Ein Obdachloser aus der Slowakei bezieht am 14.12.2017 eine Nachtunterkunft für Obdachlose (Quelle: dpa/Matthias Balk)
Audio: rbb | 01.10.2018 | Ute Schuhmacher | Bild: dpa/Matthias Balk

Erste Schlafplätze zur kalten Jahreszeit - Kältehilfe startet in diesem Jahr schon einen Monat früher

Schätzungen zufolge leben rund 5.000 Obdachlose in Berlin, und im Winter sind die Notunterkünfte oft überfüllt. Daher startet die Kältehilfe in diesem Jahr bereits im Oktober. Einzelne Obdachlose sollen zudem die Chance auf eine eigene Wohnung bekommen.

Einen Monat früher als in den vergangenen Jahren werden ab Montagabend in Berlin die ersten Übernachtungsplätze für Obdachlose angeboten. Damit stehen im Rahmen der Berliner Kältehilfe ab dem 1. Oktober (neben den ganzjährig geöffneten Notübernachtungsmöglichkeiten) weitere 139 Schlafplätze zur Verfügung. Sie befinden sich in Treptow, Marzahn, Hohenschönhausen, Wedding, Mitte, Friedrichshain und Spandau. Auch zwei Nachtcafés öffnen.

Kontinuierlicher Ausbau auf 1.000 Plätze geplant

Es habe noch kein Jahr gegeben, in dem das Land Berlin so früh seine Kältehilfe-Kapazitäten geklärt habe, hatte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) in der vergangenen Woche im Abgeordnetenhaus gesagt.

Nach und nach soll die Zahl der Schlafgelegenheiten kontinuierlich ausgebaut werden, so dass im Winter dann insgesamt etwa 1.000 Schlafplätze zur Verfügung stehen. Rund 100 davon müssten noch organisiert werden, sagte Breitenbach; sie sei aber optimistisch, dass das auch gelinge.

Im vergangenen Winter standen bis zu 1.264 Plätze zur Verfügung. Vor vier Jahren waren es nach Angaben der Berliner Kältehilfe nur 500 Schlafplätze gewesen.

Keine offiziellen Zahlen über Obdachlose

Wie hoch der Bedarf an Notübernachtungen ist, konnte die Sozialsenatorin nicht beziffern. Noch gebe es keine Wohnungslosenstatistik. Ihre Verwaltung wolle aber bald damit beginnen, diese Zahlen zu erheben. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen leben in Berlin rund 6.000 Obdachlose. Einem Gesundheitsbericht zufolge wurden im Jahr 2016 rund 6.600 obdachlose Frauen und Männer in Praxen und Arztmobilen behandelt. Viele Obdachlose kommen auch aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Russland und Rumänien.

Neues Modellprojekt "Housing first"

Neu in diesem Winter ist ein Modellprojekt der Berliner Stadtmission in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Träger "Neue Chance". Bei "Housing first" handelt es sich um den Versuch, obdachlose Menschen dauerhaft mit einer Wohnung zu versorgen und sie so von der Straße zu holen. Dazu sollen auf dem Wohnungsmarkt 40 Wohnungen akquiriert werden, in denen jeweils ein Obdachloser untergebracht wird. In ihrem neuen Umfeld werden die Menschen dann von Sozialarbeitern, Fachkräften aus der Hauswirtschaft und von Menschen betreut, die selbst Erfahrungen mit Obdachlosigkeit gemacht haben.

Wieder selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung leben

Das Angebot richte sich vor allem an Menschen, die durch das Raster der üblichen Angebote fallen, "aber auch in der Lage sind, wieder selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung zu leben", sagte Ingo Bullermann, Geschäftsführer von "Neue Chance" am Montag rbb|24.

Erste Interessenten würden demnächst das Aufnahmeprogramm durchlaufen. Dabei gibt es allerdings auch einige Ausschlusskriterien: Drogenabhängige, schwere Alkoholiker oder Obdachlose mit psychischen Problemen kämen für "Housing first" nicht in Frage, weil es für diese Gruppen bereits entsprechende Angebote gebe, zum Beispiel im betreuten Wohnen.

Vermieter müssen keinerlei Nachteile fürchten

Die Beschaffung geeigneter Wohnungen sei erst gerade angelaufen, sagt Bullermann, er sei aber optimistisch, dass genügend Wohnungen gefunden werden - bei privaten Anbietern oder bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Für die Vermieter sei das Modellprojekt interessant, weil sie aufgrund der sehr engmaschigen Betreuung der künftigen Mieter keinerlei Nachteile fürchten müssten. Die Mietzahlungen seien über Transferleistungen ohnehin gesichert - in aller Regel durch die Mietkostenübernahme im Rahmen von Hartz IV.

1,1 Millionen Euro für drei Jahre

Im Gegensatz zu anderen staatlichen Angeboten stellt "Housing first" auch keine Bedingungen. Keiner der Bedürftigen würde zu irgendetwas gezwungen, auch nicht zur Aufnahme einer Arbeit. "Wir haben mehr Zeit und mehr Spielraum als andere Projekte und wollen, dass die Menschen wieder selbst in einen geregelten Alltag zurückfinden", sagte Bullermann anlässlich des offiziellen Projektbeginns.

Finanziert wird das Programm über die nächsten drei Jahre vom Land Berlin in Höhe von 1,1 Millionen Euro. In der letzten Ausbaustufe, also mit 40 Wohnungen, sollen sich acht Mitarbeiter (auf sechs Stellen) um die neuen Mieter kümmern.

Streit über U-Bahnhöfe ist noch nicht beigelegt

Ob sich auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wieder an der Kältehilfe beteiligen werden, indem sie einzelne U-Bahnhöfe für Obdachlose öffnen, war zuletzt umstritten. Mitte Oktober will die Sozialsenatorin mit BVG-Chefin Sigrid Nikutta darüber sprechen.

Nikutta hatte Mitte September angekündigt, im kommenden Winter solle es keine Kältebahnhöfe mit Sonderöffnungszeiten mehr geben. Als Begründung führt sie Sicherheitsbedenken an. In den Bahnhöfen gebe es unter anderem gefährliche Bereiche mit Starkstrom; unter den Obdachlosen gebe es zudem viele Menschen mit Drogen- und Alkoholproblemen.

Berlin habe außerdem inzwischen so viele Übernachtungskapazitäten, dass es keinen Bedarf mehr für die Kältebahnhöfe gebe, hieß es von der BVG. An der Entscheidung der BVG hatte es jedoch Kritik gegeben, auch die Sozialverwaltung will die U-Bahnhöfe offenhalten.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Das Engagement von Frau Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) und ihrer Verwaltung finde ich mMn zweifelsohne sehr lobenswert; mir scheint die Ursachenforschung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse des XXI. Jahrhunderts, als Mittel zur Prävention keine ausreichende Beachtung zu finden. Den vielen Menschen mit Drogen- und Alkoholproblemen kann nur nachhaltig geholfen werden, wenn die Psyche jedes Betroffenen ihre Heilung erfährt. Das wäre dann Menschlichkeit und gründlich.

Das könnte Sie auch interessieren