Eine Schwester zieht in einem Kreissaal in einem Krankenhaus ein Baby an (Quelle: dpa/Andreas Gebert)
Video: Brandenburg Aktuell | 04.10.2018 | Ludger Smolka | Bild: dpa/Andreas Gebert

Hebammen-Mangel - Geburtsstation in Nauen muss dichtmachen

Seit 2014 steigt in Brandenburg die Zahl der Geburten - auch im Havelland. Doch die Geburtsstation in der Havelland-Klinik in Nauen ist seit Montag geschlossen: Zwei der fünf Hebammen haben gekündigt. Die Regierung bemüht sich um Schadensbegrenzung.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Geburten in Brandenburg fast durchgehend gestiegen: Von 18.355 im Jahr 2013 auf 20.337 im Jahr 2017 - und der Trend hält weiter an. Doch der Babyboom bereitet zunehmend Probleme, denn so schnell, wie die Kinder kommen, können Hebammen gar nicht ausgebildet werden.

Zwei Hebammen haben spontan gekündigt

Auch nicht in der Havelland-Klinik Nauen. Dort ist die Entbindungsstation seit dieser Woche geschlossen - denn innerhalb der vergangenen zwei Wochen haben zwei der fünf festangestellten Hebammen gekündigt - und mit drei Hebammen lasse sich ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb eines Kreißsaals eben nicht aufrechterhalten, sagte Babette Dietrich von der Havelland-Klinik am Donnerstag dem rbb.

Die Gründe für die Kündigungen seien unbekannt, allerdings vor allem der Schichtdienst ein Problem, sagte Dietrich dem rbb-Nachrichtenmagazin Brandenburg Aktuell. Da sei nicht immer ganz einfach zu bewerkstelligen, sagte Dietrich, "zum Beispiel, um das mit einem Familienleben zu vereinbaren oder mit dem Job eines Partners oder einer Partnerin". Die Klinik treffe jedenfalls keine Schuld, zumal derzeit drei Hebammen-Schülerinnen in der Ausbildung seien. Fertig ausgebildete Hebammen ließen sich aber nicht so schnell finden, die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei angespannt.

In de Stadtverwaltung herrscht Entsetzen

In der Nauener Stadtverwaltung zeigt man sich wegen der Schließung der Entbindungsstation "entsetzt". Nauen sei ein Mittelzentrum, in dem es im vergangenen Jahr über 400 Geburten gegeben habe, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Daniela Zießnitz (CDU). Zudem lasse sich Nauen gerade als "kinderfreundliche Stadt" zertifizieren. In dieser Situation einen Kreißsaal dichtmachen? "Das geht nicht", sagt Zießnitz.

"Hebammen sind rar wie Goldstaub"

Doch schuld ist vor allem der bundesweite Mangel an Fachkräften - das ist auch im Brandenburger Gesundheitsministerium bekannt: "Hebammen sind rar wie Goldstaub", sagt Gabriel Hesse, stellvertretende Pressesprecher von Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke).

Die Klinik in Nauen, sagte Hesse rbb|24 am Donnerstag, werde sich aber "schnellstmöglich" um Ersatz bemühen. Erst im November vergangenen Jahres sei an der Eberswalder Gesundheitsakademie die zweite Hebammenschule in Brandenburg eröffnet worden. Wer eine Ausbildung zur Hebamme machen wolle, habe ausgezeichnete Chancen, sagte Hesse.

Laut Gesundheitsministerium ist die Zahl der Geburtsstationen in Brandenburg von 1990 bis heute von 40 auf 25 zurückgegangen. Zieht man Nauen noch ab, sind es derzeit nur noch 24. Auch die Zahl der Hebammen ist viel zu gering. Weniger als 250 Hebammen (fest angestellte und sogenannte Beleg-Hebammen) arbeiten in den Kliniken. Daneben gibt es etwa 400 freie Hebammen, wobei diese Zahlen laut Ministerium von 2017 stammen.

Gerade für die freien Hebammen ist die Lage in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden. Für die obligatorische Haftpflichtversicherung verlangen die deutschen Versicherer mehr als 6.000 Euro pro Jahr, was für viele der Geburtshelferinnen einfach zu viel ist. Der Deutsche Hebammenverband fordert daher seit Jahren ein öffentliches Modell ähnlich der gesetzlichen Unfallversicherung.

Update: Am Freitag sagte Brandenburgs Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) dem rbb, dass sie optimisch sei eine Lösung für den Engpass zu finden. "Ich habe aus dem direkten Kontakt mit der Klinikleitung, die Rückmeldung bekommen, dass man unter Hochdruck nach neuen Hebammen sucht." Zudem sei ihr mitgeteilt worden, dass das Krankhaus die Station nicht dauerhaft schließen will.

Eine Liste der Geburtskliniken in Brandenburg finden Sie hier [externer Link].

Sendung: Brandenburg Aktuell, 04.10.2018, 19.30 Uhr

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6 Kommentare

  1. 6.

    @Hajakon: Bei Festanstellung (im Kranken- oder Geburtshaus) braucht man natürlich keine Versicherung, da sich der Arbeitgeber darum kümmert. Anders ist es bei den frei arbeitenden Hebammen, die nicht nur Schwangerschaftsbegleitung machen, sondern tatsächlich auch Geburtsbegleitung. Diese (und nur diese!) brauchen so eine teure Versicherung. Das hat dazu geführt, daß so gut wie keine der frei arbeitenden Hebammen mehr Geburten machen, sondern nur noch Vor- und Nachsorge. Daher auch die Überlastung der Kranken- und Geburtshäuser. Es gibt zu wenige Hebammen, ja - aber das kritischere Problem ist, daß von denen, die es gibt, nur noch so wenige Geburten machen.
    Versicherungsirrsinn beseitigen und Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern verbessern, dann haben auch wieder mehr Hebammen Bock auf Geburt, denn das ist für viele immer noch am faszinierendsten an diesem Beruf!

    P.S.: Meine Freundin ist Hebamme im Krankenhaus.

  2. 5.

    Hier gibt es eine Petition zum Thema:
    https://www.openpetition.de/petition/online/gemeinsam-gegen-die-schliessung-des-kreisssaals-der-havelland-klinik-in-nauen

  3. 4.

    Wundert sich noch irgend jemand darüber? Schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Versicherungskosten (Warum eigentlich bei Festanstellung?) - Wahrscheinlich haben die drei verbliebenend Damen nur noch nicht diesen Artikel gelesen; geht ja in die gleiche Richtung.
    https://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/pflege-pflegekraft-leiharbeit-zeitarbeit-100.html

    Gruß
    Hajakon

  4. 3.

    "Entsetzen in der Stadtverwaltung..."
    Seit Jahren keine Entscheidung getroffen, trotz der Bekanntheit dieser miserablen Situation. Keine Nägel mit Köpfen hinbekommen. Dafür aber schön sicher im Bürostuhl gesessen und von der Sozialgemeinschaft bezahlt worden.
    Danke Verwaltung, danke Bürgermeister, danke Ministerpräsident.
    Ich hab vielleicht eine Begründung für die Lähmung der Stuhlbesetzer. Es macht sie betroffen und handlungsunfähig, weil sich die Bürger in den neuen Bundesländern als Bürger 2 Klasse fühlen. Naja, so gesehen...

  5. 2.

    Traurig ist auch das die Politik entsetzt ist und der Meinung ist es gäbe „gute Vorraussetzungen „ das Sie die Architekten dieser Arbeitsbekämpfungsmaßname sind. Die Ausbildung wurde verlängert, der Formular und Dukumentationswahnsin erweitert, die Auflagen erhöht aber in Regulationen und Quoten wie wieviel Frauen pro Hebamme betreut werden dürfen wird nix investiert... wenn 1Hebamme sich um 7 Frauen gleichzeitig kümmern soll , wie kann Sie da normal den Frauen zur Seite stehen? Da muss man kündigen und hoffen, das die Politik aufwacht!

  6. 1.

    Man hat also zuvor mit 5 Hebammen einen 24-Stunden-Betrieb aufrecht erhalten? Urlaube und Krankheit mit eingerechnet bleiben rechnerisch nicht allzu viele freie Wochenenden pro Monat. Die einzige Frage: Warum haben nur zwei gekündigt?

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