Plattenbausiedlung in Berlin-Marzahn (Quelle: imago/Schöning)
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Audio: Inforadio | 04.01.2019 | Gespräch mit Wolf Rüdiger Eisentraut | Bild: imago/Schöning

Interview | 40 Jahre Marzahn - "Die Monotonie wird zu Recht beklagt"

Vor genau 40 Jahren starteten in Berlin-Marzahn die Bauarbeiten für die größte Plattenbausiedlung Europas. Wolf Eisentraut war einer der Architekten des neuen Bezirkes. Ein Gespräch über Kaufhallen, Beton und neue alte Fehler im Wohnungsbau.

rbb|24: Herr Eisentraut, betrachtet man Ihre Website, ist die Platte wirklich Ihr Ding. Was ist so gut an dieser Bauweise?

Wolf Eisentraut: Es ist ein technisches Mittel, um in kurzer Zeit wirtschaftlich viel zu bauen – ganz einfach. Es ist ein großes Bauelement.

Früher war der Ziegel das Bauelement, das sich zu ganzen Häusern addiert hat. Und mit dieser industriellen Bauweise addieren sich halt die Plattenelemente zu ganzen Häusern.

Wie empfinden Sie als Architekt die Kritik an der Platte?

Das ist zumeist oberflächlich. Das Problem ist nicht das Bauelement – die Platte wie man gemeinhin sagt –, sondern das Problem bei diesen Großsiedlungen ist die Vereinheitlichung, die durch Typisierung entstanden ist. In einer kurzen Zeit wurden sehr viele Wohnungen gebaut, für die einheitliche Typen angewendet wurden. So sieht eine auf diese Art gewachsene Stadt im Vergleich zur einer alten Stadt ein wenig eintönig aus.

Als die Platten aus den Marzahner Feldern wuchsen

Sie haben unter anderen auch das Rathaus und das Kino Sojus entworfen, die inmitten der Hochhauswüste eine andere Architektur aufzeigen. Warum?

Jedes Haus hat seinen Charakter. Das ist die ursächliche Arbeit des Architekten. Es soll nicht nur eine Hülle geschaffen werden, die natürlich optimal die Funktion ermöglicht, die darin stattfinden soll. Sondern mit dieser Betonmasse soll auch ein Raum geschaffen werden, der eine Aussage hat. Die Bewohner sollen sehen: Das ist unser Rathaus, das eine andere Fassade hat als die üblichen Plattenbauten.

 

Mit Marzahn hatte Berlin damals einen ganz neuen Bezirk bekommen. Ihre Kollegen und Sie haben im Prinzip eine Kleinstadt gebaut, eine Wohnsiedlung für mehr als 100.000 Menschen. Was ist da alles zu bedenken?

Ich muss erst einmal mit aller Bescheidenheit sagen, dass ich in Marzahn die Bauten, die nach den Wohnbauten kamen, gemacht habe. Das ist nur ein kleiner Teil, wie beispielsweise der Helene-Weigel-Platz (Anm.d.Redaktion: Kaufhaus und Gesamtplanung einschließlich der Freifläche).

Es gab für die Neubaugebiete in der DDR eine sogenannte Komplex-Richtlinie. Diese besagte unter anderem, dass neben der Zahl der Wohnungen festgelegt wurde, wie viel noch gebaut werden musste, also Schulen, Kindergärten oder Gesundheitszentren. Das waren die Dinge, die man brauchte, damit das Gebiet funktioniert. Dann folgten Kaufhallen, Gaststätten und Dienstleistungsgebäude. Das war über die Befriedigung der Wohn-Bedürfnisse hinaus, die Ergänzung, dass die kleinen Gebiete zum Leben kamen und ihren Mittelpunkt bekommen haben.

Video: Abendschau | 05.01.2019 | Agnes Taegener

Berlin hat schon großen Wohnungsbedarf. Ist die Platte die Lösung, um schnell zu bauen?

Nein! Der Erfolg der Großsiedlungen in der DDR lag in der Quantität. Dass man sich auf Typen reduziert hat und diese Typen wie am Fließband zusammengesetzt hat, war schnell und kostengünstig. Dies führte aber zur Vereinheitlichung oder Monotonie, die damals zu Recht beklagt worden ist. Wenn man heute baut, ist es sekundär, ob man die Platte anwendet, oder ob man am Ort Beton gießt. Entscheidend ist, was man entwirft und wie das aussehen soll.

Es ist für mich deshalb unverständlich, dass man sich jetzt auf Typenentwicklungen konzentriert. Das ist ein Irrweg. Nicht nur in Marzahn, sondern auch in Siedlungen in Westberlin und Frankreich und überall ist schon mal bewiesen worden, dass das nicht allein zum Ziel führt. Wichtig ist, dass viele Leute ihren Geist einsetzen, um eine Umwelt zu gestalten mit Mitteln der Betonplatte. Es ist für die Gestaltung, für das Wachsen einer Stadt nicht das rechte Mittel, jedes Haus wie das andere zu bauen.

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Es gibt offenbar zwei Möglichkeiten, mit Siedlungen wie Berlin-Marzahn umzugehen:
    Systemübergreifend zu schauen, was der Grundansatz hinter solchen Wohnsiedlungen war, wo sich Marzahn hervorhob bspw. gegenüber den einfach nur hochgezogenen Plattenbausiedlungen der Pariser Banlieu, die diese Infrastruktur nicht haben und eben auch, wo die Unzulänglichkeit in ästhetischer Hinsicht liegt, was die menschlichen Sinne folglich zu kurz kommen lässt. Dann auch, wo die überwiegende heutige Architektur gewiss mehr Formenreichtum aufweist, durch wahllos kombinierte Bauteile aber ggf. eine noch größere Langeweile verkörpert.
    Die zweite Möglichkeit ist, mit dem Finger auf anderes, vermeintlich oder tatsächich noch Schlimmeres zu zeigen, ggf. um damit einer Kritik den Boden zu entziehen. Davon hat m. E. allerdings niemand etwas. Kein Erkenntnisgewinn, allenfalls das Ergehen in trotziger Verteidigung auf allen denkbaren Seiten.

  2. 11.

    Schlechtes Beispiel ist das zurzeit entstehende "Dolgensee-Center" in Friedrichsfelde, wieder nur große monotone Blöcke wie in der Nachbarschaft, Hauptsache die Zahlen und Rendite stimmen. Die Sozialarbeiter für das neue Ghetto werden gut zu tun haben.

  3. 10.

    Schön, dass der RBB das Thema 40 Jahre Marzahn aufgreift! Schade nur, dass im Gespräch doch wieder die "Monotonie" der Wohngebäude in den Mittelpunkt rückt, als dass man mal mehr über die städtebauliche Qualität erfahren kann. Gerade daran hat ja auch Herr Eisentraut mitgewirkt. Der Satz, mit dem er das (leider nur im Ansatz) am Bsp. des Rathauses im Interview erläutert, wurde hier in der Druckversion gar nicht wiedergegeben. Insgesamt sind im Text durch das "Glätten" des gesprochenen Wortes einige interessante Nuancen des Gesprächs verloren gegangen. Schade! Verwirrend ist auch, dass beim Betrachten der Fotos anstatt des zugeordneten Textes Textunterschriften erscheinen, die überhaupt nicht zu den Bildern passen und zum Teil nur die Klischees bedienen.

  4. 9.

    Besserverdienende würden nur den wirklich armen den Wohnraum wegnehmen. Das ist ja jetzt schon so bei den Wohnungsbaugenossenschaften, dass da viele Besserverdienende drin sind, die es nun wirklich nicht nötig haben.

  5. 8.

    Mir ist etwas gravierenndes aufgefallen: die teuren Eigentumswohnungen sind in der fassadengestaltung an manchen Stellen nicht besser ,weil enfallslos,blass,als die einfacheren sozialwohungen. Zudem scheint es,als würden sich die Bauträger nicht weiter fürs Umfeld interessieren. Oft gibt es weder Grünanlagen noch Spiel oder Bolzplätze. Also ist man als Eltern gezwungen,mit den Kindern ins Auto zu steigen und wohin zu fahren....nicht unbedingt schön.....

  6. 7.

    Müsst Ihr Redakteure nicht veröffentlichen, einfach nur lesen und lernen ;-)

    https://www.korrekturen.de/beliebte_fehler/zurecht-zu-recht.shtml

  7. 6.

    In den 80er 90er Jahren gab es Mittel um der Ghettoisierung entgegen zu wirken. Beispielsweise durften auch Besserverdienende in Sozialwohnungen wohnen. Diese Ghettobildung sollte wieder unbedingt verhindert werden.

  8. 5.

    In West-Berlin war die SPD auch nicht schlauer, als auf dem Gelände der Nissenhütten in Spandau die Betonklötze zwischen Heerstraße und Seeburger Weg errichtet wurden. http://www.nissenhütten.de/ Zwar besteht ein bedeutender Unterschied zwischen Neubau-Wohnungen und Behelfsbaracken, jedoch kann die Lebensqualität in solchen Massenwohnzentren nur ein akzeptables Niveau erreichen, wenn für notwendige Menschlichkeit gesorgt wird. Nach meinen Erfahrungen mit betagten und behinderten Menschen (Bundesfreiwilligendienst), fehlt es dort beträchtlich an sozialer Teilhabe.

  9. 4.

    Als potthässlich oder unproportioniert würde ich diese Bauten nicht bezeichnen, denn sie weisen in der Tat ein höheres Maß an Differenzierung auf als die hier genannten Siedlungen. Auch ist so gut wie kein Eingang gleich dem anderen.

    Und gleichfalls haben diese Bauten für mich etwas Befremdliches: Sie beziehen sich praktisch auf nichts. So, als wenn eine Riesenhand wahllos etwas in die Gegend gesetzt hätte. Werden die heutigen Möglichkeiten der Architekten mit einbezogen, Bauten zu entwerfen, ohne jemals auch nur einen einzigen Schritt in die zu überplanende Gegend gesetzt zu haben, nimmt die Befremdlichkeit auch kein Wunder. In meinen Augen ist das eine seelenlose C A D - Architektur. Computer Aided Design: Von Shanghai geplant für Stockholm, von Berlin aus für Buenos Aires, von Sydney für Chicago oder Nairobi.

  10. 3.

    "Es ist für die Gestaltung, für das Wachsen einer Stadt nicht das rechte Mittel, jedes Haus wie das andere zu bauen."
    Eine sehr gute Aussage, die sich diverse moderne Architekten mal auf die Fahne schreiben sollten. Im Moment entstehen fast ausschließlich potthässliche, langweilige Gebäude in der Stadt.

  11. 2.

    Wenn man in den Dingern aufwächst wie ich damals stört man sich nicht unbedingt am Aussehen. Eher erscheinen Plattenbauten als Heimat. Wichtiger sind Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Fussballvereine, Strassenbahnen und die gab es.

  12. 1.

    "Es ist für die Gestaltung, für das Wachsen einer Stadt nicht das rechte Mittel, jedes Haus wie das andere zu bauen."

    Dieser Satz kann m. E. sogar als Quintessenz gelten, als Schlussfolgerung. Und in meinen Augen gilt er universell und systemübergreifend, gleich, wer das aus welchen Gründen (so) gebaut hat. Der Liedermacher Hans Scheibner schrieb über die Monotonie von Hamburg-Mümmelmannsberg - Erst kommen die roten Balkons, dann die grünen Balkons ... - Ende der 1970er gab es großformatige Plakate mit einer abgebildeten 20-Etg.-Wohnwand. Betitelung: "Wohn-Haft".

    In Serie zu bauen, ist nachvollziehbar, auch mit Platte zu bauen. Entscheidend ist aber das Maß an Differenzierung, wie Wolf Eisentraut zu recht schreibt. Nicht i. S. des Besseren o. Schlechteren, sondern zumindest im Ansatz eines Einzigartigen, Unverwechselbaren. Dafür reicht die bloß andere Farbgebung eben nicht aus und auch nicht andere handflächengroße Zierelemente neben der Haustür.

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