Ein Fahrgast läuft am Bahnhof Südkreuz in Berlin-Schöneberg über eine Informationsfläche zur automatischen Gesichtserkennung. (Quelle: imago/Stefan Boness)
Bild: imago/Stefan Boness

Selbstversuch mit Gesichtserkennung - Erst ungewohnt, dann unbemerkt

Sich ein Jahr lang als Testperson für die Gesichtserkennung am Südkreuz zur Verfügung zu stellen, ist eine irritierende Erfahrung. Zunächst sind die immer präsenten Kameras noch ungewohnt, am Ende dann aber erschreckend normal. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Ein Kribbeln durchfährt mich, als ich die Rolltreppen in die Westhalle des Bahnhofs Südkreuz hinunterfahre - es ist das erste Mal, dass die Kameras scharf gestellt sind. "Jetzt komme ich hier nicht mehr unentdeckt durch", denke ich, und obwohl mir das schon vorher abstrakt klar war, wird es mir erst jetzt so richtig bewusst - auch körperlich.

Authentischer Blick hinter die Kulissen

Es ist der 1. August vergangenen Jahres, der erste Tag des Pilotprojektes Gesichtserkennung, wie es offiziell heißt. Damals war ich am Südkreuz, um für den rbb über den Start zu berichten. Aber nicht nur das: Gleichzeitig bin ich eine von knapp 300 Testpersonen - nicht, weil ich die Technik als Heilsbringer aller Sicherheitsprobleme in Deutschland sehe, oder weil ich sie per se verteufele. Vielmehr wollte ich einen authentischen Blick hinter die Kulissen werfen - schließlich wird am Südkreuz eine Technologie getestet, die schon bald ein ganz alltäglicher Bestandteil unseres Lebens werden könnte.

Der Schutz der Anonymität ist weg

An diesem ersten Tag des Tests erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich unterbewusst erwarte, dass irgendetwas passiert, wenn mein Gesicht erfolgreich erkannt wird – vielleicht auch deshalb, weil ich während des Testzeitraums immer, wenn ich durch das Südkreuz laufe, einen sogenannten Transponder bei mir tragen soll: ein runder Plastikchip, ein bisschen größer und dicker als ein Zwei-Euro-Stück. Aber egal, ob mich die Technik erkannt hat oder nicht: der Transponder bleibt stumm. Kein Vibrieren, kein Piepen, kein Leuchten. Lautlos signalisiert er der Technik am Südkreuz, dass ich tatsächlich im Bahnhof bin. Wenn mich eine Kamera mal nicht erkannt hat, weil ich zum Beispiel eine Sonnenbrille aufhatte, dann weiß die Bundespolizei durch den Transponder, dass sie nochmal nachjustieren muss.

Zwei Unterschriften auf Papier, dann bin ich dabei

So geräuschlos wie der Transponder funktioniert auch der Rest der Technik. Zwar hatte ich von vornherein nichts Anderes erwartet – und doch fühlte sich das alles ein bisschen unwirklich an. Dafür sorgen auch große Schilder auf dem Boden und an den Türen in Blau und Weiß, die das Testgebiet der Gesichtserkennung kennzeichnen. Dank ihnen wird mir nochmal ganz bewusst gemacht, dass andere, mir fremde Menschen - Polizisten, um genauer zu sein - jetzt wissen, wo ich bin. Aber während sie mich sehen, bleiben sie für mich im Verborgenen. Das gibt ihnen, die sowieso qua Amt Träger staatlicher Gewalt sind, noch mehr Macht über mich. Ein merkwürdiges Gefühl - von Kontrollverlust zu sprechen, wäre wohl zu dramatisch, und doch kommt mir dieses Wort als erstes in den Sinn.

Zwei Unterschriften auf Papier, dann bin ich dabei

Als ich mich als Testperson angemeldet habe, waren die Polizisten noch direkt greifbar, schließlich musste ich persönlich in der Bundespolizei-Direktion im Bahnhof Südkreuz erscheinen. Die Bundespolizei ist verantwortlich für das Pilotprojekt Gesichtserkennung, sie will gemeinsam mit Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium herausfinden, wie gut drei verschiedene Softwares Gesichter erkennen. Eine Zukunftsvision, die ich bisher nur aus Hollywood-Blockbustern wie "Minority Report" kannte, soll Realität werden - das fand ich spannend.

Der Anmelde-Prozess aber fühlte sich nur wenig nach Zukunftsvision an: Zwei Fotos von meinem Gesicht vor einer grauen Wand wurden gemacht, zweimal musste ich - noch ganz analog auf Papier - unterschreiben, dann war ich dabei. Nach ein paar Wochen dann ein Umschlag in meinem Briefkasten, er enthält das Begrüßungsschreiben und den Transponder. Später kommen per E-Mail immer wieder Newsletter der Bundespolizei, in denen sie über den aktuellen Stand des Tests informiert. Es ist fast die einzige Erinnerung daran, dass der Test weiterläuft: die Kennzeichnung des Testgebietes nehme ich nach einiger Zeit kaum noch wahr, im alltäglichen Stress gucke ich eher aufs Handy und blende den Rest aus. Doch auch die elektronischen Erinnerungen kommen immer seltener.

Ab Februar wird es still um das Projekt

Am 14. Dezember aber landet ein Newsletter in meinem Postfach, der es in sich hat. In ihm kündigt die Bundespolizei an: Der Test wird verlängert, der Testzeitraum verdoppelt. Den Journalisten in mir macht das skeptisch: Ist die Technik so wenig erfolgreich, dass sie länger getestet wird, um so bessere Ergebnisse zu erreichen? Als der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei einem Pressetermin einen Tag später nur ausweichend auf diese Frage antwortet, wächst meine Skepsis auch als Testperson. Und anscheinend nicht nur meine: von den ursprünglich knapp 300 Menschen testen ab Februar nur noch etwas mehr als 180 weiter mit – einige davon sind Bundespolizisten, die neu hinzugekommen sind.

Nach der Verlängerung wird es still um das Pilotprojekt. Im März wird Horst Seehofer neuer Bundesinnenminister, am Südkreuz zeigt er sich nicht. Der erste und letzte Newsletter seit der Verlängerung des Versuchs wird am 1. März verschickt. Die Monate vergehen, der Sommer kommt, und mit dem Juli endet schließlich auch das Projekt. Ergebnisse werden für Ende August, Anfang September angekündigt. Sie kommen nicht. Im Innenministerium von Seehofer scheinen andere Themen erstmal wichtiger – oder die Stille ist gewollt.

Das Geräuschlose macht die Gesichtserkennung gefährlich

Jetzt, wo die Ergebnisse nun endlich vorgestellt werden, kann ich ein Fazit schon ganz unabhängig davon ziehen, wie erfolgreich die Technik tatsächlich ist – oder für wie erfolgreich sie erklärt wird: Die Gesichtserkennung arbeitet so versteckt, so still und unbemerkt, dass sie genau dadurch ziemlich gefährlich werden könnte. Denn jedes System ist verwundbar, und wer es schafft, sich in die Systeme zur Gesichtserkennung zu hacken, hat sehr schnell sehr viel Macht.

Diese Macht bleibt bei der Gesichtserkennung aber für fast alle unbemerkt, was sie noch gefährlicher macht - zumal ihre Auswirkungen immens sind. Wir sollten uns gut überlegen, ob wir diese Technik wirklich wollen - denn wenn sie flächendeckend eingeführt wird, wird es keine Hinweisschilder, Newsletter oder Pressetermine mehr geben, die uns täglich an sie erinnern.

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Leute nicht nur live am Bildschirm zu betrachten, sondern per Computer zu überprüfen, ob Straftäter darunter sind, verletzt Grundrechte?
    In welcher Weise?
    Wer erleidet einen Nachteil oder Schaden, wenn sein Konterfei von Mensch oder Maschine analysiert wird?
    Ich begreife nicht, was dieses hysterische Gehabe soll, sobald eine Kamera das Wohnhaus oder Gesicht eines Menschen erfassen könnte (zumal dies in den allermeisten Fällen folgenlos bleiben dürfte).
    Es erinnert mich an das törichte Verhalten primitiver Eingeborener, die Furcht davor haben, dass eine Kamera ihre Seele einfängt.
    Auch bez. der Selfies muss ich widersprechen:
    Heutzutage muss jeder Idiot jede Bagatelle ins Internet stellen - wohl wissend, dass er damit jede Kontrolle über das Gepostete automatisch aufgibt. Gedankenslose Egozentrik auf der einen, Verfolgungswahn auf der anderen Seite.

  2. 6.

    Sie vertreten bedenklich unkritische Ansichten. Das Gewaltmonopol mag beim Staat liegen, das heißt aber auch, dass Eingriffe in Grundrechte nur durch verfassungskonforme(!) Gesetze möglich sind. Wie sollte ein Gesetz zur anlasslosen Massenüberwachung in Ihrer Vorstellung denn aussehen? Es ist bereits jetzt de jure verfassungs- und rechtswidrig, selbst auf EU-Ebene, wo ein Hang zum unhinterfragten Neoliberalismus ja eher zu erwarten wäre. Verdächtige, mutmaßliche Kriminelle zu verfolgen, bedarf keiner weiteren Befugnisse, schon gar keiner, die fundamentale Rechtsgüter verletzen.

    Ihr Beispiel mit dem teils kritisch zu betrachtenden Umgang Vieler mit Selfies und Co hinkt, deswegen, weil die Menschen in dem Moment zumindest noch die Kontrolle haben. Was nach dem Hochladen von Bildern geschieht, ist leider wieder eine andere Sache.

    Dass Sie es für unnötig halten, dass der Staat in seinen Aufgaben parlamentar. u. juristisch kontrolliert werden sollte, ist undemokratisch.

  3. 5.

    Es ist mäßig amüsant, mitzuerleben, wie paranoid viele Leute auf Kameras reagieren (wohlgemerkt: nur Kameras, die NICHT für das Erstellen von Selfies verwendet werden).
    Da ist jeder Google-Kamerawagen ein bösartiges Monster, jede Gesichtserkennungssoftware Teufelszeug und in jedem Kontrollraum hocken übelmeinende Nazischergen (oder zumindest sowas ähnliches).
    Leute, bleibt doch um Himmels Willen auf dem Teppich!
    Wenn jemand böse Buben automatisch erkennen (lassen) will, droht nicht gleich das Herandämmern eines Überwachungsstaates.
    Kontrolle ist irrelevant, so lange sie für unschuldige Menschen folgenlos bleibt.
    Und was beispielsweise Terroristen zu fürchten haben, wirkt auf mich zumindest beruhigend.

  4. 4.

    Auch ich danke für den Erfahrungsbericht, der Meldung von TS konnte man nivht entnehmen, dass die 300 Testpersonen ("Pendler") während der Testphase, bzw. nach deren Verlängerung, wechselten. Interessant wäre zu erfahren, warum die Testphase verlängert wurde und auch, wie viel % der Testpersonen nach Verlängerung Bundespolizisten waren.
    @TS Waren das alles Pendler?

    Die Gefahren einer solchen Technik schätze ich auch hoch ein, die mangelnde bzw. geschönte Berichterstattung über den Testlauf spricht dabei Bände.

  5. 3.

    Möchte nich schwarzmalen, aber zu Bedenken geben:
    Wir wissen nie, wer in zehn, zwanzig, dreißig Jahren an die Macht kommt und damit solche Systeme - zumal wenn sie aus der Testphase und ggf. schon weit verbreitet sind - für seine Zwecke womöglich missbraucht.
    Schauen wir nur 100 Jahre zurück: 1918/19 hat niemand mit Hitler 1933 gerechnet. Wer weiß, wer hier in nur 15 Jahren (=2033) regiert und Macht über derartige Kontrollsysteme besitzt? Niemand! Es kann gut gehen.

    Die Gestapo und später die Stasi hätten sich jedenfalls die Hände gerieben, wenn ein solches System bereits installiert gewesen wäre und ihnen vollumfänglich zur Verfügung gestanden hätte.

    Wehret den Anfängen! In einem Rechtsstaat und einer Demokratie wie wir sie zum Glück im Moment haben, mögen solche Überwachungssysteme, neben aller berechtigten Kritik, noch tolerabel sein. In einem totalitären System werden sie ohne weiteres zu einer der gefährlichsten Waffen im öffentlichen Raum und gegen jeglichen Widerstand.

  6. 2.

    Danke für diesen Erfahrungsbericht! Ich war immer dagegen und die Schilderungen haben mich in meiner Meinung nur bestärkt. Nur was die Gefahren angeht, beschränkt sich der Autor zu sehr auf "Könnte"-Szenarien. Wenn es also absolut sicher wäre (was kein System sein kann), wäre es dann ok? Auch ohne kriminelle Eingriffe hat derjenige, der das System kontrolliert, "sehr viel Macht". Und das nicht vielleicht und irgendwann, sondern mit dem Augenblick, wenn das System eingeschaltet wird!

    Dieses System muss verhindert werden. Es wäre eine völlig neue Dimension der Überwachung, die sämtliche bestehenden Maßnahmen in den Schatten stellt und zu einer Gesellschaft führen würde, die aus Angst im Gleichschritt marschiert.

  7. 1.

    Ich will sie aufjedenfall nicht! Weg damit, brauchen wir nicht!

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