Interview | "Exclusiv im Ersten": Wer ist das Volk? - "Hinter dieser Wut liegen viele Ängste"

Auseinandersetzungen zwischen Geflüchteten und Einheimischen, Demos von "Zukunft Heimat" – Cottbus ist immer wieder in den Schlagzeilen. Monatelang haben Diana Kulozik und Stefanie Groth dort gedreht - und eine gespaltene Stadt erlebt

rbb|24: Frau Kulozik, die einen wollen Integration, andere eine rechte Widerstandsbewegung. Cottbus kommt nicht zur Ruhe. Sie haben mit den Menschen gesprochen. Wie ist die Stimmung?

Diana Kulozik: Die Vorkommnisse im Januar und danach haben für großes Aufsehen gesorgt. Asylpolitik, Flüchtlingszustrom, Integration sind allgegenwärtige Gesprächsthemen in der Stadt. Das beschäftigt viele – nicht nur in aufgeheizter Form auf Veranstaltungen und Demonstrationen, sondern auch im Alltag, in ihrem Privatleben, in Freundeskreisen und Familien. Herr Jensch, ein Polizist, den wir im Film porträtieren, bringt es auf den Punkt: "Es gibt nur dafür oder dagegen!" Die Stimmung ist angespannt. Ja, die Stadt ist in Aufruhr.

"Wer ist das Volk?" fragt Ihr Film. Geben die porträtierten fünf Cottbuser darauf eine Antwort?

Ja, und zwar auf sehr unterschiedliche Weise. Wir wollten zeigen, was die Cottbuser beschäftigt. Die Stadt ist gespalten in verschiedene Lager. Menschen wie der Architekt André Noack sind für Asyl und Flüchtlinge, sie bemühen sich um Integration. Viele lehnen aber genau das entschieden ab, dazu gehört Frank Steitz. Der syrische Flüchtling Hassan Alhassan ist von dieser Diskussion persönlich betroffen. Er muss mit der Ablehnung, die viele Cottbuser offen zeigen, leben. Die Polizei wiederum steht unter einem enormen Druck, deswegen haben wir auch einen Polizisten privat begleitet, außerdem eine Journalistin, die schon lange in der rechtsextremen Szene recherchiert. Natürlich gibt es auch eine große schweigende Mehrheit, die allerdings filmisch schwer zu greifen ist.

Wie haben Sie eigentlich Ihre Protagonisten kennengelernt?

Wir haben uns im Vorfeld in Cottbus umgeschaut, sind zu Veranstaltungen gegangen. Herrn Steitz haben wir auf einer Podiumsdiskussion der örtlichen AfD getroffen. Er geht auch auf die Kundgebungen von "Zukunft Heimat" und ist sehr energiegeladen beim Thema Asylpolitik. Man merkte, es liegt ihm einiges auf der Seele, über das er sprechen möchte. Das war übrigens bei vielen Menschen so. Aber Herr Steitz war als einer der wenigen auch bereit, sich vor der Kamera zu äußern.

Konnten Sie ungestört drehen? Auf Kundgebungen wurde ja auch schon gezielt Stimmung gegen rbb-Journalisten gemacht?

Grundsätzlich stehen viele sehr kritisch der Presse gegenüber. Cottbus war Anfang des Jahres oft in den Medien. Das hat den Menschen nicht gefallen. Sie wollen nicht, dass ihre Stadt so dargestellt wird. Deswegen war man uns gegenüber eher ablehnend. Aber wir haben persönlich keine Anfeindungen oder Angriffe erlebt, auch nicht auf den Demos.

Herr Steitz, der ja auch zu den Demos geht, schimpft im Film, er fühle sich nicht mehr sicher in der Stadt. Gleichzeitig erfahren wir, dass er bislang keine negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht hat. Man fragt sich: Woher kommt dann diese Wut?

Dass oftmals eine große Wut nach außen getragen wird, haben wir bei den Demonstrationen von "Zukunft Heimat" mitgekriegt. Hinter dieser Wut liegen oft Ängste – vor dem Fremden, aber auch Zukunftsängste. Die resultieren bei vielen aus negativen Erinnerungen an die Wendezeit. Da hat Cottbus schon einmal einen Strukturwandel erlebt, jetzt steht das erneut bevor. Die wirtschaftliche Situation, das Ende der Braunkohle in einer strukturschwachen Region, das beschäftigt viele. Und diese Ängste nutzt Zukunft Heimat und bietet eine einfache Lösung an: Wenn die Flüchtlinge weg sind, haben wir hier keine Probleme mehr. Darauf springen einige Menschen an. "Zukunft Heimat" versucht sehr geschickt, in Cottbus ein Zentrum einer rechten Widerstandsbewegung aufzubauen. Und schürt dafür bewusst Konfliktherde.

Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um die Situation zu entspannen?

Das ist schwer zu beantworten, denn es kommt vieles zusammen. Da ist einmal die Angst der Menschen vor dem drohenden Braunkohleausstieg. Meiner Meinung nach sind politische Unterstützung und Begleitung gefragt, um sie aufzufangen und ihnen Zukunftsperspektiven zu bieten. Hilfreich können auch Bürgerdialoge sein, die andere Seite kennenzulernen und möglicherweise festzustellen, dass man eigentlich gut miteinander auskommt. Wichtig wäre aber auch, bei der rechtsextremen Szene klare Kante zu zeigen: Im Film ist zu sehen, wie auf dem Stadtfest Leute ungestört mit rechtsextremen Parolen auf ihrer Kleidung herumspazieren. Zeigt die Polizei da die harte Schulter und geht dagegen vor? Und: Wie geht der Rest der Cottbuser damit um?

Ihr Protagonist André Noack, der sich sehr für Flüchtlinge einsetzt, ist irgendwann frustriert.

Die verhärteten Fronten, die Spaltung in der Stadt, die wir auch deutlich gespürt haben, erschweren jeden Versuch, in einen Dialog zu treten, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Daran hat er sich auch ein stückweit abgearbeitet. Und das hat ihn viel Energie und Anstrengung gekostet.

Und doch will der syrische Flüchtling Hassan Alhassan am Ende ihres Filmes in Cottbus bleiben. Ist Veränderung möglich?

Alhassan entscheidet sich trotz aller Schwierigkeiten und Möglichkeiten für Cottbus, weil er hier eine neue Heimat gefunden hat. Mit den wenigen Menschen, mit denen er befreundet ist, fühlt er sich wohl. Er möchte noch mehr in Kontakt treten, Anschluss finden. Sein Beispiel zeigt, dass Veränderung und Entwicklung möglich sind. Meiner Meinung nach, braucht es dafür aber den Willen und die Beteiligung aller.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Ula Brunner.

Sendung: Kontraste, 13.08.2018, 21.45  

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Nach dem Sehen des Fernsehbeitrags erst einmal ein Danke. Ich empfand alle Facetten als beleuchtet und heraus kam für mich auch, dass das Problem in Cottbus zuallererst ein psychologisches ist.

    Natürlich lässt sich alles psychologisieren, doch nicht um Bagatelldinge geht es hier, um die Lautstärke beim Abwasch oder um die Knitterfreiheit von Hemden, sondern um sehr handfeste Dinge:
    Welches Ausmaß und welches Tempo hat Veränderung?
    Wird zäh und krampfhaft festgehalten, wieweit wird auf Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit einer Veränderung gepocht und wo ist die Bitte nach dem Zweiten nur vorgeschoben?

    Leben besteht immer aus Bestand und aus Veränderung, sonst könnte es nicht sein.
    Und Freiheit verkäme zum blanken Faustrecht, ohne "innere Bindung", also ohne innere Überzegung.

  2. 9.

    "Hinter dieser Wut liegen oft Ängste – vor dem Fremden, aber auch Zukunftsängste. Die resultieren bei vielen aus negativen Erinnerungen an die Wendezeit."

    Ich halte das für einen Schlüsselsatz.

    Anders formuliert ist das das "Rohmaterial", aus dem dann im Sinne eines Feinschliffs solches oder solches rauskommt.

    Vier Punkte sehe ich:
    1. Die Erfahrung, dass für die einen alles fortgilt, für die anderen nahezu nichts. - Eine Art Siegermentalität.
    2. Das entstandene Vakuum abseits der Metropolen, wo vorher wenigstens Jugendklubs und Konsum-Läden ein bescheidenes Angebot hatten und "Kommunik.zentren" waren.
    3. Die ausgebildeten rigiden Verhaltensmuster gerade in der DDR. DER Weg zum Fortschritt !!!!
    4. Die tats. fehlenden Erfahrungen mit Fremden, abseits eines großtönenden Internationalismus.

    Aufgearbeitet davon ist nahezu nichts.

  3. 8.

    Recht gut erkannt. Doch halte ich Vernunft für die höchste (auch politische) Tugend und Humanität - so hart es auch klingen mag - für zweitrangig.
    Erst sollte man das Richtige (vorrangig - dem Amtseid entsprechend - für das eigene Volk) tun und dann überlegen, wie menschlich man sein kann ohne zu großen Schaden anzurichten.
    Allerdings vermute ich zumindest bei Teilen der momentan regierenden Politiker keinerlei Moral als Antrieb sondern Macht- und Geldgier. Man will möglichst viele linke Wählerstimmen abgreifen. Prinzipien sind da nur ein überflüssiger Störfaktor.
    Wer Hilfe braucht, dem sollte geholfen werden.
    Doch wer sich nicht integrieren will und sein Gastland verachtet, verdient auch keine Hilfe.

  4. 7.

    Weil man sich so besser über diese Menschen erheben kann, die sind schließlich einfach nur unwissend und haben deshalb Angst vor dem Neuen. Argumente möchte man ja gar nicht hören, wenn es nicht zur eigenen Moral passt. Moral war aber in der Politik noch nie ein guter Ratgeber, vielmehr waren es immer Rationalität und vorausschauende Planung. Das schließt Moral nicht grundsätzlich aus, aber eben auch nicht generell ein.
    Ganz davon ab, sind die wenigsten Menschen wirklich asylkritisch. Der größte Teil der Zuwanderung aktuell sind aber keine Asylberechtigten sondern Migranten und Bürgerkriegsflüchtlinge. Da muss man sich schon Fragen stellen dürfen, ob es nicht humanitärer ist, diesen Menschen heimatnah zu helfen und nicht nur denen, die sich Schlepper leisten können.

  5. 4.

    Können Sie auch mal ausnahmsweise sachlich, inhaltlich argumentieren, statt auf die Attraktivität der Interviewten abzustellen?

  6. 3.

    Warum werden asylkritische Ansichten und Bestrebungen grundsätzlich zu "Ängsten", "Sorgen" und "Befürchtungen" heruntergebrochen?
    Weshalb ist es ein Tabu, dass entsprechende Äußerungen und Versammlungen ihre Ursache in Erfahrungen haben?
    Dass man also womöglich weniger präventiv handelt als vielmehr auf Vorkommnisse reagiert?

  7. 2.

    Gegen Angst hilft Wissen und das gibts bei uns immer noch kostenfrei.

  8. 1.

    Hübsch sind die beiden ja....

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