Alle Daten des Baumens gehen sofort ins Netz (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
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Audio: Inforadio | 13.09.2018 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Waldschäden durch Trockenheit - Wie lange werden die Bäume das noch durchstehen?

Der Jahrhundertsommer mit seiner Trockenheit und Hitze hat viele Bäume geschwächt. Was passiert, wenn nun die ersten Herbststürme kommen? Thomas Rautenberg hat sich das im Brandenburger Wald von Forschern erklären lassen.   

Buchen, Eichen, Kiefer, Fichten stehen in Reih und Glied – rein äußerlich unterscheidet sich der vier Hektar große Testwald kaum vom Grün in der Nachbarschaft. Doch bei genauerem Hinschauen tragen viele der Bäume unterschiedliche Farbmarkierungen an den Stämmen. Sie sind mit hochempfindlichen Sensoren bestückt und verkabelt. So können die Forscher genau bestimmen, wie viel Wasser der Baum gerade trinkt, ob und wie schnell er wächst und vor allem, wie schnell er auf die extreme Trockenheit reagiert. Zur Datenübermittlung wird regelmäßig ein Laptop an die Kabel angeschlossen.

Baumforscher Tanja Sanders und Jürgen Müller (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Ein gutes Jahr für Forsthydrologen

Während die Trockenheit dieses Sommers manche Landwirte an den Rand der wirtschaftlichen Existenz getrieben hat, ist das Extremwetterjahr 2018 für den Forsthydrologen Dr. Jürgen Müller fast wie ein Geschenk: "Wir sind sehr zufrieden, weil uns gerade solche Jahre einen großen Erkenntnisgewinn bringen."

Der 65-jährige Waldforscher mit schlohweißem Bart und einem gemütlichen Bauch unter dem karierten Hemd ist schon sein halbes Arbeitsleben auf dem Testgelände unterwegs: Er arbeitet für das Thünen-Institut für ökologischen Waldumbau in Eberswalde.

Die Buche habe in den Wassersparmodus geschaltet, sagt Müller nach einem Blick auf den Bildschirm: "Das ist ein schlauer Hund, der Baum. Er schützt sich vor dem Verdursten, denn er verbraucht im Moment nicht mehr als zwei, drei Liter pro Tag. Wenn er gute Bedingungen hat, wenn er genügend Wasser im Boden findet, dann ist es das Zehnfache." Der Lernprozess, der dahintersteckt, hat Jahrtausende gedauert, erklärt der Baumforscher.

Buchen leiden mehr unter Trockenheit

Gute Bedingungen gab es in diesem Jahr nicht für Bäume, sagt Dr. Tanja Sanders. Die 40-jährige Geografin leitet gemeinsam mit Müller die praktischen Forschungen des Thünen-Institut im Wald bei Britz, und sie hat - was die Forschung angeht - große Erwartungen an die Messergebnisse der vergangenen Wochen und Monate: "Wir hoffen zu sehen, wie lange hat der Baum noch seine Reserven verwendet und ab wann der Einfluss des Trockenjahres spürbar wird."

Was die Forscher dabei interessiert, ist der Vergleich zwichen verschiedenen Baumarten. Eichen leben beispielsweise sehr lange von ihren Reserven, während Buchen schneller reagieren. Und Nadelbäume noch schneller, sagt Tanja Sanders. Auf jeden Fall braucht man Langzeitbeobachtungen: "Wir haben da Effekte, die schlagen erst über zehn Jahre durch."

Verkabelter Baum mit einem Laptop davor (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)

Wie schnell die Kiefer reagiert, will mir Tanja Sanders gleich in der Nachbarschaft zeigen. Bei jedem Schritt rüber in die Kiefernschonung knackt es unter unseren Sohlen. Der Wald ist staubtrocken, überall haben die Bäume tote Äste abgeworfen. Die Kiefern, die hier stehen, sind alle gleich alt, ihre Stämme haben mit ungefähr 30 Zentimetern auch alle den gleichen Durchmesser. Doch ihre Kronen könnten unterschiedlicher nicht sein: Die einen sind grün und dicht, die anderen zerzaust und schon fast kahl. Die hat die Trockenheit schon voll erwischt: "Der eine Baum hier vorn hat wesentlich kürzere Nadeln ausgebildet als die anderen" erklärt Tanja Sanders. "Der hat mit Sicherheit später ausgetrieben, als es schon trockener war, und deshalb gar nicht mehr so lange Nadeln angelegt."

Der Wald wird sich verändern

Im Moment wächst auf einem Drittel der Waldfläche in Deutschland noch die Fichte. Wenn die Sommer künftig insgesamt trockener und heißer werden sollten, dann, vermutet Waldforscher Jürgen Müller, wird es vor allem dieser Nadelbaum schwer haben, damit klar zu kommen. Auf dauerhaft ausgedörrten Sandböden fühlt sich die Fichte einfach nicht zu Hause. Darauf sei sie nicht eingestellt.

Und wo es Verlierer gibt, werden sich andere Baumarten durchsetzen – zum Beispiel die Douglasie, die komme aus Nordamerika und kenne von dort sehr trockene Standorte. Auch die Roteiche werde gehandelt. Der Wald von morgen werde weiter existieren, sagt Müller: "Er wird da sein, er wird den Waldbauern Holz bringen und er wird Erholung bringen. Aber er wird anders aussehen."

Große Wurzeln sorgen für Standfestigkeit im Herbst

Auf jeden Fall wird der Wald auch in diesem Herbst wieder so manchen Sturm überstehen müssen. Im vergangenen Jahr hatte Sturmtief Xavier ganze Schneisen in die Wälder geschlagen und bundesweit Hunderttausende Bäume umgefegt. Vor allem Laubbäume mit ihren großen Kronen konnten den Sturmböen nicht Stand halten.

In diesem Sommer hat die Trockenheit den einheimischen Wäldern zugesetzt. Ausgerechnet sie könnte nun der Grund dafür sein, warum viele Bäume die Herbststürme besser überstehen werden. Denn um an das wenige Wasser zu kommen mussten die Bäume in diesem Sommer zusätzliche Wurzeln bilden, erklärt Dr. Müller: "Wenn wir davon ausgehen, dass die Wurzelmasse in trockenen Jahren größer ist, dann dürfte die Sturmgefährdung eigentlich geringer sein. Dabei ist weniger die Wurzeltiefe entscheidend, sondern die Breite der Wurzel mit vielen Feinwurzeln."

Doch ob ein Baum durch den Sturm fällt oder nicht - das hänge auch von anderen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, wie lang die Windböen seien. Und vom Standort: "Steht der Baum einzeln oder steht er in einer Gruppe?" Auch der Untergrund spiele eine Rolle: "Ist der Boden sehr nass, dann ist die Standfestigkeit schon dadurch sehr beeinträchtigt."

Stadtbäume sind noch viel gestresster

Für die Waldbäume war dieser Sommer purer Stress, sagen die beiden Wissenschaftler. Viel extremer aber noch hatten die etwa 430.000 Berliner Straßenbäume zu leiden. Viele werden die Spätfolgen des heißen Sommers wohl kaum überleben, befürchtet Tanja Sanders: "Die Straßenbäume haben ja noch geringere Wasservorräte, weil einfach die Flächen versiegelt sind und das Wasser über Kanäle abgeleitet wird. Sie sind auch noch einer ganz anderen Temperatur ausgesetzt. Im Wald ist es immer etwas kühler als in der Stadt. Und wir haben im Wald keine Abgase."

Anders als im Wald werfen die Stadtbäume schon massig Laub ab. Sie sparen Energie für den Neuaustrieb im kommenden Jahr. Und sie versuchen sich gleichzeitig zu schützen: Denn mit einem kahlen Geäst machen sie sich unangreifbarer für die kommenden Herbststürme.

Beitrag von Thomas Rautenberg

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