Die entschärfte Weltkriegsbombe liegt am 25.10.2015 in Berlin-Kreuzberg in einer Grube (Quelle: rbb/Silke Mehring)

Wie man eine Bombe entschärft - Der Fall vor dem Knall

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verbergen sich noch massenhaft Fliegerbomben im Berliner und Brandenburger Boden. Immer wieder müssen sie entschärft oder gesprengt werden. Wie funktioniert das eigentlich? Von Sebastian Schneider

35 Minuten, ein kleiner Knall - vorüber ist die Gefahr: Fliegerbomben werden in Berlin - und vor allem Brandenburg immer wieder gefunden, meist bei Bauarbeiten - und dann kontrolliert entschärft oder gesprengt.

Besonders betroffen sind Potsdam und Oranienburg

Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist über 70 Jahre her, aber noch immer finden sich seine Spuren im deutschen Boden, hundertfach, tausendfach. Ein Zahlenbeispiel: Allein im Jahr 2018 haben Sprengmeister fast 300 Tonnen alter Munition in Brandenburg vernichtet. Für deren Beseitigung hat das Land mehr als 12 Millionen Euro ausgegeben. Kein Bundesland ist stärker von verrosteten Blindgängern durchsetzt, mehr als ein Zehntel der Fläche ist nach Angaben des Innenministeriums munitionsverseucht.

Besonders viele Bomben stecken in den Böden Oranienburgs und Potsdams. Nach Angaben der Stadt Potsdam ist im Januar 2019 der 194. Weltkriegs-Sprengkörper in der brandenburgischen Landeshauptstadt seit 1990 unschädlich gemacht worden.

Das heutige Brandenburg war der größte Kriegsschauplatz Deutschlands. Experten schätzen, dass es noch bis zu 150 Jahren dauern würde, bis die gefährliche alte Munition restlos geborgen wäre. Ein theoretisches Ziel, es ist unmöglich, alle Minen, Bomben und Granaten zu finden. Die einzigen Hinweise geben Luftbilder der Alliierten, die während des Krieges kurz nach Abwürfen gemacht wurden. Doch etwa ein Drittel der Blindgänger sind darauf nicht zu erkennen.

Die meisten Blindgänger werden zufällig gefunden

Manche liegen metertief unter der Erde, andere knapp unter der Oberfläche. Die meisten tauchen zufällig auf. Andere, wie die Bomben, die, die immer wieder in der Gegend nahe dem Potsdamer Hauptbahnhof gefunden werden, werden bei systematischen Suchen gefunden. Auf dem betroffenen Areal, einem ehemaligen Tramdepot, sollen Wohnungen gebaut werden. Daher untersucht eine Fachfirma das Gelände. Denn Besitzer, die in einem ehemaligen Abwurfgebiet bauen wollen, müssen ihr Grundstück auf Blindgänger untersuchen lassen. Bombenfunde sind konjunkturabhängig - wird viel gebaut, wird dementsprechend mehr im Erdreich entdeckt.

Eine systematische Suche nach Bomben und Granaten aber gibt es nur selten, das liegt am Geld. Das Allgemeine Kriegsfolgengesetz besagt, dass der Bund nur für die Beseitigung übriger reichsdeutscher Kriegsmunition zahlen muss. Die viel häufigeren amerikanischen, britischen und sowjetischen Blindgänger aber sind Ländersache.

Seit der Wiedervereinigung hat die Brandenburger Regierung Hunderte Millionen Euro für die Suche und Vernichtung alter Munition ausgegeben, der Bund hat dabei nur einen kleinen Teil der Kosten übernommen. Seit vielen Jahren fordert Brandenburg, dass der Bund die Kosten für die Beseitigung der Kampfmittel übernehmen soll. Im Frühjahr 2018 hatte der Bundesrat beschlossen, einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Bundestag einzubringen – nicht zum ersten Mal. Die Bundesregierung lehnte in einer Stellungnahme diese Initiative erneut ab.

Um Brandenburg künftig schneller von gefährlichen Weltkriegsbomben zu befreien, wird das Land eine sogenannte Modellregion in Oranienburg (Oberhavel) einrichten. Anfang Januar 2019 sagte Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD), Land und Bund würden zudem mehr Geld für die Beseitigung von Kampfmitteln zur Verfügung stellen. Denn allein in Oranienburg wurden seit 1991 über 200 Großbomben entschärft oder gesprengt (Stand: Januar 2019). Experten schätzen, dass hier noch mehr als 270 Bomben mit chemischen Langzeitzündern in der Erde liegen.

Mehr als 200 verschiedene Bombentypen stecken noch in der Erde

Wer einen Blindgänger findet, muss das sofort der Polizei melden, die wiederum alarmiert den Kampfmittelbeseitigungsdienst in Potsdam: etwa 60 Mitarbeiter, rund um die Uhr in Bereitschaft. Der Job ist gefährlich, seit dem Jahr 2000 starben in Deutschland elf Spezialisten beim Räumen von Blindgängern. Die Experten werden bei der Bundeswehr oder an privaten Sprengschulen ausgebildet, am Ende lautet ihre Berufsbezeichnung: "Ausgebildete fachtechnische Aufsichtsperson in der Kampfmittelbeseitigung", gebräuchlicher ist: Sprengmeister.

Werden sie gerufen, müssen sie die Bombe genau untersuchen - fast alle Blindgänger werden noch am Fundort entschärft oder gesprengt, ihr Transport wäre zu gefährlich. Die Alliierten warfen mehr als 200 unterschiedliche Bombentypen mit bis zu 120 verschiedenen Zündern über Hitler-Deutschland ab. Diese Zünder sind für Sprengmeister entscheidend: Um die Bombe zu entschärfen, müssen sie auf jeden Fall entfernt werden.

Krater nach der Sprengung der Weltkriegsbombe in Potsdam. (Quelle: rbb)Krater nach der Sprengung der Weltkriegsbombe in Potsdam

Am tückischsten sind chemische Zünder

Die meisten Blindgänger in Brandenburg haben einen mechanischen Zünder. Der ließ die Bombe normalerweise beim Aufprall detonieren. Solche Zünder sind leichter zu entfernen, sie werden vom Rost gereinigt und vorsichtig herausgedreht. Gefährlicher sind chemische Zünder: Sie wurden so konzipiert, dass die Bombe erst wenige Minuten bis zu mehreren Tagen nach dem Aufprall explodierte. Dann nämlich, wenn die Zivilbevölkerung nach dem Ende des Angriffs wieder aus den Luftschutzkellern gekommen war - durch die unvermittelte Explosion sollten Überlebende endgültig demoralisiert werden.

Chemische Zünder bestehen aus einer mit Aceton gefüllten Glasampulle, darin steckte ein Zelluloid-Plättchen, das den Schlagbolzen der Bombe fixierte. Beim Aufprall sollte die Ampulle zerbrechen und das Lösungsmittel das Zelluloid langsam auflösen. Oft aber versagten diese Zünder - ihr Anteil an Blindgängern ist mit etwa 15 Prozent deshalb besonders hoch.

Plan B: In die Luft jagen

Das Entfernen chemischer Zünder ist besonders schwierig, weil sie häufig eine Ausbausperre haben. Versucht ein Sprengmeister, den Zünder herauszudrehen, löst der sofort aus. Solche Zünder müssen deshalb anders entfernt werden, sie werden beispielsweise herausgefräst oder mit einer Art hydraulischen Zange aus dem Gehäuse gerissen. Für Menschen ist das meistens zu gefährlich - die Arbeit wird durch ferngesteuerte Roboter mit Kameras erledigt.

Nachdem der Zünder entfernt ist, wird er meistens in sicherer Entfernung gesprengt. Die Bombe ist dann transportfähig, sie wird in der Regel zum Gelände des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Kummersdorf-Gut (Teltow-Fläming) gebracht und dort in die Luft gejagt.

Falls aber die Sprengmeister den Zünder nicht am Fundort entfernen können, greifen sie auf Plan B zurück: Sie lassen die Bombe dort explodieren. Dafür heben sie eine Sprenggrube aus, in die der Blindgänger gelegt wird. Um die Wirkung der Explosion zu begrenzen, wird die Grube mit Erde oder Sand gefüllt. Dann löst der Sprengmeister einen ferngesteuerten Zünder aus.

Sendung: Inforadio, 17.01.2019, 9:20 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider

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