Archivbild: Kinder spielen im Jugendhaus "Bolle" in Marzahn (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 02.01.2019 | Sylvia Tiegs | Bild: dpa/Jens Kalaene

Kinder- und Jugendhaus "Bolle" - "Die Kinderarmut ist hier schon präsent"

Verglichen mit anderen Bezirken, sind die Mieten in Marzahn-Hellersdorf vergleichsweise günstig, doch dafür leben dort auch viele Hartz-IV-Familien. Das Kinder- und Jugendhaus "Bolle" will für Kinder aus solchen Familien eine Anlaufstelle sein. Von Sylvia Tiegs

Mittwoch Mittag, kurz nach eins, mitten im Marzahner Hochhausviertel. Zwischen den Plattenbauten der Hohensaatener Straße liegt das Kinder- und Jugendhaus "Bolle". Ein bunt bemalter Flachbau mit zwei Eingängen. Die ersten Kids warten schon auf den kalten Treppenstufen.

Als sich die Tür öffnet, geht der neunjährige Idris schnell in eines der Spielzimmer. Er kommt jeden Tag ins Bolle - weil man hier so viel machen kann: "Spiele, Uno, es gibt Billard, Kicker, wir können Musik hören, Partys machen."

Bis zu 80 Prozent der Haushalte von Hartz IV betroffen

Außerdem bekommen die Kinder und Jugendlichen ein kostenloses Mittagessen. Das sei manchmal die einzige warme Mahlzeit des Tages, sagt Eckhard Baumann, Leiter des Bolle: "Hier im Umfeld sind 50 bis 80 Prozent der Haushalte von Hartz IV betroffen. Insofern ist das Thema Kinderarmut hier schon präsent."

Die Kinderarmut sei nicht nur materiell, sagt die langjährige Bürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, Dagmar Pohle (Linke): "Zu einem Leben, das auch den Blick in die Welt öffnet, gehört Bildung. Und zwar nicht nur Bildung, wie sie die Kita oder die Schule vermitteln. Und wenn dafür kein Geld da ist, der Raum nicht gegeben, dann entstehen solche Milieus, die es schwierig machen, solche Familien zu erreichen und die Kinder und Jugendliche ausgrenzen. Das erleben wir auch."

Für viele Kids eine Art "Familienersatz"

Diese Ausgrenzung wollen die Sozialpädagogen vom Bolle überwinden. Seit acht Jahren sind sie in Marzahn; Träger ist der Verein "Straßenkinder". "Die Eltern sind häufig nicht erwerbstätig. Es wird oft zu Hause nicht vorgelesen, es fehlt die Kraft, sich um die Hausaufgaben der Kinder zu kümmern. Also wir schließen hier viele Lücken."

Neben Freizeitspaß und Mittagessen können die Marzahner Kids also auch Hausaufgaben machen - Pädagogen sind immer da. Manchmal sind sie mehr als einfach nur Sozialarbeiter, meint Baumann: "Viele Kids empfinden das Haus Bolle als eine Art Familienersatz".

Bolle braucht jedes Jahr über eine Million Euro Spenden

Rund 80 Millionen Euro hat Marzahn-Hellersdorf 2017 ausgegeben für sogenannte "Hilfen zur Erziehung": Unterstützung für Familien, die mit sich und ihren Kindern nicht mehr alleine klarkommen. Kein anderer Bezirk gibt mehr dafür aus. Allerdings: Für das Kinder- und Jugendhaus Bolle hat der Bezirk jährlich nur 40.000 Euro übrig. Den Rest - mehr als eine Million Euro - muss Bolle über Spenden reinholen.

Beitrag von Sylvia Tiegs

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Antwort auf [Klaus] vom 04.01.2019 um 17:48
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3 Kommentare

  1. 3.

    Es ist traurig und ungeheuerlich zugleich was in D passiert es wird von Tag zu Tag immer schlimmer eine Horrormeldung nach der anderen wo soll das noch hinführen wenn Kinder schon so aufwachsen müssen diese Politik ist das letzte hoffentlich ändert sich etwas und die Menschen wachen endlich auf

  2. 2.

    Es ist eine Schande, dass in einem so reichen Land immer mehr Menschen angehängt sind, dass Generationen zu Armut verdammt werden. So sehen die Folgen der über mittlerweile seit Jahrzehnten währenden neoliberalen Politik aus. Besonders trifft es die Kinder, die dann über Hartz4 jeglicher Chancen beraubt werden. Hauptsache die gierige und asoziale Clique der Profitgeier kann sich die Hände reiben.

  3. 1.

    Vielleicht könnten die großen Gewinner der Agenda 2010 mehr tun als nur abkassieren. Während also ein HartzIV-Held sich seiner 5. Ehe erfreut und ein anderer HartzIV-Held mittlerweile Bundespräsident ist, muss sich die abgehängte Bevölkerung mit den destruktiven und behindernden Folgen abmühen.

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