Symbolbild: Ein neunjähriger Junge bringt die Bierflaschen der Eltern weg. (Quelle: dpa/Walter G. Allgöwer)
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Audio: Inforadio | 10.02.2019 | Interview mit Ulrike Kostka | Bild: dpa/Walter G. Allgöwer

Interview | Ulrike Kostka zu Sucht in der Familie - "Für die Kinder ist das wirklich ein schweres Schicksal"

Unter Alkohol- oder Spielsucht leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Angehörige. Besonders hart trifft es Kinder, sagt Ulrike Kostka, Direktorin des Berliner Caritas-Verbandes. Während den Süchtigen geholfen werde, gingen deren Kinder oft unter.

rbb: Was bedeutet es für Kinder, in einer Suchtfamilie groß zu werden?

Ulrike Kostka: Ich kann es Ihnen ein bisschen beschreiben, weil ich seit 15 Jahren eine Familie in meinem Freundeskreis begleite, die von so einer Situation betroffen ist. Für die Kinder bedeutet es immer wieder Krisensituationen, wenn zum Beispiel der Vater alkoholisiert ist oder in die Klinik muss. Es bedeutet immer wieder Gewalterfahrung, auch verbale Gewalt oder andere Situationen. Für Kinder ist das von Geburt an eine ganz große Belastung.

Ulrike Kostka, Direktorin des Caritas-Verbandes des Erzbistums Berlin (Quelle: rbb/Ulrike Bieritz)
Ulrike Kostka | Bild: rbb/Ulrike Bieritz

Es gibt ja unterschiedliche Süchte: Wenn Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken, dann werden die Kinder körperlich geschädigt - dann gibt es aber auch Spielsucht oder Drogensucht, wo die Kinder anders betroffen sind. Ich glaube aber alle Kinder sind betroffen. Wie sehr sie betroffen sind, kann man schwer messen. Wenn Eltern eine Sucht haben, dann stehen sie permanent unter Druck und das spüren die Kinder. Kinder sind sehr sensibel dafür. Das heißt für Sie eigentlich auch Dauerstress.

Wie äußert sich das bei den Kindern? Müssen sie früh erwachsen werden?

Es ist ganz häufig so, dass die Kinder ihre Eltern schützen, indem sie sie zum Beispiel nicht ansprechen oder sich besonders rührend um sie kümmern. Oft traut sich die Familie nicht, das Thema offenzulegen und dann versuchen sie es weiter zu verdrängen. Aber irgendwann kommt es hoch. Für die Kinder ist das wirklich ein schweres Schicksal.

Welche Hilfen brauchen denn diese Familien und vor allem auch diese Kinder?

Ganz entscheidend ist, dass das Kind mal im Mittelpunkt steht. Meistens dreht sich die Hilfe um den suchtkranken Menschen, manchmal auch noch um den erwachsenen Partner. Die Kinder sind oft nicht direkt im Blick. Man spricht über sie, aber wann können sie mal sprechen? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, wie wichtig es ist, dass Kinder sich selber ausdrücken können. Dass sie auch erleben: Sie sind nicht die einzigen, die in ihrer Familie Probleme haben.

Wohin können sich denn solche Kinder wenden - wenn sie überhaupt in der Lage sind, das selber zu erkennen?

Ich kann nur alle Kinder ermutigen: Sprecht Eure Eltern, Eure Verwandten, Eure Lehrer darauf an! Das ist total gut und es gibt auch ganz konkrete Hilfsangebote. Es gibt zum Beispiel Kindergruppen für Kinder, die aus solchen Familien kommen, wo man sich mit anderen austauschen kann. Fragt uns als Caritas.

Die Zahlen sind erschreckend hoch. Ungefähr sechs Millionen Erwachsene sollen in solchen Familien groß geworden sein. Akut leben fast drei Millionen Kinder in diesen Familien. Das ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Sucht kommt auch in den besten Familien vor. Es ist nicht nur ein Thema bei armen Familien, sondern häufig auch in der Mittelschicht. Die Süchte nehmen zu, dementsprechend sind auch immer mehr Kinder davon betroffen.

Die Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft können ein Krankheitsbild für die Kinder ergeben, die Fetale Alkoholspektrum-Störung (FASD). Stattdessen wird oft eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostiziert. Woran liegt das?

Ich denke mal, es liegt auch daran, inwieweit Ärzte und Therapeuten überhaupt dieses Syndrom kennen und es auch identifizieren können. Und es liegt natürlich auch daran, ob überhaupt die Frage danach gestellt wird, ob Suchtprobleme vorhanden sind. Jeder Therapeut, jeder Arzt weiß, dass Suchterkrankungen kompliziert sind. Die Patienten sind auch nicht einfach und dementsprechend ist es auch ein Faktor.

ADHS klingt natürlich netter - das ist eine Erkrankung, die schwerwiegend ist, aber gesellschaftsfähig. Und suchtkrank möchte man eigentlich nicht sein.

Im Bundestag ist 2017 eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden, die sich mit Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern beschäftigen soll. Zurzeit liegt das Vorhaben auf Eis. Was kann die Politik hier tun?

Die Rahmenbedingungen für diese Kinder müssen verbessert werden. Das heißt, wir brauchen zum Beispiel eine Förderung von Kindergruppen. Das ist zurzeit noch nicht richtig finanziert. Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfesysteme - in der Jugendhilfe und in der Suchthilfe. Es braucht vor allen Dingen auch ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Situation der Kinder und eine Enttabuisierung. Dazu hat die Politik natürlich auch das Nötige zu tun.

Nimmt die Politik das Thema ausreichend ernst?

Ich glaube, sie nehmen es noch nicht ernst, weil es einfach noch nicht bekannt genug ist. Deswegen finde ich diese Aktionswoche auch so gut, denn damit wird das in den Mittelpunkt gerückt. Vor allen Dingen stehen die Kinder und die Jugendlichen im Mittelpunkt und nicht nur ihre suchtkranken Eltern - das ist so entscheidend! Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen Bescheid wissen über dieses Thema und die Kinder ein Signal bekommen: Sprecht uns an. Ihr werdet damit auch nicht abgestempelt, sondern wir gucken, was möglich ist. Das ist das Beste, was man für die Kinder machen kann.

Sie haben persönlich einen Fall im Freundeskreis. Wie gehen Sie damit um?

Es war erstmal ein großer Schock, als ich das erlebt habe. Die Kinder waren noch klein, als der Vater glücksspiel- und alkoholabhängig wurde. Auch ich musste erst mal darüber sprechen lernen. Ich habe gemerkt, es gibt ein Supersystem für die Suchtkranken. Um die Kinder kümmert sich kaum einer.

Die Eltern haben mir immer gesagt: Na ja, wir gehen ja zur Therapie. Aber ich habe auch gedrängt, dass die Kinder einbezogen werden. Letztendlich ist es so, dass die Kinder jetzt als Jugendliche wirklich gelernt haben zu sprechen. Seitdem ich diese Kinder kenne und erlebe, merke ich: Das Thema geht ja auch nicht weg. Suchtkrank bleibt man einfach sein Leben lang und man muss auch die Kinder auf einer Langstrecke begleiten und nicht nur punktuell.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ulrike Bieritz.

Sendung: Inforadio, 10.02.2019, 7:44 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Vielen Dank für die kompetenten Fragen und klaren, hervorragenden Antworten!

    Eine Behandlung von Suchtkranken sollte immer eine Betreuung der unmittelbar betroffenen Personen im Umfeld des Patienten beinhalten.
    Ich verstehe die Krankenkassen nicht, wenn sie nur auf Druck von außen dazu bereit sind.
    Deren Aufgabe sollte selbstverständlich sein, in dieser schwierigen Zeit der Familie bezw (echten)Freunden bereits helfend in diesem Umfeld mitzuwirken.

  2. 1.

    In Klosterfelde gibt es eine Suchthilfeeinrichtung für Alkoholiker die Elternteile und Kinder aufnimmt. Beide werden therapwutisch untwrstützt, nicht nur die süchtigen Elternteile

    Hiram Haus

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