Archivbild Frauen mit metoo-Schild (Quelle: dpa/Ryu Seung-Il)
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Audio: Inforadio | 05.10.2018 | Interview mit Jasna Strick | Bild: dpa/ZUMA Wire/Ryu Seung-Il

Interview | Ein Jahr #MeToo - "Solche Hashtags können den Stein ins Rollen bringen"

Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein und der Hashtag #MeToo lösten eine heftige weltweite Debatte über sexistische Übergriffe aus. Was hat sich seither getan? Ein Interview mit Jasna Strick, die 2013 #aufschrei mit ins Leben rief.  

rbb|24: Frau Strick, genau vor einem Jahr riefen die Veröffentlichungen zu dem Filmproduzenten Harvey Weinstein und #MeToo ein Beben hervor. Bereits 2013 gab es – von Ihnen mitinitiiert – #aufschrei. Haben Sie das Gefühl, es hat sich dadurch etwas geändert?

Jasna Strick: Ja! Man kann zwar von Hashtag-Aktionen keine großen Wunder erwarten. Aber die Diskussionen und das öffentliche Erzählen von Geschichten – sowohl medial als auch im privaten Umfeld – verändern etwas. Die Gesellschaft spricht mehr über diese Fälle. Doch wir müssen noch daran arbeiten, dass das Bewusstsein über diese Art von Gewalt gestärkt wird. Man sieht an den Gegenreaktionen, dass das noch immer nicht bei allen angekommen ist.

Die Debatte über das Thema ist für die Opfer von sexuellen Übergriffen doch sicher wichtig?

Ja. Und es hat sich an der Anzeigen-Bereitschaft der einzelnen Leute etwas verändert. Im Zusammenhang mit #aufschrei hat uns die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gesagt, dass sie im Jahr 2013 zehn Prozent mehr Hilfegesuche bekamen. Die Menschen merken, dass sie sich Hilfe suchen müssen und können, dass sie ein Recht darauf haben. Das ist eine sehr wichtige Veränderung für die einzelne Person. Gerade bei Vergewaltigungen gibt es eine hohe Dunkelziffer, die nicht angezeigt wird. Um das zu ändern, brauchen wir immer wieder Awareness-Kampagnen wie #MeToo oder #aufschrei. Solche Hashtags können den Stein ins Rollen bringen.

Viele – auch Frauen – finden die #MeToo-Diskussion "überzogen". Banale Geschichten würden neben echten Vergewaltigungen stehen…

Ich glaube, was banal ist und was nicht, ist von außen immer eine andere Sicht als wenn es einem selbst passiert. Sexistische Vorfälle wie sexuelle Übergriffe oder blöde Sprüche ebnen allen Taten, die danach kommen, den Weg und sorgen für ein bestimmtes Klima. Wer sich an sexistische Sprüche im eigenen Umfeld gewöhnt hat, geht vielleicht nicht zum Chef, wenn wirklich etwas passiert ist, oder sucht sich anderswo Hilfe. Das ist der Punkt an dem die Gesellschaft etwas ändern kann: ganz vorne.

Berlin sieht sich selbst als weltoffene Stadt - sind wir das auch in Bezug auf die Sexismus-Problematik?

Ich weiß nicht, ob man das an Berlin festmachen kann. Denn es ist immer noch sehr unterschiedlich. Man sieht seit #aufschrei aber einen Unterschied, wie die Debatte geführt wird. Es fühlt sich immer noch schlimm an. Aber es ist weniger schlimm als es 2013 war. Und es wird stetig besser. Aber es ist immer noch viel zu tun.

Video-Umfrage zu #MeToo in Berlin

rbb

   

Wurden Sie persönlich "angefeindet" als Mitinitiatorin von #aufschrei?

Ich werde angefeindet und das hat bis heute nicht aufgehört.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe das für mich zum politischen Thema erhoben. Ich spreche etwa mit anderen über das Thema Hasskommentare und sexistische Gegenreaktionen und leiste Aufklärungsarbeit. Mein Verhalten in den Sozialen Medien hat sich definitiv verändert. Ich bin ein bisschen vorsichtiger geworden - auch generell mit Menschen. Und ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass diese Anfeindungen passieren. Ich versuche auch, mit anderen Betroffenen darüber zu sprechen und gegebenenfalls zu helfen.  

Wie wichtig sind heute Soziale Netzwerke, um etwas zu verändern? Besteht nicht die Gefahr, dass alles eine reine "Netzdebatte", eine Diskussion in der eigenen Blase bleibt?

Die Themen gelangen inzwischen auch zu den Menschen, die nicht nur im Internet unterwegs sind. Mit #aufschrei 2013 hat es in Deutschland das erste Mal ein Hashtag geschafft, dass das Thema dann auch anderswo diskutiert wurde. #MeToo ist durch alle Talkshows und Medien geritten worden und ist allein deswegen an eine viel breitere Masse gelangt als nur an die, die auf Twitter sind. Ich glaube, die Zeiten, in denen wirklich große Netz-Diskussionen nur im Internet bleiben, sind vorbei. Zum Glück.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, Redaktion rbb|24

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3 Kommentare

  1. 3.

    Richtig kommentiert. Doch eines sollte bitte nicht vergessen werden bei all diesen Anschuldigungen, wieviele Männer vergewaltigen Frauen auch noch weiterhin im verborgenen, lassen ihre Opfer alleine um damit zurechtzukommen?

  2. 2.

    Die ganzen feministischen Hashtags sind ein Kunstrasen. Sie scheinen eine Graswurzelbewegung, sind aber in Wirklichkeit von wenigen gut vernetzten Medien-Feministen künstlich ins Leben gerufen und gesteuert.

  3. 1.

    Sicher können solche Kampagnen Steine ins Rollen bringen.
    Aber wie es nun mal mit Lawinen so ist:
    Sie sind zerstörerisch und nicht wählerisch.
    Man verzeihe mir daher bitte, wenn ich solchen Aufrufen zu Vorverurteilungen (nebst entsprechender Rufmorde) skeptisch gegenüber stehe und die Wiedereinführung von präventiven Prangern eher ablehne.
    Egal wieviele Personen entsprechende Vorwürfe erheben:
    Als Triebtäter o. ä. sollte allenfalls jemand bezeichnet werden dürfen, der auch von einem Gericht für mindestens eine entsprechende Tat verurteilt wurde.
    Ansonsten ist es nicht mehr weit bis zu geifernden und gröhlenden Lynchmobs mit Fackeln, Mistgabeln und Kastrationswerkzeugen.

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