Ein neu entdecktes Mauerstück der Berliner Mauer in der Ida-von-Arnoim-Straße, Berlin-Mitte (Bild: Stiftung Berliner Mauer/Schlusche)
Bild: Stiftung Berliner Mauer/Schlusche

Interview | Wiederentdecktes Mauerstück - Was vergessen wurde abzureißen, ist jetzt ein Denkmal

Immer, wenn überwachsene Reste der Berliner Mauer an Hinterhöfen entdeckt werden, hagelt es Schlagzeilen. Für den Wissenschaftler der Stiftung Berliner Mauer, Günter Schlusche, ist das grundsätzlich nichts Schlechtes.

"Erneut ist in Berlin offenbar ein bislang unbekanntes Stück der Berliner Mauer entdeckt worden." - Mit diesem Satz und dem Bild einer seltsam bemalten Betonmauer meldeten pünktlich zum 13. August in diesem Jahr die Medien, dass schon wieder ein Stück der Teilungsmauer entdeckt wurde. Man war erinnert an die Ausgrabung einer Pyramide, an den Ötzi oder die Himmelsscheibe von Nebra.

Der Architekt und Stadtplaner der Stiftung Berliner Mauer, Günter Schlusche, ist da eher nüchtern: Ja, sagt er, das werde natürlich recht spektakulär verkauft, aber wichtig und meldenswert sei es schon. Denn zur Erinnerung an das Unrecht der Teilung gehörten Gegenstände, Anlagen und Orte, die zeigten, wie genau diese Anlagen aussahen und das Leben der Stadt teilten. Und er sagt: "Es sieht für die meisten recht unspektakulär aus" und viele mögen diese "Entdeckung" auch vom Vorbeigehen kennen, wichtig aber sei, sie zu identifizieren - und zu sichern.

Günter Schlusche, Architekt und Plan an der Stiftung Berliner Mauer, steht an einem Stück Mauer an der Bernauer Straße gegenüber der Gedenkstätte
Bild: Privat

rbb|24: Herr Schlusche, vor einem Monat wurde in Mitte mal wieder eine alte Betonwand entdeckt, bei der sehr schnell klar wurde: Sie war Teil der Mauer. Wie oft ist das in den vergangenen Jahren passiert?

Günter Schlusche: Das kommt immer wieder vor – pro Jahr durchschnittlich drei bis vier Mal. Es gibt Teile der Grenzanlagen, die damals nicht beiseite geräumt oder vollständig abgerissen wurden oder wo etwas zusammengeschoben oder von der Vegetation überwachsen wurde. Das kann dann auch ganz unspektakulär sein. Oder besser: Es sieht für die meisten recht unspektakulär aus.

Damals, 1991/1992, beim Abriss der Mauer, hat man auf die sichtbaren, wirklich störenden Teile geachtet. Im Juni 1990 hatte man mit dem Abriss an der Ackerstraße angefangen. Damals ging es darum, die Mauer zu beseitigen, Platz und Wege zu schaffen, Verbindungen wieder herzustellen. Ein Beispiel für diese ganz unterschiedliche Bewertung - damals und heute - für das, was erhaltenswert ist, ist etwa der Postenweg zwischen den Mauern. Der ist damals nur nicht beseitigt worden, weil er kein Hindernis war. Heute ist dieser Weg in wichtigen Abschnitten ein geschütztes Baudenkmal.

Damals wollte man den Schrott weg haben. Heute gehört dieser Schrott zur Geschichte der Stadt.

Einen anderen Fall hatten wir jetzt im Januar, am jetzigen Mauerpark. Da waren in den späten 70er Jahren Fahrzeugsperren errichtet worden – ineinander verschränkte Stahlträger, die im Boden in Beton verankert waren. Die wurden 1991/92 ganz einfach abgesägt, die Verankerungen im Boden allerdings wurden nur zugeschüttet. Jetzt hat man diese Fundamentplatte mit den Stahlstümpfen bei Bauarbeiten gefunden, freigelegt und dokumentiert. Dann hat man die Betonplatte sehr sorgfältig ausgegraben und zwischengelagert, um sie später wieder vor Ort einzubauen. Man ist da heute ganz anders sensibilisiert. Damals wollte man den Schrott weg haben. Heute gehört dieser Schrott zur Geschichte der Stadt.

Die Mauer war sehr lang und auf vielen Grundstücken wird ja gerade jetzt, da Land immer teurer wird, gebaut - wann greift hier der Denkmalschutz ein?

Das wird von Fall zu Fall und vor Ort entschieden. Entscheidend ist das Berliner Landesdenkmalamt, mit dem wir als Stiftung sehr eng kooperieren. Im Fall dieser kürzlich entdeckten Mauer auf dem Grundstück an der Ida-von-Arnim-Straße hat das Landesdenkmalamt  einen sogenannten "Denkmalverdacht" geäußert und uns gefragt: Kann die Stiftung mehr dazu sagen? Wir haben gemessen, verglichen und dann gesagt: Diesen "Verdacht" können wir bestätigen: Dieses Mauerstück war Teil der "Vorfeldsicherungsmauer". In der Chausseestraße war nämlich ein Grenzübergang. Rund um diesen Übergang wurde die Mauer sehr stark und weiträumig gesichert, also auch das sogenannte "Vorfeld". All das ist Teil der Mauergeschichte und also denkmalschutzwürdig.

Gehört zu dieser Überprüfung auch so etwas wie die Suche nach verborgenen Überresten?

Wir haben schon vieles untersucht, aber wir können nicht überall suchen. Dazu haben wir nicht die Kapazität. Die Mauer um West-Berlin war 155 Kilometer lang. Wir gehen den Verlauf der Mauer nicht systematisch ab, sondern gucken beispielsweise: Wo an der Mauer oder in Mauernähe wird gebaut? Die Ida-von-Arnim-Straße hinter dem neu gebauten Komplex des BND wurde vor kurzem neu angelegt. Und der zweite Grund, warum hier ein wenig genauer geguckt wurde, war: Hier verläuft die Panke, allerdings unterirdisch verrohrt. Sie soll jetzt wieder in ein oberirdisches Flußbett verlegt und Teil einer Grünanlage werden. Also wird hier genau dort gebaut, wo die Grenzanlagen und die Mauer verliefen. Und wenn dann etwas entdeckt wird, dann werden wir angesprochen - etwa wenn Bauarbeiter etwas ausgraben, Privatleute etwas entdecken oder wenn Behörden auf etwas aufmerksam geworden sind.

Wenn so ein Stück gefunden wird, was heißt das für den Immobilienbesitzer?

Dann ist der Denkmalschutz gefragt. Das Landesdenkmalamt wendet sich dann in der Regel an uns und bittet uns als Stiftung um eine Einschätzung. Viele Eigentümer reagieren positiv, aber es kann auch passieren, dass Leute, die da weniger bewusst sind, die Schwierigkeiten befürchten oder nachlässig oder einfach unwissend sind und das dann ganz schnell abreißen, was sie da gefunden haben. Das kommt vor.

Der Postenweg zwischen den Mauern... ist damals nicht beseitigt worden. Er war ja kein Hindernis. Heute sieht man das anders. Heute ist dieser Weg in wichtigen Abschnitten ein geschütztes Baudenkmal.

Hinterlandmauer, Grenzmauer, Postenweg, Vorfeldmauer – da gibt es ja so einiges, was zur Mauer gehörte. Wie oft sagen Sie: Ja, das war Teil der Mauer, aber das kann weg?

Es gibt nicht nur diese zwei Möglichkeiten - es erhalten und zum Denkmal machen oder abreißen. Es gibt auch die Möglichkeit, es vorübergehend aus- und dann später wieder einzubauen. Wir machen zu jedem Befund eine Untersuchung oder veranlassen sogar eine archäologische Grabung und untersuchen: Wie besonders ist das, wie prägend war das? Natürlich kann es sein, dass die Empfehlung kommt: Nicht antasten! Vieles wird aber auch ganz einfach ausgebaut, temporär entfernt oder dauerhaft ausgebaut. Und das kommt dann in unser Depot hier an der Gartenstraße. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass hier sorgfältig in Form einer archäologischen Ausgrabung alles gesichert, dokumentiert und erfasst wird - und dass es dann endgültig beseitigt wird.

Wie geht das jetzt hier weiter?  Was passiert mit dem gefundenen Stück Mauer hinter dem BND?

An der Ida-von-Arnim-Straße hat jetzt das Landesdenkmalamt entschieden: Das wird unter Denkmalschutz gestellt! Nun wird das Denkmalamt mit dem Bezirk sprechen und voraussichtlich die Planung für die Renaturierung der Panke anpassen: Dieses Stück wird wohl in die Anlagen rund um das freigelegte Flussbett integriert.

Die Mauer und Mauerteile in Berlin sind ja immer auch Orte für touristisches Interesse. Gibt es da gerade Objekte, die Sie besonders beschäftigen?

Da gibt es aktuell ein Grundstück am Leipziger Platz. Da will der Bund bauen. Dieses Grundstück war damals ebenfalls Teil der so genannten Vorfeldsicherung, also ein Bereich in der Nähe des eigentlichen Grenzverlaufs auf der Ostseite. Hier befinden sich auf dem Gelände noch immer sehr große Leuchten, mit denen damals das Gelände vor der Mauer ausgeleuchtet wurde. Wir haben zu den Behörden und den Bauherrn Kontakt und bereits deutlich gesagt: Das sind Teile der Grenzanlagen, an denen wir interessiert sind, diese Anlagen müssen gesichert werden.

Wenn jetzt jemand so ein altes Stück Berliner Mauer entdeckt, hat er oder hat sie dann vielleicht die Chance, dort mit einer kleinen Inschrift verewigt zu werden oder gibt es für Mauerreste keine Belohnung?

Wir freuen uns natürlich sehr, wenn interessierte Bürger, Grundstückseigentümer oder Bauherren uns in einem solchen Fall ansprechen und um Beratung bitten. Wir zeigen uns dann dankbar, verleihen auch eine Urkunde und veröffentlichen das. Eine regelrechte Belohnung können wir allerdings derzeit nicht anbieten.

Das Interview führte Stefan Ruwoldt.

Die Mauer steht noch - manchmal sehr versteckt

Sendung: Abendschau, 13.08.2018, 19.30 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Es war auf jeden Fall mit 155 km Länge das längste und voluminöseste Bauwerk der DDR.

    Das war schon ein Ausdruck von bestimmten "Energien": Die DDR war am Erkennbarsten dort, wo es gegem vermeintliche äußere Feinde ging, während die Ebene tatsächlicher Gestaltung eher ins Hintertreffen geriet. Damit war die positive Utopie, die es ja anfangs sehr wohl gab, von vornherein perdu. Weil ein aufrechter Kommunist eben nur ein kämpfender Kommunist ist. Eine selbst zugelegte Zwangsjacke quasi.

    Bezeichnend jedoch, dass sich Freund und Feind, je heftiger sie gegeneinander antreten, ab irgendeinem Zeitpunkt annähern und in ihren verbalen Äußerungen wie Zwillinge erscheinen.

  2. 1.

    Der antifaschtische Schutzwall ist die grösste Errungenschaft der Kommunisten unter der Federführung Honneckers.

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