Ein Flüchtling fährt mit dem Zug Richtung Deutschland (Quelle: dpa/Lueddemann)
Audio: Inforadio, 08.09.2018, Martin Adam | Bild: dpa/Lueddemann

Traumatisierte Kinder an Berliner Schulen - Nur Deutschunterricht reicht nicht

Kinder, die Krieg, Verlust und Flucht erfahren haben, stellen Lehrer und Schulen vor besondere Herausforderungen. Zwar stehen vielen Berliner Schulen ausgebildete Psychologen zur Verfügung, aber oft nur für wenige Stunden. Von Martin Adam

In den Gängen herrscht Ausnahmezustand. Ein Schüler rennt quer durch den Raum, ein paar Mädchen schreien ihn an, er rutscht aus und mitten in ihre Gruppe rein. Alle lachen. Es ist große Pause an einer Gemeinschaftsschule in Berlin. Etwas abseits sitzt Linda Schröter* in einem leeren Klassenraum und bereitet die nächste Stunde vor. Natürlich sind auch an ihrer Schule viele Kinder, die bis vor Kurzem noch gar nicht in Berlin gelebt haben, sagt sie. Darunter viele, die nach Deutschland geflüchtet sind und jetzt, nach der Willkommensklasse, in regulären Klassen zusammen mit allen anderen lernen.

"Das ist ein ganz breites Spektrum", sagt sie. "Ich erinnere mich an einen Schüler, der hat sich innerhalb von drei Jahren zum Klassenbesten gemausert und dann einen entsprechend guten Schulabschluss geschafft." Genauso gebe es auch Schüler, die Schwierigkeiten haben. "Einfach weil die Zeitspanne, um vernünftig Deutsch zu lernen, viel zu kurz ist."

Alle Kinder, die Gewalt ausüben, haben selbst auch Gewalt erfahren

Linda ist 29. Seit gut vier Jahren unterrichtet sie hier, von der vierten bis zur neunten Klasse. Sie sei noch nah genug dran am Studium, um sich zu erinnern, sagt sie. Aber für diese Situation gibt es nicht viel zu erinnern. Auf Kinder mit Traumata, Kinder aus Kriegsgebieten und mit Fluchterfahrungen sei sie im Studium überhaupt nicht vorbereitet worden.

"In einigen Situationen merkt man schon, dass Schüler mehr in sich gekehrt sind oder vielleicht anders reagieren als man es erwarten würde." Bei Klassenstärken von 25 Schülern sei es aber kaum möglich, auf jeden so einzugehen, wie er oder sie es bräuchte. "Man kann nicht immer differenzieren, ob ein Verhalten gerade am Fluchthintergrund liegt oder einfach etwas ist, was den Schüler nur momentan beschäftigt."

Aggressive Reaktionen sind die großen Ausnahme

Im Berliner Zentrum Überleben kümmert sich Simone Wasmer um Kinder, die Krieg, Folter und Misshandlungen erlebt haben. Sie sagt, Trauma ist ein viel zu unscharfer Begriff. "Im klinischen Sinne heißt das, jemand erfüllt eine bestimmte Symptomatik. Also in der Regel haben sie Albträume, Schlafstörungen, Ängste, Nachhallerinnerungen – sogenannte Flashbacks – also Gedanken, die sich plötzlich unkontrolliert aufdrängen." Diese Erinnerungen würden so plötzlich auftreten und seien so überflutend, dass der Betroffene gar nicht realisiert, dass es sich um Vergangenes handelt. "Und er reagiert dann dementsprechend als würde er das gerade nochmal erleben."

Zudem sind Fälle selten, in denen Kinder nur ein Trauma haben. Meist haben sie mehrere schlimme Erlebnisse zu verarbeiten. Ob sich ein Kind zurückzieht und verstummt oder aggressiv wird, ist dabei überhaupt nicht vorhersehbar. Dementsprechend können Lehrer und Erzieher das Verhalten oft nicht deuten.

Müssen sie aber, sagt Annegret Lauffer. Sie leitet das Pestalozzi-Fröbel-Haus und bildet dort Erzieherinnen und Erzieher aus – seit diesem Jahr mit dem speziellen Studienschwerpunkt Traumapädagogik. "Alle Kinder, die Gewalt ausüben, haben selbst auch Gewalt erfahren", erklärt Lauffer. Aber "Kinder, die traumatisiert sind, die fallen häufig dadurch auf, dass sie unglaublich wissbegierig sind, dass sie das wettmachen wollen, dass sie monate-, zum Teile jahrelang unterwegs waren, bis sie dann hier gelandet sind." Die, die aggressiv auffallen, seien die großen Ausnahmen.

Es braucht mehr als nur den Willen zur Hilfe

Darauf muss in der Schule eingegangen werden. Allerdings könnten Erzieher und Lehrer nur erkennen und Hilfe organisieren, sagt Lauffer. Ausgebildete Psychologen können sie nicht ersetzen, das sei sogar gefährlich. "Das käme einer Retraumatisierung gleich." Für eine richtige Therapie braucht es schon einen ausgebildeten Psychologen.

Ja, es gebe an ihrer Schule auch einen Schlupsychologen, sagt Lehrerin Linda Schröter. Allerdings käme der nur einmal im Monat für ein paar Stunden. Am Ende sei eben doch sie für ihre Schüler verantwortlich. Zeit, um selbst zu verdauen, was ihr die Kinder erzählen, bleibt da kaum: "Man nimmt das schon ab und zu mit nach Hause. Aber ich glaube, die Zeit die mich das emotional beschäftigt, nutze ich dann lieber, um die Koordination zu übernehmen und zu schauen, dass da was passiert."

Wenn Kinder ihre Erlebnisse verarbeiten sollen, statt sie zu herunterzuschlucken oder durch Gewalt auszuleben, braucht es mehr Psychologen mit mehr Zeit. Da sind sich Linda und Annegret Lauffer einig. Zudem fehlen Hilfsangebote, die leichter zugänglich sind, sowie mehr Geld für die Ausbildung und nicht nur den unbedingten Willen, Kinder mit Fluchterfahrungen so schnell es geht in gemischte Klassen zu schicken. Ohne richtige Hilfe werden viele von ihnen, noch sehr lange an ihren Belastungen zu tragen haben.

*Name von der Redaktion geändert.

Kommentarfunktion am 09.09.2018, 15.50 Uhr geschlossen. 

Beitrag von Martin Adam

12 Kommentare

  1. 12.

    Sie sollten sich besser informieren. Die von Ihnen angesprochenen Menschen sollen nicht nach Syrien abgeschoben werden. Der Bürgermeister von Frankfurt (Oder) lässt prüfen, ob sie in andere Landkreise umgesiedelt werden können.

  2. 11.

    Es geht in dem Bericht um von Krieg und Flucht traumatisierte Kinder. KINDER. Wie eiskalt und unglaublich hartherzig sie hier versuchen ihre "Ausländer-raus-Parole" immer wieder loszuwerden. Ich schäme mich für Sie!

  3. 10.

    Emotionale Intelligenz und christliche Nächstenliebe gehören scheinbar nicht zu Ihren Stärken.

  4. 8.

    Ich glaube, da irren Sie. Es gibt eine höchstrichterliche Entscheidung, es ist nicht erforderlich, daß ein Land in toto befriedet sein muss. Es ist zumutbar, daß der Migrant dann in die Gegend zurückkehrt, in der kein Krieg ist.

    Auch nach Syrien wird zur Zeit abgeschoben. Der Bürgermeister von Frankfurt/Oder (Linkspartei) will jetzt 20 Syrer abschieben.
    Es kommt halt auf den Einzelfall an. Nur die wenigsten können die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben bei der Abschiebung nach Syrien wirklich geltend machen. Aus dem Libanon kehren zur Zeit Tausende von Syrern zurück in ihre Heimat.

  5. 7.

    Bei solchen dummen Kommentaren wünsche ich mir die Mauer zurück. Selber auf Kosten der Westdeutschen Ostmark in richtiges Geld umgetauscht, Häuser für wenig Geld zu Ostzeiten gekauft und jetzt über jeden Cent zetern der an Flüchtlinge geht.
    Dann noch die Leute zurück zu Assad und seinen Folterknechten schicken wollen, da frag ich mich ob Sie eigentlich erst denken oder nur AFD Parolen von dich geben.

  6. 6.

    Das wäre aber eine sehr einseitige Betrachtungsweise. Viele, wenn auch nicht alle, haben Qualen und Todesdrohungen erfahren, weil sie nicht systemkonform waren und eine andere freie Meinung haben. Nicht nur das Idlib Gebiet ist für sie Asylanten ist tabu, sondern das ganze Lanze Land des Terror Fürsten. Daher haben sie Asyl und sollten sich integrieren.

  7. 5.

    In Syrien und im Irak ist der Krieg weitestgehend zu Ende. Die Syrer müssen ja nicht gerade in das vergleichsweise kleine Gebiet von Idlib zurückgehen, welches der syrische Präsident Assad gerade in sein Staatsgebiet zurück eingliedert.

    Die Migranten hier spüren, dass sich der Wind gedreht hat und ein großer Teil der hiesigen Bevölkerung dir massenhaften Ansiedelung von Migranten ablehnend gegenüber steht.

    Die laufenden Rückkehrprogramme der Bundesregierung müssen daher intensiviert werden, im beidseitigen Interesse. Eine Traumata-Behandlung ist mithin am erfolgreichsten im Heimatland.

  8. 4.

    Und je älter diese Kinder werden, desto bewußter wird ihnen werden, was für ein kalter Wind ihnen entgegenschlägt, weil so viele sie ablehnen und nicht hier haben wollen. Und da es ohnehin schon an allen Ecken brennt (Jugendämter, Kitas, Schulen usw.) werden die erforderlichen Maßnahmen viel zu wenig erfolgen können. Das ist sehr schlimm. Eine Strategie muss her, eine Offensive und Pläne, die endlich umgesetzt werden können. Sonst wird der gesellschaftliche Ton noch rauher werden.

  9. 3.

    In den Kindertagesstätten ist es ähnlich. Öffentliche Unterstützungsmöglichkriten fehlen und müssen durch die Fachkompetenz der Erzieherinnen ,Erzieher und Traumapädagogen ersetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Kinderärzte sich nicht susreichend mit dem Thema auseinandersetzen, so dass es dazu kommt, dass eine junge Ärztin den Eltern, die mit 5 Personen in einem Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft leben, den Ratschlag gibt, nicht nur auf dem Sofa zu sitzen, sondern die Sprache ihres Kindes zu fördern. Weitere Wiederholungen unqualifizierter Äußerungen
    erspare ich mir hier.
    Weiterbildungen sind wichtig, auch wenn sie Grld kosten und bicht jedem gefallen.

  10. 2.

    In den Kindertagesstätten ist es ähnlich. Öffentliche Unterstützungsmöglichkriten fehlen und müssen durch die Fachkompetenz der Erzieherinnen ,Erzieher und Traumapädagogen ersetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Kinderärzte sich nicht susreichend mit dem Thema auseinandersetzen, so dass es dazu kommt, dass eine junge Ärztin den Eltern, die mit 5 Personen in einem Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft leben, den Ratschlag gibt, nicht nur auf dem Sofa zu sitzen, sondern die Sprache ihres Kindes zu fördern. Weitere Wiederholungen unqualifizierter Äußerungen
    erspare ich mir hier.
    Weiterbildungen sind wichtig, auch wenn sie Grld kosten und bicht jedem gefallen.

  11. 1.

    Die unantastbare Menschenwürde (Art. 1 GG) kann vom Staat nur geachtet und geschützt werden, wenn die Psyche https://de.wikipedia.org/wiki/Psyche bei Grundrechtseingriffen mit berücksichtigt wird. Doch wie bereits im Bezug auf die UN-Behindertenrechtskonvention öffentlich gerügt: Ohne die effektive und nachhaltige Bewusstseinbildung bei den staatlichen EntscheidungsträgerInnen, bleibt der defizitäre Zustand zu Lasten und zum Leidwesen der betroffenen Menschen bestehen. Staatsversagen aufgrund der Verletzung des verfassungsrechtlichen Untermaßverbots!

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