Der Angeklagte, der zwei Obdachlose mit Benzin übergossen und angezündet haben soll, steht zu Beginn des Prozesses im Kriminalgericht Moabit (Quelle: DPA/Bernd von Jutrczenka)
Video: Abendschau | 29.01.2019 | Tom Garus | Bild: dpa

Prozess um angezündete Obdachlose - "Er machte einen Freudentanz und ging weg"

Er soll zwei Obdachlose mit Benzin übergossen und angezündet haben, einer der Männer starb: Seit Dienstag steht ein 48-Jähriger vor Gericht. Gegenüber von Ermittlern soll er die Tat bereits weitestgehend eingeräumt haben. Von Ulf Morling

Totschlag, versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung werden dem 48-jährigen Angeklagten vorgeworfen. Aleksandr T. soll am 22. Juli letzten Jahres kurz vor Mitternacht auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes Schöneweide zwei Obdachlose mit Benzin überschüttet und dann angezündet haben. Am Dienstag begann der Prozess in dem Fall.

Zu Beginn der Ermittlungen war die Staatsanwaltschaft von einem Mordversuch an den Wohnungslosen ausgegangen, da der Angeklagte "aus Rache" nach dem Streit die Tat begangen haben soll. Doch aus versuchtem Mord wurde in der Anklageschrift schließlich versuchter Totschlag. Im Eröffnungsbeschluss des Gerichts stand nun ein vollendeter Totschlag. Eines der Opfer erlag zwischenzeitlich seinen Verbrennungen und verstarb im November im Krankenhaus.

47-Jähriger verstarb im November an seinen Verletzungen

Die Ermittler werfen Aleksandr T. vor, nach einem Streit mit den beiden Obdachlosen Andreas V. (47), genannt Andy, und Lothar D. (62) direkt zu einer nahegelegenen Tankstelle geeilt zu sein, um Benzin zu kaufen. Laut Anklage kehrt er mit einem vollen Kanister zu dem Cajamarcaplatz vor dem S-Bahnhof zurück, überschüttet die Obdachlosen mit Benzin und zündet sie mit einem Feuerzeug an. Anschließend soll T. geflüchtet sein. Mehrere Passanten eilen sofort nach der Tat zu Hilfe und löschen die Flammen. Beide Obdachlose erleiden schwere Brandverletzungen. Während zwei Prozent der Hautoberfläche von D. Verbrennungen zweiten und dritten Grades aufweisen, sind es V. mehr als 30 Prozent.

Nach vier Tagen intensiver Ermittlungen ist die Mordkommission überzeugt davon, dass Aleksandr T. die Tat begangen hat. Ein Haftbefehl wird erlassen. Von Zielfahndern wird er neun Tage nach der Tat im Einkaufszentrum Forum Köpenick festgenommen und kommt in Untersuchungshaft. Einen Tag später wird eines seiner mutmaßlichen Opfer aus dem Krankenhaus entlassen. Das zweite Opfer, Andreas V. liegt fast 16 Wochen im künstlichen Koma. Am 9. November stirbt der 47-Jährige. Die Staatsanwaltschaft geht nicht davon aus, dass Hass auf Obdachlose das Motiv für die Tat war. Auslöser soll der Streit zwischen dem Angeklagten und den beiden Obdachlosen gewesen sein. Das Mordmerkmal Rache erkennt die Staatsanwaltschaft darin aber offensichtlich noch nicht.

"Er machte einen Freudentanz und ging weg"

Aleksandr T. tritt in blauer Gefängniskleidung zum Prozessauftakt auf. Er ist schlank und drahtig und scheint leicht zu lächeln. Vielleicht will er nur freundlich sein. Er hat Kopfhörer auf und hört aufmerksam zu, was die Dolmetscherin ihm ins Russische übersetzt. Er besitzt sowohl die deutsche als auch die russische Staatsbürgerschaft. Selbst will er sich nicht zu der Tat äußern, erklärt sein Verteidiger Alois Fleck. "Vielleicht später, aber es ist noch zu früh", sagt er. So tritt als erster Zeuge Lothar D. auf, der die Tat überlebte. Polizeibeamte eskortieren den 62-Jährigen behutsam in den in Gerichtssaal. Er humpelt an einer Krücke zum Zeugentisch.

"Der stand da vor unserem Schlaflager am Bahnhof Schöneweide und wollte partout nicht gehen! Der wollte was von meinem Schnaps", sagt der zur Tatzeit Obdachlose und meint wohl den Angeklagten. Das T. nicht ging, habe Andy und ihn aufgeregt. Er habe T. mit den Armen weggeschoben. Da sei der Angeklagte gegangen und kurz darauf mit einem Benzinkanister wiedergekommen. Zuerst sei Andy übergossen worden, dann er. Mit einem Feuerzeug habe T. sie angezündet.

"Er machte einen Freudentanz und ging weg!" Da er eine Lederjacke getragen habe, fährt Lothar D. fort, sei das Benzin abgetropft und als er brannte, habe er abrollen und das Feuer löschen können. Anschließend hätten Passanten geholfen und die Feuerwehr sei gekommen. Inzwischen sei er nicht mehr auf der Straße und wohne in einem Wohnheim.

Andy, der hilfsbereite Obdachlose

Lothar D. soll dem Gericht etwas über den Verstorben berichten. Er habe Andreas V. bereits seit ein paar Jahren gekannt. D. habe damals in einem Park geschlafen. Weil es regnete, habe Andy ihn eingeladen, zu seinem Schlafplatz mitzukommen. "Du kannst doch nicht bei Regen im Park schlafen", habe Andy gesagt und ihn zu einer Ruine geführt.

Ein 59-jähriger berichtet vor dem Gerichtssaal von Andreas V. und seinem kleinen Mischlingshund Ricky. "Er saß immer auf einer Decke vor dem Bahnhof mit Ricky, vor sich ein Pappschild, auf dem 'Danke!' stand". Er habe nie gebettelt. Ricky sei inzwischen bei Andys Bruder.

Zeuge belastet Angeklagten

Wie der rbb aus Ermittlerkreisen erfahren hat, räumte Aleksandr T. nach seiner Festnahme den Ablauf der Tat weitestgehend ein. Er schnüffele Benzin und habe deshalb den Kanister dabei gehabt, soll er gesagt haben. Das Benzin will er versehentlich verschüttet haben. Als er sich eine Zigarette angezündet habe, seien die beiden Obdachlosen in Brand geraten.

Für den Prozess sind acht Verhandlungstage bis Mitte März angesetzt. Ein erster unabhängiger Tatzeuge bestätigte zum Prozessauftakt, dass T. der Täter gewesen sei. Als der 59-jährige Bekannte des getöteten Obdachlosen auf dem Gerichtsflur gefragt wird, wie denn die Strafe für den Täter ausfallen solle, sagt er: "Rache ist nicht gut! Aber Gerechtigkeit!"

Sendung: Radioeins, 29.01.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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1 Kommentar

  1. 1.

    Zitat: "Rache ist nicht gut! Aber Gerechtigkeit!" - 30 Jahre in einem russischen Gefängnis.

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