Symbolbild: Eine Obdachlosen-Ärztin zeigt in ihrer Praxisfür Obdachlose ein Foto auf ihrem Laptop, von einem Patienten der von Krätze befallen ist. (Quelle: dpa/Naupold)
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Interview | Anstieg von Krätze - "Viel besorgniserregender ist Krätze in Altenpflegeheimen"

Nicht viele Amtsärzte reden so offen über Krätze wie Christian Schulze, Arzt im Gesundheitsamt Oberhavel. Beim Thema Krätze gibt es noch viel zu tun, sagt er im Interview: Weniger Scham bei den Betroffenen, geringere Kosten für die Patienten.

rbb|24: Wie gut ist das Gesundheitsamt in Oberhavel auf Krätze vorbereitet?

Christian Schulze: Das ist eine schwierige Frage. Auf Krätze kann man eigentlich nie vorbereitet sein. Also grundsätzlich ist es so, dass bei uns Krätzemeldungen eingehen, aber wir erfassen sie nur mehr oder weniger. Wir haben aber auch gesehen, dass wir dringend etwas tun müssen für die Angehörigen, die selber nicht erkrankt sind. Das sind trotzdem Kontaktpersonen, die nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts behandelt werden müssten. Und vielen Personen ist diese Behandlung zu teuer.

Christian Schulze, Oberhavel, Amtsarzt
Amtsarzt Christian Schulze |Bild: eigenes Bild

Was macht denn die Behandlung von Krätze teuer?

Gehen wir mal von der ganz klassischen Modellfamilie aus: Vater, Mutter, zwei Kinder. Und mal angenommen der Vater hat eine Skabieserkrankung. Dann geht er zum Hautarzt, der Hautarzt stellt das fest und der Vater wird behandelt. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder eine Tablette, die man schlucken kann – die wird nach Körpergewicht gerechnet. So eine Packung ist mit 30 bis 40 Euro schon relativ teuer. Es gibt alternativ auch eine Lotion, eine Salbe, mit der man sich einschmieren muss. Die Lotion ist auch nicht ganz preiswert.

Jetzt gehen wir mal davon aus, dass die restliche Familie noch nicht erkrankt ist. Dann sind es aber trotzdem Kontaktpersonen. Und weil die Inkubationszeit - also die Zeit vom Kontakt bis zum Ausbruch der Krankheit - sehr lange ist, sagt der Hautarzt: Naja, ich sehe nichts, also darf ich euch nicht behandeln, weil die Krankenkassen das nicht übernehmen. Aber die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts sagen ganz eindeutig: Diese Personen müssen auch prophylaktisch mitbehandelt werden wegen der langen Inkubationszeit. Diese Behandlung müssen die Personen dann auf eigene Rechnung übernehmen – und da kommt bei vier Personen schon einiges zusammen.

Animation: Scabies-Milben auf und unter der Haut eines mit Krätze befallenen Lebewesens. (Quelle: imago)
So dringen die Krätzmilben in die Haut vor. | Bild: imago

Hat sich der Umgang mit Krätze in den Gesundheitsämtern und zwischen Ärzten geändert?

Was wir schon bemerken ist, dass es wieder ein Thema geworden ist. Wenn man sich mit Dermatologen unterhält, die vielleicht auch schon seit mehreren Jahrzehnten im Geschäft sind, meinen die auch: "Irgendwie gibt es immer wieder so Wellen und im Moment scheint ein besonderes Hoch zu sein." Woran das liegt, kann man ganz schwer sagen. Einige Kollegen sagen: Möglicherweise funktionieren die Medikamente nicht mehr so gut – das beobachten wir nicht unbedingt. Aber es scheint einen Trend zu geben, dass Skabies tatsächlich zunimmt.

Gab es in der Oberhavel einen Auslöser dafür, dass Sie sich jetzt vermehrt mit Krätze beschäftigen?

Wirklich aufgefallen ist es uns, als wir vor drei Jahren in einer Altenpflegeeinrichtung einen Ausbruch hatten. Das Informationsbedürfnis der Einrichtungsleitung war groß. Kurz darauf passierte das Gleiche in einer anderen Pflegeeinrichtung. Da wurden wir dann aufmerksam. Das waren zwei relativ große Häufungen kurz hintereinander.

Wie würden Sie die aktuelle Situation von Krätze in Brandenburg beschreiben?

Das kann man nicht so einfach sagen. Durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes hat ein Wechsel stattgefunden: Früher mussten nur Ausbrüche – also mindestens zwei in einem Zusammenhang stehende Krätze- oder Skabieserkrankungen  - gemeldet werden von Gemeinschaftseinrichtungen, also beispielsweise Kindereinrichtungen oder Schulen.

Nun ist es so, dass jede einzelne Erkrankung in solchen Einrichtungen gemeldet werden muss. Wir haben keinen exorbitanten Ansprung gesehen, es scheint ein bisschen mehr zuzunehmen. Aber das kann auch mit der Meldedisziplin der einzelnen Einrichtungen zusammenhängen, denn davon hängt ganz viel ab. Wir können ja nur das erfassen, was uns auch gemeldet wird. Bei uns wird relativ diszipliniert gemeldet und unsere Erfassung ist dadurch besonders gut. Deswegen könnte es auch sein, dass es bei uns so aussieht, als hätten wir besonders viel Krätze im Landkreis.

Es gibt ja einige Parteien, wie die NPD in Brandenburg, die die Geflüchteten als Auslöser für den Anstieg von Skabies sehen – gibt es dafür Anhaltspunkte?

Da kann man keinen Zusammenhang herstellen. Sonst müssten wir ja massenhaft Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen haben, das sehe ich hier so gar nicht. Wir hatten einige wenige Personen in einer Einrichtung, das wurde aber relativ schnell erkannt und behandelt. Wir haben viel, viel häufiger – und das ist für mich besorgniserregend – in Altenpflegeheimen Skabiesausbrüche.

  • Was ist Krätze?

  • Wie bekommt man Krätze?

  • Ist Krätze ein Tabuthema?

Welche Vorurteile begegnen Ihnen bezüglich Krätze in Ihrem Alltag als Amtsarzt?

Der Krätze haftet nach wie vor der Ruf an, dass es eine Erkrankung sei, die mit unhygienischen Zuständen zu tun hat. Das ist nicht wahr. Sie geht auch mit sehr viel Scham einher, ähnlich wie bei Läusen. Aber da ist es meist nicht so tragisch: Jeder der Kinder hat, hat Läuse wahrscheinlich mindestens schon einmal durch. Krätze ist eben unangenehm und ein ekliges Thema. Keiner wird damit hausieren gehen. Darin liegt auch die Problematik, dass man darüber nicht reden will. Man will es der Familie nicht erzählen oder dem eigenen Partner -  und dann wird es weitergetragen.

Was würden Sie sich im Umgang mit der Krätze für die Zukunft wünschen?

Krätze ist ja keine tödliche Erkrankung: Sie ist nicht schlimm, aber extrem unangenehm. Der Juckreiz, der selbst noch nach der Behandlung bleiben kann, ist wirklich schrecklich. Bei manchen geht es schneller vorbei. Aber es ist einfach sehr unangenehm und das muss nicht sein. Ich würde mir drei Dinge wünschen: Ein besseres Meldesystem und auch eine bessere Abrechenbarkeit im Kassensystem für Nichtbetroffene. Dann wären wir schon einen großen Schritt weiter. Auch, dass die Skabies von ihrem schlechten Ruf wegkommt, ist für die Zukunft wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johanna Siegemund

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