Symbolbild: Ein junges Mädchen sitzt zusammengekauert im dunklen Wohnungsflur und hält sich die Hände vors Gesicht. (Quelle: dpa/Marks)
Video: Abendschau | 02.12.2018 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Marks

Interview | Krisenintervention in Marzahn-Hellersdorf - "Berlin hat zu wenige Plätze für Kinder in Not"

Sozialarbeiter des Jugendamtes sollen Kinder vor Gewalt und Verwahrlosung retten und sie im Notfall von ihren Familien trennen. Dabei stoßen sie aber immer wieder an Grenzen, berichtet rbb-Reporter Norbert Siegmund.

rbb: Herr Siegmund, Sie waren mit dem Kriseninterventionsteam des Jugendamts in Marzahn-Hellersdorf unterwegs. Wie schlimm war das, was Sie da gesehen haben?

Norbert Siegmund: Was wir dort gesehen haben, war zum Teil sehr schrecklich. Mich hat zum Beispiel total bedrückt, dass offenbar die Schädlingsbekämpfer in den Bezirken oft wichtige Tippgeber für das Jugendamt sind. Wir haben von Wohnungen erfahren, die mit Bettwanzen verseucht waren. Dort sind dann die Krisenhelfer des Jugendamts hingegangen. In einem Fall waren vier Kinder betroffen, in einer Wohnung, in der katastrophale Zustände herrschten. Im Behördenjargon spricht man davon, dass das Kindeswohl gefährdet ist. 

Viele Kinder kennen es vielleicht nicht anders, und dennoch lieben sie ihre Eltern und sind auf sie angewiesen. Wie ist es dann für die Kinder, wenn das Jugendamt hinzukommt?

Aus rechtlichen Gründen habe ich selber nicht mit Kindern gesprochen. Aber gerade für die Sozialarbeiter des Jugendamts ist das nicht leicht. Sie wollen die Kinder natürlich nicht aus ihren Familien rausnehmen, wenn das nicht unbedingt nötig ist. Ein Problem ist sicher, dass wir in Berlin viel zu wenige Plätze für die Unterbringung von in Not geratenen Kindern haben. Auch wenn das in der Politik zum Teil bestritten wird. Wir haben erlebt, dass Sozialarbeiter mit Trägern telefoniert und einfach keine Plätze gefunden haben. Das ist die eine Seite. Andererseits versucht man zu verhindern, dass die Kinder zusätzlich zu diesen schrecklichen Situationen in diesen Wohnungen daheim durch die Trennung von ihren Familien traumatisiert werden.

Das klingt nach einem Drahtseilakt für das Jugendamt.

Da den richtigen Weg zu finden, ist ein schwieriger Job für Sozialarbeiter. Ich habe da richtig großen Respekt. Dabei ist das Jugendamt bei vielen Familien verpönt. Aber wir haben gesehen, dass es wirklich wichtig ist, was die dort leisten und mit wie viel Idealismus die trotz ihrer völligen Unterbesetzung noch versuchen, den Familien und diesen Kindern zu helfen aus der Not. 

Die Sozialarbeiter nehmen emotional sicher auch viel mit nach Hause. Was Sie bisher beschrieben haben, ist die Verwahrlosung von Kindern. Da gibt es vermutlich auch noch andere schlimme Fälle?

Ich habe eine Frau gesprochen, deren Tochter über Jahre missbraucht wurde. Dem Vater wirft die Staatsanwaltschaft schweren sexuellen Missbrauch vor, also Vergewaltigung. Die Frau hat das offenbar überhaupt nicht mitbekommen, sondern erst vom Landeskriminalamt erfahren, dass ihr Lebenspartner Bilder von sich und dem Mädchen hat, als es zwischen fünf und elf Jahre alt war. In dieser Zeit hat er diese Bilder mit anderen Pädophilen ausgetauscht. Ganz schreckliche Geschichten. Das zeigt, dass es Familien gibt, die jahrelang betreut werden müssen. Und wie schlimm es ist, wenn es da klemmt und in einer Stadt mit Haushaltsüberschüssen wie Berlin, Jugendämter nicht richtig ausgestattet sind. 

Ihr Fazit: Es geschehen schlimme Dinge und wir bräuchten mehr Leute.

Eine Sozialarbeiterin hat es mir drastisch gesagt. Im schlimmsten Fall stirbt mein Kind. Und dann wird wieder gefragt: Wo war das Jugendamt? Aber dass sie als einzelne Sozialarbeiterin, die 150 Familien zu betreuen hat im Schnitt dort in Marzahn-Hellersdorf, nicht überall die Augen haben kann, das ist auch klar - und das finde ich sehr traurig.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Mit Norbert Siegmund unterhielt sich Ingo Hoppe, radioBerlin 88,8. Das Interview ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Version des Originalgesprächs. Dieses können Sie mit Klick auf das Titelbild dieses Artikels hören.  

Sendung: Die rbb Reporter, 02.12.2018, 22.00 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    In vielen Behörden mangelt es an Personal. Es ist schon belastend und ärgerlich genug, auf Dokumente oder Bescheide z.t. Wochen- oder monatelang warten zu müssen. In Jugendämtern geht es aber um die Versorgung und Betreuung von Menschen, die sich oft sogar in Not befinden. Ich bewundere alle Mitarbeiter, die versuchen der Situation gerecht zu werden, obwohl das kaum noch zu schaffen ist. Es wird sich seitens der Politik halt wieder drauf verlassen, dass es trotzdem funktioniert, auch wenn das oft Burnout und Resignation, bis hin zur Kündigung, zur Folge hat. Es ist unverantwortlich und beschämend, wie diese Sozialarbeiter verheizt werden. Bedrückend auch, dass Familien und Kinder in Not nicht ausreichend versorgt werden können.

  2. 3.

    Ich meine, Berlin bringt Kinder durch unterlassenes politisches Handeln in Not.

  3. 2.

    Die Öffentliche Infrastruktur bricht in wichtigen Teilen zusammen.
    Ähnlich sieht es in den Notfall-Aufnahmestellen der Krankenhäuser aus. Meine Enkelin, 1 Jahr alt, mit ihren Eltern in Berlin wohnend, konnte dort wegen Überfüllung nicht behandelt werden. Den Eltern wurde anheim gestellt, doch im Umland ein Krankenhaus zu suchen.
    Die Notfalleinrichtungen werden mißbräuchlich für normale medizinische Behandlung regelrecht belagert.

  4. 1.

    Gut, dass diese Problematik von den Medien aufgegriffen und die Bevölkerung darüber aufgeklärt wird, was Arbeiten im Jugendamt bedeutet - sowohl für die betreffenden Kinder in Not als auch für die Sozialarbeiter*innen in NOT.
    Seit fast 10 Jahren ist die katastrophale Bezahlung und Ausstattung in den Jugendämtern bekannt. Seit fast 10 Jahren verändern die, die das ändern könnten, prinzipiell NICHTS.
    Persönlich haftbar zu sein, Entscheidungen zu treffen, die Lebenswege ebnen und dies unter massivem Stress, da Kollegen und Zeit fehlen - dieser Job hat mindestens eine Entlohnung mit E12 verdient!
    Ab Januar beginnen die Tarifverhandlungen, ob dann die letzten Idealisten das Amt verlassen, haben Politik und Gewerkschaften selbst in der Hand.

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