Kreuzung Potsdamer Straße/Kurfürstenstraße in Berlin (Quelle: imago/Jürgen Ritter)
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Audio: radioBerlin 88,8 | 29.01.2019 | Interview mit Regine Wosnitzer | Bild: imago/Jürgen Ritter

Interview | Wandel der Potsdamer Straße - Wo Straßenstrich und Luxusgeschäfte nebeneinander liegen

Die Potsdamer Straße verändert sich rasant. Neben alteingesessenen Läden und dem Straßenstrich gibt es mittlerweile schicke Neubauten. Über diesen Wandel spricht der rbb mit der Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße, Regine Wosnitza.

rbb: Frau Wosnitza, Sie erleben in der Potsdamer Straße das, was im Moment für Berlin typisch ist: Die Eigentümer nehmen höhere Mieten, Läden wie der Devotionalienladen "Ave Maria" gehen, andere Läden kommen. Das ist eine Veränderung, die nicht alle mögen.

Regine Wosnitza: Das ist traurig, weil das "Ave Maria" ein sehr spezieller Laden ist. Glücklicherweise sind die nicht weit weg, sondern nur um die Ecke gezogen, die hatten totales Glück. Im nördlichen Teil der Potsdamer Straße sind Mietsteigerungen von 20 bis 30 Prozent Gang und Gäbe. Im südlichen Teil ist das ein bisschen anders, weil die Gewobag dort noch viele Gewerbemieten hat.

Die Potsdamer Straße ist eine wilde Mischung aus Straßenstrich, alteingesessenen Gemüsehändlern und schicken Hutläden. Auch ein paar Hostels sind dazugekommen. Diese Mischung lockt viele. Sind Sie gegen Neuzuzüge?

Wenn diese die Mischung schätzen und nicht sagen, wir können hier alles besser machen, dann ist alles gut. Das andere nenne ich inzwischen eine neue Form des Kolonialismus, nach dem Motto‚ wir kommen hierhin und wir wissen, wie es euch besser gehen kann und fragen euch nicht, was ihr dazu meint - auch wenn ihr schon seit Jahrzehnten oder fast 100 Jahren hier an der Potsdamer Straße seid. Das ist das Gefährliche. Anders als bei Wohnmieten haben wir ganz wenige Möglichkeiten, bei den Gewerbemieten einzugreifen. Es gibt fast keinen Gewerbeschutz.

Ein ganz prominentes Beispiel sind Potse und Drugstore, wo nach 46 Jahren selbstverwalteter Jugendarbeit Schluss sein soll. Im Gebäude des Finanzamts an der Potsdamer Straße gäbe es vielleicht die Möglichkeit, dass die Jugendlichen dort Konzerte machen könnten. Ich hatte vorher mit dem Jugendclub auch nicht viel zu tun – an der Potsdamer Straße hat man eben die Möglichkeit, Leute kennenzulernen, denen wir sonst nie begegnen. Das ist total klasse, da braucht man nicht mehr in Urlaub zu fahren.

An der Potsdamer Straße und Kurfürstenstraße gibt es den Straßenstrich - und ein neues luxuriöses Haus, weiß und schick, quasi in Ku‘damm-Nähe. Viele solcher Bauten entstehen jetzt. Was sagen Sie den Eigentümern, die die ganze Gegend ein bisschen mehr wie den Ku‘damm gestalten wollen?

Das funktioniert leider nicht so. Wenn mehr Brachen bebaut werden, wird der Straßenstrich verdrängt in Hauseingänge und Nebenstraßen. Ich bemitleide jeden, der Prostitutionsvollzug auf einmal im Hausflur hat. Wir müssen Möglichkeiten finden, wie das gemeinverträglich organisiert werden kann. Wo soll die Prostitution denn hin?

Das ist ein Thema, das wir seit Jahrzehnten diskutieren. Für Touristen, die noch nicht da waren, oder auch für Berliner, die sich bisher nicht getraut haben: drei Läden, die wir sehen müssen, damit wir Ihre Potsdamer Straße erleben.

Im nördlichen Teil gibt es den Hutladen "Fiona Bennett". Schräg gegenüber hat "Hering" [ein Porzellangeschäft, Anm. d. Red.] ganz tolle Auslagen zum Vorbeigehen - und wer das Geld hat, geht auch rein. Dann gibt es im südlichen Teil ein neues syrisches Restaurant. Man kann sich um die ganze Welt essen, aber das ist besonders, weil es von einer syrischen Flüchtlingsfrau aufgemacht worden ist. Und mittendrin, an der Ecke Bülowstraße, gibt es das Finanzamt mit dem Konzertraum für Potse und Drugstore, also für Punk.

Ihre Vision für die Potsdamer Straße? Bisher ist es fast immer so, dass die Veränderung mit Mieterhöhungen zu tun hat. Dagegen kämpfen Sie jetzt. Wie soll die Straße in zehn Jahren aussehen, wenn es nach Ihnen geht?

Sie sollen nicht viel anders aussehen als jetzt. Wenn etwas verändert wird, ist mir wichtig, dass die, die da schon lange sind, mitreden können: Was kommt hier rein, was brauchen wir als Anwohner. Es nützt ja nichts, 30.000 Quadratmeter Bürofläche zu vermieten und unten auch Ladengeschäfte zu machen, was nichts für die Anwohner und Anwohnerinnen ist. Und es müsste irgendeinen Schutz geben für Gewerbetreibende, damit die nicht nach Jahrzehnten weg müssen.

Letzte Frage: Wie optimistisch sind Sie?

Im Augenblick bin ich relativ optimistisch. Da hat sich etwas verändert. Es kann nicht nur renditeorientiert weitergehen. Es muss gemeinwohlorientiert bleiben und eine Balance geschaffen werden. Sonst sind wir hier irgendwann in einem öden Landstrich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Text ist eine redgierte und gekürzte Fassung des Interviews, das Ingo Hoppe mit Regine Wosnitza für rbb 88,8 geführt hat. Das komplette Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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