Schuhe liegen am 21.09.2017 in Berlin nach einem Verkehrsunfall auf der Kreuzung am Görlitzer Bahnhof auf der Straße (Quelle: Paul Zinken/dpa)
Audio: Inforadio | 08.01.2019 | Annette Miersch | Bild: Paul Zinken/dpa

Die Opfer der Raser - "Mein Leben ist zu Ende"

Mit Vollgas durch die Innenstadt: Illegale Autorennen und rücksichtslose Raserei können schlimmste Folgen haben. Betroffen sind oft völlig Unbeteiligte. Über die Täter wird in der Regel viel berichtet - doch was wird aus den Opfern und ihren Angehörigen? Von Annette Miersch

Die 29-jährige Sultan Akil kostet es Kraft, ihre Geschichte zu erzählen. Seit sie vor über 15 Monaten von einem Raser fast getötet wurde, ist für sie nichts mehr wie es war: "Ich kann nicht mehr für meine Kinder kochen, sie zur Schule bringen oder abholen. Mein Leben ist zu Ende", sagt sie. Mehrere schwere Operationen hat sie schon ertragen müssen. Metallplatten halten zahlreiche Knochen in ihrem Körper zusammen. Die Schmerzen werden besser, aber sie werden wohl für immer bleiben.

Das Foto zeigt den Unfallwagen mit beschädigter Frontscheibe, der Sultan Akil und ihre Tochter erfasste (Quelle: Polizei Berlin)
Das Foto der Berliner Polizei zeigt das Unfallauto, das Sultan Akil und ihre Tochter beim Überqueren der Fahrbahn erfasste. | Bild: Polizei Berlin

Dass Akil und ihre kleine Tochter Melek noch leben, ist ein Wunder: Am Morgen des 21. September 2017 waren beide auf dem Weg zur Kita. Als sie bei Grün die Skalitzer Straße in Kreuzberg überqueren, schießt ein PKW ungebremst über den Fußgängerüberweg. Beide werden meterweit durch die Luft geschleudert und lebensgefährlich verletzt.

Dem Kind geht es inzwischen wieder gut, berichtet die Familie. Die Mutter allerdings ist nach wie vor auch seelisch tief verletzt. Angst ist seit dem Unfall ihr ständiger Begleiter.

Dass sie noch leben, ist ein Wunder

Laut Anklage war der 34-jährige Raser in einer Tempo-30-Zone mit bis 75 Stundenkilometern unterwegs, als er mit seinem großen, schweren BMW Mutter und Kind erfasste. "Schon bei 20 bis 30 km/h muss man mit schweren Verletzungen rechnen", sagt Unfallchirurg Denis Gümbel.

Gümbel arbeitet am Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn-Hellersdorf. Zwischen 500 und 750 schwerstverletzte Verkehrsunfallopfer werden hier pro Jahr behandelt.

Bei bleibenden körperlichen Schäden versinken Opfer oft in Trauer und Verzweiflung, sagt die Psychologin Bettina Overkamp. Sie ist Spezialistin für Traumatherapie im Unfallkrankenhaus Berlin: "Depression ist eine der häufigsten, normalen Reaktionen." Hinzukomme, dass die Sinnlosigkeit eines Raser-Verkehrsunfalls Vertrauen und Sicherheitsgefühl der Betroffenen oft grundlegend erschütterten, so Overkamp. Da wieder herauszukommen, sei harte Arbeit. 

Neues Gesetz: Rasen ist eine Straftat

Was Raser-Verkehrsunfälle mit ganzen Familien anrichten können, weiß auch Anwalt Roland Weber. Er vertritt die Akils als Anwalt vor Gericht und ist zudem der ehrenamtliche Opferbeauftragte des Landes Berlin.

Der Strafrechtsexperte setzt große Hoffnungen in das neue Gesetz über "Verbotene Kraftfahrzeugrennen". Es erlaubt seit 2017 grob verkehrswidriges und rücksichtsloses Zuschnellfahren als Straftat zu verfolgen - auch wenn es keine Toten oder Verletzten gibt. Vorher galt das nur als Ordnungswidrigkeit. Autos können jetzt beschlagnahmt werden, das schrecke potentielle Täter und Autoverleiher bereits spürbar ab.

Nachholbedarf sieht Berlins Opferbeauftragter allerdings bei der Aufklärung der Betroffenen. Immer wieder beobachte er, dass nur wenige Geschädigte ihre Rechte und Möglichkeiten kennen. Die Zahl liege bei gerade mal zehn Prozent.

Die Berliner Polizei habe inzwischen das Problem erkannt, berichtet Roland Weber. Das Thema Opferrechte wurde in die Ausbildung aufgenommen.

Maximilian Warshitsky, ein hinterbliebener Sohn. Sein Vater wurde von so genannten Kudamm-Rasern bei einem illegalen Straßenrennen tot gefahren (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Der Vater von Maximilian Warshitsky wurde vor drei Jahren von den sogenannten Kudamm-Rasern tot gefahren. | Bild: rbb/Annette Miersch

Entschädigung muss von Betroffenen oft zivilrechtlich eingeklagt werden

Von diesem neuen Geist bei der Berliner Polizei konnte Maximilian Warshitsky vor drei Jahren noch nicht profitieren. Damals wurde sein Vater von sogenannten Ku'damm-Rasern bei einem illegalen Straßenrennen tot gefahren.

Mittlerweile hat der 37-Jährige eine Art medialen Feldzug gegen illegale Straßenrennen und Raser angetreten. In Talkshows und vielen Interviews machte er den Fall seines Vaters bundesweit bekannt. Er hatte auch schon überlegt, einen Hilfsverein speziell für Raser-Opfer zu gründen. Damit will er Betroffene unterstützen, unter anderem im Streit um eine Entschädigung. Diese muss oft in einem zweiten Schritt, unabhängig vom Strafprozess, erkämpft werden. Dieser zusätzliche Aufwand sei für ihn auch nochmal wie eine Verhöhnung der Opfer, kritisiert Maximilian Warshitsky.

Seine Nerven liegen langsam blank. Denn noch immer gibt es kein rechtskräftiges Urteil im Fall seines Vaters.

Das Mord-Urteil gegen die mutmaßlichen Täter wurde vom Bundesgerichtshof kassiert. Der Fall wird derzeit am Berliner Landgericht zum dritten Mal neu aufgerollt.

Das Berliner Landgericht (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Der Fall Warshitsky wird zum dritten Mal vor dem Berliner landgericht aufgerollt. | Bild: rbb/Annette Miersch

Die "Verkehrsopferhilfe" springt in Sonderfällen ein

Ein rechtskräftiges Urteil gibt es auch im Fall von Sultan und Melek Akil noch nicht. Das Landgericht Berlin hat den Raser wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und weiterer Delikte zu 13 Jahren Haft verurteilt. Die Verteidiger haben Revision beantragt, und diese Überprüfung wird noch dauern.

Die Aussichten auf Schadensersatz und Schmerzensgeld sind für die Akils dennoch gut, sagt ihr Anwalt Roland Weber. Zwar sei der Täter völlig mittellos, aber es springe die "Verkehrsopferhilfe", ein Verein der deutschen Kfz-Haftpflichtversicherer, ein. Er hilft in Sonderfällen, wenn keine andere Versicherung den Schaden zahlt.

Sendung: Inforadio, 08.01.2019, 09:45 Uhr

Beitrag von Annette Miersch

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Liebe Toska, wo ist mein Kommentar menschenverachtend, DASS ich mich schämen solltß. Ich habe in keiner Weise etwas Negatives gegen die Opfer geschrieben.
    Das käme mir nie in den Sinn.
    Haben Sie meinen Kommentar evtl. gar nicht verstanden ?

  2. 13.

    @Peter
    eine Antwort haben Sie ja schon vom RBB24 bekommen. Ihr ganzer Kommentar ist derart menschenverachtend gerade den Opfern gegenüber das Sie sich schämen sollten.

  3. 12.

    Die Lösung wäre doch so einfach: In regelmäßigen Abständen einen Blitzer aufstellen und bei mehrfachen oder groben Verstößen automatisch das Auto einkassieren und den Führerschein auf lebenszeit weg. Das braucht nicht mal mehr Personal bei der Polizei, lässt sich voll automatisieren.

  4. 11.

    Wenn ich das schreibe was ich über Raser denke wird mein Kommentar nicht veröffentlicht.
    Hier gibts nur eins: Auto einkassieren, lebenslanges Fahrverbot und eine saftige Haftstrafe.
    Warum werden eigentlich die Bußgelder erhöht??
    Z. B. Handy am Steuer, parken im absolutem Halteverbot usw??
    In anderen Ländern geht das doch auch.
    Sind unsere Politiker zu feige dazu?

  5. 10.

    @rbb Ja, vielen herzlichen Dank für den Beitrag! Leider erlebe ich es in Kreuzberg fast jeden Tag, dass bei Rot noch über Kreuzungen gebrettert wird oder über Zebrastreifen - selbst, wenn Fußgänger kreuzen. Es ist allein der großen Vorsicht vieler Fußgänger (insbesondere Eltern) zu verdanken, dass es nicht viel häufiger zu schlimmen Unfällen mit Schwerverletzten und Toten kommt. Akil und Maimilian wünsche ich viel Kraft.
    Schön wäre, wenn die Polizei häufiger einschreiten würde, wenn sie daneben steht. Auch die Kontrollen der Geschwindigkeit können gerne häufiger stattfinden.

  6. 9.

    Wo wäre denn der Unterschied, ob Menschen durch einen einzelnen Raser, durch illegale Autorennen, oder durch Fluchtfahrten vor der Polizei zu Schaden, oder um's Leben kommen? Das ist relativ unempathische Haarspalterei. Das sind alles Fehlleistungen von Autofahrern, die schärfstens geahndet werden müssen. Wer sich so verhält, hat definitiv nicht die nötige Reife ein KFZ zu führen.

  7. 8.

    Mein Vorschlag: Wenn man zum zweiten Mal verurteilt wird, weil man die Höchstgeschwindigkeit um ein bestimmtes Maß überschritten hat, bedeutet das automatisch Führerscheinentzug auf Lebenszeit.
    Ohne Möglichkeit, dies später irgendwie rückgängig machen zu können.
    Wer kein Verantwortungsbewusstsein besitzt und unbelehrbar ist, hat im Straßenverkehr nichts zu suchen.

  8. 7.

    Hallo Peter,
    uns ist rätselhaft, was bei Ihnen den Eindruck erweckt, dass es sich beim Fall Sultan Akil um ein Wettrennen handeln soll: "Laut Anklage war der 34-jährige Raser in einer Tempo-30-Zone mit bis 75 Stundenkilometern unterwegs, als er mit seinem großen, schweren BMW Mutter und Kind erfasste."
    Viele Grüße
    rbb|24

  9. 5.

    Volle Zustimmung und noch zwei Fragen:
    "Täter völlig mittellos", aber mit BMW durch die Stadt rasen: wie passt das zusammen?
    In der DDR waren strafrechtliche Beurteilung und Festlegung der Entschädigung der Opfer in einem Prozess zusammengelegt. Warum ist es jetzt nicht möglich, Geschädigten einen weiteren Prozess zu ersparen?

  10. 4.

    Endlich mal einen Beitrag über die Opfer und Hinterbliebenden denn über die wird fast garnichts berichtet. Bei den Tätern ist es anders vor allen Dingen wenn sie in der Jugend den falschen Babypuder bekommen haben.
    Raserei und Autorennen können nicht hart genug bestraft werden. Ein sehr guter Beitrag

  11. 3.

    Was für ein unsauberer Bericht von Annette Miersch. Sie will den Eindruck erwecken, dieser Unfall mit Mutter und Kind sei das Ergebnis einer Wettrennens und verknüpft Vorfälle, die nur rudimentär etwas miteinander zu tun haben.

    Der Unfall entstand durch die Flucht eines sich illegal aufhaltenden Straftäters und nicht durch ein Wettfahren.

    Schade, dass man den Berichten vom RBB so wenig vertrauen kann. Solche Manipulationen brauche ich jedenfalls nicht.

  12. 2.

    Mir würden da ganz spontan Strafen einfallen, die eine Menge Geld und Mühe sparen und das ganz ohne langwierigen Gerichtsprozeß

  13. 1.

    Zitat "Zwar sei der Täter völlig mittellos" - wenn der Täter mittellos sei, wie kommt er dann an solch ein aufgemotztes Auto...

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