Baustelle am St. Thomas Kirchhof an der Hermannstraße (Quelle: rbb|24, Stefan Oberwalleney)
Video: rbb|24 | 25.11.2018 | Bild: rbb|24, Stefan Oberwalleney

Berliner Friedhöfe - Wenn der Totenacker zum Bauland wird

Bestattungen mit Sarg und Grabstein sind in Berlin inzwischen so selten, dass auf Friedhöfen immer größere Lücken klaffen. Betreiber drängen Geldnöte zum Verkauf von Grundstücken. Was aber passiert mit den alten Friedhofsflächen? Von Roberto Jurkschat

Jürgen Quandt hat den Platz für sein Grab mit Bedacht ausgesucht: auf dem Friedhof am Halleschen Tor, der vor etwa 300 Jahren vor den früheren Stadtmauern errichtet wurde. "Dieser Friedhof ist denkmalgeschützt, deshalb wird er auch in 50 Jahren noch da sein", sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbands Berlin Stadtmitte. Bei vielen anderen der 220 Friedhöfe in der Stadt ist sich Quandt aber nicht so sicher. "Eine Reihe davon werden in den nächsten Jahren schließen."

Die Erklärung ist auf den ersten Blick einfach: Den Friedhöfen gehen die Gräber aus. Nicht einmal jeder Fünfte lässt sich in Berlin noch in einem Sarg beerdigen. Deshalb klaffen auf den 45 Friedhöfen, die Quandt verwaltet, schon jetzt große Lücken zwischen den Grabsteinen. Mehr als die Hälfte der Flächen liegt brach. Auf den 88 stadteigenen Friedhöfen sieht es ähnlich aus, wie die Senatsverwaltung für Umwelt auf rbb|24-Anfrage erklärt. Die Zahl der Erdbestattungen habe sich seit 1991 halbiert: von 11.700 auf 5.600 im Jahr 2017.

Urnenbestattungen sind mittlerweile die Regel

Quandt sieht für diese Entwicklung mehrere Ursachen. Steigende Lebenserwartung, sinkende Kindersterblichkeit, einen gewachsenen Anteil muslimischer Menschen, zumindest in einigen Stadtteilen Berlins. Bestattungen für Muslime finden bislang vor allem am islamischen Friedhof am Columbiadamm statt. Aber auch auf drei Teilflächen anderer Friedhöfe. Für Jürgen Quandt liegt der wichtigste Grund aber im Wandel der Bestattungskultur. "Die Urnenbestattung ist heute die Regelbestattung, sie macht bei uns 80 Prozent der Beisetzungen aus."

Die Urnen werden auf Friedhöfen in gärtnerisch gestalteten Gemeinschaftsgräbern untergebracht, die für Angehörige deutlich weniger Aufwand und Kosten bedeuten, ihnen aber trotzdem einen Ort zum Trauern bieten. Und noch etwas beobachtet Quandt: Der Anteil der See- und Waldbestattungen nimmt zu. "Viele Menschen verstehen den Körper als einen Teil eines natürlichen Kreislaufs. Nach dem Tod sollen die Überreste wieder dorthin zurück finden."

Friedhof Jerusalem 5 an der Hermannstraße. (Quelle rbb24/Stefan Oberwalleney)Viel Platz, wenig Gräber: Der Friedhof Jerusalem 5 an der Hermannstraße

Friedhöfe sollen schrumpfen und schließen

Als Mensch, sagt Quandt, könne er das leicht akzeptieren. Als Geschäftsführer des Friedhofsverbands aber hat er ein Problem: Denn mit der Zahl der Erdbestattungen sinken die Einnahmen des Friedhofsverbands. Rund 1500 Euro kostet eine einfache Grabstelle. Geld, das für die Pflege der Bäume, Wege und Gebäude auf Friedhöfen fehlt. Denn eine Urnenbestattung ist mit 500 Euro deutlich günstiger.

Quandt schätzt, dass rund ein Viertel der Kosten des Verbands schon heute nicht mehr gedeckt werden können. Rote Zahlen schreiben aber auch die städtischen Friedhöfe. Die Senatsverwaltung für Finanzen überweist den Bezirken für den defizitären Friedhofsbetrieb pro Jahr einen Zuschuss von rund 20 Millionen Euro.

Auf Dauer sollen deshalb Flächen verkauft werden - manche Anlagen, wie der Friedhof Jerusalem 5 an der Neuköllner Hermannstraße oder der Dreifaltigkeitsfriedhof in Mariendorf sollen sogar schließen. 

Investoren stehen Schlange

Die Senatsverwaltung für Umwelt hat sich schon im Jahr 2006 mit der Frage befasst, was aus überschüssigen Friedhofsanlagen werden soll. Der Friedhofsentwicklungsplan des Landes sieht vor, 290 Hektar umzuwidmen - eine Fläche, so groß wie das Tempelhofer Feld. Dem Senat schwebten damals Grünanlagen vor, aber auch neues Bauland.

Gerade für den Bau neuer Wohnungen stehen Interessenten Schlange. Denn viele Totenacker befinden sich in äußerst attraktiven Lagen. Beispiel Neukölln: Im Bereich der Herrmannstraße liegen sieben Friedhöfe, auf denen kaum noch Erdbestattungen stattfinden. Während große Abschnitte dort brach liegen, wächst in der Nachbarschaft der Bedarf an Wohnraum rasant. Der Schillerkiez zählt zu den begehrtesten Wohngebieten Berlins - bestens erschlossen durch Ring- und Autobahn, das Tempelhofer Feld zur Naherholung gleich nebenan. Für Wohnungen mit 50 Quadratmetern zahlen Neumieter hier mittlerweile bis zu 950 Euro.

Der St.-Thomas Friedhof in Berlin-Neukölln wird umgebautAm neuen St.-Thomas-Kirchhof baut der Friedhofsverband ein Bürogebäude

50 Interessenten für jede Friedhofsfläche

"Ganz Berlin sucht Bauland", sagt Siegfried Kleimeier von der Firma Stattbau. Kleimeier soll frei werdende Grundstücke im Auftrag des Evangelischen Friedhofsverbands entwickeln - und verkaufen. Er sagt, pro Friedhofsfläche gingen rund 50 Anfragen ein - von kleinen Genossenschaften, Sozialträgern vor allem aber aus der freien Wirtschaft.

Bei der Vergabe, sagt er, spiele nicht nur das Geld eine Rolle. "Wir wollen nicht einfach an den Höchstbietenden verkaufen, sondern einen Beitrag für eine sozialere und eine grüne Stadt leisten." Dazu gehöre auch genossenschaftlicher Wohnungsbau.

Genossenschaftswohnungen in Weißensee

Wie das konkret aussieht, soll bald in Weißensee zu sehen sein. Auf dem früher mehr als acht Hektar großen Friedhof Georgenparochial III werden künftig viereinhalb Hektar in Grünanlage und Bauland umgewandelt. Kleimeier verhandelt mit fünf kleineren Genossenschaften über die Errichtung günstiger Wohnungen. In Weißensee sowie an drei weiteren alten Friedhofsstandorten sollen laut Friedhofsverband außerdem Schulen gebaut werden. 

Komplett als Grünanlage genutzt wird jetzt hingegen der frühere Neuköllner St.-Thomas-II-Kirchhof an der Hermannstraße. Nach dem Ausbau der Stadtautobahn von Neukölln nach Treptow hatte der Bund das Areal als Ausgleichsfläche erworben und der Senatsverwaltung übertragen. Die hat das Gelände in den heutigen Anita-Berber-Park umgewandelt. Gleich gegenüber, am alten St. Thomas Kirchhof, baut der Friedhofsverband momentan ein neues Bürogebäude, wo früher mal Friedhof war.

Pfarrer Jürgen Quandt am Friedhof St. Jerusalem Hermannstraße. (Quelle: rbb|24/Stefan Oberwalleney)Jürgen Quandt an der Gartenanlage "Schlesische 27" an der Hermannstraße

30 Jahre Planungsvorlauf

An neuen Ideen für ungenutzte Friedhofsflächen mangelt es nicht. Nur ist deren Umsetzung äußerst langwierig.  Denn nach einer Beerdigung sieht das Gesetz erst einmal 20 Jahre Ruhezeit vor. Dann folgt eine zehnjährige Pietätsfrist, ehe Bagger auf das Gelände rollen dürfen. Meistens kommt hinzu, dass die aktiven Gräber vieler Friedhöfe unregelmäßig verteilt sind. Das macht es schwierig, größere Abschnitte für eine andere Nutzung herauszulösen. Auf rbb|24-Anfrage teilt die Senatsverwaltung für Umwelt mit, dass in den vergangenen zwölf Jahren erst 57 Hektar Grabflächen umgewidmet wurden.

Deshalb hat sich Jürgen Quandt hier und da schon Gedanken für eine Übergangslösung gemacht. Am Friedhof St. Jerusalem an der Hermannstraße betreibt das Kulturprojekt "Schlesische 27" ein Gewächshaus und einen Garten, in dem Deutsche und Geflüchtete gemeinsam arbeiten. Auf dem ehemaligen Neuen St.-Jacobi-Friedhof an der Hermannstraße in Neukölln haben Betreiber des Prinzessinnengartens am Kreuzberger Moritzplatz ebenfalls ein Gartenprojekt initiiert - inklusive Schulgärten und Bienenvölker. Wo sich die Reihen der Grabsteine gelichtet haben, wachsen jetzt Möhren, rote Beete und Mangold.

Ob Friedhöfe überhaupt eine Zukunft haben? Ja, sagt Jürgen Quandt. "Friedhöfe sind entstanden, weil der Tod zum Leben gehört. Wir brauchen einen Ort, an dem wir von geliebten Menschen Abschied nehmen können."

Beitrag von Roberto Jurkschat

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Umwidmung und Umnutzung von nicht mehr aktiven Friedhofsflächen mit Bedacht geschieht. Es handelt sich hierbei nicht um natur- oder denkmalgeschützte Areale. Berlin hat eine sehr hohe Anzahl an Friedhöfen. Die jeweiligen Friedhofsträger sind sich über deren stadtgeschichtliche, ökologische, kultur- und kunsthistorische Bedeutung bewusst. Denkmalgeschütze Friedhöfe müssen allein aus denkmalrechtlichen Gründen erhalten bleiben. Und das bleiben sie ja auch.

  2. 12.

    Unglaublich. Ich hoffe das die Friedhöfe nicht geschlossen werden. Jeder einzelne ist ein schönes grünes Stück Natur in Berlin. Zuhause für Tiere, Obdachlose und Rückzugsort für Trauernde oder Ruhegeniesser. Ich kann mir nicht vorstellen, das Menschen gern auf einem ehemaligen Friedhof Leben wollen. Da kommen einem die Szenen aus Poltergeist hoch. Wir wollen unsere Friedhöfe behalten!!! Das einem gesunden Menschenverstand überhaupt solche Gedanken kommen ist unfassbar gestört.

  3. 11.

    Spinnen die ? Friedhöfe sind wichtige Rückzugsgebiete für Vögel und andere Tierarten. Hört auf, immer weiter die Grünflächen unserer Stadt zu versiegeln ! Sollte doch jeder wissen, wohin weitere Versiegelungen führen ! Lernen die denn überhaupt nicht dazu ?

  4. 10.

    In Niedersachsen gelten viele alte Friedhöfe als Oase der Ruhe und lebendige Geschichte.
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar , bis über den Tod hinaus.“ Wie ein Volk mit seinen Verstorbenen umgeht, zeigt wie es ist.

  5. 8.

    " Das kann man doch nicht einfach so wegwischen sondern muss erhalten bleiben. " richtig, und einsturzgefährdete Bruchbuden stehen unter Denkmalschutz und verfallen trotzdem. Aaaber : das ist in der Regel keine große Bebauungsfläche

  6. 7.

    schnell ?? " Denn nach einer Beerdigung sieht das Gesetz erst einmal 20 Jahre Ruhezeit vor. Dann folgt eine zehnjährige Pietätsfrist, " also 30 Jahre sind nicht schnell

  7. 6.

    " Ob Friedhöfe überhaupt eine Zukunft haben? " und wenn nicht, was dann ? nur Feuerbestattungen auf kleinstem Raum ?
    " Wir brauchen einen Ort, an dem wir ( uns erinnern und... ) von geliebten Menschen Abschied nehmen können."
    auch für folgende Generationen , die Interesse an ihren Vorfahren haben können... Friedhöfe haben aber auch einen " hohen kulturellen Wert " und der Gedanke von > CDBerlinSonntag, 25.11.2018 | 12:52 Uhr < ist gut.

  8. 5.

    Wie man nur Friedhöfe oder Teile davon schliessen kann um dann irgend etwas darauf zu bauen finde ich nicht nur geschmacklos sondern unzivilisiert. Eine echte Schande. Egal wie angelblich sozial die neue Verwendung sein soll. Irgendwo muss man auch mal inne halten und sich auf Anstand besinnen. Diese Friedhöfe sind Teil der Geschichte Berlins. Das kann man doch nicht einfach so wegwischen sondern muss erhalten bleiben. Wo bleibt der Denkmalschutz? Umweltschutz? Anstand? Fehlanzeige wie immer. Der Senat muss unsere Friedhöfe sichern.

  9. 4.

    Friedhof der Kuscheltiere..

  10. 3.

    Alte Friedhöfe mit ihrem alten Baumbestand sind wichtige Lebensräume für Tiere und wichtige Grünflächen in der immer dichter versiegelten Stadt. Statt diese zu bebauen, sollten lieber bereits versiegelte Flächen wie Parkplätze bebaut werden, diese könnte man durch Tiefgaragen ersetzen.

  11. 2.

    Es wird Zeit, dass diese Flächen dem Bauen von Wohnungen zur Verfügung stehen. Die Nachfrage ist so groß, dass man die Betreibung der Friedhöfe wirklich nicht mehr rechtferigen kann.
    Und dann bitte gleich auch in die Höhe bauen. Das ist das, was Berlin derzeit braucht.

  12. 1.

    In der ganzen Welt gibt Friedhöfe, die den Touristen gezeigt werden, weil sie einen hohen kulturellen Wert darstellen. In Berlin und Brandenburg werden die Grabsteine schnell abgeräumt. Was sind das für politische Entscheidungen.

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