Der Baumkletterer Werner Bernstädt hängt an einem Baum.
rbb|24 / Camilo Toledo
Video: rbb|24 | 09.11.2018 | Bild: rbb|24 / Camilo Toledo

Reportage | Unterwegs mit einem Baumkletterer - Eichen, die sich selbst amputieren

Hitze und Trockenheit in den vergangenen Monaten, Sturzregen und Starkwinde im Vorjahr – Stadtbäume hatten zuletzt mit extremen Wetterereignissen zu kämpfen. Grünflächenämter und Baumpfleger stellt das vor enorme Aufgaben. Von Oliver Noffke

Der Finger löst sich vom Abzug und ein kleiner, silberner Bolzen zischt senkrecht nach oben. In 20, vielleicht 25 Metern Höhe umrundet er einen Ast und sinkt wieder zum Boden. Der schmale Strick im Schlepptau des Metallgewichts ist an ein breites Kletterseil gebunden. Das langgezogene, dünne Katapult, das Werner Bernstädt zur Seite legt, sieht aus, als könne man damit einen Wal erlegen. Aus sicherer Entfernung schaut eine Friedrichshainer Kindergartengruppe zu. "Kriegen wir auch so ein Baumgewehr", fragt ein vielleicht Vierjähriger die Erzieherin.

Bernstädt, ein drahtiger Mittvierziger, zieht an beiden Enden des Kletterseils. Kurz wirft er sein ganzes Körpergewicht hinein und zerrt noch etwas intensiver. In der Baumkrone raschelt es. Der Ast der Silber-Pappel hält. Während Bernstädt die Enden verknotet, zieht sein Kollege das Klettergeschirr an. Eichen, selbst den dicksten, bringen die Baumkletterer derzeit kein so großes Vertrauen entgegen wie Pappeln.

Baumkletterer Werner Bernstädt
Werner Bernstädt | Bild: rbb|24

Wenn aus Bäumen Dachlatten fallen

Der heiße Sommer und die anhaltende Trockenheit sind an Berlins Stadtbäumen nicht spurlos vorbeigegangen. Die Reaktionen auf das Wetter können je nach Art sehr verschieden sein. Im Juli und August mussten Passanten damit rechnen, von großen Rindenstücken getroffen zu werden, die Platanen von ihren Ästen sprengten. Der diesjährige Sommer bot für Platanen vielerorts ideale Bedinungen. Da bei dieser Art die Rinde nicht mitwächst, waren Wachstumsschübe schließlich an den großen Rindenstücken auf der Straße zu sehen.

Eichen reagieren weitaus radikaler auf den fehlenden Regen. Sie trennen sich manchmal schlagartig von dicken, zentnerschweren Ästen. "Der Baum zeigt keinerlei Anzeichen, dass er unter der Trockenheit leidet und wirft riesige Äste ab, die völlig grün sind, mit Blättern bewachsen und dann kommt da so ein halber Baum runter." Vor einigen Wochen hat Bernstädt einen Eichenast zerkleinert, der kurz zuvor einen Schuppen platt gemacht hatte.

Da große Einschnitte bei Bäumen in der Stadt oftmals genehmigt werden müssen, ist die Trockenheit auch zur Herausforderung für die Grünflächenämter geworden. Wie weit muss ein Baum gestutzt werden, damit er sicher ist, aber trotzdem möglichst üppig und grün bleibt?

Eine große, leere Auswahl für das Eichhörnchen

Bei anderen Arten werden die Auswirkungen der Trockenheit und mögliche Schäden erst in einigen Monaten oder Jahren zu sehen sein. Birken reagieren auf Wassermangel zum Beispiel stark verzögert. In diesem Jahr tragen etwa Kastanien besonders viele Früchte. Auch das kann ein schlechtes Zeichen sein. Bevor Bäume eingehen, wenden sie oftmals ihre gesamte Kraft dafür auf, um die Art zu sichern. Die Kastanie weiß ja nicht, dass sie ihre Samen in der Stadt auf unfruchtbaren Asphalt schleudert.

Auch zu milde Winter sind ein Problem. Bernstädt und seine Kollegen werden derzeit oft zu Nussbäumen gerufen, durch die sich ein Pilz frisst. Eine Folge eines späten und langanhaltenden Kälteeinbruchs vor etwa 15 Jahren. Nach einigen frühlingshaften Wochen hatten die Bäume bereits ihre Säfte in die Zweige geschickt. Als doch noch Frost kam, froren sie von innen durch.

An Berliner Straßen stehen laut Zahlen der Verkehrsverwaltung etwa 433.000 Bäume. Etwa ein Drittel davon sind Linden [Verkehrsverwaltung Berlin]. Ahornbäume, Eichen und Platanen machen ein weiteres Drittel aus. Alle fünf Jahre werden in Berlin die Bäume auf ihren Zustand hin untersucht, zuletzt 2015. Damals lag der Anteil der nicht geschädigten Bäume bei insgesamt 52 Prozent. Fünf Jahre zuvor galten noch 60 Prozent der Stadtbäume als nicht geschädigt.

Baumkletterer Werner Bernstädt
Ein langer Riss an einem Ahornbaum | Bild: rbb|24

Zu spröde, um das eigene Gewicht zu halten

"Schaut nach oben", ruft Werner Bernstädt zu den Kollegen am Boden. Kurz darauf verstummt in der Krone das Ritzen einer Säge. Dunkle Äste krachen auf den Boden und zersplittern wie aussortierte Dachlatten. Totholz nennt Bernstädt das. Äste und Zweige, die nicht mehr mit Nährstoffen versorgt werden. Jeder Windstoß kann sie von den Bäumen reißen. "Dieses Jahr fällt mir auf, dass deutlich mehr Totholz in den Bäumen ist, als üblich", sagt er.

Ein paar Schritte entfernt ragt ein etwa Zweieinhalbmeter hoher Stummel aus dem Dreck. Die Überreste eines Ahornbaumes, den die Baumkletterer zerlegt haben. Ein dicker, dunkelbrauner Streifen durchzieht den Stamm von oben nach unten. Beim genauen hinsehen wird deutlich, dass durch den Baum ein Riss ging, so als hätte ein Blitz eingeschlagen. Vermutlich ist aber auch dieser Riss eine Folge der Trockenheit. Der spröde Baum ist an seinem eigenen Gewicht zerbrochen.

Zu mild, zu nass, zu trocken, zu spät kalt, zu extrem

Knapp 7.900 Straßenbäume wurden im vergangenen Jahr in Berlin gefällt. Nicht einmal 1.800 wurden neu gepflanzt. Diese Zahlen spiegeln unter anderem die heftigen Schäden durch die Herbststürme vor einem Jahr wieder. Ähnlich wie die diesjährige Trockenheit könnte auch eine Zunahme von starken Stürmen eine Folge des Klimawandels sein. Hinzu kommt, dass die Temperaturen seit etwa 20 Jahren mit wenigen Ausnahmen über oder sogar deutlich über dem liegen, was dem langfristigen Mittel entspricht. Einige Baumarten, die wir heute an den Straßenrändern sehen, werden langfristig mit dieser Entwicklung nicht zurechtkommen.

Neue Baumarten zu pflanzen, die besser den Folgen des Klimawandels widerstehen können, erscheint wie eine offensichtliche Lösung dieses Problems. Nur lässt sich bisher überhaupt noch nicht absehen, wie sich das Klima langfristig in unserer Region verändern wird, sagt eine Fachmitarbeiterin der Senatsverwaltung für Umwelt. 2018 war zwar generell viel zu trocken und meist deutlich wärmer als der langfristige Durchschnitt. Das vergangene Jahr brachte hingegen viel mehr Niederschläge als üblich. Die Temperaturen schwankten teils recht extrem zwischen zu hoch und zu niedrig. Ob sich die Verhältnisse verschieben oder Extreme zur Regel werden, ist derzeit noch völlig unklar.

Bei der Baumpflege muss man vorsichtig sein

Zudem sind viele Baumarten generell nicht für die Stadt geeignet: Weil sie mit den schlechteren Luftverhältnissen nicht gut zurechtkommen, weil Allergiker auf sie reagieren oder weil ihre Früchte erbärmlich stinken, wie es etwa bei weiblichen Gingkobäumen der Fall ist. Andere Arten sind schlicht zu teuer.

Aus der etwa 70 Jahre alten großen Silber-Pappel in Berlin-Friedrichshain wird nach ein paar Stunden fast eine halbe Wagenladung Holz verschwinden. Baumkletterer Werner Bernstädt hat allerdings das Gefühl, dass er Stadtbäumen heute weniger radikal zurückschneiden kann, als noch vor zehn Jahren. "Damit zurückgeschnittene Äste wieder austreiben, muss man im städtischen Bereich bei der Baumpflege sehr vorsichtig sein", sagt er. "Früher konnte man viel doller kappen, einen kleinen Fitzel stehen lassen und der Ast lebte trotzdem weiter. Heute musst du höllisch aufpassen, dass du die Bäume nicht totschneidest."

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Rinde der Platane wächst nicht mit, deswegen wird sie alle paar Jahre abgeworfen. Wenn man bewusst durch die Stadt fährt, kann man dieses Phänomen im Abstand von einigen Jahren immer wieder
    feststellen.

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