Symbolbild: Eine rote Ampel mit grünem Abbiegepfeil an einer Straßenkreuzung. (Quelle: dpa/Baumgarten)
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Video: rbb|24 | 16.10.2018 | Bild: dpa/Baumgarten

Viele Autofahrer brechen Regeln - Fußgänger-Verband fordert Abschaffung des Grünen Pfeils

Es gibt nicht allzu viele Vorschriften oder Regeln, die es aus der DDR ins wiedervereinigte Deutschland geschafft haben - der Grüne Pfeil gehört dazu. Viele Fußgänger und Radfahrer wollen den Blechpfeil aber loswerden - aus Sicherheitsgründen.

Autofahrern erspart er lästige Warterei an der Ampel: Auch bei Rot rechts abbiegen  - mit dem Grünen Pfeil geht das. Allerdings auf Kosten schwächerer Verkehrsteilnehmer, sagt Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland. "Aus Sicht von Fußgängern sind die Erfahrungen sehr, sehr schlecht", bilanziert der Fußgänger-Aktivist. "Man hat Grün, kann sich aber nicht darauf verlassen, dass man sicher über die Straße kommt."

Daher fordert der Verband, dass im neuen Fußverkehrskapitel des Berliner Mobilitätsgesetzes auch auf das Verkehrszeichen Nummer 720 eingegangen wird: "Wir wollen, dass die Grünen Pfeile überall dort, wo es Fußgängerüberwege gibt, wo Radwege kreuzen, wegkommen", sagt Stimpel.

80 Prozent der Autofahrer halten nicht an

Die Zahlen sprechen für sich. In einer groß angelegten Studie zu 75 Städten in Ost und West [externer Link] haben Unfallforscher der großen Versicherungen Kreuzungen mit Grünem Pfeil unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die allermeisten Autofahrer halten sich nicht an die Vorschriften, die beim Rechtsabbiegen mit dem Blechpfeil gelten.

Die Straßenverkehrsordnung besagt nämlich, dass auch beim Grünen Pfeil Autos zunächst einmal anhalten müssen. "Das ist wie ein Stopp-Zeichen. Wenn der Grüne Pfeil da ist und die Ampel auf Rot, muss man vor der weißen Linie halten. 80 Prozent der Autofahrer tun das nicht", sagt Stimpel. Wird man erwischt, kostet das 70 Euro und einen Punkt in Flensburg.

Nur noch 60 Grüne Pfeile in Berlin - Tendenz sinkend

Auch, wenn laut der zitierten Studie, eine "grundsätzliche statistische Auffälligkeit" an Kreuzungen mit Grünem Pfeil "nicht nachgewiesen" werden kann, gibt es doch "einzelne Unfallhäufungen". Daher haben viele Städte die Schilder wieder entfernt - denn die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrsordnung setzen dem Grünen Pfeil enge Grenzen: Kommt es zu einer "Unfallhäufung", muss er wieder weg. Eine Unfallhäufung liegt vor, wenn es innerhalb von 36 Monaten mindestens zwei Unfälle mit Verletzten, drei Unfälle mit schwerem Sachschaden oder fünf Bagatell-Unfälle gegeben hat.

Auch in Berlin sind diese Kritierien in der Vergangenheit immer wieder erfüllt worden. So sind in den vergangenen gut zehn Jahren rund zwei Drittel aller Grünen Pfeile der Straßenverkehrsordnung zum Opfer gefallen - wegen zu vieler Unfälle. Gab es 2007 noch 110 Ampeln mit Rechtsabbiegerpfeil, sind es zurzeit nur noch 60, Tendenz sinkend, teilte Matthias Tang, Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung, am Mittwoch rbb|24 mit.

Archivperle vom 1. August 1993

"In der DDR war nicht alles schlecht"

Vor 25 Jahren war der Grüne Pfeil noch ein echtes Politikum. Tausende Autofahrerinnen und Autofahrer aus der früheren DDR betrachten den Pfeil als eine Errungenschaft ostdeutscher Verkehrslenkung und wollten nicht hinnehmen, dass "die Bonner Technokraten" das Blechschild am liebsten überall in der Ex-DDR abmontieren hätten.

Im Vogtland sei der Verkehr zusammengebrochen, als der Grüne Pfeil plötzlich verschwand, sagte damals ein Autofahrer dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) - "Da mussten sie ihn wieder ranmachen." Am 1. August 1993 berichtete der ORB mit einem Augenzwinkern über den Grünen Pfeil und das Loblieb, das ostdeutsche Autofahrer auf ihn sangen.

"Abordnung" für zwei Pfeile in Spandau empfohlen

Zuletzt wurden die beiden Spandauer Kreuzungen Kloster-/Seeburger-/Wilhelmstraße und Alt-Pichelsdorf/Heerstraße zu Streichkandidaten. An beiden Standorten kam es innerhalb von 36 Monaten zu drei bzw. vier Unfällen, davon je einer mit Personenschaden - so geht es aus einer Polizeistatistik von Mai 2018 hervor. Die Polizei hat daher für beide Kreuzungen eine "Abordnung" empfohlen, sprich die Entfernung der Grünen Pfeile.

Umgekehrt weist die Statistik für insgesamt 38 Kreuzungen mit Grünem Pfeil über drei Jahre überhaupt keine Unfälle aus - was für die Beibehaltung sprechen würde. Und auch der Fußgängerverband ist nicht kategorisch gegen das ostdeutsche Verkehrsrelikt: An Autobahnkreuzen oder in Gewerbegebieten, wo keine Fußgänger unterwegs sind, könne der Grüne Pfeil am Ampelmast ruhig hängen bleiben, sagt Fußverkehrsexperte Stimpel.

ADFC fordert freies Rechtsabbiegen für Radfahrer

Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Berliner Grünen, hält das Verkehrszeichen grundsätzlich für ein Auslaufmodell. Das Ziel der Verkehrspolitik müsse es sein, gefährliche Kreuzungen zu entschärfen. "Bei den großen Kreuzungen sollte geprüft werden, ob man nicht den Rechtsabbiegerverkehr getrennt signalisiert."

So sieht es auch Nikolaus Linck. Der Pressesprecher des Berliner Landesverbandes des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) hält den Grünen Pfeil in seiner jetzigen Form für "kontraproduktiv". Unfallstatistiken zeigten, dass Fehler beim Abbiegen eine der Hauptursachen für Verkehrsunfälle seien. Trotzdem soll es aus Sicht des ADFC einen Rechtsabbiege-Pfeil geben, aber nur für Radfahrer - so, wie es in Frankreich und der Schweiz längst üblich sei. Mit dieser Variante des Grünen Pfeils ließen sich auch "viele Rotlichtverstöße von Radfahrern aus der Illegalität holen", sagte Linck am Mittwoch rbb|24.

Gesetzliche Grundlage

Straßenverkehrsordnung (StVO) §37, XI. Grünpfeil (Auszug)

27 1. Der Einsatz des Schildes mit grünem Pfeil auf schwarzem Grund (Grünpfeil) kommt nur in Betracht, wenn der Rechtsabbieger Fußgänger- und Fahrzeugverkehr der freigegebenen Verkehrsrichtungen ausreichend einsehen kann, um die ihm auferlegten Sorgfaltspflichten zu erfüllen. […]

35 2. An Kreuzungen und Einmündungen, die häufig von seh- oder gehbehinderten Personen überquert werden, soll die Grünpfeil-Regelung nicht angewandt werden. […]

36 3. Für Knotenpunktzufahrten mit Grünpfeil ist das Unfallgeschehen regelmäßig mindestens anhand von Unfallsteckkarten auszuwerten. Im Falle einer Häufung von Unfällen, bei denen der Grünpfeil ein unfallbegünstigender Faktor war, ist der Grünpfeil zu entfernen. […]

Kommentar

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64 Kommentare

  1. 64.

    Bei aller waltenden Siegermentalität nach 1990, bei der Abschaffung des Grünpfeils geht es um die Sicherheit der Schwächeren. Die Feindschaft sehe ich - mit Verlaub - deshalb eher bei Ihnen.

    Wo blieb denn bspw. der Protest gegen die Abschaffung der Regelung, dass der städtische Schienenverkehr Vorrang hat? Gerade Brandenburg an der Havel hätte von der Beibehaltung der sehr sinnvollen Regelung profitieren können, anstelle überall Lichtsignalanlagen installieren zu müssen, die das Stadtsäckel beanspruchen.

  2. 63.

    "macht den "Grünen Pfeil" doch einfach Gelb"
    Die Idee ist gut. Das wird zwar auch nicht jeder verstehen, Gelb hat aber eine deutlich höhere Signalwirkung. Das wäre jedenfalls besser, als den Pfeil komplett abzuschaffen.

  3. 62.

    Es geht hier um Fragen der Verkehrssicherheit und nicht um die Pflege von dumpfen Vorurteilen und um das Austeilen von Beleidigungen. Wir dämlichen Wessis sind auch nicht mit allem zufrieden, was uns durch den Mauerfall zum Nachteil gelangt. Trotzdem sollten alle daran arbeiten, die Mauern im Kopf abzubauen, anstatt sinnfrei noch drauf zu kloppen. Was soll das?

  4. 61.

    ??Es geht hier nicht um Fremde und Zuzügler, sondern um Leute die herkommen und den Eingeborenen erzählen, diese hätten alles falsch gemacht und müssen jetzt das tun was nach Meinung der Herkommer (vorrangig Wessis) das Richtige sei. Also eine ähnliche Verfahrensweise wie diese bereits mit den Ureinwohnern Amerikas praktiziert wurde.
    Und die immer wieder aufkommende Forderung nach Abschaffung des grünen Pfeiles ist nur ein Beispiel dafür.
    Denn eine Beibehaltung des grünen Pfeiles passt nicht in das Feindbild DDR.

  5. 60.

    Ich erinnere Sie gern an Ihre eigenen Worte. Die Vermutung, "welche Aktivisten" das sind, spielt für die Argumentation überhaupt keine Rolle, weil dies ja wieder Einordnungen und Unterstellungen sind.

    Der Studie ging es bewusst nicht um Unfallhäufungen, sondern darum, wieweit das Verkehrsgeschen INSGESAMT im Blick ist. Ingesamt heißt: mit sämtlichen Verkehrsarten. Das massenhafte Blockieren von Geh- und Radwegen in Kreuzungsbereichen - sei es nun bewusst getan oder in Kauf genommen - lässt das GESAMTverkehrsgeschehen aus dem Blick geraten und ist Zeugnis der Überhöhung einer einzigen Verkehrsart.

    Es ist m. E. nachvollziehbar, dass Veränderungen in der Sichtweise immer Zeit brauchen. Ein Ansatz zur Änderung einer solchen Sichtweise, weg von der selektiven, kann einer Gesellschaft allerdings schon gut tun.

  6. 59.

    Haben Sie die Studie überhaupt gelesen? Ich zitiere: "Die Untersuchung konnte zwar einzelne Unfallhäufungen
    an Grünpfeilzufahrten aufzeigen, eine grundsätzliche statistische Auffälligkeit wurde aber NICHT nachgewiesen." Haben Sie mal nachgesehen, was das für "Aktivisten" sind? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß irgendwelche im Westen sozialisierten Wichtigtuer, die mit dem Grünpfeil überfortert sind, diese Studie dazu mißbrauchen, ihren skurrilen Vorstellungen durchzusetzen. Insofern hat die Kommentatorin Lexa völlig Recht.

  7. 57.

    Das Bagatellisieren des Zustellens von Kreuzungen, die ich in einem Atemzug mit dem Blockieren von Rad- und Fußwegen nannte, scheint eher das Problem Ihrer Klientel zu sein, Herr Müller.

  8. 56.

    Die Erhebung fand in allen Landesteilen statt. Auch in denjenigen, wo Fremde und Zuzügler nicht so gerne gesehen werdem und auch fast garnicht anzutreffen sind.

  9. 54.

    Es tut mir Leid, daß Sie obendrein auch solche Schwierigkeiten mit dem verstehenden Lesen haben. Den Fuß vom Gas zu nehmen und zu warten, bis frei ist, ist das Gegenteil von Nötigung. SIE sind es, der vorschriftswidrige Verhaltensweisen als angeblich nicht vermeidbar verteidigt - nicht ich.

  10. 53.

    Nur weil die Wessis zu dämlich sind mit dem grünen Pfeil richtig umzugehen soll er abgeschafft werde. Das ist typische Besatzerwillkür.

  11. 52.

    Nötigung - auch eine faktisch in Kauf genommene Nötigung - ist kein Bestandteil der StVO.
    Massenhaftes Praktizieren vorschriftswidriger Verhaltensweisen schaffen noch kein neues Recht, auch wenn Sie es gerne hätten.

  12. 51.

    Da bin ich voll bei Ihnen - besagte Kreuzung finde ich für einen Grün-Pfeil ebenfalls ungeeignet. Ich habe dort zwar auch schon davon gebrauch gemacht, aber Wohlfühlen geht anders.
    An der Abfahrt des Steglitz-Zubringers / Kreuzung in die Mecklenburgische Straße finde ich den Pfeil hingegen sehr angebracht. Sowohl der Fußweg, als auch der Radweg sind sehr gut einsehbar, wenig Fußgänger- und Radverkehr. Insofern fände ich eine Totalabschaffung schade, das Festlegen der richtigen Kreuzungen mit Verstand und Augenmaß halte ich für besser.

  13. 50.

    Ich weiß ja nicht, woher Sie Ihren Füührerschein haben. Aber sie müßten eigentlich gelernt haben, daß man z.B. eine Kreuzung auch erst befährt, wenn dahinter frei ist. Ansonsten kann es Ihnen nämlich passieren, daß Sie wie ein begossener Pudel bei Rot mitten auf der Kreuzung stehen und sich anhupen lassen müssen. Man muß eben auch in der Lage sein, die Füße mal vom Gas zu lassen. Wo haben Sie den Führerschein gemacht? In Timbuktu?

  14. 49.

    Bitte lesen Sie die StVO. Oder machen Sie eine Nachschulung. Aber nehmen Sie mit Ihrem Wissensstand und Ihren Vorstellungen bitten nicht per Fahrzeug am Straßenverkehr teil. Danke.

  15. 48.

    Wird doch sowieso eines Tages rot. Siehe Tomaten, HartzIV-Grüne, Ampeln, usw.

  16. 47.

    "Wenn der Weg nicht frei ist, kann man nicht fahren."

    Zudem denke ich gerade daran, dass Sie Grundstücksbesitzer wären oder zumindest Garagenbesitzer. Und da gibt´s einen, der stellt Ihnen die Grundstückszufahrt bzw. Garagenzufahrt zu mit der Begründung, schließlich sei ja keiner zu sehen gewesen, der da gerade raus will.

    Bei Sichtbarkeit der Grundstückszufahrt und Garagenzufahrt erfüllt ein Zustellen den Tatbestand der Nötigung. Ebenso ist es bei Zustellen von Rad- und Fußwegen, wenn erkennbar ist, dass sich der Rechtsabbiegende nicht in den anderen Kfz-Fluss so rechtzeitig einreihen kann, dass andere Verkehrsteilnehmer, die mit Sicherheit zu erwarten sind, nicht etwa behindert werden. Das ist in Städten gewiss zu erwarten. Analog ist es mit dem Zustellen von Kreuzungen durch Kfz-Fahrende selbst, die bei Kenntnis der Schaltrhythmus aus blankem Eigennutz dennoch in den Kreuzungsbereich einfahren, obwohl sie sicher sein können, den Querverkehr zu blockieren.




  17. 46.

    Würde Sie diese Logik auch bei einem Fußgängerschwarm von hundert Menschen anführen, der - bei Einführung eines Grünpfeils für Fußgänger - sich aufgemacht hat, die augenblicklich noch leere Fahrbahn bei Rot zu betreten und unglücklicherweise ja nichts dafür kann, wenn aus der Ferne doch einige Fahrzeuge heranrollen.

    Vielleicht mal eine Probe auf´s Exempel machen, um die Wirkung des Grünpfeils in anderer Richtung zu demonstrieren?

  18. 45.

    Leider wurden viel zu viel grüne Pfeile in der Wendezeit entfernt. Aber es ist auch zu erkennen, daß einige Westdeutsche noch immer nicht gelernt haben, damit umzugehen. Dann sollte doch mehr Augenmerk auf Fahrradfahrer gelegt werden. Mal fahren diese bei grün an der Kreuzung, wenn Autos fahren dürfen, mal sind sie plötzlich Fußgänger und kreuzen die Fahrbahn. Und wenn was passiert, ist immer der Autofahrer der Dumme. Darauf sollte mal mehr geachtet werden. Fazit: der grüne Pfeil ist Klasse!

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