Ein Obdachloser sitzt in Berlin bei eisiger Kälte in einer U-Bahnstation. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: radioBerlin 88,8 | 17.09.2018 | BVG-Sprecher Markus Falkner | Bild: dpa/Paul Zinken

Sicherheitsproblem mit Nachtlagern im Winter - BVG will U-Bahnhöfe nicht mehr für Obdachlose öffnen

Jahrelang ließ die BVG im Winter ausgewählte U-Bahnhöfe 24 Stunden lang offen - um Obdachlose, die keinen warmen Schlafplatz finden, vor dem Erfrieren zu schützen. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

Kältebahnhöfe gab es seit Jahren jeden Winter in Berlin. So nannte die BVG ausgewählte U-Bahnhöfe, die für Obdachlose im Winter über Nacht offen blieben - auch wochentags. Im vergangenen Winter waren das die Bahnhöfe Südstern und Lichtenberg. Doch in diesem Jahr wollen die Verkehrsbetriebe mit der Tradition brechen. Derartige Überlegungen bestätigte BVG-Sprecher Markus Falkner dem rbb. Es gehe darum, "Situationen, die nicht beherrschbar sind - sowohl von Seiten der Menschen, die Zuflucht suchen, als auch von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - gar nicht erst entstehen zu lassen."

Zuerst berichtete die "Berliner Morgenpost" darüber. In der Zeitung hatte die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, angekündigt, dass es im kommenden Winter keine Kältebahnhöfe mit Sonderöffnungszeiten mehr geben werde. Als Begründung führt sie Sicherheitsbedenken an. Auch nachts bleibe der Starkstrom im Gleisbereich eingeschaltet - wegen Bauarbeiten und zum Rangieren der Züge. "Bei nicht selten mehreren Dutzend Menschen im Bahnhof, die oft unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, ist das buchstäblich lebensgefährlich", sagte Nikutta der Morgenpost.

Das Ziel: saubere und sichere Bahnhöfe

Nikutta verwies auch auf ihre Fürsorgepflicht gegenüber den BVG-Mitarbeitern, die in den  Kältebahnhöfen immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert worden seien. Pressesprecher Falkner betonte im Gespräch mit dem rbb: "Unsere Kundinnen und Kunden haben einen Anspruch darauf, dass sie morgens in einen Bahnhof kommen, der sich in einem vertretbaren Zustand befindet."

Berlin habe in den vergangenen Jahren so viele Übernachtungskapazitäten aufgebaut, dass es keinen Bedarf mehr für die Kältebahnhöfe gebe, argumentiert die BVG. Im vergangenen Winter standen bis zu 1.264 Plätze zur Verfügung. 2014 waren es nach Angaben der Berliner Kältehilfe erst 500 Schlafplätze.

Die BVG sei sich ihrer sozialen Verantwortung aber bewusst: Man werde niemanden einfach auf die Straße in die Kälte schicken, versicherte Nikutta. So könnten beispielsweise BVG-Sicherheitsmitarbeiter die Notübernachtungen anrufen, die dann einen Wagen vorbeischicken. Außerdem unterstütze das Unternehmen soziale Projekte, wie etwa die Arbeit der Bahnhofsmission.

BVG in der Kritik

Bei Politikern trifft die Entscheidung der BVG auf Kritik: Thomas Seerig, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, nennt sie "nicht nachvollziehbar". Die Gefahr des Stroms im Gleisbett und auch hygienische Probleme habe es schon in den vergangenen Jahren gegeben. Beides habe die BVG bislang nicht von der Öffnung der Kältebahnhöfe abgehalten.

Auch Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) ist laut Morgenpost skeptisch: Trotz der Übernachtungsangebote der Kältehilfe gäbe es Obdachlose, die in die Bahnhöfe gehen. Deshalb brauche man die Kältebahnhöfe weiterhin. Das sieht auch Maik Penn, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, so: Es solle weiterhin Bahnhöfe geben, "in denen man halbwegs Schutz suchen kann". 

Die Caritas schließt sich der Kritik an: Die Bahnhöfe in Winternächten nicht zu öffnen, sei ein Ausdruck zunehmender sozialer Kälte und grenze Menschen am Rand weiter aus. Die Berliner Vorsitzende des Wohlfahrtsverbands, Ulrike Kostka, forderte die BVG auf, ihre Entscheidung zu überdenken.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die aufgrund ihres Amts auch den Vorsitz im BVG-Aufsichtsrat inne hat, verteidigte hingegen die Entscheidung der Verkehrsbetriebe. "Die BVG wird ihren Beitrag zur Unterstützung der Kältehilfe leisten, aber grundsätzliche Lösungen zu Wohnungslosigkeit kann nicht Aufgabe der BVG sein. Wir erwarten im Rahmen der Strategiekonferenz Wohnungshilfe gemeinsame Lösungen auf diese drängenden Fragen", hieß es in einer Mitteilung.

Hygieneprobleme schon im Winter 2016/17

Schon Anfang 2017 hatte die BVG vom Senat mehr Schlafplätze für Obdachlose in Notunterkünften gefordert, weil bereits im Winter 2016/17 die Zahl der Menschen anstieg, die in den geöffneten U-Bahnhöfen übernachteten. Die U-Bahnhöfe seien aber nur als Notoption gedacht, so die BVG. Wenn sie von immer mehr Menschen als Schlafplatz genutzt würden, führe das zu Hygieneproblemen, weil Toiletten und sanitäre Anlagen fehlten. Zudem sei das BVG-Personal auch mit der teilweise schwierigen Klientel überfordert.

Kommentar

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30 Kommentare

  1. 30.

    Ich finde die Entscheidung der BVG ziemlich herzlos und zeigt die Soziale Kälte in Berlin.

  2. 29.

    Zu mehr hat es sehr wohl gereicht. Doch wurde mein kompletter Beitrag nicht angezeigt. Hier zu Ihrer Frage, auch ich bin der Auffassung die BVG ist keine Auffangstation für gestrandete Personen. Jahrelang hat sie sich bereiterklärt zur Offenhaltung von einigen Stationen. Angefangen hat es damit als es einen Winter gab mit 20 Grad minus Temperaturen. Jetzt ist der Senat gefordert und nicht die BVG, diesen Ansturm an Obdachlosen Herr zu werden. Obendrein vermisse ich die polnischen Sozialarbeiter, die ihre Landsleute zur Rückkehr in ihre Heimat ermutigen sollen. Da ist noch reichlich Handlungsbedarf.

  3. 28.

    Wie immer geht es nur ums Geld. Wer zahlt hat Rechte...wer mehr zahlt hat noch mehr Rechte??? Und was ist mit Mitleid, Menschlichkeit, Fürsorge und Demut???

  4. 27.

    Das ist keine Lösung. Es sei denn die Hauptstadt ändern endlich ihre Politik und schaft mehr Schlafplätze und Schutzräume für Obdachlose. Sonst wird es in Berlin nächsten Winter noch mehr Tote Obdachlose geben.

  5. 26.

    Zu mehr hat es wohl nicht gereicht, ....
    Das zeugt aber von wirklich sehr hoher Intelligenz von Ihnen. Dagegen sind alle Anderen ...
    Schade, ich hätte gerne etwas mehr zu dem Thema BVG von Ihnen gehört, aber, da kam wohl nichts mehr, denn mitten im Satz war Schluss.

  6. 24.

    Das ist schlimm für manche Obtachlose, aber die BVG ist ein Verkehrsunternehmen und keine Soziale Einrichtung. Man darf nicht vergessen das zahlende Kunden, und es sind Kunden der BVG für ihre Fahrt bezahlen, und erwarten daß die U-Bahn und dessen Bahnhöfe sauber sind. Und wer in den letzten Jahren den U-Bahnhof Hansaplatz genießen durfte weiß was ich meine. Da hat sich nee echte Drogen und Alkoholkerszene entwickelt. Dreiviertel von denen waren Osteuropäer und haben sich an keiner Regeln gehalten (überall hin Pinkel war da noch daß geringste Problem). Soll der Senat doch ihr Roter Rathaus im Winter auflassen, dann kann Herr Müller gleich Mal sehen das Berlin auch noch andere Probleme hat als immer nur Flüchtlinge, denn die bekommen sie ja komischer Weise auch untergebracht. Und die Osteuropäer sollen in ihren Botschaften übernachten!!! Ich kann die BVG voll und ganz verstehen.

  7. 23.

    Ich habe nicht davon geschrieben, dass ich Sie für irgendwas verantwortlich mache. Ich habe nur auch geantwortet, was Sie - mit Anführungsstrichelchen versehen - ausführen.
    Aber, da gehen Sie mit Ihrem Freund im Geiste gleich, der versteht auch nur das, was er verstehen will.
    Wir Berliner sollten die BVG unterstützen im Kampf gegen den Dreck und dem Gestank.
    Soetwas, was sich hier im Untergrund dem Bürger, dem Touristen bietet, habe ich weder in New York, Tokio, Paris oder London gesehen.

  8. 22.

    Herr Heisig, wo habe ich geschrieben, dass die BVG für die Obdachlosen zuständig ist? Auch stimme ich Ihnen zu, das es überhand genommen hat an verdreckung auf den Bahnhöfen. Keine Frage. Damals als die BVG einige Tore öffnete für diesen Personenkreis, waren es um die 20 Grad minus draußen. Ich erinnere mich noch gut. Ist Jahre her und somit hat die BVG ihre Hilfsbereitschaft mehr als deutlich gezeigt. Nun müssen andere Stellen entscheiden wie weiter zu verfahren ist.

  9. 21.

    Lieber Lackierer, für die "vielfältigen Gründe, weshalb Menschen ins Abseits geraten" ist nicht die BVG schuld.
    Wer einmal Nachts den Südstern, oder andere Bahnhöfe der Linie 7 betritt, dem wird kotzübel. Nicht nur ob des Urin- und Kotgestankes. Sicher, einige sind ohne Schuld ins Abseits gestürzt, der überwiegende Teil durch eigenes Verschulden.
    Nun kann aber auch nicht die BVG all das Tragische auf Kosten der bezahlenden Fahrgäste schultern.
    Ich plädiere auch dafür, dass nach Betriebsschluss die Bahnhöfe angeschlossen werden und sämtlicher Unrat beseitigt und damit die U-Bahn wieder attraktiver wird.

  10. 20.

    Die Kernkompetenz der BVG liegt nicht in der Bereitstellung von Schlafplätzen für Obdachlose. Ebenso ist es nicht die Aufgabe des Senats, sich um osteuropäische Obdachlose zu kümmern.
    Ich empfinde nicht die Anwesenheit der Obdachlosen als Zumutung, sondern deren Verhalten. Vollgespisste und gekotete Ecken, berauscht von Alkohol und anderen Drogen, teilweise pöbelnd, teilweise Fahrgäste belästigend. Ich bin oft am U/S Bahnhof Tempelhof, Herrmanstraße und anderen Stationen. Im vergangenen Jahr war die Situation teilweise unerträglich. Ich wurde mehrfach von völlig fremden Frauen angesprochen und gebeten sie an den meist osteuropäischen (sie haben geredet, daher das Wissen das es Osteuropäer waren) Obdachlosen vorbei zu eskortieren, weil sie belästigt wurden. Davon abgesehen wiederhole ich mich gerne dahingehend, das kein deutscher Staatsbürger obdachlos sein muss. Es gibt ausreichend entsprechende Sozialleistungen und Hilfen. Da sehe ich eher die Obdachlosenhilfen in der Pflicht.

  11. 19.

    @Viren G

    Ihr Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf . Ich bin voll und ganz Ihrer Meinung !! Warum muss ein Verkehrsunternehmen für die sozialen Probleme eines Landes zuständig sein !!?? Dafür sollte es andere Lösungen geben.

  12. 18.

    Ich wäre sehr erleichtert, wenn die U-Bahnhöfe keine "Wohnplätze" mehr wären. Die BVG ist nicht für die Unterbringung bedürftiger Menschen zuständig. In früheren Jahren hat mal jemand dort geschlafen und sich ruhig verhalten. Das hat sich ünerall stark verändert, die Wohnungslosen sind nicht mehr die gleichen, wei wr wissen.

  13. 17.

    Danke.

    @ Wolfes:

    Hab ich nicht. Im Grunde kannte ich bis kurz vor seinem Tod selten seinen jeweiligen Aufenthaltsort.
    Und selbst wenn: Für diverse Schläge war ich ihm was schuldig.
    Klar könnte man daraus nun einen generellen Hass auf Obdachlose konstruieren, der aber nicht vorhanden ist.
    Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Schade, dass diese Weisheit heutzutage als unmodisch gilt (und man stattdessen immer wieder nach irgendeiner Gemeinschaft ruft, welche die Folgen eigenen Fehlverhaltens abschwächt. Quasi ein Religionsersatz für Unbelehrbare).

  14. 16.

    Ihre Unterstellung finde ich nicht angebracht. Es gibt vielfältige Gründe, weshalb ein Mensch ins Abseits gerät. Darüber sollten Sie mal nachdenken. Personen, die sich freiwillig von Ihrer Familie lossagen und ihren eigenen Weg gehen z.B.

  15. 15.

    Ein Schritt in die richtige Richtung. Auch sollten die Bahnhöfe in der betriebslosen Zeit verschlossen werden. Alle!
    Letztlich bezahlen wir alle durch die ständig steigenden Fahrpreise die Beseitigung all des Drecks und Unrats.
    Vollgepisste Fahrstuhl, Kot in den Ecken, Spritzen, blutige Lappen, der Gestank - Nein, da kann man der BVG nur beglückwünschen, dass sie etliche etwas dagegen unternimmt.
    Einzig, der Aufstand der Sozialromantiker und der guten Menschen könnten das lobenswerte Vorhaben der BVG noch stoppen. Die sollten aber kein Hinderungsgrund sein, die BVG zu stoppen. Für ein sauberes Berlin!

  16. 13.

    Jedem seine Meinung, aber ich kann nur mit dem Kopf schütteln! Das wird der Warmherzigkeit der BVG einige Federn kosten..!
    Die Wohnungslosen sind die ruhigste Gruppe unter vielen, die versuchen zu überleben. Wen stört es wenn sie auch noch um 8 Uhr am Pfeiler liegen und einfach noch am Leben sind - mich nicht!
    Viel schlimmer ist die Nichteinhaltung (Durchsetzung)der Hausordnung an manch sehr gut frequentierten U-Bahnumsteigebahnhöfen - hier sollte man reagieren und aggieren. Nur ein Beispiel wäre der Bahnhof Neukölln, hier stinkt es so sehr nach Rauch und Alkohol, daß man ihn am Besten meiden will. Das Ganze früh um viertel/halb 6, wo man noch rasch umsteigen muß - furchtbar. Und es sind keine Obdachlose, ganz sicher nicht.
    Wenn das wirklich so kommt hat die BVG einen Fan weniger....

  17. 11.

    Die Liberalen dürfen gern Mitleid zeigen, nur ersehe ich diesen in so einem Fall als vorgegaukelt. Die FDP ist nicht gerade bekannt dafür den Mittelstand oder die Armut zu bekämpfen... Im Gegenteil, sie subventionieren gerne die „schönen und Reichen“. Das einzige was ich der FDP jemals anrechnen werde ist die Abschaffung der Praxisgebühr.

    Zum Thema selbst: Traurig dieser Schritt und die Argumente finde ich auch etwas dünn, insbesondere das mit der Stromschiene. Als könne man die nicht ausschalten in bestimmten Bereichen. Und wenn sich die BVG allein gelassen fühlen sollte, dann können sie doch einfach mal etwas Druck auf den senat ausüben. Wir öffnen Bahnhöfe im Winter wenn die Bahnhöfe betreut werden.

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