Eine Kriminaltechnikerin sichert Spuren an einem Zugang zum Tempelhofer Feld an der Oderstraße.
Video: Abendschau | 10.09.2018 | Boris Hermel | Bild: dpa/Paul Zinken

Obduktionsergebnis - Clan-Mitglied Nidal R. wurde von acht Kugeln getroffen

Mehrere Täter haben am Sonntag in Neukölln auf den Intensivtäter Nidal R. geschossen und ihn getötet. Am Montag gab die Generalstaatsanwaltschaft das Obduktionsergebnis bekannt: Tod durch inneres Verbluten. Die Polizei ermittelt - und will Racheakte verhindern.

Nach den tödlichen Schüssen auf einen 36-Jährigen aus dem Berliner Clan-Milieu hat die Generalstaatsanwaltschaft am Montagnachmittag das Obduktionsergebnis bekannt gegeben. Der am Sonntagabend erschossene Nidal R. starb durch inneres Verbluten, wie die Ermittler erklärten. Er sei von acht Schüssen getroffen worden, diese hätten vier innere Organe verletzt.

Die Zeugenvernehmungen zu der Tat dauerten an, hieß es. Unter anderem werde Bildmaterial vom Geschehen ausgewertet.

Polizei und Staatsanwaltschaft fahnden, so der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, "mit Hochdruck" nach den Tätern. Nidal R. wurde demnach in der Oderstraße am Tempelhofer Feld "im Beisein seiner Familie" angeschossen und starb wenig später im Krankenhaus.

Nach Angaben Steltners liefen zunächst vier Personen auf R. zu, dann seien aus der Gruppe Schüsse auf ihn abgegeben worden. Zeugen alarmierten Polizei und Rettungskräfte. Die Täter konnten unerkannt flüchten. Eine Mordkommission ermittelt.

Der polizeibekannte Intensivtäter Nidal R. wird dem kriminellen Clan-Milieu zugerechnet. Die Polizei teilte mit, der Mann sei im Libanon geboren, seine Staatsangehörigkeit sei ungeklärt.

"Wir müssen Licht ins Dunkel bringen"

Die Polizei will nun Racheakte verhindern. Berlin habe "exzellente Szenekenntnisse", doch Gewaltexzesse ließen sich nicht immer verhindern, sagte der Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt, Sebastian Laudan, am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. In dem Fall stünden die Ermittlungen erst am Anfang. "Wir müssen Licht ins Dunkel bringen." Das Tatmotiv ist noch unklar, es wird aber über Rivalitäten konkurrierender Familien und persönliche Rache spekuliert.

Berlins bekanntester Intensivtäter Nidal R. erschossen

Menschenmenge am Campus Benjamin Franklin

Zwischenzeitlich hätten die Ermittler einen Mann unter Verdacht gehabt, dieser habe sich aber nicht erhärtet, so Steltner. Eine heiße Spur gibt es noch nicht. Die kurz nach der Tat getwitterte Information, es sei ein Verdächtiger festgenommen worden, war laut Polizei falsch.  

Vor dem Krankenhaus Benjamin Franklin in Steglitz, in das der angeschossene Mann gebracht worden war, versammelte sich am Sonntagabend eine aufgebrachte Menge von rund 150 Personen. Mit einem Großaufgebot bewachte die Polizei das Gebäude. Zunächst hieß es, vor Ort seien Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Ein Polizeisprecher betonte am Montag allerdings, es sei keine Sachbeschädigung an dem Krankenhaus registriert worden. Allerdings wurde ein Kamerateam des rbb beim Filmen bedroht. Auch Anwohner berichteten, dass die versammelten Angehörigen aggressiv aufgetreten seien.

Nidal war bereits als Jugendlicher kriminell

Nidal R. soll bereits im Alter von zehn Jahren erste Straftaten verübt haben, war damals aber noch strafunmündig. Seit seinem 15. Lebensjahr stand er immer wieder vor Gericht - aus
Jugendschutzgründen wurde unter dem Namen "Mahmoud" über ihn berichtet. Anklagen lauteten auf Körperverletzung, Raub, Bedrohung, Nötigung, Drogendelikten sowie Fahrens ohne Führerschein, Gefährdung des Straßenverkehrs und Unfallflucht.

Seine kriminelle Karriere war auch Auslöser für die Staatsanwaltschaft, eine Spezialabteilung für jugendliche Intensivtäter zu gründen.

Eine Abschiebung in den Libanon scheiterte 2004 wegen ungeklärter Staatsbürgerschaft. Der Mann verbrachte viele Jahre hinter Gittern. Zuletzt wurde er im Mai 2014 zu dreieinhalb Jahren Haft wegen mehrerer Verkehrsdelikte verurteilt. Schon im November 2010 war auf den damals 28-Jährigen in Neukölln geschossen worden, kurz nach einer damaligen Haftentlassung. Er war damals nur leicht verletzt worden.

"Wir ermitteln nicht gegen Familien, sondern gegen Straftäter"

Sebastian Laudan vom Landeskriminalamt verwies am Montag auch auf zahlreiche Aktionen gegen kriminelle Mitglieder von arabischstämmigen Clans wie Durchsuchungen, Beschlagnahmungen von Immobilien und Autos in den vergangenen Wochen. Zugleich betonte Laudan: "Wir ermitteln nicht gegen Familien, sondern gegen Straftäter." Den Clan-Begriff verwende die Polizei nicht, er sei stigmatisierend.

Zur sogenannten arabischen Liga zählt das LKA demnach etwa 138.000 Einwohner, davon seien 36 Prozent deutsche Staatsbürger. 13 Ermittlungskomplexe wie Eigentumsdelikte, Rauschgifthandel und Schmuggel bezogen sich auf diese Personengruppe. Zunehmend hätten es die Ermittler mit "multifunktionalen Tätern" zu tun, die auch im Internet aktiv würden. Zudem formiere sich die Rapperszene neu und wachse. Es gehe um sehr viel Geld, Macht und Einfluss, sagte Laudan. Mit Sorge werde auch eine "Tendenz zur Bewaffnung" beobachtet.

Sendung: Abendschau, 10.09.2018, 19.30 Uhr

Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. 

Das könnte Sie auch interessieren