Symbolbild: Bettzeug auf einem Bett (Quelle: imago/pencake )
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Gerichtsreportage - Kind stürzt vom Hochbett: Eltern zu Geldstrafe verurteilt

Wegen fahrlässiger Tötung ihrer achtjährigen Tochter muss ein Elternpaar insgesamt 2.700 Euro Strafe zahlen. Sie hatten ein Hochbett gebaut - aber kein Geländer angebracht. Nach dem tödlichen Sturz nahm das Gericht die Familie unter die Lupe. Von Ulf Morling

Seit einem dreiviertel Jahr hatten die drei Kinder des angeklagten Elternpaares in einem ungesicherten Hochbett geschlafen - das gaben die 30-jährige Mutter und der 40-jährige Vater im Prozess am Amtsgericht Tiergarten ohne Umschweife zu.

In der Nacht zum 8. Februar dieses Jahres stürzt ihre achtjährige Tochter Lisa* im Schlaf von der obersten Etage in rund 2,30 Meter Höhe. Sie fällt auf einen Tisch, eine Duftlampe zerspringt, und die Scherben durchtrennen die Halsschlagader des Kindes. Wegen "fahrlässiger Tötung durch Unterlassen" werden die Eltern am Mittwoch zu einer Geldstrafe von je 90 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt.

Die Eltern hätten "das gefährliche Hochbett nicht abgesichert", seien als Eltern aber besonders verpflichtet gewesen, ihr Kind vor Gefahren zu schützen, so die Richterin im Urteil. Es sei kein klassisches Augenblicksversagen gewesen, das es möglich gemacht hätte, die Eltern straffrei ausgehen zu lassen. Sie seinen mit dem Tod ihres Kindes schon genug bestraft, betonte die Richterin. Es sei ein "ausgesprochen tragischer und schrecklicher Vorfall" gewesen.

Material für Fallschutz stand im Kinderzimmer

Ein Berg von Papiertaschentüchern liegt nach dem Urteilsspruch im Mülleimer des Gerichtssaales. Alles ist gerade einmal sieben Monate her. "Wie viele Kinder haben Sie?", fragt Richterin Andrea Wilms zu Beginn der Verhandlung. "Wir hatten drei", sagt Monika L.* leise und schnieft. "Brauchen Sie ein Taschentuch?", fragt die Richterin weiter. "Ja, bitte", sagt die angeklagte Mutter, und auch der mitangeklagte Lebensgefährte nimmt ein Taschentuch und versucht, sich die Augen trocken zu wischen.

Ein dreiviertel Jahr lang hatten die drei Kinder der angeklagten Elternpaares in einem selbst gezimmerten Hochbett geschlafen. Lisa schlief ganz oben. Unter ihr die kleine Schwester Linda* und ganz unten die angeklagte Mutter. Der kleine Bruder Lars* schlief in einem ebenfalls selbstgezimmerten Kinderbett.

In der Nacht zum 8. Februar passierte der tragische Unfall. "Ich bin aufgewacht, weil es schrecklichen Krach gab", sagt Monika L. Sie habe im Dunkeln herum getastet und etwas Feuchtes gespürt und dann Lisas Körper. Als sie Licht angemacht habe, habe sie einen Schock erlitten: Ihre älteste Tochter habe leblos und blutüberströmt vor ihr gelegen. Damit die beiden kleineren Kinder nicht erschreckten, habe sie Lisa in den Flur getragen und sofort die Feuerwehr alarmiert.

Familie war bei Jugendamt bekannt

"Das Kind war eigentlich schon klinisch tot, als wir eintrafen",  sagt ein sichtlich bewegter Polizist als Zeuge im Gerichtssaal. An der Wand des Kinderzimmers hätte das Material zum Anbau des Fallschutzes an das Hochbett gestanden. "Wir haben das alles noch geplant", so Erich E., der Vater. Die Kinder hätten sich das Hochbett wie eine Höhle gewünscht, mit Brettern, die man mit Rollen auf einer Schiene bewegen und damit das 2,50 Meter hohe Bett verschließen könne. "Zeit und Geld hatten uns noch gefehlt, es fertigzustellen", sagt der ALG-II- Empfänger und hält sich wieder ein Taschentuch vor das Gesicht. Er weint und kann nicht mehr. Die Richterin ordnet eine zehnminütige Pause an.

Nachdem die Ärzte den Kampf um Lisas Leben einen knappen Tag nach dem Unfall aufgegeben hatten, ist der tragische Tod auch Thema auf den Dienststellen der Polizisten, die tags zuvor zum Unfallort gerufen worden waren. Alle sind betroffen und hilflos, bis ein Beamter sich erinnert, bereits schon einmal früher in der Lichtenberger Unglückswohnung gewesen zu sein: Acht Jahre vor Lisas Tod habe es einen Einsatz wegen Vermüllung gegeben: "Die Wohnung war voller Abfälle, es stank", so der Zeuge.

Wohnung völlig vermüllt

Monika L. habe ein Kind auf den Armen getragen und sei hochschwanger gewesen. "Es wurde damals ein langer Bericht ans Jugendamt geschrieben", so ein Polizist. Auch noch im Februar 2018 war der Zustand der Wohnung nicht besser: Noch nie habe er so eine Wohnung in 20 Dienstjahren gesehen, in der auch noch drei kleine Kinder hätten leben müssen. Es habe regelrechte Pfade zwischen den hüfthohen Müllbergen gegeben. Überall hätten Lebensmittelreste herumgelegen, ungewaschene Kleidung, im Wohnzimmer sei ein Terrarium mit einer Würgeschlange aufgestellt gewesen. Ein kleiner Hund habe immer wieder Essensreste vom Boden gefressen. Es habe gestunken wie auf einer Müllhalde. Die Kinder allerdings hätten wohlgenährt ausgesehen und seien in keiner Weise auffällig gewesen, was auch ein Arzt bestätigt habe.

Das Jugendamt nahm noch am Tag von Lisas Tod deren beide Geschwister in Obhut. Die ältere Schwester der angeklagten Mutter durfte die Kinder vorläufig beherbergen, Monika L. lebt seitdem auch mit den beiden Kindern bei ihrer Schwester. Ab Oktober werden die angeklagten Eltern wieder mit ihren beiden Kindern in einer neuen Wohnung zusammen leben. Zuvor muss Erich E. die Wohnung noch entmüllen, in der sie zuvor lebten und in der das tödliche Drama geschah.

In ihren letzten Worten vor dem Urteil hatten beide Elternteile sehr emotional versichert, wie sehr sie ihre verstorbene Tochter liebten: "Ich habe das mit dem Hochbett nicht mit Absicht getan oder mutwillig. Ich habe Lisa geliebt, egal, wie es bei uns zu Hause aussah", sagt Monika L. unter Tränen. Und Lisas Vater fügt hinzu: "Ich weiß, was ich getan hab. Das Jugendamt wird uns kontrollieren."

* Name geändert

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Auch wenn diese Eltern scheinbar Schwächen in der Sozialisation haben, aber der Verlust des Kindes durch eigenes Verschulden ist die größte Strafe für sie.
    Es war wahnsinnig unbedacht, aber was die Meisten von uns vergessen: Wir sind alle Menschen und Menschen machen Fehler. Leider auch Fehler, die tödliche Folgen haben.
    Wer fehlerfrei ist, werfe den ersten Stein.

  2. 2.

    Ich sehe in den Eltern ein recht großes Unvermögen, mit der Welt zurechtzukommen. Vermutlich würden sich beide sehr aufregen, wenn bspw. eine S-Bahn ohne Türen in Dienst gestellt würde mit der Begründung, der umgehende Einsatz der Züge sei wichtiger, als sie auch noch hundertprozentig fertigzustellen.

  3. 1.

    Bei allem Verständnis für schwierige Familiensituationen: Dies Urteil ist zu milde und nicht nachzuvollziehen.

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