Blick auf den Kurfürstendamm, auf dem Straßenbahnen und Autos verkehren (Archivbild 1950 | Quelle: imago/Cola Images)
Audio: radioBerlin 88,8 | 02.01.2019 | Interview mit Axel Mauruszat | Bild: imago/Cola Images

Interview | 90 Jahre BVG - "Die Straßenbahn war das Rückgrat des Nahverkehrs"

Ab dem 1. Januar 1929 rollten Busse und Bahnen erstmals unter dem Namen BVG durch Berlin. Axel Mauruszat, Leiter des BVG-Archivs, erzählt im Interview, wie sich der Nahverkehr im Lauf der Jahre gewandelt hat und räumt mit einem Gerücht auf.

rbb: Sie haben zum Interview eine Menge Papier, aber auch einen Stempel mitgebracht. In einem Papier aus dem Jahr 1929 wird erklärt: "Wir heißen jetzt BVG" und es steht ganz groß geschrieben, wie es ausgesprochen wird, nämlich "Be-Vau-Ge".

Axel Mauruszat: Das musste festgelegt werden, wie die Abkürzung ausgesprochen wird. Viele Abkürzungen wurden damals gesprochen - so wie "Gasag" oder "Bewag", das einfach fließend ausgesprochen wurde. Es sollte ganz klar sein: Hier wird "BVG" jeder Buchstabe einzeln gesprochen und nicht irgendwas Zusammenhängendes.

Sie haben ein Gerücht aufgeklärt, das sich um den U-Bahnhof Mohrenstraße rankte.

Es hielt sich lange das Gerücht, dass im heutigen U-Bahnhof Mohrenstraße - damals Thälmannplatz -  Marmor aus der Reichskanzlei sozusagen recycelt wurde, weil das Gebäude daneben stand. Wir können heute anhand unserer Aktenlage nachweisen, dass der Marmor schlicht aus dem Steinbruch kam. Das ist natürlich viel langweiliger für Geschichtenerzähler, aber leider die Wahrheit.

Heute ist die U-Bahn der Haupt-Verkehrsträger. Früher war es genau andersrum.

Früher war es die Straßenbahn. Als die BVG 1929 die drei Betriebe, U-Bahn, Bus und Staßenbahn, zusammengeführt hat, war die Straßenbahn mit knapp einer Milliarde Fahrgäste weit vorne. Die U-Bahn und der Bus hatten jeweils ungefähr 270 Millionen Fahrgäste. Die Straßenbahn war damals sozusagen das Rückgrat des Nahverkehrs. Insgesamt hatte der öffentliche Nahverkehr mehr Fahrgäste als heute, nämlich etwa 1,2 Milliarden Fahrgäste. Die Motorisierung war eine ganz andere, weil viel mehr Berliner einfach auf den Nahverkehr angewiesen waren und keine Wahl hatten.

Welchen Bahnhof würden Sie sich zur Entstehung am liebsten angucken?

Ich würde den U-Bahnhof Hermannplatz wählen, wie der Bahnhof und auch das Karstadt-Haus gebaut wurden. Vor allem diese Verknüpfung zwischen Karstadt und dem U-Bahnhof was damals etwas ganz Neues und Modernes.

Gibt es vielleicht aus Nachlässen oder Dinge die irgendwie aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchen noch Neuigkeiten, die zu Ihnen kommen oder bleibt ihr Archiv wie es ist?

Es gibt immer wieder Neuigkeiten, gerade weil wir vor 1943 oder 1945 kaum Unterlagen haben. Das damalige BVG-Archiv (Anmerk. d. Red. Das Archiv befand sich in der Köthener Straße und wurde zusammen mit der BVG-Hauptverwaltung zerstört) ist im November 1943 nach einem Bombenangriff komplett ausgebrannt. Vieles ist damals vernichtet worden,  so auch der gesamte Foto-Bestand, den es bis dahin gab.

Es gab einen eigenen BVG-Fotografen, der nur für die BVG fotografiert hat. Alle Negative sind durchnummeriert, das heißt man kann auch auf den Abzügen sehr schön die Nummern sehen. Er war 1943 bei gut 20.000 Fotografien. 1944 musste er wieder bei Null angefangen. Das heißt, wir kriegen so nach und nach aus verschiedenen Quellen Abzüge. So vervollständigt sich nach und nach auch der Altbestand immer mal wieder, dass wir aus Nachlässen was bekommen.

Kann man eigentlich die Geschichte der Stadt anhand der Geschichte des Nahverkehrs nachvollziehen?

Auf jeden Fall. Der Verkehr liegt wie ein großes Spinnennetz über der ganzen Stadt. Zu jedem politischen Thema gibt es dann auch im Prinzip die Reaktionen des Verkehrs sei es der Volksaufstand am 17. Juni, Mauerbau, Krieg oder Revolution. Der Verkehr hat immer mitgelitten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Axel Mauruszat führte Ingo Hoppe für radioBerlin 88,8. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Player hören.

Zurück in die Zukunft: 90 Jahre BVG

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16 Kommentare

  1. 16.

    Nach meiner Überzeugung wäre es gut, jeweils im Einzelfall zu entscheiden. Eine U-Bahn-Verlängerung kann in einzelnen Fällen selbst bei einem dichten U-Bahn-Netz Sinn haben. Auch die U 1 kann von ihrem belanglosen Stummel Uhlandstraße bis zum Adenauerplatz verlängert werden, damit nicht alle Fahrgäste in diesen völlig verengten Bahnhof Bismarckstraße müssen, um umzusteigen. Auch der Leipziger S-Bahn-Tunnel hat seinen Sinn und der Karlsruher Straßenbahn-/Stadtbahntunnel war m. E. unabwendbar, die Kombilösung also eine kluge.

    Denkbar wären m. E. auch Duo-Fahrzeuge in Bezug auf die Berliner U-Bahn wie bspw. in Hannover mit seiner Stadtbahn. Dies hinsichtlich möglichen oberirdischen Verlängerungen der U 4 über den Innsbrucker Platz in Richtung Friedenau oder der U 3 von der Krummen Lanke bis zum Mexikoplatz. Stromschienen-Einspeisung und Fahrleitungseinspeisung ließe sich ja kombinieren.

  2. 15.

    Berlin - auch der frühere Westteil - hat eher vergleichsweise üppig bemessene Straßenräume. Da passt noch weit mehr hinein, wenn es die für die Stadt angemessensten Verkehrssysteme sind. Ein Straßenbahngleis, das im 5 Minuten-Takt mit 40 Meter-Zügen befahren wird, erbringt die Leistungsfähigkeit von mindestens 20.000 PKWs. Das bekommen Sie mit einer Fahrspur niemals hin. Fährt die Straßenbahn im 2 1/2 Minuten-Takt brauchen Sie eine sechs- bis achtspurige Fahrbahn, um die gleiche Zahl an bewegten Personen hinzubekommen.

    Nicht, dass kein Platz da wäre, er wird nur für ein schlicht stadtunverträgliches Verkehrsmittel in Beschlag genommen.

  3. 14.

    "Die Lösung ist also ein gut verzahnter Verkehr aus Bussen/Straßenbahnen einerseits und U-/S-Bahnen andererseits."

    Genau so war meine Intention.
    In Städten wie Berlin, Hamburg und München zusätzlich mit U- und S-Bahnen, bei den anderen Städten, vor allem unter 500.000 Einw., geht´s auch ohne U- und S-Bahnen. Dies wegen des geringeren Einzugsbereichs und des nicht so astronomischen Fahrgastaufkommens.

  4. 13.

    Der Vergleich U-Bahn und Straßenbahn ist der von Äpfel mit Birnen. Beides gut, aber eben verschieden. U-Bahnen erschließen eine zusätzliche Ebene im Verkehrsraum und dienen vorrangig der Beförderung großer Menschenmengen über größere Entfernungen. Das selbe leistet auch die S-Bahn. Daher ist die U-Bahn eher mit dieser vergleichbar, als mit der guten alten Straßenbahn. Straßenbahnen und Busse sind zur Feinerschließung erforderlich, sie transportieren pro Einheit deutlich weniger Menschen zu weniger weit entfernten Zielen oder eben zum nächsten Bahnhof, das Ganze aber deutlich langsamer, im Gegenzug aber mit deutlich mehr Haltepunkten. Die Lösung ist also ein gut verzahnter Verkehr aus Bussen/Straßenbahnen einerseits und U-/S-Bahnen andererseits. Weder das eine noch das andere Verkehrssystem können alleine erfolgreich sein. Die Akzeptanz kommt aus einer Kombination aus naher Haltestelle und kurzer (Gesamt-)Reisezeit.

  5. 12.

    Die Einstellung der Straßenbahnlinien in unserer Großstadt hat weniger was mit Erkenntnissen, sondern mher mit den Gegebenheiten vor dem Mauerfall zu tun.

    Der Straßenraum für Straßenbahnen ist vielerorts noch vorhanden und könnte wiederbelebt werden. Ich verweise nur auf den Tauentzien und seinen völlig ungenutzten Mittelstreifen, wo sich kein Mensch freiwillig auf die dortigen Steinbänke setzt um Autoabgase einzuatmen. Oder Heerstraße, Ruhlebener Chaussee, usw.

    Busse stehen im Stau, weil Lieferfahrzeuge oder sonstige Querulanten die Busspur blockieren. Da ist - wie in so vielen Bereichen in unserer Stadt - mehr Konsequenz beim Ahnden gefragt. 3 x Pkw auf Busspur abgestellt = Lappen einsammeln.

  6. 11.

    Hallo Bernd,
    das Foto wurde im Rahmen einer BVG-Presseerklärung herausgegeben. Die Information hierzu lautete nur "10.09.1979: Helmut Kohl zu Besuch bei der BVG".
    viele Grüße
    Axel

  7. 10.

    West-Berlin hat schon vor Jahren erkannt das eine Strassenbahn nicht in eine Grossstadt wie Berlin passt. Da immer weniger Strassenraum da ist, geht hier nur die Untergrund-Bahn.
    Auch wenn jemand behaupten will, das andere Städte es auch hinbekommen, mindestens in West Berlin passt es nicht. Selbst die Busse stehen im Stau auf den Strassen !

  8. 9.

    Die Tram wurde in vielen bundesdeutschen Großstädten leider vor allem durch Busse ersetzt. So wurden von der BVG 1953 eigentlich für neue Bahnen bereitstehende Mittel zum Kauf von Doppeldeckern umgewidmet. Damals fuhren Trams z.B. zum Roseneck, zum Hagenplatz und zum Johannisstift. U-Bahnen gibt es dort bis heute keine.

    R2G hält umgekehrt nichts vom U-Bahn-Neubau, was Frau Günther schon zu spüren bekam. Die Tram kann zusammen mit bei schlechtem Wetter deutlich weniger genutzen Radwegen nicht nur die Mittel der Wahl zum Erreichen der Verkehrswende sein. Durch den Görli zum Hermannplatz kann die Tram Sinn machen, zur Turmstrasse aber eher nicht.

  9. 8.

    Der Grundfehler, die Straßenbahn im Westen Berlins abzuschaffen, rührt aus der Annahme, dass die U-Bahn die Straßenbahn ersetzen könne. Dabei kann die U-Bahn die Straßenbahn, die sichtbar im Straßenraum verkehrt, nur ergänzen. Und zwar dort, wo die Straßenbahn allein den öffentlichen Personen-Nahverkehr auf einer Strecke nicht schafft und unter der Erde Zusätzliches geleistet werden muss.

    Die Attraktivität des ÖPNV einer Stadt steht und fällt mit seiner Sichtbarkeit zu ebener Erde. Da reichen Bushaltestellen in 300 Meter-Entfernung nicht aus, vielmehr rührt die Dauerpräsenz des ÖPNV aus vorhandenen Anlagen wie Schienen und Oberleitung, die auch dann da sind, wenn gerade mal kein Fahrzeug zu sehen ist.



  10. 7.

    Na, da scheiden ja schon mal SPD, Die Linke und die Grünen, die seit nunmehr zwei Jahren regieren und m.W. gar nichts für weitere Trams getan haben, sowie die von Ihnen genannte CDU aus. Da bleiben ja dann nicht mehr so viele Parteien übrig, um was für die Umwelt und die Kinder zu tun ;-)
    Dabei bin ich selbst doch auch für weitere Tramlinien in unserer Stadt, weil die Entscheidung des Senats von Berlin im Jahre 1954, die Tram abzuschaffen, m.E. wirklich ein Riesenfehler war.

  11. 6.

    Nach dem Krieg wurden im Westen ja die ganzen Staßenbahnen abgeschafft. Nach der Wende hatten wir weiterhin die alte Garde aus dem Westen (CDU/SPD) an der Regierung, die auch weiterhin kein Interesse an Staßenbahnen hatte. Jetzt haben wir immer noch die SPD an der Macht und die spielt immer noch Bremse. Man muss einfach Parteien wählen, die Staßenbahnen bauen wollen und die der Staßenbahn auch Vorrang im Verkehr geben.

    Tue es für die Umwelt und deine Kinder.
    Statt Autohupen und Abgas-Glocke soll es wieder Trams geben!

  12. 5.

    Die Zukunft war gestern ! Staßenbahn - nicht frei erfundene Tram von Einwanderern - und auch die anderen öffentlichen Verkehrsmittel sollten heute immer Vorrang vor Autoverkehr haben.

    Heute U-Rathaus Neukölln aus dem U-Bahnhof rausgekommen und kaum Luft bekommen ! Und das nicht nur einmal im Jahr.

  13. 4.

    Lieber Bernd,

    vielen Dank für Ihren Hinweis, Sie haben völlig recht. Helmut Kohl wurde erst 1982 Kanzler, wir haben den Fehler korrigiert und entschuldigen uns dafür.

    Herzliche Grüße, Ihre Onliner

  14. 3.

    In der Bilderserie wird 1979 Kohl als Kanzler bezeichnet. Diese Angaben tauchen auch in anderen Medien auf, wo die selben Fotos gezeigt werden. Kohl wurde aber erst 1982 Kanzler. Vielleicht können Sie das auch Herrn Mauruszat übermitteln, falls die Angaben von ihm stammen (und der rbb diese ungeprüft übernommen hat)!?

  15. 2.

    Danke für Ihr Feedback! Ihre Meinung zur Überschrift teilen wir allerdings nicht. Durch die Anführungszeichen machen wir klar, dass es sich um ein Zitat handelt und damit nicht um die Meinung des Senders. Außerdem zeigt das Wort "war" und die Dachzeile "90 Jahre BVG", dass die Überschrift sich nicht auf die aktuelle Debatte zum Netzausbau des ÖPNV bezieht.

  16. 1.

    Ein interessantes Interview, nur die Überschrift ist -aus meiner Sicht- fehl am Platz.
    Sie suggeriert in dem aktuellen Streit im Senat ob u-Bahn oder Straßenbahn als habe sich der rbb positioniert und seine Neutralität verloren.

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