Fahrgäste stehen auf einem überfüllten Bahnsteig auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße (Quelle: imago/Schöning)
Audio: Inforadio | 02.01.2019 | Florian Schmid | Bild: imago/Schöning

Glosse | 90 Jahre Berliner Verkehrsbetriebe - Lass mich nicht hängen, BVG

Die BVG feiert ihr 90-jähriges Bestehen. Derzeit sind viele Berliner eher genervt. Nicht nur wegen der Bauarbeiten, sondern auch weil Züge und Busse chronisch überfüllt sind. Das geht auch an Florian Schmid nicht spurlos vorbei.

Ich liebe Dich, BVG - wirklich. Und das nicht nur, weil ich mir ein autofreies Berlin wünsche. Ich sitze jeden Tag gerne in Deinem ratternden U-Bahnwagen - die ganzen 18 Stationen auf dem Weg zur Arbeit hin und 18 zurück. Ich lese mich dabei langsam aber sicher durch die Werke der Weltliteratur und Philosophie. Das betörende Quietschen Deiner Räder lullt mich liebevoll ein, wenn ich in Science-Fiction-Welten eintauche oder mal ein bisschen Hegel anteste. In letzter Zeit, meine liebe BVG, machst Du es mir aber nicht leicht. Das soll eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe sein?

"Es ist nicht mehr wie früher"

Wir verbringen jetzt schon fast 30 Jahre miteinander: von Kreuzberg nach Dahlem - damals als ich noch studierte, abenteuerliche Ausflüge in den Wedding, nachts nach Mitte und natürlich hinein ins tiefe Neukölln. Aber es ist nicht mehr wie früher. Du lässt mich einfach stehen und das nicht nur ein Mal. Ich warte ewig auf Dich – ständig, selbst wenn du einmal pünktlich bist. Was immerhin vorkommt, zum Glück.

Dann höre ich trotzdem diese nervige Lautsprecher-Ansage, dass der Zugverkehr auf dieser Linie unregelmäßig ist - und das jeden Tag. Als würdest Du Dich schon von vornherein entschuldigen, dass Du mir nicht mehr die Aufmerksamkeit schenkst, die mir eigentlich zusteht. BVG, Du machst es Dir zu einfach.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ich meine, mit Dir würde ich durch dick und dünn gehen. Aber jetzt? Wie in einer Sardinenbüchse komme ich mir oft vor und das nicht im Zug, sondern schon auf dem Bahnsteig beim Warten. In den Zug reinzukommen, kann ich dann oft eh vergessen. Und falls doch, dann kuschel ich mich nicht mehr in Deinen wundervollen Hartschalensitz, sondern mich bedrängt irgendein anderer anonymer Fahrgast. Nein, BVG so geht es nicht weiter. Was ist nur los mit Dir? Sollen wir vielleicht zur Paartherapie gehen? Ob das hilft? Dabei bin ich im Grunde noch voller Hoffnung.

Ich kann einfach nicht anders. Uns verbindet schließlich Liebe - echte Liebe. Also lass mich nicht hängen BVG und streng dich mal ein bisschen an.

Zurück in die Zukunft: 90 Jahre BVG

Beitrag von Florian Schmid

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Wer eine chillige Strecke hat, mag entspannt sein. Die meisten Berliner*Innen sehen das wohl anders, besonders zu den Stoßzeiten. Wer nach der Arbeit noch volles Programm hat und fast die doppelte Zeit wie noch vor nicht allzulanger Zeit für den Heimweg braucht, der sieht das etwas enger. Daher hoffen wir alle mal auf ein zukünftiges Konzept, das wieder alltagstauglicher wird.

  2. 6.

    Das sagen Sie mal der streßgeplagten arbeitenden Bevölkerung. Hin zur Arbeit in vollbesetzten Zügen und zum Feierabend dasselbe Prozedere. Da hätte ich aber null Bock mich auf ein Buch oder ähnliches zu konzentrieren. Nein, ich fühle mit all diesen Menschen. Das Problem ist hausgemacht und hätte schon vor langer Zeit in Angriff genommen werden müssen. Das immernoch die alten DDR U-Bahnwaggons fahren, ist schon mehr als peinlich. Nicht das ich was gegen die hätte. Jeder weiß doch wie diese Stadt gewachsen ist und noch immer ziehen mehr Menschen nach Berlin.

  3. 5.

    Ich habe keine Probleme mit der BVG,
    U-Bahn, Busse alle fast pünktlich und gar nicht so teuer. Früher gab es weniger U-Bahn-Strecken und die Busse waren damals schon im Stau stecken geblieben.
    Heute hat man Öffi-App und weiß dann wann ein Bus oder eine U-Bahn kommt. In der Wartezeit liest man ein Buch oder surft im Handy, also ganz entspannt und nicht so viel rummeckern.

  4. 4.

    "Sofort!" (rot) Wäre schön: Sofort die Planung für ein berlinweites (ins Brandenburgische reichendes) Straßenbahnnetz zu beginnen. Statt Stückchen für Stückchen hier und da bis ins 22. Jahrhundert .... - JETZT SOFORT die notwendigen Trassen freizuhalten und die rechtzeitige Bestellung der dann nötigen Straßenbahnen und die rechtzeitige Ausbildung des Personals zu realisieren ... Dann klappts hoffentlich in geplant absehbarer Zeit mit dem 90 Sekunden Takt auf der Schiene ;) Ohne eine VISION und einen dazu passenden Plan wird das nie was!
    Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch zum 90. & Alles Gute für die Genesung !

  5. 3.

    Das sehe ich genauso. Ich versuche immer sachlich und fair zu bleiben, mich trotz aller Erschwernisse und Beeinträchtigungen durch das Bus- und Bahndilemma durchzuwurschteln, habe auch die BVG trotzdem in Schutz genommen...aber so langsam gehen einem die positiven Argumente aus. Jetzt wieder die U7-Sperrung, unsere Busse fahren höchstwahrscheinlich wie immer pünktlich ab Schulbeginn Montag wieder per Zufallsprinzip usw. Macht keinen Spaß mehr. Augen zu und durch heißt die Devise-schön ist aber anders.

  6. 2.

    Ein Artikel der passend geschrieben ist. Wobei es eigentlich traurig ist, dass die bvg in ihren 90 Jahren so einiges gemeistert hat und nun fast seit 90 Tage im Chaos versinkt und ein 90 Sekundentakt auf der Schiene wohl in weite Ferne gekommen ist.

  7. 1.

    Sehr guter Artikel, der alles aussagt, wie es zurzeit um unsere BVG steht. Leider wird sich nichts ändern. Alleine die wieder einmal Sperrung auf der U7 zwischen Grenzallee und Britz Süd für mehrere Monate sagt doch schon alles aus. Ich frage mich, warum sind die Platten nicht im Zusammenhang der Sperrung Anfang des Jahres 2018 gewechselt worden. BVG fahren macht seit einigen Monaten keinen Spaß mehr.

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