Der wegen Mordes und versuchter Vergewaltigung Angeklagte sitzt im Kriminalgereicht in Moabit und verdeckt sein Gesicht. Quelle: dpa/A. Riedl
Video: Abendschau | 11.02.2019 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Annette Riedl

Frau in Berlin-Pankow getötet - Wegen Mordes Angeklagter schweigt überraschend

Die 30-jährige Melanie R. wurde Ende Mai in Berlin-Pankow an einem Bahndamm getötet. Nach einer Großfahndung wurde ein Tatverdächtiger in Spanien gefasst. Am Montag musste sich der 39-Jährige vor dem Landgericht Berlin verantworten.Von Ulf Morling

Melanie R. ist der Anklage zufolge im vorigen Jahr am 25. Mai am helllichten Tag in einer Grünanlage angegriffen und getötet worden. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt den 39-jährigen Stoyan A., die 30-Jährige neben der Pankower S-Bahntrasse attackiert und versucht zu haben, die junge Social-Media-Managerin in der Grünanlage zu vergewaltigen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Melanie R. "heftige Gegenwehr" leistete - und ihren Angreifer kratzte. Der Angeklagte sei deshalb "an der weiteren Tatausführung gehindert" gewesen. Um die Tat zu verdecken, habe A. die Frau schließlich erwürgt.

Zwei Tage nach der Tat hatten Spaziergänger die Leiche der jungen Frau neben dem Bahngelände der S-Bahn Pankow entdeckt, in einer Grünanlage an der Dolomitenstraße.

Raub oder Sexualstraftat?

In den ersten zwei Wochen fehlte der Berliner Polizei noch jede heiße Spur zum Täter. Sie veröffentlichte das Foto einer Mütze, die am Tatort entdeckt worden war. Auch in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" wurde über die Tat berichtet und die braungrüne Mütze erwähnt. Knapp 200 Hinweise kamen aus der Bevölkerung. Doch die in den Medien vielfach gezeigte Kopfbedeckung von wurde dem Angeklagten nicht zum Verhängnis.

Dafür fanden sich unter den Fingernägeln des Opfers Hautfetzen mit der DNA des Angeklagten, heißt es aus Justizkreisen. Da Stoyan A. bereits in Deutschland registriert war, landeten die Ermittler einen Treffer: die Fahndung nach A. begann vier Wochen nach Tat. Mit europäischem Haftbefehl wurde Stoyan A. als mutmaßlicher Mörder gesucht und am 3. Juli vorigen Jahres von Zielfahndern am Wohnort seiner Mutter, dem nordspanischen Burgos, festgenommen und nach Berlin ausgeliefert.

Bei den Vernehmungen soll sich A. in Widersprüche verwickelt haben: er räumte beispielsweise ein, Melanie R. am Arm ergriffen zu haben, um diese Aussage wenige Minuten später zu widerrufen, so die Information des rbb. Eine Vergewaltigung und überhaupt etwas Sexuelles habe er niemals im Sinn gehabt, soll er den Ermittlern gegenüber sinngemäß geäußert haben. 

Unklarheiten im Tathergang

Vater und Bruder von Melanie R. treten im Prozess als Nebenkläger auf. Am ersten Prozesstag haben sie sich von ihren Anwältinnen vertreten lassen. Die Familie musste nach dem gewaltsamen Tod Melanies erleben, wie die Instagram-Fotos, die sie auch noch kurz vor ihrem Tod postete, in Zeitungen tausendfach abgedruckt wurden. Sicher scheint zu sein, dass sich die 30-Jährige bei schönem Wetter mehrmals wöchentlich in der Grünanlage an der Pankower S-Bahntrasse sonnte, sodass sie unter Umständen nur leicht bekleidet war, als der Angeklagte sie getroffen haben soll.

Während die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Angeklagte dem sich "heftig wehrenden Opfer mindestens den Rock" auszog und versuchte, die junge Frau zu vergewaltigen, zweifelt die Schwurgerichtskammer daran. Im Eröffnungsbeschluss vom Dezember letzten Jahres geben die Richter den rechtlichen Hinweis, dass statt einer versuchten Vergewaltigung auch ein versuchter Raub verurteilt werden könnte.

Stoyan A. schweigt überraschend

Die Schwurgerichtskammer geht wohl davon aus, dass der Angeklagte sein Opfer eventuell nur attackierte, um dessen Handy rauben zu können und nicht plante, die Frau zu vergewaltigen. Unberührt davon bleibt allerdings der Mordvorwurf: durch die Tötung des Opfers habe die vorangegangene Straftat, ob nun Vergewaltigung oder Raub, verdeckt werden sollen, mit dieser Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat das Gericht zu Beginn des Prozesses heute keine Probleme.

Überraschend hat der Angeklagte am ersten Prozesstag zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft geschwiegen. Sein Verteidiger stellte in Aussicht, dass sein Mandant sich in den folgenden sieben Verhandlungstagen eventuell noch äußern werde. Die Zeugenaussagen im Prozess sollen am Donnerstag mit der Einvernahme des Rechtsmediziners, der die Leiche des Opfers auf Gewaltspuren untersuchte, beginnen. Für den 7. März ist das Urteil geplant.

Sendung: Täter|Opfer|Polizei, 10.02.2019, 19:00 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Der Angeklagte darf auch überraschend aussagen.

  2. 7.

    Könnten Sie bitte die zugängliche Quelle zum möglichen Raub den Mobiltelefons nennen? - Die verschiedenen Raub- und Diebstahlsdelikte in Spanien sind mit Sicherheit nicht ohne gefährliches Gewaltpotential ausgeführt worden. Ohne greifbare Fakten wird von der Staatsanwaltschaft keine versuchte Vergewaltigung in der Anklageschrift aufgeführt werden.

  3. 5.

    Hallo rbb,

    der "Mann" ist Henno Osberghaus, der im rbb öffentlich bezugnehmend auf die Tötung von Melanie R. scheinbare Tatsachen aus dem gerichtsmedizinischen Gutachten zitiert, deren Richtigkeit das Gericht und die Staatsanwaltschaft aber heute im Hauptverfahren veneint haben.
    Als Rundfunkteilnehmer erwarte ich hier Aufklärung über eine Berichterstattung des rbb, die im Gegensatz zu den bei Gericht bekannten Tatsachen steht.

  4. 4.

    Sehr geehrter Lolo,

    wir haben den Antrag in unserem Text nicht aufgegriffen, weil wir nicht jeden einzelnen Antrag von Staatsanwaltschaft oder Verteidigung in einem solchen Prozess thematisieren. Sollte der Mann als Zeuge vorgeladen werden, was momentan sehr unwahrscheinlich aussieht, werden wir selbstverständlich darüber berichten.

    Herzliche Grüße!

  5. 3.

    Was hätte denn geraubt werden können, was solch massive Gegenwehr initiierte, dass das Opfer sogar ermordet wurde? - Raub und Vergewaltigung als stark anmutende Tatmotive scheinen sich hier nicht auszuschließen.

  6. 2.

    Hallo RBB,

    warum lassen Sie den Beweisantrag des Verteidigers unerwähnt, der den RBB-Reporter Henn Osberghaus als Zeuge vernehmen will? Dieser hatte in der Sendung von gestern gesagt, dass laut Gutachten der Gerichtsmedizin der Angriff auf Melanie R. von hinten geschah. Staatsanwaltschaft und Gericht erklärten aber heute übereinstimmend, dass kein solches Gutachten vorliegt, dass diese Behauptung stützt. Wie kommt es zu diesem Widerspruch in Ihrer Berichterstattung?

  7. 1.

    Gruseliges Ereignis, die Frau war nur mal tagsüber an der frischen Luft, wo viele hingehen. Man denkt dort, es ist eine ganz friedliche Gegend, nebenan Mauerpark und eine Kleingartenanlage. Wir haben damals längere Zeit in einem Lokal nebenan den Fahndungsaufruf gesehen.

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