Spaziergänger (Quelle: dpa/Michael Dietrich)
Audio: Fritz | 27.11.2018 | Jule Kaden | Bild: dpa

Porträt | Alltag mit einem depressiven Partner - Verliebt. Depressiv. Getrennt. Neuer Versuch. Glücklicher.

"Retten" möchte Julius seine Freundin Mira - und bringt sich dabei an seine Belastungsgrenze. Denn Mira ist depressiv. Nach einer Trennung kommen sie als Paar wieder zusammen - und wissen nun, worauf es ankommt. Ein Porträt von Jule Kaden

Große Erleichterung fühlt Julius* nach der Trennung im Frühjahr dieses Jahres. Die große Last, die er die letzten zwei Jahre auf seinen Schultern gespürt hat, ist plötzlich verschwunden. Allerdings: Verschwunden ist damit auch seine Freundin Mira, seine Liebe. Mira hat schwere Depressionen.

Mira und Julius studieren beide, sind Mitte 20, sie ist älter als er. Die ersten Monate der Beziehung bekommt Julius nicht viel von der Krankheit seiner Freundin mit - sie weiß es selbst noch nicht. "Wie jedes Paar, das frisch zusammenkommt, waren wir super verliebt", erzählt Julius. Mit einem spitzbübischen Grinsen ergänzt er: "Wir sind direkt in den Urlaub geflogen. Das war super schön."

Aber bei Mira ist da schon der "lange schwarze Nebel, bei dem es einfach kein Licht gibt". So beschreibt die zierliche junge Frau ihre Depression.

Nach dem Tod der Mutter "Komplett-Ausfall"

Bei Mira taucht die Krankheit nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter vor drei Jahren auf. Das erste halbe Jahr nach dem Tod sei ein "Komplett-Ausfall vom Alltag" gewesen, sagt sie. Mira ist neu in der Stadt, hat keine Freunde, keine Arbeit. Das "Highlight des Tages", wie Mira sagt, ist zu dieser Zeit der Besuch beim Supermarkt und vielleicht eine heiße Wanne. Zu mehr ist sie nicht mehr in der Lage.

Nach diesem halben Jahr und der ersten Trauerphase geht Mira wieder arbeiten: "Nach der Arbeit habe ich nur noch geschlafen." Zu viel Kraft kostet sie das "funktionieren". Dann lernt sie Julius kennen und ist in der Lage, Freundschaften wieder aufzubauen. Bis zu diesem Zeitpunkt denkt Mira auch noch, sie würde "nur" Trauer bewältigen. Erst die Therapeutin, die ihr Julius sucht, diagnostiziert eine Depression.

Video: Was ist eine Depression?

"Wozu weitermachen? Ich will nicht noch einen Tag."

Mira und Julius ziehen schnell zusammen. Alles läuft soweit ganz gut. Doch dann der nächste Schicksalsschlag: Miras Vater erkrankt an Krebs und wenig später heißt es: "Endstadium. Keine Chance". "Dadurch sind meine Verlustängste ins Extreme gestiegen", erzählt Mira.

Den Alltag zu dieser Zeit beschreibt Julius so: "Ich bin früh zur Uni und zur Arbeit gegangen - Mira liegt im Bett. Ich komme abends wieder - Mira liegt immer noch im Bett". An richtig schwierigen Tagen schläft Mira nachts erst spät ein und dann auch nur ein paar Stunden. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist einmal verdreht. "Die Zeit läuft einfach weiter, ohne dass du irgendetwas schaffst." Zu der Zeit hat sie "keine Lust auf nichts" und ist genauso unzufrieden damit, nichts zu tun. "Wozu weitermachen" - das ist, so blickt Mira zurück, die dunkelste Frage, die ihr damals immer wieder durch den Kopf geht. Sie habe an den nächsten Tag gedacht und gemerkt: "Ich will nicht noch einen Tag."

"Ich habe mich getrennt, obwohl ich sie geliebt habe"

Julius hat das Gefühl, immer mehr für sie da sein zu müssen, sich aufopfern zu müssen - Mira "retten" zu müssen. Er erzählt, wie er sich selbst nur noch von Woche zu Woche hangelt. Besonders schwierig ist es, wenn er nach Hause kommt und gute Laune hat, sie aber nicht teilen kann und sich dann sogar schlecht fühlt. Mira fängt an zu klammern. Wenn er mal einen Abend etwas mit Freunden machen will, fühlt sie sich ausgegrenzt, nicht gewollt, nicht wert genug. Sie hat Angst, auch noch ihn zu verlieren. "Ich konnte irgendwann nicht mehr und habe mich dann getrennt, obwohl ich sie geliebt habe", erzählt Julius, wesentlich zurückhaltender als zuvor - als schäme er sich dafür, genau dann gegangen zu sein, als es Mira am Schlechtesten geht.

Der eine in der Klinik, der andere beim Therapeuten

Mira kann nicht mehr. Nach der Trennung geht sie freiwillig in eine Klinik. Dort lernt sie, die Schicksalsschläge anzunehmen, neu zu betrachten, Stärke daraus zu entwickeln. Sie arbeitet an ihrem Trauma, an ihren Ängsten, an ihren Minderwertigkeitsgefühlen. Zur selben Zeit sucht sich auch Julius einen Therapeuten. Denn auch er merkt: "Irgendwie ist es mir schwer gefallen, mich von der Depression abzugrenzen." Unter anderem Sport hilft ihm. Nach einigen Monaten ohne Kontakt treffen sich die beiden wieder. "Ich konnte endlich sagen: Hey, ich bin mit mir glücklich", sagt Mira. Das beeindruckt Julius, vor allem ihre Weiterentwicklung in der kurzen Zeit. Die beiden kommen wieder zusammen.

Wenn jetzt Julius das Gefühl hat, er braucht mal eine Pause von Mira, dann sagt er es ihr. Und sie versteht mittlerweile, dass das nicht gegen sie geht.

"Jetzt geht es uns viel besser zusammen"

Für ihre nächste bevorstehende Herausforderung, sich von ihrem Vater zu verabschieden, hat Mira einen Plan: Sie wird wieder in eine Klinik gehen. "Ich will weder meinem Freund noch meinen Freunden aufbürden, mich da raus zu holen. Das würden sie auch nicht schaffen." In der Klinik habe ihr schon einmal geholfen, aus dem Alltag raus zu sein und sich nur auf sich selbst zu konzentrieren - komplett "Stopp" zu drücken.

Am meisten habe das Eingeständnis geholfen, dass Depression eine Krankheit ist, betonen beide. "Da kann man gern auf Hilfe zurückgreifen. Dann kann das auch alles wieder werden", sagt Julius optimistisch.

Mira geht sogar noch weiter. Es werde sogar besser, sagt sie: "Ich schätze mein Leben jetzt viel mehr", auch Kleinigkeiten, wie einen Sonnenstrahl morgens beim Joggen, der durch die Blätter fällt. Um der dunklen Zeit etwas entgegenstellen zu können, schreiben sich die beiden jetzt die schönen Momente eines Tages auf, "um sie besser noch einmal nachfühlen zu können, alles mehr wertzuschätzen." Die Trennung und Therapie sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt Julius: "Jetzt geht es uns viel besser zusammen."

*Die Namen des Paares wurden von der Redaktion geändert.

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Beitrag von Jule Kaden

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Auch ich war betroffen von einem Burnout mit mittelschwerer Depression bis hin zu Selbstmordgedanken. Letztere habe ich allerdings erst nach Einnahme von Antidepressiva gekriegt. Bei meiner freiwilligen Einlieferung in Klinik wurde ich unter anderen gefragt ob ich Drogen nehme, als ich sagte ich rauche gelegentlich Cannabis, wurde ich tatsächlich sogleich als „Drogensüchtiger“ eingestuft. In meiner Verzweiflung ließ ich es über mich ergehen, da ich zu dem Zeitpunkt hilflos war und ich sonst niemanden hatte mit dem ich REDEN konnte, da alleinstehend u.ohne Anhang. Aber was ich auf der „ offenen Station“ erlebte, hat mir die Augen geöffnet. Schon nach drei Tagen sehnte ich mich zurück in meine Wohnung. Ich hörte auf Antidepressiva zu nehmen u. suchte nach einen passenden Therapeuten. Alle die ich traf waren meiner Meinung nach ungeeignet und ja, nicht einmal richtig bei der Sache. Auch so kann’s gehen. Heute bin i.wieder der Alte, dank der Hilfe von Cannabis.

  2. 2.

    Hallo Herr König, vielen Dank für Ihren Kommentar. Bei den Tipps von der Deutschen Deppressionshilfe handelt es sich um Anregungen. Welchen Weg Betroffene und ihre Angehörigen wählen, ist jedem selbst überlassen. In dem Porträt, das wir am Dienstag veröffentlicht hatten (https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2018/11/portraet-beziehung-depression-alltag-depressiver-partner-ich-fuehle-gerade-nichts-auch-nicht-fuer-dich.html), riet der Partner einer depressiven Frau beispielsweise dazu, dem anderen bei der Suche nach Therapeuten zu helfen oder mit Ärzten zu sprechen. Was der- oder dienjenige, die an Depressionen leidet, letztendlich umsetzt, ist seine/ihre Entscheidung.

  3. 1.

    Ich bitte dringend darum, die Folien der Depressionshilfe zu löschen, denn sie helfen nicht. Der Stand der Erkenntnis ist um Jahrzehnte weiter und für Angehörige sind 3 der 5 genannten "Tips" auf der letzten Ansicht echte No-Go's. Beispiel: Jemand außer dem Betroffenen sellbst ist gar nicht in der Lage, (ärztliche) Hilfe für sich zu organisieren - das muss menschlich passen: ein Depressiver ist keine Rohrverstopfung, bei dem es reicht, einen beliebigen Klempner zu rufen.

    Nett gemeint, rbb, aber vollkommen kontraproduktiv.

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