Symbolbild: Mann telefoniert mit Mobiltelefon (Quelle: dpa/Jochen Tack)
Audio: Radioeins | 07.01.2019 | Volker Wieprecht im Gespräch mit NDR-Redakteur Daniel Bouhs | Bild: dpa-Symbolbild/Jochen Tack

Mann gibt sich als Journalist aus - Falscher Claas Relotius wollte Radioeins reinlegen

Ein Claas Relotius hat dem rbb-Radiosender Radioeins ein Interview angeboten. Er wolle über die gegen den Journalisten erhobenen Vorwürfe sprechen, sagte er. Doch der Mann entpuppte sich als Schwindler.

Ein unbekannter Mann hat sich gegenüber dem Radiosender Radioeins als der Journalist Claas Relotius ausgegeben.

Via E-Mail und am Telefon bot er dem rbb-Hörfunkprogramm wie auch anderen Sendern Interviews an. Er habe die Absicht, über alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe sprechen zu wollen.

Doch Radioeins und das kooperierende NDR-Medienmagazin Zapp zweifelten an der Glaubwürdigkeit des Mannes. Zapp ließ sich zunächst vom Anwalt des echten Claas Relotius bestätigen, dass es sich um einen Dritten handelt. Radioeins ging dann zum Schein auf das Angebot des vermeintlichen Relotius ein, um den Betrüger zur Rede zu stellen.

Der frühere "Spiegel"-Redakteur Claas Relotius hatte kurz vor Weihnachten zugegeben, zahlreiche Protagonisten und Details in seinen Reportagen erfunden zu haben. Relotius hat sich in der Affäre, die der "Spiegel" Mitte Dezember selbst enthüllte, bislang nur über seine bisherige Redaktion und über seinen Anwalt geäußert und dabei die wesentlichen Vorwürfe gegen ihn bestätigt.

 

Vermeintlicher Relotius wollte umfänglich Auskunft geben

Gegenüber Radioeins behauptete der Mann dann in einem telefonischen Vorgespräch am Montagmorgen, er, Claas Relotius, sei nicht der einzige, der Reportagen gefälscht habe. Das habe ein "gewisses System". In dem Gespräch mit Radioeins-Moderator Volker Wieprecht sagte der vermeintliche Relotius auch: "Diese Geschichten werden ja überall so gebracht, und da kann es gar nicht wild genug sein, nicht wahr? Deswegen war ich da auch der richtige Mann."

Radioeins zweifelte im Telefongespräch die Identität des Mannes an und schaltete die stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteurin Susanne Beyer dazu. Die konnte die Stimme des Interviewpartners nicht als die des echten Relotius identifizieren. Daraufhin legte der Anrufer auf.

Der vermeintliche Relotius verfügte über eine E-Mail- Adresse mit dem Namen Claas Relotius. In einer E-Mail an Radioeins gab er vor, auf eine Interviewanfrage zu reagieren, die bei Relotius' "Spiegel"-Adresse angekommen sei. Er könne sich vorstellen, "zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen und über meine Arbeit beim 'Spiegel' wie auch über meine Zukunft (unter anderem ein Buchprojekt) zu sprechen".

Anwalt berichtete von mehreren Medienanfragen

Der Anwalt des echten Claas Relotius aus der Kanzlei Unverzagt von Have erklärte gegenüber Zapp, auch andere Medien hätten bereits zu einem angeblich von seinem Mandanten angekündigten Interview nachgefragt. "Es handelt sich offenbar um einen Dritten, der - aus welchen Gründen auch immer - unter der vorgeblichen Identität unseres Mandanten Interviews anbietet", schrieb der Anwalt und stellte klar: "Unser Mandant beabsichtigt derzeit keinerlei öffentliche Auftritte oder Interviews zu erteilen." Wer hinter dem Täuschungsversuch der Medien steckt, ist bislang unklar.

Susanne Beyer ergänzte, beim "Spiegel" habe man seit einigen Tagen von jemandem gehört, der sich als Claas Relotius ausgebe. Man hätte auch Fotos des Mannes, auf denen er eine Mütze trage, gesehen. Da man mit dem echten Relotius zusammengearbeitet habe, wisse man jedoch, wie dieser aussehe. Der Mann, so Beyer weiter, halte sogar einen Journalistenausweis in die Kamera auf dem Claas Relotius stehe.  Doch der Mann, der auf besagten Fotos sehen sei, sei "nicht der Claas Relotius, den wir kennen."

Beitrag von Daniel Bouhs (NDR) und Norbert Mertens (rbb)

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Danke für den Hinweis. Der Mitschnitt war sehr aufschlussreich.
    Ich dachte nämlich, das Symbol lässt eine Stimme den geschrieben Text einfach nur vorlesen, wie ich es schon von anderen Beiträgen kannte. Hab's daher gar nicht erst ausprobiert.

  2. 4.

    ""Relotius" zeichnet sich seit Wochen als Synonym für Kampagne im rechten Milieu ab."
    Das Schöne ist, dass zu Artikeln über Relotius sogar noch weitere Relotiaden gesponnen werden. Der hat mit Sicherheit nicht zur rechten Szene gehört, der Spiegel ist nicht "rechts", und für eine behauptete "Kampagne" wird selbstverständlich kein Nachweis genannt, es wird sogar noch pauschal auf die "Geheimdienste" gezeigt, das klingt dann bisschen wichtiger, und gleich ist wieder eine schöne neue "Geschichte" in Umlauf.
    Wie Relotius zeigte: Mainstreamkonform darf man jeden noch so abwegigen Unsinn schreiben und dabei noch auf die Tränendrüse drücken.
    Relotius konnte ausgedachte Geschichten allerdings interessanter anfüllen und in Pseudozusammenhänge einkleiden.

  3. 3.

    Hallo Tine, zum Nachhören wurde ja der Sendungsausschnitt von der rbb24 Redaktion oben eingebunden. Einfach auf das Play-Symbol am Rand des Symbolbildes zum Artikel klicken. ;)
    Schöne Grüße nach OHV

  4. 2.

    Naja liebe Redaktion - vielleicht mal dem interessierten Milieu deutlich machen, das es sich um eine Straftat handelt und in Deutschland Telefonverbindungsdaten gespeichert werden. Es geht nicht um irgendwelche Verschwörungstheorien. Es geht um die Naivität der mit der öffentlichen Diskussion, mit Journalismus, seriöser Information Befassten. "Relotius" zeichnet sich seit Wochen als Synonym für Kampagne im rechten Milieu ab. Ob wir es mit einem Freelancer oder straff Organisierten zu tun haben ist dabei egal. Zweck der Übung ist Falschinformationen zu verbreiten. Sie in seriösen Medien zu platzieren wäre natürlich ein toller Erfolg. Der nachher dann "Satire" gewesen sein soll. Ganz so wie es die Art von Geheimdiensten ist. Nur haben wir es hier nicht mit staatlichen Organisationen zu tun. Das sind Strukturen in denen einsame Querulanten genauso unterwegs sind wie straff organisierte Trollfabiken nach Art von "Reconquistagermanica" - die haben eine genaue Vorstellung von dem was sie tun

  5. 1.

    Sehr gut gemacht, rbb und radioeins! Da ist der Typ ja bei "Volli" genau an den Richtigen geraten! Schade, daß ich die Sendung verpasst habe, hätte zu gerne den O-Ton gehört. Bleibt weiter auf der Hut und gebt somit Fakenews keine Chance. Lasst Euch nicht verarschen.

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