Menschen vergnügen sich in einem Berliner Club (Quelle: dpa/XAMAX)
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Video: rbb|24 | 01.02.2019 | Neele Westphal, Vanessa Klüber | Bild: dpa/XAMAX

Tripper, Syphilis & Co. - Sexuell infiziert and the City

Dating-Apps und eine Reihe von Berliner Partys ermöglichen schnellen Sex. Die Folge: mehrere sexuell übertragbare Infektionen sind in Berlin auf dem Vormarsch - bei Männern und Frauen aller Orientierungen. Von Vanessa Klüber

Jamal besucht mindestens einmal in der Woche eine Sexparty in Berlin. Zum Beispiel geht er in seine Stammlocation, einen bekannten Berliner Club für alle Geschlechter, auf der Suche nach Sex, Fetisch und tanzbarer Musik. Auch sonst ist er heterosexuell sehr aktiv, organisiert halböffentliche Partys mit wenigen bis einigen Dutzend Gästen.

"In ein Apartment kommen zum Beispiel 20 Leute, da geht’s dann nur ums Vögeln", sagt der 24-Jährige rbb|24. Er möchte lieber anonym bleiben und heißt eigentlich anders. "Wer auf eine Sexparty geht, hat gefühlt direkt eine Krankheit an der Backe", würden ihm die Leute häufig sagen.

Genitalherpes oder Chlamydien

Dieses vermeintliche Klischee ist kein Klischee. Jamal, der seit Mitte letzten Jahres so intensiv feiert, hört ab und zu von Bekannten in seinem Umfeld, dass sich jemand Genitalherpes, Chlamydien oder andere Krankheiten eingefangen habe: sexuell übertragbare Krankheiten, kurz STI (Sexual Transmitted Infections).

Berlin ist STI-Spitzenreiter

Wo auch immer sich die Menschen die Viren und Bakterien einfangen - die Zahl derjenigen, die positiv auf eine STI getestet werden, steigt in Deutschland seit einigen Jahren. Berlin ist mit Abstand Spitzenreiter bei HIV und Hepatitis C - während Brandenburg zu den Schlusslichtern pro 100.000 Einwohner gehört. Die Betroffenen sind Männer, Frauen, Hetero- und Homosexuelle.

HIV wird problematischer für Heterosexuelle

HIV und Aids galten vor allem in den 80er Jahren als Problem von Schwulen – auch heute ist der Anteil derjenigen, die mit HIV infiziert sind, bei Männern, die Sex mit Männer haben, am höchsten. Doch die Zahl derjenigen, die sich neu anstecken, geht leicht zurück. In der Hauptstadt gibt es viele Angebote, sich unkompliziert beraten und testen zu lassen, und die Krankheit kann so gut behandelt werden, dass sie nicht mehr ansteckend ist.

Gleichzeitig entstehen überall in der Hauptstadt neue Partyreihen für alle sexuellen Orientierungen. Immer neue Dating-Apps für schnellen Sex erleichtern das Zusammenkommen.

Und so gibt es auch eine bedenkliche Entwicklung: STI allgemein werden zu einem immer größeren Thema für Frauen und heterosexuell orientierte Männer, speziell HIV: Die Zahlen schnellen in diesen Gruppen nach oben (2010: 240 Neuinfektionen, 2016: 440 Neuinfektionen in Berlin).

Mehr registrierte Fälle gleichbedeutend mit mehr Infizierten?

Bei einem Anstieg von Fallzahlen müsse man sich zwar immer fragen, ob es wirklich mehr Infizierte gibt oder ob sich einfach mehr Menschen testen lassen, erklärt Viviane Bremer. Sie ist Epidemiologin am Robert-Koch-Institut, spezialisiert auf STI. Es gibt laut Bremer aber einige Anzeichen dafür, dass sich seit Jahren wieder mehr Menschen tatsächlich anstecken.

Syphilis breitet sich aus

Im Zusammenhang mit Syphilis sagen Forscher, dass sich die Krankheit stark ausbreite: Zwischen 2007 und 2017 ist die Zahl der Neuinfizierten in Berlin von 521 auf 1.356 gestiegen, also um 160 Prozent in zehn Jahren.

Wird Syphilis in den ersten Stadien entdeckt, kann sie gut behandelt werden. Wird sie erst später diagnostiziert, kann sie chronisch verlaufen und die Behandlung wird problematischer. Im Extremfall kann eine unbehandelte Syphilis sogar zum Tod führen.

Aber auch bei den nicht-meldepflichtigen Krankheiten gibt es deutliche Anzeichen für steigende Fallzahlen, sagt Bremer. Viele behandelnde Ärzte berichten Anstiege bei Gonorrhö, auch Tripper genannt, und bei Chlamydien - durch die Frauen im schlimmsten Fall unfruchtbar werden.

Kondome hängen an der Wand einer Beratungsstelle (Quelle: dpa/Daniel Reinhardt)Kondome schützen gut gegen STI

Tripper als ernsthaftes Problem

Tripper ist ein mittlerweile ernstzunehmendes Problem. Die Infektion ist nur in Sachsen meldepflichtig und dort sehr stark gestiegen: Mit 21,2 Fällen pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017 hat sich die Zahl der Fälle innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

Besorgniserregend ist, dass mehr und mehr Stämme des Gonorrhö-Bakteriums resistent gegen Antibiotika werden. Wissenschaftler fürchten, dass Stämme auftreten, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. In Südostasien, Australien und Großbritannien haben Forscher solche Stämme bereits identifiziert.

Kondome senken Risiko, schützen aber nicht zu 100 Prozent

Um sich nicht anzustecken, sind Kondome grundsätzlich ein guter Schutz. Doch nicht immer lässt sich damit eine Ansteckung mit STI verhindern. Über ungeschützten Oralverkehr, Sexspielzeuge, Handjobs und andere Praktiken können die Viren und Bakterien trotzdem in den Körper eindringen und sich dann vermehren. "Bei manchen Viren und Bakterien ist das eher möglich, bei anderen weniger", so Bremer. Gegen HIV beispielsweise schützen Kondome gut.

Sorglosigkeit

Wenn Kondome denn überhaupt zum Einsatz kommen. Ob hetero- oder homosexuell orientiert: "Ich glaube, die Menschen haben fast gar keine Geschlechtskrankheit auf dem Schirm" sagt Bremer und lacht bitter. "Weil sie zu wenig darüber wissen."

Wie sorglos gehen Menschen mit dem Thema STI um, die teilweise mit mehreren Menschen an einem Abend Sex haben? Jamal ist der Meinung, dass vor allem Frauen sensibel mit dem Thema umgehen. Die meisten hätten eigentlich immer Kondome in der Tasche.

Abgesehen davon, dass sich die Männer in der Regel dann tatsächlich auch ein Gummi überziehen würden, seien unerfahrene Partygäste ansonsten jedoch wenig achtsam. "Ein Kerl oder eine Frau wechselt mit den Fingern von der einen zur nächsten, ohne sich zwischendrin die Hände zu desinfizieren", beschreibt Jamal orgiastische Situationen.

Er selbst hatte nach eigener Aussage noch nie eine STI. Er benutzt generell Kondome, vermeide Oralsex bei Frauen, desinfiziere seine Hände, um sich und andere zu schützen, mache andere darauf aufmerksam, dies ebenso zu tun. "Das ist mir sonst einfach zu viel Risiko."

Sexuell übertragbare Infektionen

  • Chlamydien

  • Gonorrhö, auch bekannt als "Tripper"

  • Hepatitis C (HCV)

  • Humane Immundefizienz-Viren (HIV)

  • Humane Papillomaviren (HPV)

  • Mykoplasmen

  • Syphilis

Kommentar

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29 Kommentare

  1. 29.

    Als ich noch in Amsterdam gewohnt habe, konnten alle sich an bestimmten Anlaufstellen kostenlos und anonym auf alle Geschlechtskrankheiten testen lassen. In Berlin gibt es diese Möglichkeit leider nicht. Es ist immer nur ein Teil der Krankheiten, oder man muss zum Arzt oder es ist nicht kostenlos. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht die Apps Schuld sind sondern das Fehlen von anonymen und kostenlosen Anlaufstellen um sich testen lassen zu können.

  2. 28.

    Es mag ja sein, dass es Kandidaten gibt, die bewußt ignorant sind, oder bewußt den Kick suchen, indem sie Sex ohne Kondome oder andere Vorsichtsmaßnahmen praktizieren. Zum Glück habe ich solche Knallköppe nicht dabei gehabt. Als Mutter eines Teenagers kann ich trotzdem nur aus meiner Sicht sagen, dass es z.t. erschütternd ist, wie wenig Jungs z.b. über den Körper der Frau wissen, wie verantwortungslos sie das Thema Verhütung vernachlässigen oder ganz ignorieren und wie krampfig manche mit 15/16 schon versuchen, "Porno" zu erleben, ganz wie die Medien es ihnen schmackhaft machen. Daher kann ich nur betonen, dass es meines Erachtens zu großen Teilen am Elternhaus und der dort fehlenden Erfüllung des Erziehungsauftrags liegt, dass daraus später solche Erwachsene werden. Mein Sohn dagegen hat Angst vor diesen Krankheiten und davor, unkontrolliert Vater zu werden. Der wird sich (ver)-hüten! ;-)

  3. 27.

    Ich bezog mich auf Ihren ersten Kommentar (7), wo Sie davon geschrieben haben. Zudem will ich Ihnen gar nicht zu nahe treten. Jeder Mensch hat seine Eigenarten, besonders was körperliche Hygiene anbelangt. Habe nur aus meiner Erfahrung hierzu berichtet. Im übrigen braucht insbesonders unsere Hautoberfläche eine Vielzahl an Bakterien und nicht nur dort. Es soll ja weibliche Personen geben, die schon beim Anblick einer Spinne oder ähnliches Getier Hautauschlag bekommen. Körperkontakt meiden, da sie glauben sich was zu holen. Reinigen ihre Wohnung mit Desinfektionsmittel. Mit solch einen Personenkreis habe ich nichts am Hut. Aber das betrifft Sie ja auch nicht,oder?

  4. 26.

    Wo habe ich was von einem Dating-Portal geschrieben? Ob ob ich "den perfekten Mann" oder "die perfekte Frau" - ehrlich gesagt glaube ich nicht an perfekte Menschen - jemals kennenlerne, überlassen Sie mir bitte selbst. Ich bin mit meinem Partner aktuell seit 6 Jahren zusammen und es läuft bestens. Mit meiner vorherigen Partnerin war ich 8 Jahre zusammen. Ich sehe also keinen Anlass, mein Verhalten zu ändern. Dass übertriebene(!) Angst vor Krankheiten nicht gerade hilfreich im Leben ist (nicht nur bei der Beziehungssuche), darin sind wir uns wohl einig. Ein völlig sorgloser Umgang, und den erkenne ich bei vielen Gleichaltrigen, ist allerdings fatal. Darauf sollte man auch hinweisen dürfen.

  5. 25.

    Ihr Kommentar löst in mir lediglich Verwunderung aus. Wo habe ich irgendetwas von einem Dating-Portal geschrieben? Ob ob ich "den perfekten Mann" oder "die perfekte Frau" (ehrlich gesagt glaube ich nicht an perfekte Menschen) jemals kennenlerne, überlassen Sie mir bitte selbst. Ich bin mit meinem aktuell seit 6 Jahren zusammen und es läuft bestens. Mit meiner vorherigen Partnerin war ich 8 Jahre zusammen. Ich sehe also keinen Anlass, mein Verhalten zu ändern.

  6. 24.

    Sie können also mikroskopisch kleine Viren und Bakterien mit bloßem Auge sehen, und wenn der Partner schmutzig aussieht, geht es unter die Dusche? Beschäftigen Sie sich bitte bisschen mehr mit Bakteriologie, statt damit, wo Homo- oder Heterosexuelle sich gegenseitig lecken könnten. Ihre Sexualpartner werden es Ihnen danken.

  7. 23.

    Es muss immer erst ganz schlimm werden bevor die Politik sich bewegt. Leider. Warten wir noch ein paar Jahre.

  8. 22.

    Ja, da haben Sie natürlich recht. Auch in unseren Kreisen gibt es unverbesserliche, die sogar Kondome verweigern. Wir nennen es „ Bareback“. Vor allem bei den Jüngeren ist die Hemmschwelle beim Sex derartig rapide gesunken. Hat mein Hausarzt mir berichtet.

  9. 20.

    Stimmt, das sind meist die, die völlig unschuldig erkranken. Und auch diese Behandlungskosten sollten die Verursacher bezahlen müssen.

  10. 19.

    Nachtrag zu Ihrer Aussage:“ es gibt zahlreiche Krankheiten, die schon durch bloßen Hautkontakt im Intimbereich übertragbar sind“. Hier muß ich Sie enttäuschen, denn bei einer gründlichen Intimpflege dürfte so etwas selten passieren. Ich spreche auch hier aus Erfahrung. Bei uns Schwule heißt das schlichtweg“ Rimming“( A......lecken). Auch bei Oralsex setze ich vorraus, dass mein Objekt der Begierde auch einwandfrei sauber ist. Läßt sich leicht feststellen. Ist dem nicht so, läuft da nix. Dann heißt es, ab unter die Dusche. Gilt gleichermaßen auch für Frauen. Prompt fällt mir dazu der Roman „ Feuchtgebiete“ ein, wo schon im ersten Kapitel beschrieben wird, wie Mann der Frau den Hintern mit der Zunge bearbeitet und dabei ihre Hämorrhoiden kitzelt. Auch soll es ja Heteromänner geben, die es beim Geschlechtsakt lieben, wenn Frau einen Finger in seinen Anus einführt. Das führt jetzt aber hier zu weit;-)

  11. 18.

    Bei allem Respekt, aber mich als aufgeklärten Schwulen brauchen Sie nicht zu belehren. Zudem habe ich deutlich darauf verwiesen, wie wichtig es doch ist VORSORGE zu schaffen. Dass Sie sich einem Datingportal anvertrauen, entspricht den Zeitgeist. So etwas gab es nicht in meiner Sturm und Drangzeit und man lernte Leute anders kennen. Von Angesicht zu Angesicht. Vorurteile, Angst vor Ansteckungen sind bei der Partnersuche nicht gerade hilfreich. Sorry, Sie werden so nie im Leben den perfekten Mann kennenlernen, mit solch einer Einstellung.

  12. 17.

    Wissen Sie, wer mir bei der Sache leid tut? Partner, die von einem untreuen Partner, der sich anderswo Krankheiten einfängt, angesteckt werden.

  13. 16.

    Diese Meinung ist mir tatsächlich auch mehrfach untergekommen: Heutzutage könne man ja alles schon gut behandeln, also sei eine Infektion ja so tragisch auch nicht.

  14. 14.

    Sie glauben an Vernunft? Ich nicht. Und dass diese Leute, übrigens fast alles Studierte (sogar mal ein Medizinstudent - der äußerte sogar mal die Meinung, er brauche nicht verhüten, Berlin sei so durchseucht, dass man sich früher oder später sowieso was einfange!), tatsächlich glauben, dass man Leuten ansieht, ob sie infiziert sind, glaube ich auch nicht. Die reden sich das schlicht selber schön. Und klar, solche Leute haben auch bei mir keine Chance. Die habe ich dann auch gleich aussortiert. Trotzdem erschreckend, was sich da für Abgründe schon bei den ersten Gesprächen auftun.

  15. 13.

    Damals hat mich AIDS wachgerüttelt. Denn auch ich war früher der dummen Ansicht, mich trifft es ja nicht. Heute habe ich immer Kondome dabei und mein Wahlspruch ist: allzeit bereit.

  16. 12.

    Soweit würde ich zwar nicht gehen, so wie Sie es beschreiben, denn Vorsorge ist immernoch besser. Sprich, zumindest Kondome mit sich führen und regelmäßige Checkups machen lassen bei so ein Geschlechtsleben. Als KK Beitragszahler habe ich Anspruch auf eine Behandlung. Ob nun selbst verschuldet, spielt dabei keine Rolle.

  17. 11.

    Nein, ein Mangel an Wissen ist es sicher nicht. Die Informationen sind heute weitgehend bekannt oder über wenige Klicks erreichbar. Leider hat HIV durch erfolgreiche Symptombehandlung (was eigentlich gut ist) soweit an Schrecken verloren, dass diese Gefahr kaum noch wahrgenommen wird. Das Selbe gilt auch für die anderen Krankheiten. Ganz im Gegenteil scheint es für manche als Kick beim Sex mit Unbekannten dazu zu gehören. Solche Menschen spielen oft sehr bewusst mit ihrer Gesundheit.

  18. 10.

    Wer genügend Informationen hat, wie verheerend und übel.diese Krankheiten sind, versucht nicht Kondome zu vermeiden. Sonst müßte man diesen Menschen ja extreme Dummheit und/oder Wahrnehmungsstörungen attestieren ;-)

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