Eingang Kolonie Flughafen (Quelle: rbb/ Sebastian Schöbel)
Audio: Inforadio | 01.02.2019 | Sebastian Schöbel | Bild: rbb/Sebastian Schöbel

Kolonie am Flughafen in Kreuzberg - Kleingärtner befürchten Verkauf ihres Grundstücks

Mehr als 80 Grundstücke könnte der Bund dem Land Berlin allein in diesem Jahr verkaufen, einige sogar verbilligt, für Sozialwohnungsbau. Doch die scheinbar traumhafte Chance auf Bauland hat viele Haken. Einer davon: Die Kolonie am Flughafen. Von Sebastian Schöbel

Wolfgang Hahn steht auf dem zentralen Fußweg der Kleingartenkolonie am Comlumbiadamm. Er ist hier der Vorstand, kennt jeden Winkel. Über den Baumwipfeln thront er ehemalige Radarturm des Flughafens Tempelhof, im Hintergrund rauscht leise der Stadtverkehr, ein paar Vögel trotzen den eisigen Temperaturen. "Im Grunde genommen betrachte ich das für Kreuzberg, für die Leute hier auf den Parzellen und auf der Warteliste, als eine Art Gentrifizierung, wenn man uns verdrängt."

Bund bietet Grundstück zum Verkauf an

Genau diese Verdrängung aber droht der Kolonie am Flughafen: Die rund 100 Parzellen könnten dem großen Wohnungsbedarf in Berlin zum Opfer fallen. Das Grundstück, auf dem seit 1946 Kleingärten stehen, gehört dem Bund. Der will noch in diesem Jahr verkaufen und verhandelt bereits mit dem Land Berlin, das dringend Bauland für Wohnungen braucht.

Vor gut acht Jahren war das gut 35.000 qm große Grundstück laut eines Gutachtens 930.000 Euro wert. Wolfgang Hahn hatte das ermitteln lassen, die Kleingärtner wollten nämlich selber kaufen. Denn schon damals, 2010, drohte die Überbauung im Zuge der Debatte über die Zukunft des Tempelhofer Feldes. Die Kleingärtner stellten einen Finanzierungsplan auf, sammelten Geld ein und gingen zur Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, kurz BImA. "Wir hatten wenige Gespräche. Ehrliche Einschätzung meinerseits: Die BImA hatte kein großes Interesse daran, an uns zu verkaufen", sagt Hahn. "Letztendlich ist jetzt das Angebot an das Land Berlin für uns nachvollziehbar, aber traurig."

Denn aus Sicht der Kleingärtner sind ihre Parzellen ein Teil der grünen Lunge Berlins. Mit dem ehemaligen Flughafengelände, dem Friedhof an der Bergmannstraße und der Hasenheide bilde man eine "grüne Brücke", die unerlässlich sei als Lebensraum für Tiere und für die Zirkulation der Stadtluft.

"Das Gelände ist für Kreuzberg unverzichtbar"

Außerdem seien da ja auch noch die gut 1.000 Menschen, die vor allem über Gartengemeinschaften an der Kolonie beteiligt seien, sagt Co-Vorstand Anne Schurbohm-Ebneth. "Das Gelände ist für Kreuzberg unverzichtbar, weil da so viel soziale Struktur dranhängt."

Das Grundstück der Kolonie am Flughafen hat allerdings eine Besonderheit: Der Bund würde es dem Land Berlin wohl stark verbilligt überlassen - damit hier auch Sozialwohnungen gebaut werden können. Kleingärten gegen bezahlbaren Wohnraum? Anne Schurbohm-Ebneth greift diese Debatte zu kurz. Es sei keine Lösung, für Wohnraum immer mehr Grünflächen zu betonieren und Kleingärten plattzumachen. "Letztendlich wollen wir ja nicht nur sozialen Wohnungsbau, sondern auch eine Stadt, in der es sich zu wohnen lohnt."

Sozialwohnungen vs. Schrebergärten

Ob das Land Berlin die Kleingartenkolonie kauft und dann abreißt, um Wohnungen zu bauen, ist allerdings noch offen. Dass der Bund gerade an dieser Stelle Potential für Sozialwohnungen sieht, mag sein, sagte Finanzsenator Matthias Kollatz im rbb. Der Senat und der Bezirk würden das aber selber nochmal prüfen. "Da kann es auch durchaus unterschiedliche Bewertungen geben, darüber muss man dann reden."

Am Ende könnte das Land Berlin das Grundstück also kaufen und die Kleingartenkolonie dennoch bestehen lassen. Wolfgang Hahn will sich allerdings lieber absichern. Sobald der Kaufvertrag zwischen Bund und Berlin unterzeichnet ist, will er die Aufnahme in den Kleingartenentwicklungsplan beantragen. Dann hätte die Kolonie am ehemaligen Flughafen Tempelhof Bestandsschutz bis mindestens 2030.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Einerseits heisst es ständig die Flächenfrass vermindern, andererseits wird zu gepflastert wo es nur geht und dann wundert man ich über die Umweltverschmutzung.
    Fläche könnte man sparen indem man in die Höhe baut. Die 4 bi 6 Stöckigen Häuschen brauchen Flächen bieten aber wenig Wohnraum.

  2. 5.

    Gerade diskutiert Berlin über die Einführung einer Mietobergrenze, da kommt der Bund an und will auf einmal Grundstücke an Berlin abgeben. Warum wohl? Dem Bund passt es nicht, dass Berlin eine Mietobergrenze einführen will, also wird ein Störmanöver gestartet. Durch den Konflikt mit Anwohnern und den Kleingärtnern (künstlich aufgebauscht von den Medien) soll RRG in Berlin geschwächt werden. Das wird nicht das letzte Störmanöver des Bundes sein.

    Die Mietobergrenze wird trotzdem kommen. Das Überleben der Berliner hängt davon ab. Verärgerte und verarmte massen wählen in der Regel rechtsextrem. Siehe FN, BNP, Lega Nord, PiS.

  3. 4.

    Macht nur , macht das Grün platt, macht die Tiere dort platt, nehmt den dort lebenden Leuten letzte Rückzugmöglichkeiten, betoniert alles dicht, man man man ich war mal gerne ein Berliner, daß ist vorbei!

  4. 3.

    Ich würde es schade finden. Fahre auf dem Weg zur Arbeit immer dran vorbei und gucke gerne mal "über den Zaun". Es wäre schön, wenn es in einer Großstadt noch diese Nischen geben würde.

  5. 2.

    Ist Kreuzberg nicht bereits der dichtest besiedelte Bezirk Berlins mit den wenigsten Quadratmetern Grünfläche pro Einwohner?! Vielerorts wurden und werden bereits Grünflächen bebaut: Anhalter Bahnhof, Blücherplatz, Cuvrystraße, Engeldamm, Friedrichstraße, Gleisdreieck, ...
    Klar ist eine Verdichtung bis zu den Zuständen der 20er Jahre möglich, doch wünschens- und lebenswert?

  6. 1.

    Wenn Linke darüber fabulieren, dass private Wohnungsgesellschaften enteignet werden sollten, müssen die auch solche Zischennutzungen von Baugrundstücken beenden. Das Recht auf eine bezahlbare Wohnung gemäss deren Definition gilt schliesslich nicht nur für die Besitzenden.

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