Lehrer Werner Kienz (li.) und Azubi Maurice (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Audio: inforadio | 28.11.2018 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Duales Abitur in Berlin - Im "Spagat zwischen Gewinde schneiden und Goethe lesen"

Nach dem Mittleren Schulabschluss stellt sich für Schüler die Frage: Abitur machen und später studieren? Oder doch lieber eine Lehre? Am Berliner Oberstufenzentrum Max Taut geht jetzt beides gleichzeitig - durch das neue "duale Abitur". Von Thomas Rautenberg

Nils Zimmermann macht sich an einer modernen Brennwertheizung zu schaffen. Der 20-Jährige in Jeans und Sweatshirt lässt sich zum Anlagenmechaniker für Sanitär- und Klimatechnik ausbilden - und macht gleichzeitig Abitur. Möglich ist dies an der Max-Taut-Schule in Berlin-Lichtenberg, an der ein neuer, vierjähriger Bildungsgang berufliche Ausbildung und Hochschulreife unter einen Hut bringen soll.

"Man lernt das Berufsleben kennen und verdient"

"Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht und seitdem ganz viel gearbeitet", sagt Max Zimmermann über seine Motivation zu dieser Ausbildung. Dabei habe er verschiedene Arbeiten kennengelernt - als Kellner, an der Tankstelle und auf dem Bau. "Jetzt habe ich mich für diesen Weg hier entschieden und bin sehr glücklich damit."

Nils hätte die Leistungen gehabt, um nach der zehnten Klasse und dem Mittleren Schulabschluss (MSA) auch gleich das Abitur hinzulegen. Aber das wollte er nicht, denn von Schule allein hatte er erstmal genug. Er wollte in die Praxis: "Im Gegensatz zu anderen Leuten, die nach der Schule direkt ihr Abitur machen oder anstreben, hat man unfassbare Vorteile", sagt Nils Zimmermann. "Man lernt das Berufsleben kennen und verdient Geld. Das Ausbildungsgehalt im ersten Lehrjahr beträgt 625 Euro. Das ist schon ein Vorteil gegenüber einem normalen Schüler. Das fördert einen."

Nils ist einer von etwa 220 Jugendlichen, die am Max-Taut-Oberstufenzentrum ein berufliches Abitur machen. Es ist eine Testphase für Schule und Schüler gleichermaßen.

Die Ausbildung soll attraktiver werden, junge Leute werden in handwerklichen Berufen gebraucht. Ein "berufliches" Abitur klingt dabei vielleicht nur wie die zweitbeste Lösung - dabei ist es viel mehr, sagt Schulleiter Michael Nitsche: "Mit diesem Abitur kann ich auch Medizin studieren oder Rechtsanwalt werden. Es gibt keinerlei Grenzen. Das ist die entscheidende Botschaft."

Schulleiter Michael Nitsche (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)Ein berufliches Abitur eröffnet viele Möglichkeiten, sagt Schulleiter Michael Nitsche

Viele Absolventen finden einen Job

Die Max-Taut-Schule in Lichtenberg zählt zu den größten der insgesamt 34 Berliner Oberstufenzentren. Und auch zu den ältesten: Vor 90 Jahren hat der Architekt Max Taut das Gebäude mit seiner geschwungenen Fassade konzipiert. Und das mit so viel Weitsicht, dass die Max-Taut-Schule bis heute die Ansprüche an eine moderne Schule erfüllt. Großzügige Klassenräume, ausreichend Fachkabinette und eine Aula für 900 Personen, die wohl berlinweit ihresgleichen sucht.

2.600 Azubis mit und ohne Abitur haben sich an der Max-Taut-Schule eingeschrieben. Wer hier seinen erfolgreichen Abschluss macht, kriegt auch einen Job, weil die Unternehmen händeringend nach jungen Fachkräften suchen, sagt Schulleiter Nitsche.

Nach seinen Worten haben die Berufe, die an der Max-Taut-Schule ausgebildet werden, alle im weitesten Sinn mit Gebäuden zu tun. "Die größte Berufsgruppe sind die Anlagenmechaniker, Sanitärheizung und Klimatechnik - mit etwa 1.000 Auszubildenden", so Michael Nitsche. Zum Grundspektrum zählen des weiteren Berufe, wie Klempner, Industriefachkräfte oder Gebäudereiniger.

Die historische Aula im Max-Taut-Oberstufenzentrum (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Die Aula im Max-Taut-Oberstufenzentrum | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Große Unterschiede zwischen den Schülern

Rund 100 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten am Oberstufenzentrum. Sie werden von 20 technischen Kräften unterstützt, die die Labore und Praxisräume am Laufen halten. Soweit ist alles optimal. Die größte Herausforderung für die Pädagogen ist das Ausbildungskonzept der Oberstufenzentren selbst: Hier lernen Jugendliche, die ihren Schulabschluss nachholen wollen - teils, weil es in der Vergangenheit nicht so geklappt hat. Geflüchtete in Willkommensklassen büffeln die deutsche Sprache, auch die Berufsfachsprache. Hier gibt es Azubis, die eine Lehre machen - und da noch diejenigen, die neben dem Ausbildungsjob das Abitur ablegen wollen. Alle lernen gemeinsam unter einem Dach, häufig sogar in einer Klasse.

Selbst für Schulleiter Nitsche ist es ein "Spagat zwischen Gewinde schneiden und Goethe lesen, den versucht man hier hinzubekommen". Die Schule versuche "junge Frauen und Männer, die leistungsbereit sind und vielleicht auch studieren möchten, zu erden und zu sagen, dass eine duale Ausbildung erfüllend sein kann - vielleicht erfüllender als ein erfolgloses Studium der Germanistik oder Politikwissenschaften".

Azubi Maurice beim Gewindeschneiden (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Maurice zählt mit 26 Jahren zu den Ältesten am Oberstufenzentrum | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Drei Wochen im Betrieb, eine Woche Schule

Andere wiederum wollen nur ihren Facharbeiterabschluss, wie der 26-jährige Maurice. Seit einigen Monaten macht er seine Lehre zum Gas- und Wasserinstallateur bei einer Berliner Firma. Drei Wochen Arbeiten im Betrieb und eine Woche Schule - das ist derzeit sein Alltag.

Mit 26 Jahren gehört Maurice zu den Älteren am Oberstufenzentrum. Vorher hat er bereits zwei Ausbildungen gemacht - als denkmaltechnischer Assistent und Bäcker. Gefallen habe ihm beides wenig, sagt er. Nun also der dritter Anlauf, um doch noch einen Berufsschulabschluss zu kriegen.

Allerdings werden nicht alle der 2.600 Berufsschüler am Ende mit einem Abschluss nach Hause gehen. Etwa 25 Prozent der Berufsschüler geben vorzeitig auf. Ihnen bleibt dann nur noch als Ungelernte der Weg zum Jobcenter. Die Gründe sind vielfältig: Mal klappt es in der Schule nicht, mal gibt es Stress in der Firma, sagt Fachlehrer Werner Kienz.

Nils Zimmermann, der im ersten Jahrgang an der Max-Taut-Schule Anlagentechniker mit Abitur lernt, will die vierjährige Ausbildung unbedingt packen. Wie es danach weiter gehen wird - ob er sich einen Job sucht oder noch ein Studium dranhängen wird  - das will der 20-Jährige einfach auf sich zukommen lassen.

Berufsabitur / Duales Abitur

Berlin hat das Duale Abitur/Berufsabitur im Sommer 2018 eingeführt. Schülerinnen und Schüler erwerben in einem vierjährigen Bildungsgang die allgemeine Hochschulreife, und schließen gleichzeitig eine Ausbildung ab, für die sie eine Vergütung erhalten.

Das Angebot richtet sich laut Senatsbildungsverwaltung "an leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse, deren mittlerer Schulabschluss so gut ist, dass sie das Abitur erwerben können und die zusätzlich ein Interesse an einem klassischen Lehrberuf haben".

Auszubildende können demnach während ihrer Ausbildungszeit eine monatliche Vergütung zwischen 448 und 950 Euro erhalten, je nach Ausbildungsjahr und Vertragsabschluss.

Beitrag von Thomas Rautenberg

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Das OSZ "Anna Freud" bietet schon seit mehr als zehn Jahren einen sogenannten "Doppelt qualifizierenden Bildungsgang" an, in dem man innerhalb von 3 Jahren die Allgemeine Hochschulreife und die Erzieherausbildung absolviert. Finde ich gut, haben zwei meiner Kinder gemacht.

  2. 4.

    Auch richtig, Unternehmen in Ost und West wollten sich den ingenieurtechnischen Nachwuchs heranziehen, an dem sie besonderen Bedarf hatten.
    Das ist ja das Ziel der dualen Ausbildung (gewesen).

  3. 2.

    Hui, es geschehen noch Zeichen und Wunder in diesem Land. Es macht ja schließlich durchaus Sinn, dass Leute, die später sehr wahrscheinlich studieren, nicht nur den reinen Durchlauf von der Schule bis zur Hochschule absolvieren, sondern auch mitbekommen, wie das Leben in der Praxis läuft. Und einen Beruf außerhalb des akademischen Elfenbeinturms zu erlernen, hat ganz sicher noch nie jemanden geschadet.

  4. 1.

    Diese Form der Ausbildung, nämlich "Berufsausbildung mit Abitur" gab es schon in der früheren DDR. Das sollte man im Artikel mit vermerken.

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