Pflegerin hält Hand eines sterbenden Mannes (Bild: imago/Oberhäuser)
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Audio: 19.11.2018 | Inforadio | Bild: imago/Oberhäuser

Interview | Bestatterin Angela Fournes - "Für mich ist der Verstorbene nicht weg"

Sie will dem Tod den Schrecken nehmen - und plädiert dafür, Verstorbene für den Abschied nach Hause zu holen. Im Interview erzählt die Berliner Bestatterin Angela Fournes auch, warum sie Verstorbene mit Schmetterlingen vergleicht.

rbb: Frau Fournes, Sie haben gerade besonders viel zu tun. Ist das Zufall?

Angela Fournes: Es ist schon der Zeitenlauf. In den Übergangszeiten, von November bis Januar ist sehr viel zu tun, da gehen die Leute gern über die Schwelle. Aber auch wenn die Passionszeit wieder anfängt, also wenn die Naturkräfte wieder nach oben kommen. Diese Übergangszeit … das ist der Tod. Deswegen träumt man ja von den Menschen meistens morgens beim Aufwachen, denn auch wenn man morgens wieder zu sich kommt ist es eine Übergangszeit.

Sie haben gemeinsam mit einer Journalistin ein Buch geschrieben: "Den Tod muss man leben". Das Buch gibt ganz praktische Hinweise, wie man mit dem Tod umgehen kann – und ihn dadurch zu einem relativ normalen Vorgang macht.  

Ich wollte die Menschen ermuntern, dass sie selbstständig werden, dass sie wissen, was alles möglich ist und wie man es auch selber machen kann. Etwa: Wie wäscht man den Verstorbenen?

Das Ganze ist sehr angstbesetzt, weil wir das verlernt haben. Früher ist jemand zu Hause gestorben. Dann war es selbstverständlich, dass die Familie den Verstorbenen gewaschen, angezogen und auf dem besten Tisch aufgebahrt hat. Und dass die Nachbarn sich um die Familie gekümmert haben. Heute ist das hauptsächlich dem Bestatter überlassen, der normalerweise so schnell wie möglich Verstorbene von Lebenden trennt. Wir versuchen, so lange wie möglich Verstorbene mit Lebenden zusammenzuhalten, weil die Seele einfach Zeit braucht, das Geschehene auch zu verstehen. Das kann man nicht in den zwei Stunden, die man im Krankenhaus normalerweise Zeit hat, um Abschied zu nehmen.

Ich wusste gar nicht, dass man einen Toten auch zu Hause 36 Stunden aufbewahren darf.

Doch, das geht. Und man darf zum Beispiel auch einen Verstorbenen aus dem  Krankenhaus nach Hause bringen. Das ist umständlich, aber es ist so wohltuend. Sehr oft muss ich die Leute mit liebevollem Druck ein bisschen dazu bringen, weil sie das nicht kennen. Sie haben Angst, aber danach sind sie dankbar, dass sie die Zeit mit dem Verstorbenen hatten. Dann bleibt einfach eine Hülle übrig, und die kann man getrost bestatten und loslassen, weil man merkt: Es ist ja nichts mehr drin.

Am ersten Tag atmet das noch alles. Man denkt, man spinnt, aber die Aura um den Körper herum atmet - und dieses Atmen wird immer größer. Als ob ein Schmetterling aus seinem Kokon kommt – der kann auch nicht sofort fliegen, sondern die Flügel müssen erst trocknen. Als Schmetterling muss man lernen dass man die Flügel benutzt. Das ist bei dem Verstorbenen ähnlich, das merkt man bis in die Gesichtszüge. Die können sich noch ändern. Ganz am Anfang ganz nah dran, und dass sich diese Aura immer mehr und mehr ausbreitet - bis sie auf einmal weg ist -  wie der Schmetterling, der geflogen ist. Und es bleibt tatsächlich nur der Kokon. Und dann weiß man: Jetzt kann man wirklich gehen. Dann ist Frieden.

Angela Fournes und Anke BurmeisterBestatterin Angela Fournes (links) und Inforadio-Redakteurin Anke Burmeister im Studio

Wie Sie das erzählen, muss ich Ihnen ehrlich sagen: Ich bedauere, dass ich dieses Erlebnis noch nie haben konnte. Ich hatte Angst davor. Wie nehmen Sie den Leuten die Angst?

Indem ich sage, dass die Vorstellung meistens sehr viel schlimmer ist als die Realität. Wenn man einen Menschen ein Leben lang gekannt hat, dann liegt der Körper da, man fasst ihn an und merkt: Das ist das Natürlichste in der Welt. Eigentlich gehört es einfach zum Leben dazu: Wir müssen alle da durch. Dass wir das wegschieben, es Angst macht, ist so schade. Eigentlich ist es das Ziel, dass man diese Angst nimmt.

Haben sich Angehörige auch geweigert, diesen Weg mit Ihnen zu gehen?

Ja klar, das gibt es immer wieder. Und dann respektiere ich das auch. Jeder reagiert anders. Nicht nur der Verstorbene geht, sondern man geht auch ein bisschen mit - und deswegen ist man so offen. Und dann kommen manchmal unverarbeitete Sachen, so vulkanmäßig, es entstehen manchmal total schöne Streitereien, weil man sich nicht im Griff hat.

Ich stehe dann zwischen allen Stühlen und versuche zu sagen, dass es dem Verstorbenen vielleicht nicht so gut tut, wenn man  sich jetzt hier streitet - und dass man damit gefälligst bis nach der Bestattung warten sollte.

Wenn man das nicht vor dem Tod erledigt, muss man eine Runde warten - und das kann lange sein.

Angela Fournes, Bestatterin

Doch sehr oft sind drei Tage vorher auch diese ganzen Streitereien abgelegt. Auf einmal kommt ein Annehmen der Situation, dass man jetzt gehen wird, und man möchte sich mit allen Menschen versöhnen, mit denen man gestritten hat. Dass sogar seitens der Sterbenden eine Dankbarkeit ausgedrückt wird, die vorher nicht denkbar gewesen wäre.

Diese Momente können stattfinden, weil man merkt, was das Wesentliche im Leben ist. Wenn man das nicht vor dem Tod erledigt, muss man eine Runde warten - und das kann lange sein. Oder dass man einfach bereut, dass man nichts gesagt hat, weil man zu stolz war. Diese Momente, diese Tage vor dem Tod wirklich wahrzunehmen, wo meistens drei Tage vorher eine Ruhe einkehrt. Die sollte man wahrnehmen, um sich aussprechen zu können.

Gibt es auch Grenzen, an die Sie selbst gelangen? Zum Beispiel Tod durch Gewalt, oder Kinder, die sterben - können Sie das ebenfalls mit diesem Frieden annehmen?

Ja, denn für mich ist der Verstorbene nicht weg, sondern ich merke ihn noch. Auch wenn jemand gewaltsam oder durch einen Unfall umgekommen ist, merke ich, dass es auf der anderen Seite eine unglaubliche Präsenz gibt, und dass es ihnen eigentlich viel besser geht als uns hier Hinterbliebenen. Auch bei Krankheit sagt man, dass man seine Krankheit mit dem Körper hier lässt.  

Ich bin sehr dankbar, dass ich durch eigene Erfahrung diese Zuversicht habe, dass es danach weitergeht. Man sagt, dass man das, was man sich vorstellt, auch erlebt. Wenn ich mir eine große Party vorstelle, dann werde ich das auch erleben Aber wenn ich mir nichts vorstelle, erlebe ich Finsternis, das ist nicht so doll. Insofern kann ich nur dazu ermuntern, dass man sich Gedanken dazu macht. Das ist wirklich wichtig für diesen Moment, es erleichtert den Übergang.

Sie sagen in Ihrem Buch: Man soll den Tod vorbereiten. Etwa eine Liste aufstellen mit Menschen, die man zu seiner Beerdigung haben möchte – oder nicht - und diese Liste alle zwei Jahre checken. Ist das auch eine Aufforderung um abzugleichen: Stimmt das alles noch in meinem Leben?

Darum geht eigentlich diese ganze Vorbereitung. Einerseits ist es für einen selbst, damit man besser loslassen kann. Das heißt nicht,  dass man sich für den Rest des Lebens damit beschäftigen muss, sondern dass man es ad acta legt, in ein Heft, und dass zwei, drei Leute wissen, wo dieses Heft ist und was man für Wünsche hat. Es geht auch darum, den Hinterbliebenen das Leben zu erleichtern. Ich habe jetzt auch gerade mit einer Wohnungsauflösung zu tun, wo nichts vorbereitet wurde. Das ist schon ein harter Brocken.

Wie stellen Sie sich Ihre Beerdigung vor?

Ich bin Amerikanerin und in Mexiko aufgewachsen, und Mexikaner nehmen für jeden Anlass eine Party: Die Feste muss man feiern, wie sie fallen. Und ich freue mich auf das Empfangskomitee, das große, sehr große und auf die Feier, die dann kommt.

Und nach dem Fest?

Dann fängt die Arbeit an. Dass man sein Leben noch einmal anschaut, dass man sein eigener Richter ist, dass man das durchmacht, was man anderen Leuten angetan hat - wenn jemand was Gutes getan habe, dann erlebe ich seine Dankbarkeit und seine Freude. Wenn ich jemandem Schmerz zugefügt habe, erlebe ich den Schmerz. Und dass man in dem Moment auch nichts ändern kann, sondern nur einen Impuls nehmen für ein nächstes Leben. Wenn man so möchte: Was man selber angestellt, muss man selber ausbaden.

Also ohne offene Rechnung gehen?

Wenn man ein Heiliger war - dann schon. (lacht)

Ich danke Ihnen für das Gespräch. 

Das Interview führte Anke Burmeister, Inforadio. Der Text ist eine leichtgekürzte und bearbeitete Fassung. Das gesamte Gespräch können Sie hören, indem Sie auf den Play-Button im Bild oben klicken.

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1 Kommentar

  1. 1.

    frau fournes ist die beste und einfühlsamste bestatterin in berlin. sie kann dem tod den schrecken und einen grossen teil des verlustest nehmen. ihre haltung zum tod ist großartig, ich verdanke ihr viel.

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