Symbolbild: Eine Frau rennt vor einem Mann weg. (Quelle: dpa/Inga Kjer)
Audio: Radioeins | 25.11.2018 | Interview mit Christian Gerkuhn | Bild: dpa/Inga Kjer

Interview | Anti-Gewalt-Training für Männer - "Es gibt keine Garantie, dass danach alles in Butter ist"

Bundesweit hat jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Das zu ändern, ist Ziel von Christian Gerkuhn. Er ist Anti-Gewalt-Trainer in Berlin und arbeitet mit den Tätern.

rbb: Herr Gerkuhn, Sie machen sogenannte Täterarbeit. Wer kommt zu Ihnen?

Christian Gerkuhn: Männer die feststellen, dass sie ein Gewaltproblem haben. Viele kommen auf Grund von Weisungen vom Gericht oder Familiengericht. Es kommen aber auch immer wieder Männer freiwillig, die merken, dass sie ein Problem haben und es alleine nicht hinbekommen.

Die Studie des Familienministeriums hat festgestellt, dass Gewalt gegen Frauen in allen sozialen Schichten vorkommt. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Ja absolut. Vor allem im Kontext der häuslichen Gewalt ist es schichtenübergreifend.

Welche Ursachen hat denn geschlechtsspezifische Gewalt?

Die Ursachen sind vielfältig. Aber alle Männer, mit denen ich bisher in den Trainingskursen zusammengearbeitet habe, sind selbst irgendwann in ihrem Leben Opfer von Gewalt geworden - in der Regel in der Kindheit oder in der Jugend, häufig in der Familie und häufig durch den eigenen Vater.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand bei Ihnen Hilfe sucht. Lässt sich Gewaltbereitschaft abtrainieren?

Die Grundannahme ist, dass es ein erlerntes Verhalten ist und entsprechend auch wieder verlernbar ist. Dazu zählt aber in erster Linie der eigene Wunsch, etwas zu ändern. Am Anfang steht eine Entscheidung: "Ich will das so nicht mehr. Ich will das meiner Familie nicht mehr antun. Ich will es mir nicht mehr antun." Daran lässt sich dann arbeiten.

Es kann auch sein, dass sich innerhalb eines Trainingskurses, der ein halbes Jahr dauert, die Motivation sich verändert: Leute, die aufgrund einer Gerichtsanweisung gekommen sind, merken im Laufe des Trainings, dass es tatsächlich viel mehr mit ihnen selbst zu tun hat, und sie sich helfen lassen wollen.

Ist innerhalb des halbjährigen Trainingskurses eine Veränderung zu sehen?

Es ist eine Entwicklung zu sehen. Aber es hängt auch davon ab, wie intensiv die Männer bereit sind, daran zu arbeiten. Sie müssen sich den schmerzhaften Momenten stellen, Verantwortung für ihre Taten übernehmen und sich mit Handlungsmustern konfrontieren. Wichtig ist auch festzuhalten, dass es damit nicht getan ist. Es gibt keine Garantie, dass danach alles in Butter ist. Es kann aber einen wichtigen Impuls geben und wichtige Grundlagen setzen, um danach weiter an diesem Thema dranzubleiben.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?

Das ist schwer zu sagen. In der Regel bricht der Kontakt zu den Männern nach einem Kurs ab. Selten bleiben wir in Kontakt über ein anschließendes Stabilisierungs-Coaching. Oft weiß ich nicht, wie es danach weitergeht.

Wie viele Anlaufstellen bieten in Berlin Anti-Gewalt-Trainings an?

Bis vor zwei Jahren gab es zwei Stellen. Inzwischen gibt es nur noch eine. Die Volkssolidarität bietet Beratung für Männer, bindet aber auch die Frauen mit und unterstützt die Kinder, sofern sie in der Familie sind.  

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Frauke Oppenberg, Radioeins. Der Text ist eine bearbeitete Fassung. Das gesamte Gespräch können Sie hören, indem Sie auf den Play-Button im Bild oben klicken.

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Könnte es sein, dass bei dieser Problematik ein enormer politischer Handlungsbedarf besteht?

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