Symbolbild: Ein Banner mit der Aufschrift <<Nichts rechtfertigt sexuelle Gewalt>> nach einer Kundgebung zum Thema - Nein heisst Nein - in Berlin. (Quelle: imago)
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Audio: Inforadio | 11.01.2019 | Oliver Soos | Bild: imago

Präventive Sexualaufklärung für Geflüchtete - "Zurückweisungen entladen sich in Hass"

Grenzen ziehen und einhalten: Die Bundesregierung plant in Flüchtlingsheimen Kurse zur Prävention von sexueller Gewalt. Für Berliner Sozialarbeiter und Therapeuten ist das bereits Alltag. Viele Jugendliche lernen einen ganz anderen Umgang mit Sexualität. Von Oliver Soos

Sie will Sex, also müssen wir liefern. Das dachten die drei Jungen - 14, 15 und 16 Jahre alt -, als sie versuchten, ein 12-jähriges Mädchen im Treppenhaus zu vergewaltigen. Es passierte vor wenigen Monaten in einem Berliner Plattenbau-Hochhaus. Die Jungen sind Asylbewerber, Roma aus Mazedonien. Das Mädchen ist eine Nachbarin aus einer polnischen Spätaussiedlerfamilie mit sozialen Problemen. Sie kannte die Jungen, hatte immer wieder mit ihnen geflirtet, wollte ihre Aufmerksamkeit. Sie wollte vor allem auch älter wirken, als sie ist.

"Wollen wir eine Runde Sex haben?", sagte sie im Spaß. Doch dann eskalierte die Situation. Die Jungen drängten das Mädchen in eine Ecke des Treppenhauses. Zwei hielten sie fest, einer versuchte sie zu vergewaltigen. Doch das Mädchen konnte sich befreien. Die Jungen wurden verhaftet und kamen zwei Wochen in Jugendarrest. Ihre Strafe: Sozialstunden und 16 Sitzungen "sexualpädagogisches Training", bei "Kind im Zentrum", einer Einrichtung des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) in Berlin-Wedding. 

Psychotherapeutin: Täter sind Opfer ihrer eigenen Biografie

Ihre Betreuerin war die Psychotherapeutin und Sexualpädagogin Lucyna Wronska. Sie beschreibt die Jungen als Opfer ihrer eigenen Biographie. Sie hätten in Armut gelebt und seien selbst geschlagen und misshandelt worden. "Es geht nicht darum, das Verhalten der Jugendlichen zu entschuldigen, sondern darum, es zu verstehen, um weitere Taten zu verhindern. Das ist mein Job", sagt Lucyna Wronska.

Die Therapeutin betont, dass es sich bei nur etwa zehn Prozent ihrer Klienten um Asylbewerber handelt. In vielen deutschen Familien gebe es ähnliche Vorfälle. Wronska sieht vor allem zwei Auslöser für sexuelle Übergriffe durch Jugendliche: Die eigenen Grenzen der Kinder würden nicht akzeptiert und immer wieder verletzt, so dass sie keine Chance hätten, Empathie zu erlernen. Ihr sozialer Umgang sei gestört, so dass sie bei anderen Jugendlichen nicht ankämen. "Diese Zurückweisungen und Kränkungen entladen sich irgendwann in Hass", sagt Wronska. Ein weiteres Problem sei, dass die Jugendlichen von ihren Eltern nicht über Sexualität aufgeklärt werden, gleichzeitig aber Pornographie im Internet konsumieren.  

Zehnjährige, die Pornos auf dem Smartphones gucken

Das beobachtet auch der Psychologe Friedrich Kiesinger, der mit seiner Firma Albatros gGmbH mehrere Berliner Flüchtlingsheime betreibt. In seinen Heimen hätten manchmal schon 10- bis 11-Jährige Pornos auf ihren Smartphones geguckt. "Als wir die Eltern darauf angesprochen haben, haben wir gemerkt, dass sie überhaupt nicht in der Lage sind, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen. Sie kommen aus Traditionen, in denen das tabuisiert ist", sagt Kiesinger.

Vor allem unbegleitete Jugendliche seien beim Thema Sexualität auf sich allein gestellt. "Sie sehen hier in Berlin zum ersten Mal einen Straßenstrich, sie sehen leicht bekleidete Frauen im Sommer, Schwule und Lesben. Wie sollen sie mit all diesen Reizen klarkommen? Zu Hause gibt es das alles nicht, da werden sie vielleicht irgendwann von ihren Eltern oder vom Clan verheiratet und Sexualität ist erst erlaubt, wenn diese Bestimmung vollzogen ist."

Kiesinger merkte schnell, dass einige Flüchtlinge einen großen Gesprächsbedarf haben. Er machte das, was die Bundesregierung gerade plant, schon mal im Kleinen. Er versammelte die Jungen und diskutierte mit ihnen, etwa über Modelle der Kontaktaufnahme. "Jugendliche haben uns gefragt, wie es gemeint ist, wenn sie von einem Mädchen in der U-Bahn angelächelt werden. Wir mussten dann erklären, dass man nicht einfach zack, zack, das Mädchen erobert hat, sondern dass es länger dauert, dass es subtile Kommunikation gibt und dass man auch mit einem Nein umgehen muss." Viele Jugendliche müssten die Signale, die es in der deutschen Gesellschaft gibt, erst erlernen, so Kiesinger.

Kleiner Teil sexueller Übergriffe wird von Zuwanderern begangen

Der Psychologe betont, dass es nur in Extremfällen zu Vergewaltigungen kommt. "Beim Fall in Freiburg geschah es nach einem Diskobesuch. Alkohol und Drogen waren im Spiel. Es gab ein Hochputschen in der Gruppe, es ging um Macht, Gewalt und Gruppenerleben. Diese Fälle sind nicht auf bestimmte Ethnien fixiert. Das gibt es genauso bei deutschen Jugendlichen." Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik wurde 2017 gegen rund 9.500 Personen in Deutschland wegen sexueller Übergriffe ermittelt. 16 Prozent davon waren Zuwanderer.

Beim Fall der versuchten Vergewaltigung in Berlin musste die Therapeutin Lucyna Wronska den drei jugendlichen Tätern die Grundlagen der gleichberechtigten Sexualität erklären. Das fange an bei Themen wie Menschenrechte, Kinderschutz und Gleichberechtigung der Frau. "Die Jungen müssen Sexualität als etwas Positives kennenlernen. Ich erkläre ihnen zum Beispiel, wie die Sexualorgane aufgebaut sind, dass Menschen bis ins hohe Alter lustvolle Sexualität erleben können und dass es da keinen Zugzwang gibt und dass Pornographie nur sehr wenig mit der Realität zu tun hat", sagt Wronska.

Ziel sei es, dass die Täter verstehen, dass sie sich mit einer Vergewaltigung selbst kompromittieren. Sie würden sich zu Straftätern, aber gleichzeitig auch zu armseligen Lachnummern machen, so Wronska.  

Beitrag von Oliver Soos

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11 Kommentare

  1. 11.

    Sie kennen sich in dem Gebiet aber gar nicht aus. Es werden in den letzen Jahren überall die anhängigen Berufsbilder gesucht, man bekommt quasi überall Stellen, weil jetzt eine riesige Nachfrage besteht. Sie werden sich noch wundern, wenn diese Kostenexplosion in den nächsten Jahren woanders eingespart werden soll, am besten wieder beim Mittelschichtssteuerzahler oder wenn wie jetzt schon z. B. weder Personal noch Kostenübernahme für Familienhilfen in relativ normalen dt. Familien vorhanden ist. Die werden mit ihren Problem regelrecht abgewimmelt. Problemkind? Reine Elternsache. Usw.

  2. 10.

    Es ist reif für eine Satire:
    Ich beantrage den Preis für Nachbarschaftliches Engagement. Weil ich es ohne Projekt, ohne Programm, ohne zusätzliches Personal und Fördermittel geschafft habe, nicht in der Öffentlichkeit zu Onanieren, keinen antanze, ... die Liste können Sie beliebig fortsetzen. Und wenn Sie wie ich sozialisiert sind, sollten auch Sie den Preis beantragen! Es muss ein Ruck durch dieses Land gehen! Ein Ruck der überwiegenden nachbarschaftlichen Mehrheit sollte ob ihrer Normalität gewürdigt werden, nicht nur zur Kasse gebeten.

  3. 9.

    Dass Sie Geflüchtete, denen rechtswidrig Asyl verwehrt wurde, als "Zuwanderer" bezeichnen, zeigt doch deutlich Ihre Vorstellung von Menschenrechten. "Zuwanderungsindustrie" ist ebenso ein Signalwort für Ungleichwertigkeitsideologien, die Sie vertreten, nahtlos anschlussfähig an Rechtsextremismus.

    Und welche Grenzen sollen wo durch wen und bitteschön vor was geschützt werden? Vor Menschen? Achja, Ihr Menschenrechtsbild wieder, ich vergaß...

    Ihre rechtspopulistischen Narrative, vor allem die Anwesenheit von Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung sorge für die Beschäftigung von Sozialarbeitenden, können Sie sich direkt sparen. In diesem Land grassieren Klassismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Behindertenfeindlichkeit so weit verbreitet, unter anderem dank solcher Haltungen wie die Ihrigen, dass es voraussichtlich immer mehr als genug Berufsfelder der Sozialen Arbeit geben wird.

  4. 8.

    Sie wollen die Grenze "mit eigenen Kräften schützen" - ich glaube nicht einmal, dass sie aus eigenen Kräften bis zur Grenze kommen. Aus eigenen Kräften würde bedeuten kein Auto und keinen Zug zu benutzen um zur Grenze zu gelangen. Allenfalls ein Fahrrad erlaube ich Ihnen. Aus eigenen Kräften würde auch bedeuten, dass das Warten an der Grenze, was Sie ja übernehmen wollen, aus eigenen finanziellen Mitteln finanziert wird. Und wenn dann nach Tagen tatsächlich jemand kommt, dann will ich sehen ob Sie den Menschen hinterherrennen, wenn sie versuchen Ihnen auszuweichen. Wie gesagt, sie bekommen kein Auto, keine Waffen und keine fremde Hilfe. Denn sie wollen die Grenze ja "mit eigenen Kräften schützen" Viel Spass.

  5. 7.

    Dass 10- bis 11-Jährige Pornos auf ihren Smartphones gucken hat nichts allein mit Flüchtlingen zu tun. Auch ist man kein Straftäter, wenn man sich in dem Alter für Mädchen interessiert. Und umgekehrt.

  6. 6.

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir haben die missverständliche Formulierung geändert. Freundliche Grüße aus der Redaktion!

  7. 5.

    Das letzte Gewürge um die "ZUwanderer" von Malta zeigt doch, es gibt nur noch wenige Länder in Europa, die diese Zuwanderer haben wollen.
    Und Merkels diskrete Zahlungen an Potentaten in Afrika als Vorfeldwächter sind nur begrenzt wirksam.

    Da wird wohl nichts anderes übrig bleiben und die Grenzen mit eigenen Kräften zu schützen. Dann werden im Inland auch nicht mehr so viele Sozialarbeiter und Konfliktmanager und sonstige Fachkräfte der Zuwanderungsindustrie benötigt.

  8. 4.

    "Der Psychologe betont, dass Vergewaltigungen nur in extremen Ausnahmesituationen passieren. " Das ist falsch, denn die meisten Vergewaltigungen passieren im Umfeld des Opfers mit immens hoher Dunkelziffer. Bei anonymen Studentenbefragungen gab es regelmäßig einen hohen Prozentsatz von Opfern sexueller Übergriffe. Diese Ergebnisse wurden in ihrer Gesamtheit nie als auf "extremen Ausnahmesituationen" beruhend bewertet. Man sollte schon im richtigen Zusammenhang zitieren.

  9. 3.

    Gäste lädt man ein, die stehen nicht einfach so vor der Tür. Oder es sind wie im Hotel zahlende Gäste. Aber auch das trifft nicht zu. Es handelt sich um Aufgenommene, da kann man sie sich nicht vorher anschauen... Keine Auswahl

  10. 2.

    Ich sage das noch mal, das sit einfach flasches Deutsch: "Zurückweisungen entladen sich in Hass" Eine Zurückweisung seitens einer Frau "entlädt" sich überhaupt nicht.
    Wenn überhaupt, dann entlädt sich der Frust über die Zurückweisung auf der männlichen Seite und doch nicht beim weiblichen Opfer.

  11. 1.

    Es ist schon enorm, wenn man seinen Gästen erst einmal klar machen muss, dass Vergewaltigung hier nicht üblich ist. Schaut man sich vorher seine Gäste nicht etwas genauer an und informiert sich über diese?

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