Archivbild: Ein Obdachloser liegt in einem Schlafsack unter einer Brücke im Bezirk Charlottenburg in Berlin (Quelle: dpa/Wolfram Steinberg)
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Video: rbb|24 | 14.02.2019 | Mara Nolte | Bild: dpa/Wolfram Steinberg

Psychisch erkrankte Obdachlose in Berlin - Leben unterm Radar

4.000 bis 10.000 Menschen leben in Berlin auf der Straße. Über die einzelnen Schicksale weiß man in der Regel wenig, etwa wie es ihnen geht. Weit mehr als die Hälfte der Obdachlosen ist psychisch krank – doch oft lehnen sie jede Hilfe ab. Von Oda Tischewski

Wer häufig mit der U-Bahn-Linie 7 fährt, der kennt Stefan: Das dichte schwarze Haar hängt ihm wirr ins Gesicht, die Kleidung ist ungepflegt und riecht schlecht, Fahrgäste rücken auf ihren Sitzen ab, wenn er durch die Gänge schlurft. Obgleich er um Geld oder Essbares bettelt, wirkt er teilnahmslos und abwesend, oft spricht er halblaut vor sich hin.

Stefan ist obdachlos und seit vielen Jahren auf der U7 unterwegs. Sein Zustand hat sich in dieser Zeit immer weiter verschlechtert. Dieter Puhl war bis Ende 2018 Leiter der Bahnhofsmission am Zoo. Bei seiner Arbeit sind ihm immer wieder Menschen aufgefallen, denen ihre psychischen Probleme anzumerken waren. "Du unterhältst Dich mit jemand und fragst ihn, 45 Jahre und gar kein Zahn mehr, was ist denn mit Dir passiert?", erzählt Puhl, "und da lächelt er mich an und sagt: Ich hab mir meine Zähne vorgestern mit dem Schraubenzieher selbst gezogen."

Psychisch Kranke nicht wegsperren

Seit 2011 untersucht das Münchner Klinikum rechts der Isar die Zusammenhänge zwischen Obdachlosigkeit und psychischer Erkrankung in Deutschlands größter Wohnungslosenstudie, der sogenannten "Seewolf-Studie". Zu den Ursachen für die heutigen Zahlen liest man darin: "Nach Verabschiedung der Psychiatrie-Enquete 1975 wurde in Deutschland die Zahl der stationären Psychiatriebetten erheblich reduziert. […] In den Anfangsjahren dieser Enthospitalisierungsmaßnahmen blieb es zunächst unbemerkt, dass ein Teil der chronisch psychisch Kranken in der Gemeinde nicht Fuß fassen konnten, sodass sie sukzessive in die Wohnungslosigkeit gerieten." Im Bemühen, psychisch kranke Menschen nicht in Einrichtungen "wegzusperren", entließ man sie also in ein selbstbestimmtes Leben, mit dem viele Betroffene allein einfach nicht fertig wurden.

Laut der "Seewolf-Studie" sind etwa 77 Prozent der Obdachlosen psychisch krank, die meisten davon abhängig von Alkohol oder Drogen, dann folgen Depressionen und Psychosen. Obdachlosigkeit und psychische Erkrankungen bedingen sich dabei gegenseitig: Nicht selten führt eine Depression zum Verlust der Wohnung. Aber auch das Leben auf der Straße, die Dauerbelastung durch Lärm und Stress, können erst krank machen.

Auf der Flucht vor der Psychiatrie

Der Psychiater Norbert Hümbs arbeitet seit Jahren in verschiedenen Hilfseinrichtungen für Obdachlose. Er bietet Gespräche an, psychiatrische Beratung und Betreuung, doch der Erfolg ist dürftig: Patienten gäbe es genug, doch sie kommen nicht zu ihm – nicht zuletzt, weil sie mit Psychiatrie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. "Ganz oft waren sie gegen ihren Willen in Behandlung oder haben das jedenfalls in schlechter Erinnerung, sie haben das als unangenehm empfunden und leider selten als hilfreich", sagt Hümbs, "sie erwarten eigentlich gar nichts von der Psychiatrie, man kann sogar sagen, viele sind auf der Flucht vor der Psychiatrie und wollen damit gar nichts zu tun haben."

Wenn die Betroffenen aber von sich aus keine Hilfe suchen, dann muss die Hilfe zu ihnen kommen. Norbert Hümbs vermittelt Sozialarbeitern psychiatrisches Grundwissen: "Ich mache Fortbildungen und habe ein Projekt gestartet, wo ich versuche, Fallbesprechungen zu machen mit Sozialarbeitern. Diejenigen, die den ersten Kontakt haben, sind eigentlich Sozialarbeiter oder Allgemeinmediziner."

Allgemeinmediziner wie zum Beispiel Jenny de la Torre, die mit ihrem Team in Mitte seit Jahren Obdachlose versorgt. Ihr wiederum fehlt es vor allem auf Seiten der Ärzte an Verständnis für die Situation der Obdachlosen: "Ich muss auch mit ganz normalen Krankheiten anders umgehen als bei ganz 'normalen' Menschen, die ganz normal leben: Normalerweise hat der Patient ein Zuhause, eine Arbeit, ist krankenversichert, hat eine Familie, es steht ihm alles zur Verfügung. Plötzlich hat man es aber mit jemandem zu tun, der gar nichts hat", erzählt de la Torre.

Wolfgang Willsch (Quelle: Deborah Ruppert)Obdachlosen-Seelsorger Wolfgang Willsch

Mit viel Zeit kommt Vertrauen

Um die, die auf der Straße leben und gar nicht haben, kümmert sich seit Dezember 2018 auch Wolfgang Willsch als neuer Obdachlosen-Seelsorger des Erzbistums Berlin. Er lebt und arbeitet schon seit Jahren in der Gemeinschaft "Brot des Lebens" in Friedrichshain, hier lernt er seine Gäste langsam kennen und gewinnt mit seiner herzlichen, aber bestimmten Art ihr Vertrauen.

Ob und wann er dabei das Thema psychische Erkrankungen anspricht, überlegt Willsch sich dabei sehr genau, denn durch nur ein falsches Wort kann der fragile Kontakt mitunter abreißen. "Die Wege sind lang, zwei Jahre, manchmal fünf Jahre. Auch wenn jemand dann im Hilfesystem bleibt, wenn er Vertrauen gefasst hat, kann ich ja nicht einfach sagen, das war's", sagt Willsch. Einzelne habe er seit 20 Jahren im Blick.

Einer davon ist "Kuddel", geschätzt Ende 50, langes Haar, schwere Figur, kurzatmig und schlecht zu Fuß. "Kuddel" ist depressiv, leidet unter Angstzuständen und "innerer Unruhe" - die Ärzte haben auch eine Schizophrenie festgestellt, aber Kuddel glaubt nicht, dass er die wirklich hat.

Er lebt in einem Kreuzberger Pflegeheim, seine Tage verbringt er in kirchlichen Einrichtungen. Psychopharmaka unterdrücken seine Symptome, seither, sagt er, gehe es ihm besser. Sie tragen aber auch Mitschuld an seinem schlechten körperlichen Zustand. Wovor hat er Angst? "Dass ich im House of Life meinen Platz verliere." Dort soll gebaut werden. "Kuddel" sagt: "Vorher hatte ich meine eigene Wohnung, aber die habe ich verloren, weil ich allein nicht zurechtgekommen bin, mit der Ordnung. Ich habe zu viele Sachen gesammelt."

Dr. Thomas Götz (Quelle: privat)
Thomas Götz, Landesbeauftragter für Psychiatrie | Bild: privat

Behandlung immer eine gute Wahl?

"Kuddel" hatte Glück im Unglück: Dank des House of Life lebt er heute nicht auf der Straße. Daher kann er sich auch psychiatrisch behandeln lassen, denn für Obdachlose ist das schwierig: Sie halten sich kaum an regelmäßige Termine, und da sie nicht unter ärztlicher Beobachtung stehen, können ihnen kaum Medikamente verschrieben werden.

Und psychiatrische Zwangsmaßnahme als letztes Mittel sind in Deutschland ein Tabu – nicht zuletzt aus historischen Gründen. Eine Unterbringung nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz, im Volksmund "Zwangseinweisung", ist nur möglich, wenn ein Mensch sich selbst oder andere unmittelbar gefährdet. Aber tut das nicht jemand, der sich selbst die Zähne mit Schraubenzieher zieht? Thomas Götz, Landesbeauftragter für Psychiatrie, erklärt die Rechtslage: "Spontan würden die meisten sicher sagen, ja, das ist eine Eigengefährdung. Aber für eine Unterbringung nach PsychKG reicht das 'leider' nicht aus, denn es ist keine akute Eigengefährdung. Die Person droht jetzt nicht unmittelbar zeitnah zu versterben."

Dass die Gesetze hier so streng sind, ist richtig – darin sind sich alle einig, die regelmäßig mit der Materie zu tun haben. Zwangsmaßnahmen nehmen den Kranken jede Entscheidungsgewalt über ihr eigenes Schicksal – und ob eine Behandlung mit Medikamenten in jedem Fall das Richtige ist, daran hat Obdachlosen-Seelsorger Wolfgang Willsch seine Zweifel: Psychopharmaka können starke Nebenwirkungen auf Körper und Geist haben, die die Menschen mitunter noch hilfloser machen als zuvor. "Da muss man sich schon fragen, was ist der bessere Weg", sagt Götz, "manchmal besucht man dann ehemalige Gäste in Einrichtungen und denkt 'Oh oh'. Da verstehe ich dann auch jemanden, der sagt, da bin ich eigentlich lieber auf der Straße."

Sendung: Inforadio, 14.02.2019, 09:25 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski

Kommentar

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44 Kommentare

  1. 44.

    Einigen hier wird es sicherlich nur wenig interessieren, doch selbst die Serie Lindenstraße hat sich aktuell des Themas angeschlossen. Heute am 17.02. um 18:50 ARD

  2. 43.

    "Auf individueller Ebene bildet die psychische Gesundheit die Voraussetzung dafür, dass der Einzelne sein intellektuelles und emotionales Potenzial verwirklichen kann. Auf gesellschaftlicher Ebene stellt die psy­chische Gesundheit eine Ressource für den sozialen Zusammen­halt sowie für ein besseres Sozialwohl und, daneben, den wirt­schaftlichen Wohlstand dar." Zitat aus der EU-Stellungnahme (2013/C 44/06) vom 13.12.2012 - Offenbar politisch hier noch nicht angekommen.

  3. 42.

    Es ist naiv zu glauben, dass das immer zu vermeiden wäre. Und nicht jeder, der über so etwas spricht, hat Übles im Sinn. Sondern vielleicht Erfahrungswerte ;-)

  4. 41.

    Mal für alle, die hier von Zwangsmaßnahmen reden: „Und psychiatrische Zwangsmaßnahme als letztes Mittel sind in Deutschland ein Tabu – nicht zuletzt aus historischen Gründen“. Ich hoffe, die historischen Hintergründe müssen nicht noch erklärt werden, oder? Echt erschreckend, wie manche hier ein Wegsperren als Hilfe rechtfertigen wollen.

  5. 40.

    Teilweise läßt sich das nicht vermeiden. Wenn der Obdachlose sich selbst oder Andere massiv gefährdet. Das kann aber auch eine Chance sein. Weg vom Milieu, medizinische Versorgung, Ansprechpartner, vielleicht der Beginn einer Therapie.

  6. 37.

    ...weil es sich um psychisch kranke Obdachlose handelt, die oft andere Hilfe und mehr Unterstützung brauchen, um die angebotene Hilfe überhaupt annehmen zu können. Haben Sie den Kommentar von Ole nicht verstanden?

  7. 36.

    Ich will und kann hier nicht Werbung für bestimmte Hilfseinrichtungen machen. Es gibt viele. Staatliche, kirchliche, gemeinnützige Vereine... Der rbb könnte eine Liste verlinken.... Jeder kann helfen. Oder es versuchen. Nur, Sie dürfen sich nicht entmutigen lassen, wenn jemand die Hilfe nicht gleich annimmt. Das kostet Zeit.

  8. 35.

    Gehen Sie zu Einrichtungen wie zb der Kältehilfe, der Bahnhofsmission usw... und fragen Sie dort mal nach. Sie können sich auch gleich ehrenamtlich engagieren. Streetworker brauchen Unterstützung,

  9. 34.

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Ich hab grad Zweifel... da wird genau beschrieben, wie versucht wird Hilfe anzubieten... das ist doch das Thema. Die Hilfe wird oft nicht angenommen...

  10. 33.

    Zitat: "doch oft lehnen sie jede Hilfe ab" - Wie oft und welche nachhaltige Hilfe wird angeboten?

  11. 32.

    Man lese nach im Amtsblatt der Europäischen Union, 15.2.2013, C 44/36, Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses: "Seelische Gesundheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität und des Wohlbefindens aller Menschen in der EU." - Schön wärs!

  12. 31.

    "n unserem Staat wird jedem geholfen, der Hilfe annimmt". Falsch, schauen Sie mal die tausende Obdachlosen und bettelnde Rentner etc. auf der Straße an.

  13. 30.

    Und Ihre Äußerung hat bitte was mit dem Thema zu tun? Menschen das Recht auf eine Meinung und deren Kompetenz etwas beurteilen zu können, absprechen zu wollen, steht Ihnen nicht zu. Die haltlosen Kommentare zur DDR, die ich kommentiert habe, nehme ich grundsätzlich wenig ernst. Daher meine Ironie. Die zu erkennen war eigentlich nicht schwer. Ich gehe übrigens davon aus, dass der "Doktor" noch unechter ist, als bei Frau Giffey ;-) Ob nun im medizinischen Bereich oder sonstwo. Meine Statements zur Obdachlosigkeit schon. Also bitte nicht nur austeilen, sondern etwas zum Thema beitragen. Danke!

  14. 29.

    „In unserem Staat wird jedem geholfen, der Hilfe annehmen will...“ Das ist unreflektiertes Wunschdenken. Sehr viele Hilfsangebote sind Hilfebedürftigen (aus allen Bereichen) nicht bekannt, weil manche Unterstützungen wenig oder gar nicht angeboten und publik gemacht werden und erst auf Nachfrage und wenn sie eingefordert werden zum Tragen kommen. Das ist eine bewußte Strategie, um Kosten einzudämmen. Zweitens handelt es sich hier um psychisch kranke Obdachlose, viele sind gar nicht fähig, um Hilfe zu ersuchen oder die dafür nötigen Bedingungen zu erfüllen. Ich würde mir wünschen, dass sich erst um Hintergründe zum Thema bemüht wird, ehe solche verallgemeinernden Plattitüden geäußert werden, wo letztendlich „selbst schuld“ mitschwingt. Und ja, manchmal muss man diesen Menschen Hilfe auch aufzwingen. Bis der Obdachlose wieder stabil genug ist für sich selbst zu entscheiden. Man guckt ja auch nicht weg, wenn sich ein Mitmensch das Leben nehmen will. Das macht eine sozialkompetente Gesellschaft auch aus.

  15. 28.

    Wie will eigentlich jemand etwas beurteilen, der nicht mal den Unterschied zwischen Titel und Fachrichtung kennt?

    [insert Dieter-Nuhr-Zitat]

  16. 27.

    Wenn jemand die DDR wiederhaben möchte, bitte sehr. Ich brauche diese ewigen Sozialisten nicht. Wir schicken dann unsere sozial Schwachen zu der neuen DDR rüber, könnt Ihr Euch denen annehmen. Geld haben wir der DDR ja auch damals schon genug gezahlt. Machen wir weiter. Aber dieses Mal mit Aufgaben. Dieses ewige Ossi-Wessi-Denken ist echt schlimm, kann ich nicht mehr hören. Dem kann man nur mit Sarkasmus begegnen.

    Zum Thema: in unserem Staat wird jedem geholfen, der Hilfe annimmt. Freiheit heißt auch, sich abzukapseln und keine Hilfe annehmen zu wollen. Soll man mit Zwang den Obdachlosen helfen? Lasst die Sozialarbeiter mal machen. Die sind gut in ihrem Wirken. Und wer will, der engagiert sich ehrenamtlich.

  17. 26.

    Was denken Sie, welche Informationen könnten die Akten der StaSi enthalten haben, die dem Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht damals in der Luisenstraße vorgelegt wurden? Und wenn Sie wüssten, was die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) erreichte, müssten Sie Ihre Einstellung zur DDR einer vollständigen Revision unterwerfen. Sie haben großes Glüchk gehabt, nicht wie viele andere im Arbeiter- und Bauernstaat die Brutalität des DDR-Regimes erfahren zu müssen. Sicherlich existiert leider hierzulande stellenweise auch staatliche Willkür, aber Sie können die individuellen und sozialen Problematiken der Wohnungslosen heutzutage nicht mit dem damaligen Leben in der DDR vergleichen. Oder sehen Sie z. B. irgendwo Grenzschützer, die Obldachlose bei Verlassen der BRD erschießen würden?

  18. 25.

    Sie waren vor Ort? Dann haben Sie wohl in einem anderen Raum-und-Zeit-Kontinuum gelebt. Aber Ärzte haben ja immer recht ;-) Das Problem mit den Obdachlosen scheint z.zt. fast unlösbar. Ich finde auch, dass dringend eine Strategie her muss. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es darf keine Dimensionen annehmen wie in Moskau oder New York. Diese Menschen brauchen Hilfe.

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