Linda und ihr Freund Dave im Urlaub (Quelle: Linda/Dave)
Audio: Radio Fritz | 27.11.2018 | Jule Kaden | Bild: Linda/Dave

Porträt | Alltag mit einem depressiven Partner - "Ich fühle gerade nichts - auch nicht für dich"

Selbstmordversuch mit 16 Jahren, dann Psychiatrie: Mehr als die Hälfte ihres Lebens ist Linda schon an Depression erkrankt. Seit fünf Jahren geht Freund Dave den Weg mit ihr. Jule Kaden haben sie einen ungeschönten und intimen Einblick in ihre Beziehung gegeben.

"Sie lag von jetzt auf gleich weinend und schreiend im Bett, am Arm ein neuer Verband", erzählt Dave, IT-Fachmann und 32 Jahre alt. Er versucht es mit Nähe, mit Distanz. Aber er ist hilflos in solchen Momenten. Immer dann, wenn die Depression mal wieder auf einem Höhepunkt ist und seine Freundin Linda damit am Tiefpunkt.

Zum Glück, erzählt Linda, gehe es aber seit drei Jahren immer besser. Auch mit dem Ritzen habe sie aufgehört - wegen ihrer aktuellen Therapeutin und wegen Dave. "Er ist wie ein Bett für mich", sagt Linda. Sie mag Metaphern. Früher habe sie sich gefühlt, als läge sie auf dem harten, kalten Fußboden. Mit Dave wisse sie, egal wie tief sie fällt, unter ihr ist ein Bett, das sie mindestens warm hält: Dave. Seit fünf Jahren kämpft er sich mit Linda durch ihre Depression. 

Depressiv aus dem Nichts bis hin zum Selbstmordversuch

Weinen. Schreien. Den Kopf gegen Wände schlagen. Sich selbst verletzen. Das war lange Zeit Alltag für die 27-jährige Studentin. "Out of Nowhere" kommt Lindas Depression als sie 13 Jahre alt ist. Keine Probleme, schöne Kindheit. Ihr geht es einfach schlecht, seltsame Gefühle kommen hoch. "Alles schwarz. Leere. Schwere. Sinnlosigkeit", zählt sie stakkatoartig auf. Sie zieht sich immer mehr zurück, was es noch schlimmer macht.

Mit 16 versucht Linda, sich das Leben zu nehmen. Danach folgt ein halbes Jahr "Klapse", wie sie scherzt. Sie dürfe das. Die Diagnose: schwere Depression. Als sie Dave kennenlernt, hat sie schon mehrere Therapien hinter sich - auch eine Medikation mit Antidepressiva. Aber wirklich dauerhaft besser sei es nie geworden. Geht es ihr mal wieder schlecht, gibt es einen krassen Streit, verletzt sie sich selbst. Am Arm, auf den Oberschenkeln. Natürlich so, dass es nicht jeder sieht, sagt Linda.

Video: Was ist Depression?

"Ich fühle gerade nichts - auch nicht für dich"

Ein alter Freund von Dave stellt sie einander vor. Sie sitzen schon damals fast im selben Boot, beim Paddeln: Sie kentert, er leiht ihr sein Handtuch. Abgeschreckt sei Dave nie gewesen. "Sie war immer extrem offen und wir haben immer immer wieder darüber geredet", sagt er. "Das hat mir Hoffnung gegeben, es zu schaffen."

Er gibt aber zu, dass er sich schon manchmal gefragt habe, "ob Linda die ganzen Strapazen wert ist". Offenbar ist sie das. Das Wichtigste sei für ihn gewesen, zu verstehen und anzunehmen, dass Linda krank ist - wenn sie ihn abweist, sich selbst verletzt, oder ihm ein "Ich hasse dich" entgegenschmettert. "Das hat nichts mit mir zu tun, auch wenn es mich im ersten Moment verletzt", erzählt Dave.

Es habe auch nichts mit ihren Gefühlen ihm gegenüber zu tun. "Am Anfang habe ich gesagt, ich fühle gerade nichts. Auch nicht für dich." Linda sei in depressiven Phasen einfach alles und jeder egal. Aber irgendwann merke sie das, reflektiere und fange an, die Krankheit zu verstehen. "Im Kopf weiß ich, dass ich ihn liebe, auch wenn ich es gerade nicht fühlen kann." Genau das sei Depression. Und das gebe sie ihm dann genau so zu verstehen.

"Ich weiß, dass es auch wieder aufhört"

Über die letzten fünf Jahre entwickeln beide Strategien, was sie machen können, wenn Linda mal wieder in ihrer "Glaskugel mit ganz viel Watte drumherum" ist und nicht interagieren kann, wenig redet, nicht auf ihn reagiert. Dann gebe es nur: Rollo runter, stundenlang im Bett liegen, viel weinen. Wenn Linda nach Abstand verlangt, gibt Dave ihn ihr, erzählt  – ohne eine Reaktion zu erwarten – von seinem Tag, kümmert sich um Hund Taco, macht den Haushalt und nimmt Linda all das ab, wozu sie gerade nicht in der Lage ist: Leben.

Nach drei Tagen ist es dann bestenfalls vorbei und beide freuen sich umso mehr auf Tag vier und darüber, dass sie es geschafft haben. Mal wieder. Linda weiß mittlerweile in solchen Momenten: "Augen zu und durch. Das wird anstrengend, aber ich weiß, wie stark ich bin und dass es auch wieder aufhört." Ihre depressive Phasen sind in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden; weniger intensiv, weniger lang und weniger häufig. Nach drei "Kacktagen" sei erstmal wieder drei Monate Ruhe. Die verbringt sie mit Dave und ihrem kleinen Chihuahua Taco oder reist. Derzeit macht Linda sogar ein Auslandssemester in Schweden für ihren Master.

Linda und Dave mit Chihuahua "Taco" (Quelle: Linda/Dave)Linda und Dave mit Hund "Taco"

"Lasst euch von der Depression nicht einschüchtern"

"Wenn das Leben ein Spiel ist, spiele ich auf jeden Fall im härteren Modus", sagt Linda mit einem Lachen. Natürlich würde sie diesen Rucksack gern abgeben. "Ist aber nicht", witzelt sie. Also sieht sie das Positive. Sie sei sehr gut darin, sich selbst zu reflektieren und könne seitdem auch feinfühliger andere Menschen wahrnehmen. Und jede überstandene Phase zeigt ihr: "Ich bin stark. Ich kann das."

Mit der Depression habe sie sich arrangiert, aber sie wünsche sich in der Gesellschaft noch weniger Stigma. "Eine Depression ist keine Schwäche. Das kann jeden treffen. Das ist für alle schwer." Und es sei auch völlig okay, wenn es einem in den Phasen schlecht geht, man verzweifelt- nur aufgeben dürfe man nicht, sagt sie. "Es ist nicht so aussichtlos, wie es aussieht." Und Dave ergänzt: "Lasst euch von der Depression nicht einschüchtern." Das sei das Wichtigste. Dem anderen bei der Suche nach Therapeuten helfen, mit Ärzten sprechen, Freunde involvieren, sich selbst nicht vergessen – all das habe ihm geholfen. "Man sieht es ja bei uns. Es ist eine Krankheit. Und die kann man behandeln."

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Beitrag von Jule Kaden

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