Krankenschwester vom Vorwurf der Tötung eines Patienten freigesprochen. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: RadioBERLIN, 09.10.2018, Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Prozess in Berlin - Krankenschwester von Tötungsvorwurf freigesprochen

Eine Krankenschwester ist am Dienstag vom Amtsgericht Berlin freigesprochen worden. Sie war beschuldigt worden, das Beatmungsgerät des Patienten aus Versehen ausgestellt zu haben. Beweise ließen sich aber nicht finden. Von Ulf Morling

Eine Krankenschwester der Intensivstation einer Friedrichshainer Klinik ist vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung eines Patienten freigesprochen worden. Im Prozess wurde sie unter anderem von Ärzten beschuldigt, das Beatmungsgerät des Herzinfarktpatienten aus Versehen ausgestellt zu haben. Doch dafür gebe es keinerlei Beweise, so das Amtsgericht im Urteil.

Es gebe "keinen einzigen Beweis" für die Vorwürfe, erklärte der Amtsrichter nach drei Prozesstagen. Ebenso wenig könne man den behandelnden Ärzten der Intensivstation nachweisen, bei einer Reanimation des im Koma liegenden 57-jährigen Hans L.* aus Versehen das Beatmungsgerät auf Standby gestellt zu haben, erklärten die Richter weiter. Allerdings habe die Klinik "überhaupt keine bzw. später nicht ausreichende Bemühungen gemacht, den Tod des Patienten aufzuklären", stellte der Richter auch fest.

Reanimation auf der Intensivstation

Ines G.* ist seit 30 Jahren Krankenschwester, 24 davon auf Intensivstationen. Am Morgen des 4. August letzten Jahres fing der Tag "ganz normal an", berichtete die angeklagte 50-jährige Krankenschwester vor Gericht. Der Gesundheitszustand der beiden beatmeten Patienten in ihrem Zimmer sei stabil gewesen.

Ines G. erledigt die Grundkrankenpflege, kontrolliert immer wieder die Monitore. Später schlägt das Beatmungsgerät des Patienten Alarm, der im Nachbarbett des später Verstorbenen liegt: Der Patient hat sich den Beatmungsschlauch aus dem Hals gezogen. Als Notmaßnahme habe sie ihm eine Sauerstoffmaske aufsetzen müssen, so die Schwester im Prozess.

Als sie zum Nebenbett sieht, in dem Hans L. seit zwei Tagen im Koma liegt, sei ihr aufgefallen, dass er um den Hals herum blau ist, was für mangelnde Sauerstoffversorgung spräche. Sie habe laut "Rea!" (Reanimation) gerufen, damit andere Pfleger und Ärzte ihr zu Hilfe kommen.

Der Blutdruck des Patienten sei nach unten gegangen, aber kurz darauf sei Oberarzt Dr. Bernd W.* im Zimmer gewesen und habe den Patienten übernommen. "Bis dahin war ich an dem Patienten L. überhaupt noch nicht drangewesen", beteuert die angeklagte Intensivschwester. Fest steht, dass irgendwann Dr. W. ruft: "Wer hat das Beatmungsgerät ausgestellt?"

Ein Beatmungsgerät im St. Josefskrankenhaus in Freiburg (Bild: dpa/Patrick Seeger)
Bild: dpa/Patrick Seeger

Patient hatte Vorerkrankungen

Der 57-jährige Hans L. ist zwei Tage vor seinem Tod in der Klinik mit einem schweren Herzinfarkt eingeliefert worden. Der 130-Kilogramm-Patient war auf der Arbeit plötzlich zusammengebrochen und leidet unter Arteriosklerose. Die Ärzte des Krankenhauses legen L. Stents, Röhrchen, die die Blutgefäße offen halten sollen.

Doch auch am 4. August, zwei Tage nach der OP, ist er nicht über den Berg. Der Gerichtsmediziner im Prozess sagt aus, L. habe "ein allzeit versagensbereites Herz" gehabt. Man könne nicht sagen, ob er durch das vierminütige Abschalten des Beatmungsgerätes oder einen erneuten Herzinfarkt gestorben sei. Trotzdem kämpfen Ärzte und Schwestern lange um das Leben des Hans L. am Tattag. Vergeblich.

Sofortige Vorwürfe gegen die Schwester

Kaum ist Hans L. gestorben, wird der Intensivschwester der Vorwurf gemacht, für das Abstellen der Beatmungsmaschine verantwortlich zu sein: Sie sei schließlich allein in dem Zimmer gewesen und damit habe nur sie das Beatmungsgerät des Patienten "aus Versehen" auf Standby stellen können.

Trotz des Vorwurfs, einen Menschen getötet zu haben, wird die Polizei erst sieben Stunden nach dem Tod des Patienten gerufen. Oberarzt W. gibt zu Protokoll, dass die Schwester das Beatmungsgerät wohl versehentlich in der Hektik des Stationsalltags abgeschaltet habe.

Trotzdem darf die beschuldigte Schwester Ines weiter auf der Intensivstation arbeiten, "vielleicht weil sie anfangs nicht vehement widerspricht, für den Tod des Patienten verantwortlich zu sein?", fragt später ihr Verteidiger im Prozess. Erst als die Intensivschwester zu der Überzeugung kommt, dass sie es nicht gewesen sein kann, die den Patienten zu Tode brachte und anfängt Beweise für ihre Unschuld zu sammeln, wird sie klinikintern sanktioniert: Sie wird auf eine andere Station versetzt, Wochen später sogar gekündigt. Seitdem ist sie krankgeschrieben.

Beweise sind Mangelware - Oberarzt schweigt

Objektive Beweismittel gibt es wenige im Prozess gegen die wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Schwester, trotz hoch technisierter Intensivkrankenzimmer. Fest steht vor allem, dass ab 10:05 Uhr vier Minuten lang die Beatmungsmaschine Hans L.s ausgestellt war. Zwei Minuten vor dem Standby-Setzen seiner Beatmung waren noch Änderungen am Beatmungsdruck vorgenommen worden. Diese Tätigkeit ist wegen der möglichen weitreichenden Folgen eigentlich nur Ärzten erlaubt. Hätte also doch ein Arzt "aus Versehen" die Betamungsmaschine des Patienten abstellen können?

Oberarzt Dr. W. war der behandelnde Arzt des gestorbenen Patienten. War er doch im Patientenzimmer, um den Beatmungsdruck zu regulieren und vergaß er, die Maschine wieder anzustellen? Dr. W. selbst macht von seinem Auskunftsverweigerungsrecht im Prozess gebraucht, weil auch gegen ihn ermittelt werden könnte wegen des Patiententodes. Eine Kollegin aus der Klinik relativiert vor Gericht die Vorschrift, dass nur Ärzte an den Beatmungsgeräten die Druckverhältnisse ändern dürften. "Das machen auch manchmal Schwestern bei uns, wenn es keine Auswirkungen hat", sagt sie wörtlich aus.

Beweismittel verschwinden

Wer war wann im Zimmer des verstorbenen Patienten und käme in Verdacht, die Beatmung abgeschaltet zu haben? Die Vitaldaten aus der Zentralüberwachung des gestorbenen Patienten hätten Auskunft geben können.

Amtsrichter Leontin Brete hatte am 24. April dieses Jahres die Klinik darum gebeten, diese Daten dem Gericht zu übersenden. Eine Woche später antwortete eine Klinikjuristin, dass diese Daten sofort überschrieben würden, sobald ein neuer Patient an die Beatmungsmaschine angeschlossen würde. Keinerlei Aufzeichnungen würden archiviert. Die Angestellte der Klinik verschwieg, dass sehr wohl sieben Tage lang die Patientendaten nach der Entlassung gespeichert und nicht sofort gelöscht wurden. Bei außergewöhnlichen Vorfällen müssen Aufzeichnungen darüber hinaus archiviert werden. Die Klinikjuristin musste als Zeugin im Prozess einräumen, ihre Angaben für das Gericht nach Vorgabe des Oberarztes W. gefertigt zu haben.

"Es bleibt äußerst rätselhaft"

Im Urteil sah das Gericht keinerlei objektive Beweise für die Schuld der Krankenschwester am Tod des Patienten. Auch Staatsanwaltschaft und der Nebenklagevertreter der Witwe des Verstorbenen hatten einen Freispruch der Intensivschwester gefordert. Allerdings sieht Richter Brete auch das versehentliche Abschalten der Beatmungsmaschine durch einen Arzt als "unwahrscheinlich" an.
"Es bleibt äußerst rätselhaft", so der Richter in der Urteilsbegründung.

Scharf kritisiert er die Klinik, in der der Todesfall geschah: Sie habe "überhaupt keine Bemühungen und später dann nicht ausreichende Bemühungen zur Aufklärung" unternommen. Die Staatsanwaltschaft habe ebenso nicht ausreichend ermittelt und beispielsweise Akten und die Beatmungsgeräte aus der Klinik beschlagnahmt, um dem Täter auf die Spur zu kommen. "Wenn das geschehen wäre, wäre die Beweislage wahrscheinlich anders", so der Richter.

Freigesprochen und krank

Intensivschwester Ines G. hat Tränen in den Augen, als sie den Urteilsspruch hört. Seit dem Versterben des Patienten auf ihrer Station hat die schlanke Frau fünfzehn Kilogramm abgenommen. Sie ist krankgeschrieben und klagt gegen ihre Klinik auf Weiterbeschäftigung.

Bereits im Mai hätte vor dem Arbeitsgericht der Prozess um ihren Job stattfinden sollen. Die Klinik bat um einen Aufschub: Man müsse die neuerlich eingereichten Unterlagen erst sorgfälig prüfen. Nun wird voraussichtlich Anfang Dezember über das arbeitsrechtliche Schicksal der 50-jährigen Krankenschwester entschieden.

* Namen geändert

Sendung: Abendschau, 09.10.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ein gutes Urteil und für die betroffene Krankenschwester alles Gute, hoffentlich widerfährt ihr noch Gerechtigkeit und wird für diesen bösartigen Arbeitsrechtsrummel mehr als ausreichend entschädigt. Das verhalten des Krankenhauses und des Oberarztes ist schon recht "bemerkenswert". Warum wurde nicht der OA versetzt und sanktioniert, trug er keine Verantwortung?

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