Auf der Anklagebank ist ein Mannn zu sehen, der die Radfahrerin Johanna auf der Flucht totgefahren haben soll (Bild: rbb/Ulf Morling)
Video: Abendschau | 27.11.2018 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/Ulf Morling

Studentin stirbt bei Verfolgungsjagd - Fluchtfahrer nach tödlichem Unfall wegen Mordes vor Gericht

Die Flucht dreier mutmaßlicher Diebe vor der Polizei endete für eine 22-Jährige im Juni tödlich. Der Fahrer des Fluchtautos steht seit Dienstag in Berlin vor Gericht - zum Prozessauftakt schob er die Schuld auf seinen verstorbenen Beifahrer. Von Ulf Morling

Selbst die 75-jährige Oma von Johanna ist zum Prozessauftakt im Berliner Landgericht gekommen. Sie steht mit der Mutter der getöteten 22-jährigen Studentin und den beiden Geschwistern des Opfers auf dem Gerichtsflur. Die Eltern und Geschwister Johannas treten im Prozess als Nebenklägerinnen auf.

Mord wird Milinko P. vorgeworfen, aber auch besonders schwerer Diebstahl, Angriff auf Vollstreckungsbeamte, gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, Körperverletzung mit Todesfolge, Teilnahme an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen und gefährliche Körperverletzung. Der angeklagte Serbe braucht einen Dolmetscher. Er hat zwei Verteidiger, von denen einer das Teilgeständnis des Angeklagten verliest.

Zwei Tote, ein Schwerverletzter

Blick zurück auf den 6. Juni 2018 gegen 21.30 Uhr: In der Westfälischen Straße in Wilmersdorf wird der Transporter einer Baufirma aufgehebelt. Zehn Werkzeugkoffer werden in den Audi A6 der Diebe eingeladen, dann fahren sie davon. Doch am Stuttgarter Platz wartet die Polizei. Als der Audi an einer roten Ampel halten muss, stellt sich hinten ein Fahrzeug quer, Beamten treten an das Auto der Einbrecher heran und zerschlagen eine Scheibe, als die Insassen nicht gleich austeigen. Milinko P. soll dann skrupellos die Polizeisperre durchbrochen und einen Beamten schwer verletzt haben.

Eine Verfolgungsjagd Richtung Charlottenburg beginnt. Mit bis zu 160 km/h soll der Angeklagte durch eine Tempo-30-Zone gerast sein und mehrere Autos beschädigt haben. Beim Abbiegen von der Windscheid- in die Kantstraße an einer roten Ampel passiert der tödliche Unfall: Der Audi stößt mit einen weiteren Auto zusammen, ein Fahrzeug erfasst Johanna, die bei Grün ihr Fahrrad über die Straße schiebt. Die 22-Jährige wird meterweit durch die Luft geschleudert und prallt auf dem Asphalt auf. Die Todesursache nennt der Rechtsmediziner später "innere Enthauptung".

Vorwurf: Mord

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 27-jährige Angeklagte den Tod der Passantin zumindest billigend in Kauf genommen hat. Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Dorsch sagte dem rbb: "Nach dem Ausbrechen aus der Polizeikontrolle hat der Angeklagte alles darangesetzt, seine Flucht erfolgreich umzusetzen. Ihm war es egal, wer dabei auf der Strecke blieb und ob Menschen dabei zu Tode kamen."

P. flüchtet nach dem Unfall zu Fuß weiter, wird festgenommen und kommt zunächst in eine Klinik. Sein Beifahrer, Daniel I. stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus an den Folgen des Unfalls. Der 14-jährige Bruder Daniels auf der Rückbank überlebt - wie auch der Angeklagte, der noch im Krankenhaus verhaftet und nach seiner stationären Behandlung in die Untersuchungshaft überstellt wird. Dem inzwischen 15-jährigen mutmaßlichen Komplizen wirft die Staatsanwaltschaft Diebstahl vor. Er sitzt nicht in U-Haft.

Trauer um eine engagierte junge Frau

Zwei Wochen nach dem tragischen Unfall, bei dem die 22-jährige Studentin getötet wird, veröffentlicht die Alice-Salomon-Hochschule eine Traueranzeige:  "Wir verlieren eine aktive, beliebte und kompetente Studentin, Kommilitonin und Freundin, mit der wir sehr gerne zusammen gearbeitet haben und die sich sozial und politisch – auch außerhalb der Hochschule – engagierte", schreibt ihre Hochschule. Es wird das Engagement der jungen Studentin der Sozialarbeit hervorgehoben: Sie kümmerte sich gemeinsam mit ihrer Schwester Katharina um Waisenkinder in Afrika, um von Aids betroffene Jugendliche und Flüchtlinge.

An Johannas 23. Geburtstag, dem 9. Oktober 2018, versammeln sich 150 Verwandte, Freunde, Bekannte und andere an der Unfallstelle und gedenken der jungen Frau. Ein Eimer voller Rosen, Blumenschalen und viele Kerzen sind aufgestellt. Auf einer Staffelei ist ein Plakat aufgestellt: "Happy Birthday Johanna" steht darauf geschrieben. Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann spricht davon, dass Johanna aufgrund ihrer Einstellung und ihres Einsatzes für die Benachteiligten in der Gesellschaft widersprochen hätte, den schrecklichen Vorfall für ausländerfeindliche Propaganda zu missbrauchen.

Angeklagter gesteht teilweise

Am Dienstag nun lässt der Angeklagte einen seiner beiden Verteidiger zum Prozessauftakt für sich sprechen: Er sei zur Hochzeit seiner Schwester aus Serbien nach Deutschland gekommen. Der 18-jährige Daniel sei ein entfernter Verwandter und habe ihn zu dem Diebstahl von Baustellenwerkzeug mitgenommen. Als die Polizei sie verfolgt habe und er schnell weggefahren sei, habe sein Beifahrer Daniel immer wieder gerufen, dass es die Mafia sei, die sie verfolge.

Weder den Polizisten, den er anfuhr, habe er gesehen, noch ein "Tempo 30"-Schild. Auch Johanna, die die Straße überquerte, habe er nicht wahrgenommen. Sein ebenfalls durch den Unfall getöteter Beifahrer Daniel habe auf sein Knie gedrückt, dadurch habe er, Milinko, Gas geben müssen und Johanna erfasst. Ihm tue alles sehr leid. Aber die Polizisten hätten keine Uniformen getragen und er habe nicht gehört, dass sie "Polizei" gerufen hätten. Auch die Verfolgerautos hätten weder Blaulicht gehabt, noch sei ein Signalhorn zu hören gewesen. Nach dieser Erklärung ist der erste Prozesstag zu Ende.

Warum keine Entschuldigung an die Familie?

Johannas Familie, Freunde und Bekannte verlassen schweigend den Gerichtssaal. Nebenklageanwalt Gregor Gysi sagte nach dem Teilgeständnis des Angeklagten: "Mein Eindruck ist, dass der Angeklagte versucht, die für sich denkbar mildeste Variante zu schildern, die es aber wohl in Wirklichkeit nicht gegeben hat." Gysi fügt hinzu: "Und wenn ihm alles so leid tut: Warum hat er nie eine einzige Zeile an die Familie geschrieben?"

War es Mord?

Wie im parallel vor dem Landgericht laufenden Prozess gegen die beiden Kudamm-Raser, die im Februar 2016 mit bis zu 160 km/h durch die City West fuhren und dabei einen unbeteiligten Autofahrer töteten, müssen die Richter auch in diesem Verfahren entscheiden, ob der angeklagte Autofahrer wegen Mordes verurteilt werden kann: Hat Milinko P. "billigend in Kauf" genommen, dass Menschen bei der Flucht mit dem Auto am Tattag sterben könnten? War es ihm also egal? Dann könnte er wegen der vorsätzlichen Tötung Johanna H.s verurteilt werden.

17 Verhandlungstage bis zum 22. Februar 2019 sind terminiert. Am Freitag kommen die ersten Zeugen.

Sendung: radioBerlin 88,8, 27.11.2018, 06:00 Uhr  

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Was für geistreiche und oft überflüssige Kommentare.
    Wenn man erstens der Presse über den Ablauf der Geschehnisse Glauben schenkt, den geringsten Einblick in die Politik, Rechtsprechung und Prozedere von Polizeiarbeit hat solte man hier bitte keine Kommentare verfassen.
    80 Prozent würden sich schämen und peinlich berührt sein für ihre Statements, wenn sie vor Ort gewesen wären!

  2. 13.

    Wenn es geht, sollte die Polizei sich heimlich und unbemerkt an den Täter heranschleichen und dann etwa an einer roten Ampel oder in einem (absichtlich verursachten) Stau zuschlagen. Zb alle Ampeln in der Gegend auf Rot schalten. Strassensperren. Erforderlichenfalls dann auch durch Schüsse das Auto zum stehen bringen.

    Ansonsten sind Verfolgungsfahrten natürlich immer sehr gefählich und Tote keine Seltenheit.

    Es ist auch recht einfach so ein Auto zu "knacken". Keine Passwortabfrage, keine TAN Abfrage. Keine sonstigen besonders schwierigen Sicherungen. Ist doch ein Kinderspiel.

    Was so an wirtschaftlichen Werten einfach achlos auf der Strasse stehen gelassen wird ("geparkt" wird) ist schon erstaunlich.

    P.S. Die Straßen sind auch nur eng, weil sie mit "parkenden" = herumstehenden Autos vollgestopft sind.

  3. 12.

    Die hilflosen Vorschläge, die Beamten sollen Strafvereitelung im Amt begehen, machen mich sprachlos. Der Täter ist für sein Tun und Handeln verantwortlich. Mit allen Konsequenzen. Auch zu dem Unfall nahe Alexanderplatz ein Wort-Seit dem die Rechtsprechung die Beamten im Einsatz mit einer "erhöhten Sorgfaltspflicht bei Einsatzfahrten"belegt hat sprich, den unbedingten Vorrang der Einsatzfahrzeuge aufgeweicht hat, sind die Unfallzahlen gestiegen. Scheinbaren sind einige Verkehrsteilnehmer dadurch in ihrer Meinung bestärkt worden, "die müssen ja aufpassen, also ich fahre halt noch über die Kreuzung".Eine Rückbesinnung auf die besondere Sorgfaltspflicht der übrigen Verkehrsteilnehmer wäre von Vorteil. Diese klare Regelung war in beiden deutschen Teilstaaten Fakt, und wird auch in anderen Ländern so regiede angewandt. Sollten Zweifel am Erfolg bestehen, bitte die Rettungsgasse als Beispiel beachten. Dort, wo eine Missachtung empfindliche Strafen nach sich zieht,funktioniert es.

  4. 11.

    Mafia-Polizei in in deutschen Polizei-Autos in Berlin? Wenns nicht so traurig wäre...

  5. 10.

    Sehr geehrte(r) G.M.,
    dem Rechtsmediziner und der Staatsanwaltschaft zufolge war die junge Frau nicht schwanger.

  6. 9.

    "Wenn diese Diebesbande polizeibekannt wahr, frage ich mich noch mehr, warum man sie nicht an anderer Stelle verhaften konnte?"
    Was ist das denn für eine verquirlte Logik? Dass die Diebesbande polizeibekannt wahr (nicht wahr), hat man nach der Verhaftung und nicht vorher festgestellt.
    Und selbst wenn man sie erkannt hätte, lässt man sie dann laufen? Vielleicht besuchen sie ja demnächst mal den Bruder des einen Diebes in Berlin. Dann stellen wir halt dem Tag und Nacht einen Beamten vor die Tür. ;-))

    Und wie hätte die Polizei ahnen können, dass die Diebe dermaßen rücksichtslos zu entkommen versuchen?

  7. 8.

    Soll die Polizei das nächstemal wegschauen und die Verbrecher laufen lassen??
    Jetzt ist natürlich die Polizei wieder schuld.

  8. 7.

    Wenn diese Diebesbande polizeibekannt wahr, frage ich mich noch mehr, warum man sie nicht an anderer Stelle verhaften konnte? Zeugen der Tat waren die Polizeibeamten ja so oder so. Nur die junge Frau währe möglicherweise noch am Leben. Und das wäre mir persönlich wichtiger, als jede Art von Verfolgungsjagd, insbesondere, wenn diese nicht angezettelt wird, um ein Leben zu schützen, sondern „nur“ Werkzeug. Das der Diebstahl von Werkzeug eine Straftat ist, sagte ich bereits. Auch die Notwendigkeit der Ahndung dieser steht außer Frage... Meines Erachtens aber nicht um jeden Preis.

  9. 6.

    Wer denkt denn noch in nächster Zeit an die Mutter, Familie und Freunde der jungen Frau? Und wer hilft ihnen?
    Wenn sie nicht selbst darauf aufmerksam machen, kaum einer.
    Immer geht es nur um die Täter. Die Angehörigen haben seit dem 6.6.2018 "lebenslang".
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/toedliche-verfolgungsjagd-in-charlottenburg-150-menschen-trauern-um-johanna-hahn--31416984

  10. 5.

    Wie haben Sie sich denn eine "diskretere " Verfolgung vorgestellt.

    Der Unfall mit der jungen Frau ist durch die junge Frau verschuldet. Man macht keine 90 Grad-Kehre, nur weil man einen Parkplatz gesehen hat.

    Ich hoffe, der Mörder der Radfahrerin bekommt eine sehr hohe Haftstrafe.

    Ob die Polizei eine ordentliche Verhältnismäßgkeit der Mittel eingesetzt hat, wird intern geklärt. Das Wort intern beinhaltet nicht, dass anschließend die Öffentlichkeit vom Ergebnis unterrichtet wird.

  11. 4.

    Es fehlt der Hinweis, dass der Täter eine schwangere Studentin totgefahren hat und das Kind natürlich auch nicht überlebt hat.

  12. 3.

    Das ist eine polizeibekannte Diebstahlbande, der Bruder war ja bei der Tat auch beteiligt usw.
    Sie meinen, man soll deren Aktivitäten in Berlin lieber unter Straffreiheit stellen, weil die auch noch die Bevölkerung gefährden? Wollen Sie hier Zustände wie früher in der Bronx erzeugen?

  13. 2.

    Bin gespannt was er für eine Strafe bekommt.

  14. 1.

    Es steht sicherlich außer Frage, dass es sich bei dem Diebstahl von Werkzeug um eine Straftat handelt. In diesem Fall frage ich mich aber schon lange, ob es ein solcher Diebstahl rechtfertigt, dass die Polizei mit den Dieben eine Verfolgungsjagd in einem Wohngebiet mit hoher Bevölkerungsdichte und engen Straßen beginnt? Ist das nötig gewesen? Wäre eine Verfolgung der Diebe nicht auch diskreter und damit für Unbeteiligte sicherer möglich gewesen? Mich erinnert das ganze an den Fall, bei dem ein Polizeifahrzeug den Kleinwagen einer jungen Frau nahe des Alexanderplatzes gerammt hat und diese dadurch verstorben ist. Der Einsatz stellte sich damals sogar als unnötig heraus. Wo bleibt hier die Verhältnismäßigkeit beim Handeln der Polizei und warum erfährt man eigentlich nie, wie diesbezügliche Untersuchungen bzw. Verhandlungen ausgehen?

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