zuwanderern, das sind Steuerausgaben. Ausgaben allein sind doch keine "Konjunktur", sondern wenn real etwas erwirtschaftet wird. Sie meinen einen ABM-Effekt. Den kann man immer haben, wenn man Geld ausgibt. Z. B. könnte man auch Pyramiden auf Äcker bauen lassen = viele Beschäftigte, also hohe Ausgaben.

  7. 46.

    Rest vom Text:
    Klar ist, die Wähler sind wir, die Bürger. Und die haben in erster Linie Anspruch auf Politik für's Land. Das bieten mir weder Grüne noch Linke. Wen sollte man also wählen, um sich vertreten zu fühlen, wenn man die AfD ablehnt?

  8. 45.

    "Müssen" muss ich gar nichts. Und wer ist "UNS"?
    Aber ich tue es gern. Die Grünen in dem Zusammenhang deswegen, weil sie sich gegen alle Maßnahmen stemmen, die die (illegale) Migration etwas eindämmen würden, z.B. Zustimmung zu zusätzlichen "sicheren Ländern". Menschen ohne Perspektive geraten schnell in den Untergrund. Das ist äußerst gefährlich.
    Allein "Tür öffnen" ist die leichteste aller Übungen.
    In den übrigen Punkten gebe ich Ihnen Recht.
    Migration kann übrigens nur gelingen, wenn sie auch gewollt ist. Und genu das bezweifle ich bei Zuwanderung aus dem arabischen Raum. Unsere deutsche Pünktlichkeit, feste Abeitszeiten u.v.m. sind ungewohnt für diese Leute. Familienzusammenführung könnte ebenfalls ganz schön in die Hose gehen. "Familie" bedeutet im arabischen Raum nicht nur (Ehe-)Partner, Kinder, Eltern, Geschwister. Googeln Sie sich schlau.
    Wem die "Grünen" etwas beweisen wollen mit ihrer Einstellung und Sichtweise, bleibt mir unerschlossen.

  9. 44.

    "Das Gute für uns Deutsche daran ist, dass in Summe die hier her gekommenen ca. 3000 € pro Person und Jahr mehr erwirtschaften, als alle Einwanderer verbrauchen. Insofern auch noch ein sich selbst finanzierendes System, von dem alle profitieren."
    ...mit Sicherheit Volks- und Betriebswirtschaftlicher Unsinn, entscheidend ist die Kapitaldecke der Zuwanderer auf deren Bankkonten. Auf dieser Basis ein seriöses Ergebnis zu präsentieren ist reine Spekulation.

  10. 43.

    Schön wie die Medien mit Sondersendungen den Fakt noch mit Sendezeit huldigen. Da fühlen sie sich erst recht bestätigt.

  11. 42.

    Verraten Sie uns, welchen Beitrag Sie meinen. Wir sehen hier keinen Kommentar von Ihnen unter diesem Beitrag - also weder freigegeben noch gesperrt.

  12. 40.

    @ Dr. Müllerauf dem SonnendeckFreitag, 03.08.2018 | 09:25 Uhr

    Sie haben natürlich Recht! Nicht nur die Konzerne (und damit deren Arbeitnehmer) profitieren von Einwanderung. Die geflohenen Menschen haben alleine durch ihr hier sein eine Steigerung der Konjunktur um ca. 0,5 % geführt und viele Arbeitsplätze gerade im nicht so qualifizierten Bereich auch und insbesondere für Deutsche geschaffen, die sonst wegen schlechter Chancen auf dem Arbeitsmarkt arbeitslos geblieben wären. Das Gute für uns Deutsche daran ist, dass in Summe die hier her gekommenen ca. 3000 € pro Person und Jahr mehr erwirtschaften, als alle Einwanderer verbrauchen. Insofern auch noch ein sich selbst finanzierendes System, von dem alle profitieren.

    Die kulturellen Unterschiede sind natürlich spürbar - so ungefähr wie zwischen Flammersbachern und Langenaubachern oder Menschen aus Finsterwalde und Berlin. Die können sich untereinander auch nicht alle leiden.

  13. 39.

    Die 'Echo'-Preisverleihung hat doch klar gezeigt, daß auch diese 'Gangster-Rap'-Kunstform millionenfach gekauft wird und damit Unterstützung erfährt. Einige Küstler haben daraufhin ihre Echos zurückgegeben, nicht nur die Medien-Welt, sondern ganz Deutschland war empört und diese Empörung klang auch wieder ab...
    ... und trotzdem wird das entsprechende Album weiterhin gekauft und gehört.

  14. 37.

    Eine Frage an den rbb24: anscheinend wurde mein Beitrag zensiert oder einfach nur übersehen, oder warum wurde er nicht öffentlich gemacht?

  15. 36.

    Ich dachte erst es ist ironisch gemeint. Wir können doch nicht ernsthaft die Augen vor der Realität verschließen und alles mit Rassismus abbügeln (mein Vater kommt aus Ghana und zahlt hier Steuern). Wir müssen differenziert hinschauen. Arbeiten Sie die Exceltabellen auf der Seite des BKA durch und setzten die Zahlen ins Verhältnis zur Anzahl der Gesamtzahl der Bevölkerungsgruppe. Dann können Sie nicht mehr ernsthaft behaupten, dass Kriminalität nur von Menschen gemacht wird. Hier spielt der Kulturraum definitiv eine Rolle.

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