Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze «Big Maple Leaf» im Bode-Museum in Berlin © dpa/Marcel Mettelsiefen
Video: Abendschau | 10.01.2019 | Olaf Sundermeyer im Studio | Bild: dpa/Marcel Mettelsiefen

Clankriminalität in Berlin - Eine Münze zuviel

Am Donnerstag hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Diebe der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum begonnen. Egal wie er ausgeht: Der Fall hat bundesweit den Blick von Politik, Ermittlern und Medien auf die Clankriminalität verändert. Von Olaf Sundermeyer

Noch vor Veröffentlichung erster Ermittlungsergebnisse durch die Polizei kamen im kriminellen Milieu Gerüchte auf, dass die aus dem Libanon stammende Berliner Großfamilie Remmo hinter dem Diebstahl der 100-Kilo-Münze steckt. Es wäre nicht ihr erstes großes Ding, aber das mit Abstand spektakulärste. Die Familie hält gleich mehrere Stammkunden für das Berliner LKA vor, zumal für das für schwere Eigentumsdelikte zuständige Dezernat.

Nun stehen die drei jungen, hinreichend polizeibekannten Clanmitglieder Ahmed, Wayci und Wissam vor Gericht, 20 bis 24 Jahre alt, zwei Brüder und ihr Cousin. Außerdem ihr mutmaßlicher Tippgeber, ein zwischenzeitlicher Sicherheitsmitarbeiter des Bode-Museums, aus dem im März 2017 die Münze im Wert von 3,7 Millionen Euro gestohlen wurde. 

Junge Männer, schwere Straftaten

Vor dem Berliner Landgericht müssen sich die vier für gemeinschaftlichen Diebstahl in einem besonders schweren Fall verantworten. Zuständig ist eine Jugendkammer. In den Clans, von denen einige Kriminalität als Familiengeschäft betreiben, ist es längst üblich, dass sich junge Männer, die noch dem milden Jugendstrafrecht unterliegen, über die schwerwiegendsten Straftaten für die Familie verdient machen. 

Darüber wird in ihren Kreisen offen geredet. Ein anderer Sohn des Remmo-Clans, Ismail, steht in einem weiteren Verfahren vor dem Berliner Landgericht. Er soll als 19-Jähriger gemeinsam mit anderen im Herbst 2017 einen Mann aus einer anderen Großfamilie mit einem Baseballschläger totgeschlagen haben. Er leugnet die Tat bis heute, lässt sich ansonsten aber, wie bei den Clans üblich, nicht zu der Sache ein. Sollte er verurteilt werden, verbüßt er seine Strafe zum Wohle der Familienehre. So wie die mutmaßlichen Diebe der Goldmünze.

Der Fall ist deutsche Kriminalgeschichte, der Ausgang des Prozesses ungewiss

Die Täter waren mit einer Leiter durch ein Fenster ins Museum eingestiegen, hatten die Münze aus ihrer Vitrine bugsiert, sie mit einem Rollbrett zurück zu dem Fenster gefahren, abgekippt und zunächst mit einer Schubkarre, dann in einem Auto abtransportiert. Über einen Informanten kam die Polizei auf die Täterschaft der Clanmitglieder, demnach hatte der Sicherheitsmitarbeiter für ihren Zutritt ins Museum gesorgt. Es fanden sich Spuren von Gold in einem Clan-Mercedes, die Münze blieb verschwunden. Sehr wahrscheinlich wurde sie zerkleinert.

Der Fall ist deutsche Kriminalgeschichte, könnte sich zu einem spektakulären Indizienprozess mit großer Medienwirksamkeit entwickeln. Sein Ausgang ist ungewiss.

Karte: Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum am frühen Morgen des 27. März 2017. (Quelle: rbb|24/Winkler/OpenStreetMap)1 = Die Täter gelangen entlang der Gleise zum Bode-Museum. 2 = Sie steigen mit einer Leiter über einen Vorbau ins Museum ein. 3 = Sie entwenden die Goldmünze "Big Maple Leaf". 4 = Anschließend werfen sie die Münze auf den Bahndamm und klettern hinab. 5 = Die Diebe transportieren die Münze mit einer Schubkarre über die Spreebrücke. 6 = Sie werfen die Goldmünze in den Monbijoupark, seilen sich ab und fahren mit einem Auto davon.

"Damit kannst du deine Kinder noch absichern und deine Kindeskinder"

Fest steht allerdings, dass die tatsächlichen Münzdiebe in der Welt der Clans hohe Wertschätzung genießen: "Wer träumt nicht davon, so eine Goldmünze bei sich zu haben, und daraus Bares zu machen", sagte Khaled Miri, Mitglied eines Clans aus dem Wedding, der über spektakuläre Eigentumsdelikte und Drogengeschäfte zu einigem Wohlstand gekommen ist. "Damit kannst du deine Kinder noch absichern und deine Kindeskinder, wenn du Glück hast."

Bis zum Diebstahl der Goldmünze galt der Überfall auf das KaDeWe Ende 2014 als spektakulärster Clou der Clans in Berlin, an dem auch die Familie Miri beteiligt war. "Aber das KaDeWe war nichts gegen diese Sache", sagte Khaled Miri, der dem Reporter seine eigenen Geschäfte nur unter der Zusage anvertraut, nicht darüber zu berichten. Legal sind sie zumindest nicht. Aber seit der Münze ist der Ermittlungsdruck auf alle strafrechtlich auffälligen Clanmitglieder gestiegen. 

Sicherheitsbehörden begreifen Diebstahl als Provokation

"Diese Münze hat uns in ganz Berlin Kopfschmerzen bereitet. Die Fahnder haben angefangen, überall ihre Fühler auszustrecken, und die fragen dich aus. Aber wer jemanden verrät, ist ein Untermensch." Sätze wie diese sagen viel über die Mentalität in den kriminellen Großfamilien aus, über Menschenbild und fehlendes Unrechtsgefühl. Nach der Tat wurde an einschlägigen Treffpunkten in Berlin, in Frühstückscafés und Shisha-Bars, eine Drohung verbreitet, die bei Informanten und Journalisten gleichermaßen verfangen sollte: Wer nach der Münze sucht, bezahlt mit dem Leben.

Bei Sicherheitsbehörden und Politik kam der dreiste Diebstahl als Provokation an, die Wirkung gezeigt hat. Zumal er in die Zeit eines angekratzten Sicherheitsgefühls bei vielen Menschen fiel, die einher ging mit der Debatte über eine völlig überlastete Justiz.  

Protziger Lebensstil und Sozialleistungen

Über die Berichterstattung wurden jene Polizisten bestätigt, die seit Jahren schon einen oftmals vergeblichen Kampf gegen die Clans führen, nicht nur in Berlin, auch in Bremen, Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen, wo sich Remmos, Miris und andere Großfamilien eine Parallelwelt eingerichtet haben. Finanziert durch Sozialleistungen und dem mit Straftaten verdienten Geld, das wiederum in legale Geschäfte fließt. Gepaart mit dem zur Schau gestellten protzigen Lebensstil sorgte das ebenso für öffentliche Empörung, wie die offenkundige Ablehnung des Rechtsstaates.

Der Migrationsforscher und Clanspezialist Ralph Ghadban spricht über das Familiengeschäft von einem "kriminellen Arbeitsmarkt, der auch dazu beiträgt, die Solidarität des Clans zu stärken, indem er vielen schwachen und untüchtigen Clanmitgliedern eine Beschäftigung bietet." Dieses Feld wird nun - seit dieser einen Münze zu viel - ausgeleuchtet: Von den Medien einerseits, vor allem aber von den Behörden. So griff in Berlin ein Verfahren ins andere. Wegen des Verdachts der Geldwäsche krimineller Erträge auf dem Wohnungsmarkt, wurden im Sommer 77 Immobilien des Remmo-Clans in einem neuen Verfahren beschlagnahmt. 

Scharfe Munition in der Kinderwäsche

Bei einer Durchsuchung in diesem Zusammenhang wurden fünf Glock-Pistolen und scharfe Munition zwischen Kinderwäsche gefunden, weshalb das Berliner LKA nun länderübergreifend wegen Waffenhandels ermittelt. Auf einem so genannten "Clangipfel" in der Berliner Innenverwaltung im Herbst wurde gemeinsam mit den Senatoren aus Justiz und Finanzen ein ressortübergreifendes Konzept zur Bekämpfung der Clankriminalität beschlossen. Auch vor dem Hintergrund, dass man sich "in der Vergangenheit wohl nicht genug um diese Phänomen gekümmert" habe, wie es dort heißt.

Unterdessen hatte sich die Landesregierung in NRW zuletzt eine Null-Toleranz-Strategie zur Bekämpfung der Clankriminalität verordnet. "Alles, was wir dazu an Mittel und Personal benötigen, kriegen wir jetzt auch", sagt eine Kriminalpolizistin in Essen. "Das war früher anders." Das Thema gehört inzwischen zu den innenpolitischen Prioritäten. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) hat dazu eine Arbeitsgruppe gegründet, nachdem man die Clankriminalität noch vor Jahren als "bundesweit irrelevant" eingestuft hatte. Das Medieninteresse an dem Prozess um die gestohlene Goldmünze ist enorm, nicht nur wegen dieser sehr besonderen Tat. Sondern weil sich der Blick auf die Clankriminalität insgesamt verändert hat.

Sendung: Inforadio, 10.01.2019, 5 Uhr

Beitrag von Olaf Sundermeyer

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Die armen traumatisierten Clan-Mitglieder. HartzIV reicht hinten und vorne nicht, um die Luxusschlitten rollen zu lassen. Da muss man dann sein Spritgeld schon andersweitig organisieren. Mal schauen, wann diese oragnisierten Clan-Verbrecher endlich mit allen rechtlich zulässigen Mitteln von Polizei und Justiz angegangen werden.

  2. 5.

    Man kann nur hoffen, daß endlich gegenüber den arabischen Familienclans in Deutschland etwas passiert und denen ganz strikt auf die Finger geschaut wird, so daß es denen in unserem Land richtig ungemütlich wird. Vielleicht gehen sie dann wieder dahin woher sie kamen und machen sich ebenso unangenehm breit wie hier in Deutschland.
    Warum so viele dann die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen ist mir sowieso unverständlich. Wenn die ihre Papiere verschwinden lassen und dann staatenlos sind, ist das ihr Problem und nicht das Problem der Deutschen.

  3. 4.

    Jahrzehntelang hat man die Clankriminalität erfolgreich ignoriert, einige Parteien haben sie sogar negiert und Andersdenkende als Rechte eingestuft. Ermittlungsergebnisse die bis in die 80er Jahre zurückreichen, wurden nicht ernst genommen. Nun steht man vor den Trümmern dieser Denkweise.
    Man bekämpft hier keine Bauern aus dem Hinterland. Man bekämpft wirtschaftlich hierarchisch strukturierte, nach außen abgeschottete Unternehmen, die gut aufgestellt sind, finanzielle Mittel und juristischen Beistand haben und die Schwächen unseres Systems genau kennen und diese ausnutzen.
    Es sind unpopuläre Entscheidungen und Gesetzesänderungen notwendig, um mit den Clans in einer Sprache zu reden, die sie auch verstehen.
    Und bevor Foristen wieder mit Abschiebung daherkommen. Man kann die Clanmitglieder nicht abschieben, da alle die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

  4. 3.

    Straftaten wie Einkommen nach dem Wert versteuern - das würde hier besonders schmerzen

  5. 2.

    30 Jahre haben unsere Regierenden alle Augen verschlossen, das sich Abzeichnende ignoriert. Diese Jahre hat man zum Kaputtsparen der Polizei genutzt. Jetzt wird hektisch agiert, man wolle die Clan-Kriminalität bekämpfen.

    Das ist schon lustig. Die sind inzwischen so gut etabliert, da wären Spezialeinheiten und Gesetzesänderungen erforderlich, um diese Kriminalität in den Griff zu bekommen. Diese Clans sitzen inzwischen überall drin.

    Boa, der angeblich nur temporäre Fehler "Bei Ihrer Eingabe ist ein Fehler aufgetreten!" wird zum Dauerzustand.

    Und nun den 3. Versuch der Absendung.

  6. 1.

    Die Täter bekommen sicherlich Jugendstrafrecht. Was soll die Rumgurkerei. Ist doch klar. Die Eltern planen und sie führten den Raub aus.

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