Symbolbild - Ein Wildschwein läuft auf einem Gehweg in Berlin (Bild: imago/Petra Schneider)
Bild: imago/Petra Schneider

Interview | Jagdverband Brandenburg - "Wildschweinjagd ist nichts für Hobby-Bogenschützen"

Stahnsdorf hat ein Problem: Wildschweine. Weil sie innerorts nicht mit Gewehren geschossen werden dürfen, zieht das Land Brandenburg eine Jagd mit Pfeil und Bogen in Betracht. Doch die ist nicht so einfach, sagt Dirk-Henner Wellershoff vom Jagdverband.

rbb|24: Herr Wellershoff, mögen Sie Wildschweine?

Dirk-Henner Wellershoff: Wildschweine sind sehr intelligente, sozial aktive Tiere, die ich ganz faszinierend finde und deren Bejagung alle Sinne und Fähigkeiten eines Jägers benötigt. Und was sie so spannend macht, ist eben, dass sie sehr flexibel sind, mit Biotopen zurechtzukommen. Wir sehen sie in Städten, in Randlagen, die es für uns eben schwieriger macht, sie zu bejagen.

Dr. Dirk-Henner Wellershoff, Vorsitzender des Landesjagdverbands Brandenburg
Dr. Dirk-Henner Wellershoff vom Landesjagdverband BrandenburgBild: LJVB

Warum wird in Stahnsdorf in Betracht gezogen, Wildschweine mit Pfeil und Bogen zu jagen?

Wenn ich als Jäger schieße, dann habe ich die Verantwortung, dass niemand Drittes verletzt wird und keine Sachen beschädigt werden. Insofern habe ich das Problem, wenn ich innerhalb von Orten jage, dass ich sehr genau gucken muss: Wer befindet sich wo? Es gibt Spaziergänger, Hunde, Autos, Häuser. Ich muss also extrem vorsichtig sein, was ich tue und natürlich ist der Schuss immer sehr laut und beunruhigt dann innerhalb einer Ortschaft – das kann sich jeder vorstellen. Wenn es nachts knallt und man nicht weiß, dass Wildschweine gejagt werden, dann wird schnell mal die Polizei gerufen. Dann hat der Jäger das Problem, dass er sich erklären muss: Was macht er da? Das erzeugt eine ganze Menge Unruhe.

Und wenn jemand mit Pfeil und Bogen durch die Straße geht – beunruhigt das nicht auch?

Ich glaube, da sind die Gemeinden angehalten, einen Berufsjäger einzustellen, der die Kommunikation mit der Bevölkerung voranbringen, das Problem schildern und die Leute beraten kann.

Pfeil und Bogen töten relativ unauffällig. Wenn ich mit einem Gewehr auf Wildschweine schieße, dann bekommen die das mit, lernen das relativ schnell und wissen: 'Das ist eine Gefahr', und flüchten dann. Pfeil und Bogen sind sehr leise und störungsarm. In der Regel - wenn Sie auf eine Gruppe von zehn Frischlingen schießen und den einen treffen - dann bekommen die restlichen Tiere das gar nicht mit, dass da einer gestorben ist. Dadurch kann man mehrere Tiere schießen und sie leichter erwischen. Intelligent gemacht ist das schon eine Art und Weise, dem Schwein auf die Pelle zu rücken.

Wer kann denn so einen Pfeil und Bogen bedienen?

Ich glaube, dass das kein Instrument für Hobby-Bogenschützen ist, die auf Wildschweine losgehen. Also davon muss man sich freimachen. Wir brauchen da Profis, die wissen, was sie tun. Da würde ich die Kommunen anhalten, sich wirklich einen Berufsjäger heranzuholen. Die gibt es: Wir haben rund 80 Berufsjäger in Brandenburg. Die Gemeinde könnte mit einem von denen zusammen ein Konzept erarbeiten. Das ist aber auch ein Projekt von zwei bis drei Jahren - das löst man jetzt nicht in 14 Tagen.

Könnte das also jeder Jäger machen?

Nein, wenn man einen Jagdschein hat, dann kann man noch lange nicht mit Pfeil und Bogen schießen. Es werden Schulungen vom Deutschen Bogenjagdverband angeboten. Ich muss dann schon auch trainieren. Das fällt nicht vom Himmel, sondern man muss sich weiterbilden, sich damit beschäftigen und man muss das intensiv üben, bevor man auf lebende Tiere losgelassen werden kann, damit man weidgerecht und präzise töten kann. Ob wir solche Leute hier in Brandenburg haben, das wage ich zu bezweifeln.

Was aber auch noch zu bedenken ist: Das ist ja in dem Sinne keine wirkliche Jagdaufgabe, jetzt in Stahnsdorf Wildschweine zu jagen und dann mit Passanten und anderen Menschen in Konflikt zu geraten. Da braucht man gut ausgebildete Leute und dann können Pfeil und Bogen für eine reguläre Jagd eine Rolle spielen.

Was für Probleme könnte es bei einer Jagd mit Pfeil und Bogen geben?

Ich sehe da ehrlich gesagt keine Probleme. Wer verantwortungsvoll mit Pfeil und Bogen umgeht, der wird den Problemen da schon aus dem Weg gehen. Man muss bei Pfeil und Bogen natürlich immer auf die Hintergrundgefährdung achten: Wo landet der Pfeil, wenn er das Wildschwein durchschlagen hat? Aber da die Distanzen mit maximal 25 oder 30 Metern sehr kurz sind, ist das Risiko im Vergleich zu einer Schusswaffe deutlich geringer. Der Pfeil fliegt ja höchstens 150 oder 200 Meter, während eine Gewehrkugel, die abgefeuert wird, mehrere Kilometer zurücklegen kann. Das ist der große Unterschied.

Kann man so ein riesiges Tier überhaupt mit einem Pfeil erlegen?

Unzweifelhaft. Das wird ja in der ganzen Welt gemacht. Ganz Verrückte jagen auch Büffel mit Pfeil und Bogen. Das sind schon durchschlagskräftige, sehr tödliche Instrumente.

Das  ist kein normaler Pfeil, sondern er hat vorne fünf Klingen. Und die sind rasiermesserscharf. Mit denen werden dann lebenswichtige Organe getroffen und das Tier wird getötet. Es verblutet. Das ist ein bisschen anders als bei einem Gewehrschuss, da habe ich eine Schockwirkung und eine Deformation des Geschosses, die dementsprechend wirkt. Bei Pfeil und Bogen durchschlägt er in der Regel den Körper glatt und hinterlässt eine tiefe Schnittwunde.

Ist das nicht Tierquälerei?

Das ist keine Tierquälerei in dem Sinne. Wenn es richtig und gut gemacht ist, gibt es eben die wenigen Millisekunden, die beim Schuss auch da sind. Das ist kein wirklicher Unterschied.

Wenn man das Schwein richtig trifft.

Ja, aber das gilt fürs Gewehr genauso. Man muss immer richtig treffen, um tierschutzgerecht zu töten. Das ist die Voraussetzung, damit man das machen darf. Dazu gehört die Sicherheit im Umgang mit der Waffe oder dem Bogen. Es ist immer dasgleiche: Gut ausgebildet muss man sein.

Warum ist das Töten mit Pfeil und Bogen im Bundesjagdgesetz dann verboten?

Das beruht auf alten Instrumenten. Die letzte Regelung ist meines Erachtens nach 1972 durchgeführt worden und seitdem hat sich die Bogentechnik weiterentwickelt. Damals gab es keine Compoundbögen. Die haben sich in den letzten 20 bis 25 Jahren weiterentwickelt und sind deutlich durchschlagskräftiger als ein bis dahin bekannter Bogen. Da hat es in Europa und in der Welt viel Veränderung gegeben. Deshalb ist die Jagd mit Pfeil und Bogen heute in vielen Ländern erlaubt. Hier müsste erst eine Ausnahmeregelgung her.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Laura Kingston, rbb|24

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7 Kommentare

  1. 7.

    hallo ich bin seit nun gut 50 jahren bogenschütze , was da geplant isi ,muss ein profi machen sonst endet es in einem megagau . ein bogen der einen tödlichen pfeil verschiessen kann , muss für ein wildschwein ein zuggewicht von min.35 kilo haben. mehr wäre besser - aber das braucht einen kräftigen mann und der muss ,sehr geübt sein denn der vitale punkt ist nur wenig grösser als eine orange . obendrauf ist die schwarte extrem wiederstandsfähig . also auch mit einem extem scharfen pfeil kaum zu überwinden . ich habe das in australien selbst an toter schwarte getestet - bogen 65 pfund - carbonpfel mit rasierklingenspitze - distanz 15m - ergebnis - ein nicht erwähnenswerter cut von 1,5cm tiefe . mien rat ist eine armbrust - 14 pfund zuggewicht , oder - sehr schnell laufen .

  2. 6.

    Will ja hier nicht klugscheißen, aber Hasen habe ich noch nirgendwo innerhalb Berlins gesehen. Eher wohl Karnickel;-) Der Fuchs lief neulich noch bei mir des Abends durch die Straße.

  3. 3.

    Eigentlich warte ich jetzt nur noch auf die Meldung: Wildschweinrotte beim Spaziergang auf den Kurfürstendamm gesichtet. Ironie Ende.

  4. 2.

    "weidgerecht" und "tierschutzgerecht"

    Entschuldigung, aber ich ertrage diese "Jäger" menschlich einfach nicht. Und deren Jäger-Sprache schon gar nicht.
    Bogenschützen habe ich bisher immer für Sportler gehalten, war wohl eine Fehleinschätzung. Sind offenbar auch nur Waffenträger mit dem Trieb zu töten.
    Meiner Ansicht nach sollte wenigstens (!) jede Art von Hobby- und Gesellschaftsjagt verboten und alle diesbezüglichen Personen entwaffnet werden. Jetzt bitte auch einschließlich Bogenschützen.

  5. 1.

    Da wird einem ja schon beim Lesen schlecht. Sozial aktive u intelligente Wesen, die offenbar gar nicht merken, dass eins nach dem anderen aus ihrer Rotte verblutet... so sieht also die billigste Lösung aus. Wie wäre es denn stattdessen mit Ursachenbekampfung? Angefangen mit Mulleimern, die ordentlich zu verschließen sind, über Gartenzäune reparieren und die Bevölkerung aufklären darüber, was die Tiere in die Ortschaften lockt. Gerne auch mal nachdenken, wie man das Umfeld für die Tiere außerhalb von Ortschaften wieder lebenswert gestaltet. Dann muss auch keiner nachts von Schüssen geweckt werden und niemand muss um spielende Kinder in der Nachbarschaft bangen. Danke an die Reporterin!

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