Video: Abendschau | 21.12.2018 | Max Zell | Bild: ZB

Interview | Frank Zander zum 24. Weihnachtsessen - "Nach der Feier sind wir immer platt wie die Wanzen"

3.000 Obdachlose und Bedürftige waren in diesem Jahr zu Frank Zanders traditionellem Weihnachtsessen in einem Berliner Hotel eingeladen. Vor der Veranstaltung sprach er im Interview über Friseure, Gerechtigkeit - und den kleinen Wodka danach.

rbb: Herr Zander, was passiert da am Freitag im Hotel Estrel?

Frank Zander:
Zum 24. Mal laden wir - meine Familie, meine Freunde und das Hotel - die ärmsten Menschen ein. Das sind in diesem Fall 3.000. Das ist wirklich ein Riesenschuh und ich bin ganz aufgeregt und nervös. Aber es wird immer wieder, toi toi, sehr gut. Und nach der Feier sind wir immer platt wie die Wanzen. Dann ist Weihnachten.

Aber gerade zu Weihnachten in diese Gesichter zu gucken - das hat was sehr Eigenwilliges: Ich begrüße ja meistens die Menschen und mache mir da so meine Gedanken. Ich werde umarmt und muss dann so nach 1.000 Mal Händeschütteln erstmal einen kleinen Wodka trinken - weil mich das alles sehr berührt. Ich sehe in die Augen von ganz, ganz armen Gestalten.

Wir können da auch nicht loslassen, wir machen das jetzt zum 24. Mal. Beim 25. Mal, im nächsten Jahr, werden wir auch was Besonderes machen.

Engel und Gänsekeulen für Obdachlose

Die Leute, die den Rotkohl und die Klöße und vor allem den Gänsebraten servieren, das sind ja nicht nur Du und Deine Familie, sondern auch Promis aus der Berliner Szene ...

Und das werden immer mehr. Aber mein Sohn meint auch, zu recht: Wir haben keinen roten Teppich, also bitte alle eine Stufe runter. Und das machen die auch. (...)

Wer kommt dieses Jahr?

Der Bürgermeister von Berlin, Dietmar Woidke, Franziska Giffey, die Rockband Revolverheld, Ben Zucker, Simone Thomalla, Gregor Gysi, Ulli Wegener, Axel Schulz, Natascha Ochsenkecht, Antje Kapek und wo weiter. Heinz Buschkowsky kommt auch immer. Und Madeleine Wehle. Das ist eine Liste - da können sich einige Veranstaltungen hinter verstecken.

Und es gibt ja nicht nur Gänsebraten und Rotkohl: Wer es nötig hat, kann sich auch frisieren lassen…

Wir haben 15 Friseure und sind sehr stolz darauf. Und dann haben wir natürlich auch eine Abteilung für Hunde: Es kommen ja auch immer 30, 40, 50 Hunde mit. Den Obdachlosen bleibt ja nichts anderes übrig, das ist für die ja so eine Art kleine Einnahmequelle. Und die Hunde kriegen Fresschen, Halsbänder und so weiter. Es ist im Grunde eine richtige Familienfeier.

Nimmst Du in der Stadt wahr, dass mehr Obdachlose da sind als früher?

Ich glaube ja. (...) Die eine Seite wird immer wohlhabender und die andere stürzt ab. Das Gefühl habe ich.

Jetzt sind ja auch viele Osteuropäer unter den Obdachlosen. Müsst Ihr da teilweise auch polnisch, russisch oder weißrussisch sprechen?

Wenn ich die Gäste begrüße mit "Herzlich Willkommen" dann höre ich auch manchmal als Antwort: "Da" [russisch: Ja]. Oder manche trauen sich nicht, etwas zu sagen. Da sind natürlich auch ein paar. Aber: Wir haben 250 Tische, und die treffen sich alle und es gibt keine großen Aggressionen.

Auch mit Deiner Erfahrung, dass Du jetzt das 24. Weihnachtsessen organisierst hast: Ist Deutschland für Dich ein gerechtes Land?  

Welches Land ist schon gerecht? (…) Wir sind vielen voraus, aber Gleichheit - das gibt es wohl nicht. Der Mensch ist so geartet. Es muss erst wehtun, bevor wir uns verändern - so einfach ist das.

Ein Problem, was auch indirekt mit Deiner Veranstaltung zu tun hat: Steigende Mieten in Berlin. Hast Du eine Idee, wie man das lösen könnte?

Das ist ein schwieriges Problem. Da sind Leute, die Häuser verkaufen und die werden dann auch immer wohlhabender. Und die anderen müssen sehen, wie sie klarkommen. (...)  Ich sehe das mit Argwohn.  

West-Berlin verändert sich auch immer mehr: Hochhäuser am Bahnhof Zoo. Wie wirkt das so auf Dich?

Der Bahnhof Zoo ist ja genau dieses Schwarz-weiß. Hinterm Bahnhof Zoo riecht es eben nach ich-weiß-nicht-was, nach Tränen, Alkohol und Urin. Und, ich muss jetzt das so sagen, davor wird hochgebaut. Da sind dann die feinen Leute. (…) Extremer kann es nicht sein: Bahnhof Zoo hinten, Bahnhof Zoo vorne.

Wir gehen ab und zu mal ins Hotel und dann merkt man: Mannnomann, die Leute waren ja noch nie hinterm Bahnhof Zoo. Die möchte man ganz gerne mal mitnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Alexander Schurig für radioBerlin 88,8. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Interview-Fassung.

Sendung: radioBerlin 88,8, 20.12.2018, 16:20 Uhr

Hintergrund

Frank Zanders erste Weihnachtsfeier für Obdachlose fand 1995 im brandenburgischen Schloss Diedersdorf am südlichen Berliner Stadtrand statt - damals mit rund 250 Gästen. Inzwischen sind allein rund 350 Helfer nötig. Serviert wird das Essen von Prominenten aus Politik, Sport und Showbiz.

Einlass bekommt, wer ein Bändchen vorweisen kann, die seit Mitte Dezember in über 60 Berliner sozialen Einrichtungen kostenlos an Obdachlose und Bedürftige verteilt werden.

Unterstützt wird die Veranstaltung vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische
Oberlausitz. Die Gesamtkosten für die Feier liegen nach Angaben von Marcus Zander bei rund 40.000 Euro. Ermöglicht werde die Feier durch Geldspenden, hieß es, aber auch Sachspenden: in diesem Jahr beispielsweise Schlafsäcke, Pullover, Kondome oder Hertha-Eintrittskarten.

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10 Kommentare

  1. 10.

    Es fehlt nur immer ein Initiator. Fahren mit der U-Bahn und die Taschen voller Kleingeld bringt es auch. Besonders zur Weihnachtszeit. Denn da häufen sich die bescheidenen Anfragen betroffener Personen um ein vielfaches. Aktuell gesehen auf der U7. So mache ich das.

  2. 8.

    Wäre schön, wenn es mehr von diesen Aktionen geben würde. Spenden kämen bestimmt genug zusammen. Fehlt nur immer ein Initiator.

  3. 6.

    Immer wieder vielen Dank an Frank Zander und seine vielen Mitstreiter im Hintergrund!
    Verbunden mit der Bitte an die Prominenten Mithelfer und die Medien, durch Zurückhaltung die Würde der Beschenkten zu wahren und diese Veranstaltung nicht zum Event verkommen zu lassen. Das ist eine Gratwanderung, ich weiß - denn darüber zu berichten bzw. an diesem Tag mitzuhelfen oder auch finanziell etwas dazuzuschießen ist ja per se etwas Gutes. Mich selbst würde das aber als eventuell Betroffener am eigentlichen Tag eher abschrecken, wenn da zu viel Presserummel wäre.
    Genießt euren Tag, das leckere Essen, die Wärme und Aufmerksamkeit!
    Ich gehe derweil in mich und überdenke, wie ich persönlich eigentlich mit Obdachlosen umgehe. Denn das ist die andere, ebenso wichtige Seite dieser Aktion.

  4. 5.

    ---und unser Bundespräsident schenkt Suppe aus ( aber nicht seine )

  5. 4.

    Was Frank Zander mit seiner Familie, Freunde und Bekannte jetzt schon zum 24. mal da an Hochleistung vollbringt ist beispiellos und dafür gebührt ihm und natürlich all den fleißigen Helfer*innen und dem Hotel mein aufrichtiger RESPEKT. Meine Hochachtung. Mir kommen jedesmal die Tränen. DANKE FRANK.

  6. 3.

    Vor Frank Zander muss man den Hut ziehen. Seit Jahren ein beständiger Freund und Helfer, ohne viel Theater um seine Person zu machen. Davon könnten sich viele der A-, B-, oder C-Möchtegerne-Promis mal eine Scheibe abschneiden. Die sind meist nur zur Stelle, wenn Fotografen oder Mikrophone in Sicht sind.

  7. 2.

    Absolute Hochachtung vor diesem Mann. Herr Zander lädt ja bereits seit vielen Jahren arme Menschen zu diesem Essen ein, um denen auch mal eine Freude zu bereiten. Dabei hat man niemals das Gefühl gehabt, dass es ihm um die Öffentlichkeit ging, er macht es von ganzem Herzen, mit Leib und Seele!
    Ganz im Gegenteil zu unseren Politikern (wie letztens der Herr Steinmeier), von denen man das ganze Jahr nichts hört und die dann einmal im Jahr irgendwo Essen austeilen, schön medienwirksam wird dann auf "sozial" gemacht. Völlig unglaubwürdig. Dann ist es besser und ehrlicher, es ganz sein zu lassen.

  8. 1.

    Bewundernswert ......
    Ich wünsche allen ein frohes Weihnachtsfest

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