Viele Interessenten stehen in einem Hausflur für eine Wohnungsbesichtigung in Berlin (Quelle: imago/Olaf Selchow)
Audio: Radioeins | 04.010.2018 | Interview mit Christiane Droste | Bild: imago/Olaf Selchow

Interview | Fachstelle "Fair mieten, fair wohnen" - Über 130 Anfragen wegen Diskriminierung bei Wohnungsvergabe

Eine Wohnung in Berlin zu finden, ist schwer. Doch viele Bewerber werden noch nicht mal zur Wohnungsbesichtigung geladen aufgrund ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung. Die Fachstelle "Fair mieten" kümmert sich seit einem Jahr um Diskriminierungen dieser Art.

rbb: Frau Droste, Sie sind Koordinatorin bei "Fair mieten, fair wohnen". Können Sie Beispiele für Diskriminierungen bei Vermietungen nennen?
Christiane Droste:
Seit Herbst letzten Jahres haben wir 131 Beratungsanfragen erhalten und damit Beispiele für Diskriminierung sammeln können. Beispielsweise bewirbt sich ein dunkelhäutiger Mann per Mail auf mehrere Wohnungen und sendet die Kopie seines Personalausweises sowie Gehaltsnachweise, Schufa-Auskunft und Mietschuldenfreiheits-Bescheinigung mit. Am nächsten Tag bekommt er freundlich formulierte Absagen per Mail. Im Rahmen eines Initativtests bewirbt sich etwas später in Absprache mit ihm, eine Frau, mit deutscher Nationalität und weißer Hautfarbe, auf eine Wohnung, die ihm bereits abgesagt wurde, mit dem gleichen Bewerbungstext ohne Anlagen. Mit dem Ergebnis: Sie bekommt sofort einen Besichtigungstermin.

Aber wenn ein Vermieter jemanden nicht als Mieter will, weil derjenige homosexuell, Ausländer ist oder eine Behinderung hat, würde er die Absage so nicht begründen, sondern sich kommentarlos für andere Bewerber entscheiden. Woher weiß ich denn, außer ich mache einen Test wie Sie, dass ich bei der Wohnungsabsage diskriminiert wurde?
Das Erkennen von Diskriminierung ist in der Tat nicht ganz einfach. Wenn eine Person ein AGG-Merkmal (Anmerk. d. Red: Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz sind das beispielsweise ethnische Herkunft, sexuelle Identität oder Alter) als Absagegrund genannt bekommt, besteht zumindest die Vermutung, dass Diskriminierung stattgefunden haben könnte.

Wenn der Vermieter nach Unterlagen fragt, die eigentlich für eine Wohnungsbewerbung nicht zulässig sind, könnte es sich auch um Diskriminierung handeln. Wenn es sich zum Beispiel bei einem bestimmten Anbieter häuft, dass Menschen mangels Sprachkenntnissen abgelehnt werden, kann man auch hier überlegen, ob es eine Diskriminierung sein könnte.

Was mache ich, wenn ich überzeugt bin, dass ich diskriminiert wurde?
Es sollten Belege für jede Wohnungsbewerbung, wie Briefe und Mails, und – wenn möglich – Gedächtnisprotokolle gesammelt werden. Bei einer Wohnungsbesichtigung sollten Bewerber jemanden mitnehmen. Wenn sich Bewerber diskriminiert fühlen, sollten sie nicht zu lange warten und uns oder andere Fachstellen schnellstmöglich aufsuchen.

Wenn 800 Interessenten für eine Wohnung anstehen, wie es in Berlin stellenweise vorkommt, sollte ich mich mit dem Vermieter nicht in einen Streit über Diskriminierung stürzen, weil ich dann die Wohnung wohl erst recht nicht bekomme. Der ist ja in der stärkeren Position. Was hilft mir der Nachweis der Diskriminierung?
Wenn wir Beschwerden erhalten, sprechen wir mit den Betroffenen ab, ob es Sinn macht, sich an den Vermieter zu wenden. In zwei Fällen sind wir bis zur Klage in der Begleitung der Betroffenen gekommen. Eine Klage ist positiv zugunsten der Betroffenen entschieden worden. Eine ist noch offen. Das Maximum, was eine Betroffene oder ein Betroffener erhalten kann, ist zum einen die Rechtsprechung und zum anderen eine angemessene Entschädigungszahlung.

Am Ende eines solchen Prozesses steht leider keine Wohnung. Zum einen ist die Wohnung längst vergeben, bis das Verfahren durch ist. Aber der Vermieter ist möglicherweise sensibilisiert, wenn die Person sich erneut bewirbt, was wir in der Regel auch raten. Die Vermieter, mit denen wir häufiger zu tun haben, zeigen durchaus auch im Vermietungenverhalten Reaktionen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Marcor Seiffert und Tom Böttcher, Radioeins.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag nachhhören.

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Hanh
    >Z.B. wenn man gebürtige Berlinerin mit Migrationshintergrund ist, will man eigentlich schon in seiner Heimatstadt wohnen bleiben.<

    .
    Ein ausgezeichnetes Argument.

    Ich kenne ein russisches Ehepaar (gemeinsamer Bezugspunkt war mein Arbeitsplatz). welches ziemlich begütert sein dürfte.
    Vor der Geburt ihres Kindes wurde bereits in der Schweiz ein Konto in zweistelliger Millionenhöhe eröffnet.
    Und zur Geburt wurde eine Fahrt in ein Zürcher Krankenhaus organisiert, damit im Pass für alle Zeiten Zürich stehen wird.
    Ist der Geburtsort also wirklich die zukünftige Heimat für alle Menschen.

  2. 7.

    Z.B. wenn man gebürtige Berlinerin mit Migrationshintergrund ist, will man eigentlich schon in seiner Heimatstadt wohnen bleiben.

  3. 6.

    Bei privaten Vermietern gibt es einen uralten Spruch: "Vermiete nie an Lehrer oder Juristen."
    Mich würde interessieren wieviel davon unter den 130 Diskriminierten waren?

  4. 5.

    Der private Vermieter sucht sich seine Mieter aus und fertig. Muss man doch nicht mal irgendjemandem Begründen.

  5. 4.

    Was hat ihr Einwurf damit zu tun, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe etc. von vornherein ausgeschlossen (diskriminiert) werden.

  6. 3.

    Das ist doch wohl das gute Recht eines Vermieters sich den Mieter auszusuchen! Und wenn mir sein Gesicht nicht gefällt nehme ich den nächsten, oder mein Bauchgefühl sagt den will ich nicht. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, so ein Blödsinn!

  7. 2.

    Ich verstehe nicht, warum alle Welt der Meinung ist, in Berlin wohnen zu müssen. Auch der Wohnungsmarkt unterliegt nun einmal Angebot und Nachfrage und wo ist eigentlich das Problem, in sagen wir Brandenburg a.d.H., Luckenwalde oder Treuenbrietzen zu wohnen?

  8. 1.

    An Wohnungssuchende die mit diesem Verein im Gepäck bei mir auftauchten würde ich erst recht nicht vermieten. Zukünftiger Ärger mit ihnen ist praktisch vorprogrammiert.

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