Henryk Wichmann von der CDU (Quelle Archivbild: dpa/Ralf Hirschberger)
Audio: Inforadio | 22.01.2019 | Interview mit Henryk Wichmann | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Vorwurf der ländlichen Rückständigkeit - CDU-Politiker Wichmann widerspricht Juli Zeh

Der Brandenburger CDU-Politiker Henryk Wichmann hat den Vorwurf der Schriftstellerin Juli Zeh, die Landbevölkerung sei rückständig, zurückgewiesen. Der Vater von vier Kindern stellt keine Unterschiede zwischen Stadt und Land etwa bei der Kindererziehung fest.

Den pauschalen Vorwurf, Menschen in ländlichen Regionen seien rückständig, weist der CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann aus Brandenburg zurück.

Der stellvertretende Fraktionschef reagierte im Gespräch mit dem rbb auf Aussagen der Schriftstellerin und ehrenamtlichen Verfassungsrichterin in Brandenburg, Juli Zeh. In einem Interview mit der "Baseler Zeitung" hatte die 44-Jährige gesagt, auf dem Lande gebe es einen Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte. Als Beispiel führte Zeh die Kindererziehung und die Einstellung gegenüber Fremden an.

Wichmann sieht keine unterschiedliche Erziehung

Das Leben auf dem Land sei zwar robuster als in der Stadt und man setze zum Teil andere Maßstäbe, sagte Wichmann, der sich für seine Partei unter anderem um die Entwicklung des ländlichen Raums kümmert, am Dienstag im Interview dem rbb-Inforadio. Dass sich aber zum Beispiel die Stile in der Kindererziehung zwischen Stadt und Land um Jahrzehnte unterscheiden, könne er nicht feststellen.

Er sei viele Jahre auch im Jugendhilfeausschuss in der Uckermark tätig gewesen, da habe es Familien mit Erziehungsproblemen gegeben, die gebe es aber auch in den Städten. Dass die Menchen auf dem Land zudem konservativer seien, sehe man ja teilweise auch an den Wahlergebnissen. Das heiße aber nicht, dass sie nicht dafür offen sein würden, sich neuen Herausforderungen in der Erziehung zu stellen.

Zu Zehs Vorwurf, Fremdenfeindlichkeit zeige sich auf dem Land offener, sagte Wichmann, es gebe auf dem Land ja viel weniger Menschen mit Migrationshintergrund als in den großen Städten. Es sei aber seiner Meinung nach für Menschen eine Herausforderung, sich auf ein Zusammenleben mit fremden Menschen einzustellen, die kaum Kontakt zu anderen Nationen, Kulturen und Religionen gehabt haben, bevor Flüchtlinge auch in ihrem kleinen Dorf in der Uckermark lebten. 

Der 41-jährige Lychener sagte weiter, das Problem der ländlichen Regionen sei, dass die Politik sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht ausreichend um sie gekümmert habe. Infrastrukturprobleme wie schlechte Funknetze oder Ärztemangel müssten Bund und Länder stärker in den Blick nehmen. Dazu verpflichte sie die Verfassung.

Bekannt wurde Wichmann durch einen Film

Henryk Wichmann ist geborener Templiner, Vater von vier Kindern und sitzt seit 2009 als Abgeordneter im Brandenburger Landtag. Bundesweit bekannt wurde Wichmann durch die Fernsehdokumentation "Herr Wichmann von der CDU" von Regisseur Andreas Dresen aus dem Jahr 2003 sowie dem Nachfolgefilm "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" von 2012.

Im Dezember vorigen Jahres kehrte er Potsdam den Rücken und als neuer Sozialdezernent der Uckermark zurück in seine Heimat.

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13 Kommentare

  1. 13.

    Ist das nicht ein Widerspruch in sich: Sich nachdenklich stimmen zu lassen (zumindest zu schreiben) und dann dem angeblich Offensichtlichen zu folgen. Was war denn das Ergebnis der nachdenklichen Phase? Und was war nun so offensichtlich, das Sie gesehen haben? Findet sich „die fehlende Lebenserfahrung“ im von Frau Zeh Zitierten wieder? Dann bitte ... . Vielleicht habe ichetwas übersehen?

  2. 12.

    Frau Zeh ist sicher wenig herumgekommen und noch nicht alt genug, noch unreif. Wie schade für sie. Die soll sich erstmal Luft um die Nase wehen lassen und Respekt haben, wenn sie anderer Meinung ist! Und von wegen objektiv. Das wollen wir hier auf dem Dorf nicht haben. Wir sind uns hier sowieso alle einig.

  3. 11.

    Ach wissen sie, erstens kenne ich den Herrn Wichmann wesentlich besser als Sie. Zweitens bin ich in einer Großstadt aufgewachsen, habe in einer anderen Großstadt studiert, habe dann 16 Jahre in einer uckermärkischen Kleinstadt gelebt, hatte dort auch unzählige Kontakte zur Landbevölkerung und lebe seit 13 Jahren nacheinander in 3 verschiedenen Dörfern. Ich kenne also beide Seiten der Medaille in allen Facetten. Ich kenne sowohl das städtische Prekariat mit all seinen Defiziten und Alkohol- und Erziehungsproblemen aus eigener Beobachtung als auch diverse Akademiker und Kunstschaffende auf dem Lande. Natürlich gibt es auf dem Land Rückständigkeit. Die gibt es in der Stadt aber genauso. In der Stadt ist es aufgrund der Bevölkerungskonzentration lediglich einfacher, Anschluß an Akademiker zu finden. Frau Zeh fühlt sich offensichtlich ihren Nachbarn überlegen, kennt das urbane Prekariat nicht und glaubt nun, ihre darauf beruhenden Klischees verbreiten zu müssen. Das ist wohlfeil.

  4. 10.

    Wie RBB-Inforadio verlautbart, widerspricht Wichmann nicht nur deutlich, sondern empfiehlt der Dame auch trotz ihrer prominenten Stellung Zurückhaltung mit derartigen Einschätzungen.

    Ich habe mich eine Zeit lang gefragt, wie es kommt, daß eine Autoren durchschnittlicher Romane derart durch die Medien gehyped wird und in derart vielen Talkshows auftritt usw. Andere Autoren können davon nur träumen. Und das liegt nicht an der Qualität derer Werke. Sie muß ja unglaublich gute Kontakte zu den Medien haben und eine Top-PR-Strategie betreiben, dachte ich nicht ohne Bewunderung. Bis ich dann erfuhr, wer ihr Vater ist. Da habe ich mich dann nicht mehr über die guten Kontakte gewundert. Und auch nicht über die Aufstellung als Verfassungsrichterin.

  5. 9.

    Genau! Der Herr Abgeordnete hat noch den totalen Überblick über seine Wählerschaft! Ich lach mir ins Fäustchen. Der Herr Abgeordnete bewegt sich in ganz anderen Kreisen, wird von anderem Klientel umgeben und geht höchstwahrscheinlich nicht mal selber einkaufen, sondern lässt seine Haushaltshilfe für sich einkaufen. Machen Sie mal die Augen auf! In Ostdeutschland sind die Unterschiede zwischen Stadt & Land schon seit über 50 Jahren gravierend! Zwischen den DDR-Provinzen und der Hauptstadt der DDR, Ostberlin, gab es gesellschaftliche SPRÜNGE. Und das ist mit der Wende garantiert nicht zu Ende. Gesellschaftlicher Umgang wird von Generation zu Generation übergeben! Hier echauffieren sich doch nur alle über das "rückständig", was man nicht auf sich sitzen lassen will. Ist aber so, kann ich als Dörfler nur bestätigen!

  6. 8.

    Eine recht typisch geführte Diskussion, wie ich finde. So, als wären Verhaltensweisen quasi Gegenstände, die entweder da sind oder eben nicht da sind.

    Menschliche Verhaltensweisen sind aber in größerem Maße oder in kleinerem Maße da. Hier stärker, da schwächer. Hier stärker einer Wandlung unterworfen, dort weniger. Das klingt grundsätzlich, "muss" aber m. E. gesagt werden.

    Stadt und Land leben tendenziell verschieden. Das hat mit der Größe menschlicher Ansammlung zu tun und mit dem Sichtbaren eines natürlich Gewachsenen. Das Land ist verwurzelter, tendenziell langsamer in seinen Veränderungen und auch festhaltender. In bayerischen Dörfern müssen Zugezogene in Extremfällen erst Jz. dort gelebt haben, bevor sie von den "Oanhamischen" als gleich anerkannt werden. Kommt da das aufgehängte Kreuz aus dem Klassenzimmer raus oder wird an die Seitenwand gehängt, bricht eine jh.alte "Ordnung" zusammen. Umgekehrt ist in den Städten oftmals "kaum etwas zu halten" ...

  7. 7.

    Teil 2. Im Übrigen verschafft Wichmanns Tätigkeit als Abgeordneter und seine damit verbundenen ständigen Begegnungen mit den Bürger/ der Gesellschaft sowohl auf dem Land als auch in der Großstadt einen deutlich größeren Blinkwinkel, als es das Dorfleben in einem klitzekleinen Dorf des Havellandes der Frau Zeh je verschaffen könnte.

  8. 6.

    Nein. Wenn Frau Zeh keinen Zugang zum städtischen Prekariat hat, ist sie einfach nur schlecht informiert. Wer sich ein Urteil erlauben will, kann nicht die sozialen Brennpunkte in den Großstädten ausklammern und so tun, als bestünde Berlin nur aus Bezirken wie Köpenick, Frohnau, Pankow oder Zehlendorf. Diesen limitierten Blickwinkel verallgemeinern zu wollen, IST realitätsfern.

    Ihre Erkenntnisse zum Thema Fremdenfeindlichkeit hat Frau Zeh, wie sie selbst sagt, auch nur aus zweiter Hand.

    Jetzt verstanden?

    Frau Zeh hat vor etwa 2 Jahren einem Radio-Eins-Interview übrigens auch behauptet, die Landbevölkerung wäre deutlich weniger gebildet. Vergleichen Sie das bitte mal mit den Ergebnissen der Pisastudien. Da liegt das Flächenland Brandenburg regelmäßig WEIT vor den Großstädten Berlin, Hamburg und Bremen:

    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bildung-in-deutschland-der-norden-holt-auf-baden-wuerttemberg-schmiert-ab-a-1118576.html

    Teil 2....

  9. 5.

    Wenn Frau Zeh die persönliche Erfahrung gemacht hat, dass die Erziehung zurückliegt, kann man das ihr nicht abstreiten. Und wenn Herr Wichmann eine andere Erfahrung gemacht hat, dann eben diese auch nicht. Beide haben recht. :)

  10. 4.

    Komme selber samt Familie aus dem äußersten Ostbrandenburg und lebe seit über 10 Jahren in Berlin.
    Ich finde schon, dass es einen Mentalitätsunterschied zwischen Provinz und Großstadt gibt. Rückständig ist da unglücklich gewählt. Vielleicht wäre traditioneller besser. Erlebe selber, dass in meiner Heimat die Uhren teils anders ticken. Ist ja auch ganz normal, die Provinz hat weniger Einflüsse von Außen. In Berlin ist man ständig im Alltag mit neuen oder anderen Ansichten konfrontiert. Nicht ohne Grund sagen ja auch viele sie ziehen ganz bewusst nicht in das "molloch" Berlin.
    So teilen sich die Bevölkerungsgruppen im Extremfall in zwei Lager mit komplett anderen Ansichten.
    Schäme mich selber für so manche Ansicht meiner Familie in der Provinz und bin bei so mancher Entwicklung in Berlin sehr skeptisch.

    Das mit der Erziehung kann ich voll bestätigen. Ist aber eher ein Erbe der DDR. Da gab es halt andere Erziehungsansichten. Da zählte eine Autorität und da wurden Lehrer nicht von Eltern in Frage gestellt. Da war die BRD vermutlich 90 schon "weiter".

  11. 3.

    Es stimmt mich nachdenklich, wenn eine Verfassungsrichterin sich derart abfällig über die Landbevölkerung äußert.
    Offensichtlich fehlt hier die nötige Lebenserfahrung, die eine objektive Beurteilung ermöglichen würde.
    Herr Wichmann hat sich an der richtigen Stelle des Vorganges zu Wort gemeldet. Recht so.

  12. 2.

    Warum? Weil er die persönliche Erfahrung gemacht hat dass es bei der Kindererziehung keine "Jahrzehnte"-Unterschiede zwischen Großstadt und Land gäbe?

    Ansonsten stimmt er ja Frau Zeh auch weitesgehend zu (Fremdendfeindlichkeit, Vernachlässigung).

    @redaktion: "Fremendfeindlichkeit" <- fehlt ein "d"

  13. 1.

    Ach ja, der Herr Wichmann. Den hab ich kennengelernt, da war er Anfang 20. Ein ganz junger Dachs. Ich hab ihn ja manchmal ein bißchen belächelt. Offenbar zu Unrecht. Jedenfalls steht er wesentlich fester auf dem, Boden der Realität als eine Frau Zeh.

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